Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

102.1977

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Theologisehe Literaturzeitung 102. Jahrgang 1977 Nr. 12

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SK.s „Begriff Angst"" zu losen! Wenn sieh das Seihst
„durchsichtig" in Gott gründet, dann ist die Selbst-
Bewegung nur als Sprung zu verstehen - und zwar, wie es
das Kapitel VIII von C. Kühnholds Untersuchung angiht,
negativ als das Plötzliche mit dem Setzen der Sünde,
positiv als das Kontinuierliche mit dem Sehaffen der
Wirklichkeit der Wahrheit (S.69). Es folgen nun begriff-
liehe Differenzierungen der qualitativen Sprünge mit
Hilfe der Wortbildungslehre und graphischer Überblicke
(S. 79, 91 vgl. auch S. 66!). Folgerichtig werden dann in
den Kapiteln IX und X die Momente beschrieben, die
diese Bewegung des Sprunges motivieren bzw. den Sprung
ausformen helfen: „Wende der Not" (dän. „om-vendelse",
eig. „Umkehr"), „Reue", „Resignation" (Kap. IX): das
„Leiden", der „Weg", das „Befördernde", das „Ent-
wickelnde" (Kap. X). Im Kapitel X ist besonders schön
gelungen die Herausarbeitung der ..Leidenschaft"' in
ihrer Beziehung zum ..Bewegungsmoment" des Leidens
(S. 118ff.). Leiden bedeutet für SK eben nicht Selbst-
quälerei sondern ..mühseliger Abbau der .Selbstsucht'"
(S. 120). Das Leiden ist also „das Entwickelnde". Es hat
ein Ziel.

Das Kapitel XI schließlich reißt noch einmal die Pro-
blematik auf. die in SK.s Begriff der „Subjektivität"
(vgl. die Formulierung: „die subjektive Wahrheit"!) liegt.
In dem bezeichnenden Abschnitt „die Subjektivität', die
keine Subjektivität ist" (8. I43ff.) werden noch einmal die
Schwierigkeiten erwähnt, die SK durch die Abhängigkeit
von Hegels Terminologie bei der Bestimmung des Subjekt-
Begriffes hat. Zweifellos ist es richtig, daß einmal für SK
der Begriff ..Subjekt"' das alltägliche, „selbstsüchtige"
meint, daß aber SK außerdem von einem neuen „Subjekt"
redet, das der Existenz gerecht wird. Dieses zweite
„Subjekt" würde dann das Werden des Ethisch-Reli-
giösen ausdrücken. C. Kühnhold betont: ..Es bleibt ihm
ein schmaler Steg hin zu einem neuen Subjektsbegriff, der
in seiner Dürftigkeit zeigt, daß SK nahezu verzweifelt an
dem Begriff des Subjekts festhält, obwohl er ihn selber
als unzureichend empfinden muß'" (S. 144). Warum ist
nach C. Kühnhold diese zweite Terminologie des Subjekts
so „unbefriedigend"? Weil jede Subjektivität „von der
Terminologie her niemals jene Freiheit vom Objekt" auf-
weisen kann, „die SK für seine Subjektivität der reli-
giösen Sphäre fordern mußte..."' (S. 146). Eine Folge
davon sind dann Mißverständnisse in der SK-Forschung
(W. Struve, A. Künzli. G. Lukacs und vor allem T. \V.
Adorno!; S. 147). Vom Rezensenten soll aber darauf hin-
gewiesen sein, daß der Begriff „Subjektivität"' einen neuen
Inhalt durch SK bekommen hat, weil er jenen auf die
Ebene der „Religiosität B". d. h. der Paradox-Religiosität
des Christentums, beziehen konnte. Damit richtet sich
die „Subjektivität" auf das Absolute aus. Sie wird von
der göttlichen Forderung her bestimmt, gefüllt und ge-
richtet. Die subjektive Wahrheit mißt sich an der neuen
absoluten Wahrheit (Gott). Diese ist aber nicht mit der
..Objektivität" im immanenten Bereich zu erfassen. Hier
kommen vielmehr SK.s Begriffe wie ..Ewigkeit"', „das
Unbedingte" usw. zum Tragen. Das heißt die subjektive
Wahrheit ist jetzt nicht mehr in und von der Sprache der
Spekulation her zu verstehen, sondern in und von der
Religiosität!

Zum Problem des „objektiv Wahren" äußert sich C.
Kühnhold abschließend mit Hilfe von SK.s Hinwendung
zur „Unverletzlichkeit der Dinge". Sie ist gültig für die
Hingabe: „Die Haltung zu den Dingen darf nicht ver-
wechselt werden mit jenem losgelösten ,objektiven'
Verhalten, das ohne die Hingabe des ganzen Menschen
Feststellungen, nämlich .objektive Resultate' anstrebt"
(S. 158). Und meisterhaft wird eine Brücke zur Moderne
geschlagen: „Der späte kierkegaardsche Erkenntnisbe-
griff, der die leidenschaftlich-aufbauende Beteiligung des
Einzelnen (vgl. SV XI, S. 117) voraussetzt und fordert,
stimmt zu der modernen prinzipiellen Haltung der Natur-

wissenschaften, die die ,objektive' empirische Phase der
Erkenntnis überschreitet (transzendiert)" (ebd.). Die
wertvolle Untersuchung schließt ab mit den wichtigen
Tagebuchaufzeichnungen über den Sprung seit Ende
1842. Es folgen eine Bibliographie wie ein Namen- und
Sachregister.

Goslar Wolfdictrlch v. Kloeden

1 „Senn Kierkegaard" wird durchweg abgekürzt mit ..slv".

1 Zitiert wird nach der von (". Kühnliold benutzten ersten dänischen Ausgabe
von S. Kierkegaards Snmlede Vaerker; udg. af A. K. Drnchinann, J. L. Helberg,
H.O. Lange, Kbh. lOOirf.. Mandl-XIV. Diese dänische Ausgabe wird mit „SV"
und der nachgestellten Band- und Seitenangabe zitiert. Die daraus von 0. Kühn-
hold entnommenen Texte für die deutsche Übersetzung finden sich dann
deutsch wieder nach der Ausgabe: Suren Kierkegaard „Gesammelte Werke" In
Abteilungen durch E.Hirsch u.a.; Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf Köln
1952ff.

Zitiert wird außerdem nach der ersten Ausgabe der Papirer S. Kierkegaards
(„Pap."), hrsg. von Heiberg, Kühr und Torsting, Kbh. lDOfl-1948 mit der üb-
lichen Band- und Stellenangabe.

Mokroech, fleinhold: Theologische FreiheilspliiloMipliH-. Mein
physik, Freiheit und Ethik in der philosophischen Entwicklung
Si-Iii'llinos und in «Im AnHingen Tilliclis. Kiankfiirt M.: Klnsler-
mann [197«]. X. 391 S. gr. 8 = Studien zur Philosophie und
Literatur des 19. Jahrhunderts, 29. „Neunzehntes Jnhrhiiudcrt'".
Forschungsunternehmen der Fritz Thyssen Stiftung. Kart.
DM 58, ; l.w. DM 66,-.

Die Beschäftigung mit dem Tillichschen Entwurf hält
weiter an. Die Art und Weise der Beschäftigung scheint
sich freilich langsam zu ändern. Bei Veröffentlichungen
aus den fünfziger und sechziger, aber auch noch aus den
siebziger Jahren gab es Anlaß zu der Vermutung, Tillichs
Theologie werde je nach dem eingenommenen Standort
- mehr oder weniger gefühlsmäßig bejaht oder verneint.
Der Gang der Untersuchungen schien die entsprechenden
Positionen bisweilen wenig beeinflussen zu können. Mitt-
lerweile ist Tillichs theologisches Bemühen Historie ge-
worden. Wenn der Eindruck nicht trügt, ist der kritische
Abstand gegenüber Tillich gewachsen. Nunmehr beginnen
offenbar grundsätzliche Bejahung oder Verneinung lang-
sam zurückzutreten. Die - mehr und mehr sorgfältige
Kritik wird ins Detail verlagert. Sie gewinnt dadurch
selbstredend an Präzision, was andererseits nicht eben zu
ihrer Verbreitung im weiteren Kreis der Tillichleserschaft
beitragen dürfte.

Die von \V. Schulz-Tübingen und G. Kbeling begut-
achtete philosophische Dissertation (Ende 1972) nimmt
sich eines solchen Details an, sozusagen der historischen
Prolegomena der Tillichschen Systematik, die bereits zu
befragen man sich in der Regel nicht die Muße nimmt. Es
sei zugestanden, daß der Eklektizismus Tilliehs< las Gewicht
von Untersuchungen über philosophische oder theolo-
gische Hintergründe relativiert, aber es ist schon von
Interesse zu erfahren, wie denn theologische Meister ihre,
Vorbilder « irklich verstanden haben.

Der Akzent der Arbeit liegt auf Schöllings Philosophie,
speziell auf seinem Freiheitsverständnis im Zusammenhang
mit seinen Auffassungen von Metaphysik und Ethik. Nach
einer Einleitung über den Konnex zwischen einer über
Freiheit nachdenkenden Philosophie und dem spätideali-
stischen Subjekt-Objekt-I'roblem folgen drei Kapitel, dir
sich mit Idee und Existenz in Schöllings Spätphilosophie
(1827-1854), mit Ich und Natur in seiner Erühphilosophie
(1704-1801) sowie mit Wille und Notwendigkeit in der
mittleren Epoche Schellingsehen Denkens (1804, 1809)
befassen. Dabei geht es Vf. um die Verhältnisbestimmung
der Begriffspaare, die in den Vorsuch der freiheitsphiloso-
phisehen Lösung des jeweiligen Widerspruchs ausmündet,
wie Schölling sie gesehen hat. In den einzelnen Kapiteln
stellt Vf. stets auch in einem - kürzeren Teil die Inter-
pretation Schöllings durch Tillich dar und setzt sich mit
ihr auseinander.
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