Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

102.1977

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Theologische Literaturzeitung 102. Jahrgang 1977 Nr. 8

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Durchgesfcaltung der Quellen- und Literaturangaben, die
unter den jeweiligen Einzelkapiteln mehr bieten, als im
Literaturverzeichnis (llf.) ausgewiesen ist, wäre wün-
schenswert gewesen. Der Verlag, der das Werk zu einem
erschwinglichen Preis ansprechend ausgestattet hat, hätte
mit Zuarbeiten dieser Art dem Autor und seinem Buch
einen weiteren guten Dienst getan.

Leipzig Kurt Nowak

GESCHICHTE CHRISTLICHER KUNST

Gericke, Wolfgang, Schleid, Heinrich-Volker, u. Winfried Wend-
land: Brandenburgische Dorfkirchen. Aufnahmen v. J. Fritz.
Berlin: Evang. Verlagsanstalt [1975]. 160 S. m. Abb. u. 104Taf.,
z.T. färb., 1 Kte 4°. M 29,50.

Mit „Brandenburgische Dorfkirchen" liegt nun nach
Sachsen und Mecklenburg der dritte Dorfkirchen-Band
des Verlages vor. Er umfaßt das Territorium der Provin-
zialkirche Berlin-Brandenburg mit Ausnahme des 1922
geschaffenen Raumes von Groß-Berlin, über dessen Dorf-
kirchen (insgesamt 55) bereits zwei Publikationen erschie-
nen sind. Wie auch die Übersichtskarte nach S.152 aus-
weist, liegt damit die ehemalige Provinz Brandenburg in
ihren Grenzen von 1815 (Ausschluß der Altmark, Zuwachs
der Niederlausitz) ohne die 1945 an Polen übergegangenen
Landesteile im Blickfeld.

Dem Geleitwort von Bischof D. Albrecht Schönherr fol-
gen populärwissenschaftliche Darstellungen des Gegen-
standes, ein repräsentativer Tafelteil mit anschließender
Erläuterung zu den einzelnen Abbildungen.

Pfarrer Wolf gang Gericke, Vorsitzender der Kirchen-
geschichtlichen Arbeitsgemeinschaft Berlin-Brandenburg,
bietet zunächst einen knappen und treffenden Überblick
über die brandenburgische Kirchengeschichte (S. 9-16),
über Kirchenorganisation, Kolonisation und Mission im
Mittelalter, die Ausbreitung und Funktion der Klöster der
verschiedenen Orden, die Einführung der lutherischen
Reformation, den Übertritt Kurfürst Johann Sigismunds
zum Kalvinismus und seine geschichtlichen Folgen. In die-
ser historischen Gesamtentwicklung bildet die Dorfkir-
chengemeinde einen integrierten Bestandteil. Ihr wird für
die nachreformatorische Zeit noch ein gesonderter Ab-
schnitt gewidmet. Hier erfährt das Patronat eine gerechte
Einschätzung, wird auch die ungünstige Auswirkung der
sozialen Umwälzungen des 19. Jahrhunderts für das kirch-
liche Leben auf dem Lande offen dargestellt. Zum Schluß
wird angedeutet, daß das Ende des Staatskirchentums
1918 und des Patronats 1945 der Dorfkirche die jahrhun-
dertelangen weltlichen Stützen genommen hat.

Winfried Wendland, einst Leiter des kirchlichen Bau-
wesens in Brandenburg und des Kunstdienstes der Evan-
gelischen Kirche, widmet sich dem Bau der „Märkischen
Dorfkirchen" (S. 17-27), ihrer Ausbreitung, Bauweise, den
Türmen, Anbauten und Kirchhöfen, den Bauepochen.
Hervorzuheben ist einmal jener Abschnitt über die Bau-
weise, vom Verfasser mißverständlich als „Bautypen"
überschrieben. Hier wird mit wünschenswerter Klarheit
die Bedeutung des Baumaterials und seine Bearbeitung
für die Erscheinung und auch für die Dauerhaftigkeit der
Bauten dargelegt, die Wendland nach Feldsteinbauten,
Backsteinbauten und Fachwerkbauten klassifiziert. Zur
Diskussion wird Wendlands ikonologische Deutung der
Westtürme als Ausdruck der Michaelsverehrung anregen.

Die Typen der romanischen Dorfkirchen findet man bei
den Bauepochen. Hier hätte man unter Verwendung der
Forschungsergebnisse, die Klaus Mertens für die Nieder-
lausitz als Bestandteil des Bistums Meißen vorgelegt hat,
vielleicht mehr über die Ausbreitung der einzelnen Kir-
chentypen sagen können (Klaus Mertens: Romanische

Saalkirchen innerhalb der mittelalterlichen Grenzen des
Bistums Meißen. Leipzig 1973).

Wenn auch die brandenburgischen Landschaften wie
das gesamte Norddeutschland von mittelalterlichen Dorf-
kirchen geprägt werden, so übersieht Wendland keines-
wegs die besonderen Leistungen der nachreformatorischen
Zeit, besonders im 18.Jahrhundert (z.B. Reckahn, Gül-
zow, Päwesin und Roskow in der Umgebung von Bran-
denburg). Manchmal wünschte man sich genaue Aus-
künfte statt problematischer Mutmaßungen (z. B. S. 25:
„In den früher zu Sachsen gehörenden Landesteilen macht
sich verständlicherweise der Einfluß des sächsischen Ba-
rock sehr bemerkbar. Hier gibt es dann auch Arbeiten aus
Sandstein an Kanzeln und Altären, so in Niedergörsdorf
und Dennewitz bei Jüterbog. Diese Form bäuerlichen Ba-
rocks ist dabei formenfreudiger, man merkt die Einflüsse
von Dresden.").

Innerhalb des Bandes bringt Wendland das meiste Ver-
ständnis für die Dorfkirchen des 19. Jahrhunderts auf, für
deren Architektur zunächst Schinkel den Ton angab. Die
Auf bauleistungen nach dem letzten Krieg und ihre soliden
Grundsätze werden gewürdigt.

Der Darstellung der Aktivitäten der Gegenwart folgt
eine kleine Theologie des Kirchenraums, die sich auf klas-
sische lutherische Anschauungen gründet. Das ist das
rechte Wort zur Betrachtung der Dorfkirchen, die ja nur
dann auch künftig unsere Landschaften prägen werden,
wenn sich in ihnen die glaubende, betende und hörende
Gemeinde versammelt.

Ist das Äußere der Kirchen noch weithin mittelalterlich,
so hat es der Wiederaufbau der im Dreißigjährigen Krieg
zerstörten Kirchen mit sich gebracht, daß die Ausstattun-
gen meist barock sind. Der Denkmalpflegcr Heinrich-Vol-
ker Schleiff widmet der „Ausstattung der Dorfkirchen"
ein Kapitel (S. 28-34). Er beachtet dabei bewußt die
Ikonographie und die theologiegeschichtlichen Zusam-
menhänge, die auch bei Wendland schon gesehen werden.
Er entgeht jedoch einem so anfechtbaren Urteil, wie es
Wendland auf S. 23 im Blick auf den Rationalismus fällt.
Doch auch Schleiffs Darstellung wäre es besser bekommen,
wenn er, statt allgemeine theologische Entwicklungslinien
aufzuzeigen (S. 31f.), lokale oder regionale Quellen zum
Kirchenbau auf ihren geistlichen Gehalt hin befragt hätte.
Sollte sich nicht auch im Brandenburg des 18. Jahrhun-
derts bei wichtigen Objekten so etwas finden lassen? Es sei
in diesem Zusammenhang auch auf die sorgfältigen sozio-
logischen Analysen nachreformatorischer Kirchenausstat-
tung durch Claude Keisch hingewiesen („Zum sozialen
Gehalt und zur Stilbestimmung deutscher Plastik 1550
bis 1650: Sachsen, Brandenburg, Anhalt, Stifter Magde-
burg und Halberstadt. Phil. Diss. Berlin 1970). Keisch
wendet sich darin dem Brösicke-Epitaph von Christoph
(nicht Christian) Dehne in Ketzür allein 13mal zu.

Auf 104 Tafeln sorgte Joachim Fritz für instruktive Ab-
bildungen. Der von Schleiff verfaßte „Kunsthistorische
Anhang" (S. 141-157) mit Grundrissen besonders wichti-
ger Bauten ergänzt hier bestens. Was man nicht sieht,
kann man sich lesend aneignen. Die Auswahl der Kirchen
und der jeweiligen Motive macht manches Kleinod von
Kirchenbau und -ausstattung dem großen Publikum über-
haupt erst einmal bekannt. Vielleicht ließe sich aber auch
hier bei einer Neuauflage eine Erhöhung des dokumentari-
schen Wortes durch Veränderungen und Ergänzungen er-
zielen.

Nach einer heute häufig anzutreffenden Praxis werden
die Abbildungen alphabetisch geordnet, jedenfalls aufs
ganze gesehen. Wir sehen die spätgotische Wallfahrts-
kapelle Alt Krüssow mit trefflicher Ausstattung aus der
Erbauungszeit, Annenwalde nach dem Typus der Schin-
kelschen Normalkirche von außen (leider nicht den typi-
schen Innenausbau), den vortrefflich gewölbten spätgoti-
schen Innenraum von Basdorf, eine Fachwerkkirche in
Bredereiche, mittelalterliche Feldsteinkirchen in Daher-
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