Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

104.1979

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Theologische Literaturzeitung 104. Jahrgang 1979 Nr. 5

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Festschrift zur Veröffentlichung noch übrig blieb, — nicht
diese selbst (auch wenn man nicht das große zum 60. Ge-
burtstag Rahners von J. B. Metz u. a. herausgegebene
Werk „Gott in Welt" I/II, Freiburg i. Br. 1964, als Maßstab
nimmt), aber auch nicht eine "Quaestio disputata".

Wäre nicht dem, den der Band nun dennoch ehrt, und der
Sache, die er vertritt, ein besserer Dienst erwiesen worden,
wenn ein deutliches Wort zu genesis und genus litterarium
der Sammlung gesagt worden wäre? Zumal die Beiträge des
Bandes, auch solche, die nicht unmittelbar zum Thema spre-
chen, von solchem Gehalt und Rang sind, daß allen Dank
gebührt, die sich um ihre Veröffentlichung bemüht haben.
Damit ist schon gesagt, daß sie im Rahmen dieser Bespre-
chung nicht im einzelnen gewürdigt werden können. Sie
seien hier nur in ihrer Thematik vorgestellt, wobei hervor-
gehoben werden soll, was der Leser von dem Band hin-
sichtlich seines Titel-Themas erwarten darf.

Die beiden am weitesten vom Thema entfernten Aufsätze
Wurden schon genannt. Zwei Autoren beschäftigen sich mit
dem analogen Phänomen einer „distanzierten Kirchlich-
keit", F.W. Kantzenbach („Distanzierte Kirchlichkeit.
Überlegungen zu einer Fragestellung in Analogie zur These
vom .anonymen Christentum'") in einem historischen Un-
tersuchungsgang, D. Wiederkehr („Der menschliche
Glaubensvollzug als Legitimation und Kritik der institutio-
nellen Sakramente") mit dem Versuch, die Diskrepanz zwi-
schen personalem und sakramentalem Glauben durch eine
Konvergenz aufzufangen, die durch den Aufweis einer „an-
thropologischen Sakramentalität" in den Blick kommt. M.
Machovec, Prag, („Anonymität — christlich und an-
ders") und A. Szennay, Erzabt v. Pannonhalma, Buda-
pest, („Das Zeugnis der Praxis") geben einigen Aufschluß
darüber, wie die Außenstehenden, unter ihnen gerade auch
„unsere atheistischen Partner" (273), die Theologie vom
„anonymen Christen" aufnehmen und welche Auswirkun-
gen davon erhofft werden können. Dem Problem, das ein
•anonymes Christentum" der christlichen Verkündigung
aufgibt, gehen G. Muschalek („Die Erfahrung Gottes
in neu erfahrener Kirche") und D. Mieth („Zum Thema
Objektbereich und Tiefendimension") nach. G. Muscha-
lek bezweifelt, ob in der gegenwärtigen Situation, die er
von einer „Erfahrung total verschlossener Innerweltlich-
keit" (182) gekennzeichnet sieht, noch Voraussetzungen ge-
geben sind, unter denen die These vom „anonymen Chri-
sten" entwickelt wurde, und erkennt als vordringliche heu-
tige Aufgabe der christlichen Kirchen, „dem anonymen
Verlangen des Menschen nach dem Heiligen ... zu sich selbst
zu verhelfen durch Vermittlung der Erfahrung dieses Hei-
ligen" (185f). D. Mieth zeigt auf, „daß der ganze Objekt-
bereich der kirchlichen Verkündigung sinnlos erscheint, so-
lange nicht das Kerygma selbst .Widerhaken' in der Tiefen-
dimension der menschlichen Erfahrung festmachen kann"
(210). Die kirchliche Verkündigung habe aber heute ihre
..weltliche Basis" nicht mehr in einer „Welt-Anschauung",
sondern in der „Erfahrungschance der Praxis der Verände-
rung", in „freier Praxis" (205), wobei jedoch alles auf die
„Perspektive der Unverfügbarkeit des Menschen selbst"
(206) ankomme, die sich in „fragmentarischen Erfahrungen
der Erlösung" (207ff) eröffne. J. Splett („Transzenden-
tale Erfahrung und geschichtliche Begegnung") untersucht
in philosophischer Reflexion das Kernproblem, welches der
Glaube an ein universale concretum stellt — es zieht sich
wie ein roter Faden durch die Ausführungen auch anderer
Autoren des Bandes — und übersetzt anschließend die These
ins Philosophische, um sie auf ihre anthropologischen Mög-
lichkeiten zu befragen.

Unter den Aufsätzen der ersten Buchhälfte ist zunächst
der Beitrag von H. Fries („Der anonyme Christ — Das
anonyme Christentum als Kategorie christlichen Denkens")
zu nennen, der sich mit dem Einwand auseinandersetzt, die
Rede vom „anonymen Christen" bedeute eine ungebühr-
liche ..Vereinnahmung" von Menschen mit anderem Selbsl-
verständnis (26). Es wird nachdrücklich herausgestellt, daß

diese Weise, von den NichtChristen zu denken und zu spre-
chen, nur dem Christen selbst möglich ist, unter der Voraus-
setzung des uneingeschränkten und unverstellten Christ-
lichen. Die in der Bezeichnung enthaltene positive Sicht
des anderen und seiner Beziehung zu Christus wird aber
zugleich als Kriterium dafür geltend gemacht, ob das Christ-
liche mit seinen Dimensionen und Konsequenzen genügend
bedacht wird. Von seiner eingeschränkten Fragestellung aus
bietet F. auch eine allgemein verständliche und positiv Stel-
lung nehmende Einführung in den ganzen von dem Stich-
wort bezeichneten Fragen- und Thesenkomplex. Die beiden
daran anschließenden Beiträge heben die „ideologiekriti-
sche" Bedeutung des Theologumenons hervor. J. Hein-
richs („Das ideologiekritische Gewicht der Lehre vom
anonymen Christen") sieht hierin das „eigentliche Gewicht"
(51) dieser Lehre, indem sie den soziologisch nicht faßbaren
Maßstab der Liebe und geistiger Individualität über die
soziologisch faßbaren, jedoch nicht eindeutigen Gegeben-
heiten „Christusbekenntnis" und „Kirchenzugehörigkeit"
(58) stellt. H. R. Schlette versteht seine Ausführungen
(„Freund-Feind-Denken im Christentum und die anonyme
Christlichkeit") als einen „Beitrag zur Friedensforschung".
Hinter der schon die biblische Tradition beherrschenden
Reduktion der Komplexität des Lebens auf die Zweizahl des
Entweder-Oder vermutet er eine mythische Dualität am
Werk, die wie ein „gefährliches, schleichendes Gift" immer
wieder das „Unbewußte der neuen Generationen von Chri-
sten verunstaltet" (78). Die Theologie der anonymen Christ-
lichkeit könne einen — wenn auch kleinen — Dienst für den
Frieden leisten, „indem sie unter Christen die Vor-
aussetzungen des friedfertigen und friedensstiftenden Han-
delns theologisch festigt und die Disposition zur Überwin-
dung .. . des Freund-Feind-Denkens stärkt" (85).

Der besonderen Aufmerksamkeit aller an dem Problem
Interessierten dürfen die Ausführungen zweier evangeli-
scher Theologen, H. Ott und E. Jüngel, und des katholischen
Neutestamentiers W. Thüsing gewiß sein. Hier wird die be-
merkenswerte Spannweite einer evangelisch möglichen
Antwort sichtbar. E. Jüngel („Extra Christum nulla salus —
als Grundsatz natürlicher Theologie? Evangelische Erwä-
gungen zur ,Anonymität' des Christenmenschen") gibt schon
im ersten Satz seine Ausgangs- und Zielposition zu erken-
nen : „Das Christentum ist seinem Wesen nach nicht nur
nicht anonym, sondern ausgesprochen anonymitäts feind-
lich" (122, Hervorhebg. v. Rez.). Auf der anderen Seite
räumt er ein, daß das mit dem Rahnerschen Stichwort an-
gezeigte Problem „an die zentralen Fragen christlicher
Theologie" rühre, ja, „der Glaube an Jesus Christus als den
Mensch gewordenen Gottessohn die mit dem unglücklichen
Ausdruck signalisierte Sache notwendig impliziert", so daß
also das Problem auch von einem „genuin evangelisch-re-
formatorischen Ansatz her" (123f) zu erörtern sei. Dieser
Ansatz überläßt dann aber nicht nur einem großartigen
Lutherwort die Gedankenführung, sondern bringt auch das
Denkschema einer „natürlichen Theologie" ins Spiel, deren
Wege evangelische Theologie als Irrwege meide (132). Die-
sem werden die Rahnerschen Unterscheidungen unterwor-
fen, ungeachtet aller unüberhörbaren Stellungnahmen Rah-
ners zu dieser Problematik und ohne Reflexion darüber, was
eigentlich vor sich geht, wenn eine These zum Grundsatz
für eine „völlige Neukonstituierung der natürlichen Theo-
logie" erklärt wird, in die ein „per gratiam propter Chri-
stum datam" eingefügt ist (125). Kein Wunder, daß dann
der Weg auch anderswo als bei der von Rahner vertretenen
Sache ankommt, wenn etwa — trotz aller subtilen Erörte-
rungen über einen „kritischen Komparativ" (134) — eine
Differenz zwischen expliziten und anonymen Christen in
der Dimension des „menschlichen Menschseins" (135) be-
hauptet wird. Anders H. Ott: Er bekennt, bereits anfangs
der sechziger Jahre durch Rahners erste Erörterungen des
Themas den Eindruck gewonnen zu haben: ..Dies ist nun
wohl das eine Wort, der eine Gedanke, den wir als Christen
unserer Zeit, gemeinsam und ungeachtet unserer konfessio-
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