Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

102.1977

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Theologisohe Literaturzeitung 102. Jahrgang 1977 Nr. 8

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und ihre Lage im deutschen Volk bedacht werden müß- selbst stellt der Vf. - offenbar um seines dezidiert theolo-
ten . . . Die Hetze der Deutschen Christen und der Partei gischen und seelsorgerlichen Anliegens willen - die politi-
seien in Rechnung zu stellen. Man solle sich daraufgefaßt sehe und gesellschaftliche Dimension der Auseinanderset-
machen, daß die Kirche auf Jahrzehnte, mindestens auf zungen gelegentlich zu stark in den Hintergrund (z. B. im
ein Jahrzehnt als leidende, verfolgte und bedrückte sein Kapitel über die Eidesfrage, im Kapitel über die kirchliche
werde. Die Absicht der Gegner seien nur zu vereiteln durch Stellung der Judenchristen und im Kapitel über die Aus-
die Art des Leidens und die Kraft der Verkündigung des Wirkungen des Krieges auf den Kirchenkampf). Hier ent-
Wortes Gottes" (158). Aus einer solchen Lagebeurteilung steht das Problem einer integrativen Verarbeitung des
heraus erschien auch die Zusammenfassung des deutschen Kirchenkampfgeschehens, einer Durchdringung des Ma-
Luthertums zu „vertrauensvolle(r) Gemeinschaft" (158) terials im Gefüge der großen historischen Zusammen-
und zur gemeinsamen Erörterung der theologischen Pro- hänge. Sicher ist das Verfahren des Vfs. z.T. schlicht vom
blcme nicht schlankweg als bekenntniskirchlicher Separa- tatsächlichen Geschehensverlauf her bedingt („Die Ver-
tismus, vielmehr als ein beachtlicher Versuch, vom eigenen antwortung für das politische Geschehen konnte aber kaum
eingewurzelten Selbstverständnis her die politische und wahrgenommen werden. Der Blick war zu sehr auf die
kirchenpolitische Situation zu bestehen. kirchlichen Verhältnisse gerichtet. Nur selten gelang es

Es scheint, als ob auch die Entscheidungen der mecklen- einmal, die Nöte der Zeit auch in anderer Beziehung ins
burgischen BK in der Ära des RKA und später, keinen Auge zu fassen". - S. 232) Unbeschadet dessen wird aber
kirchenregimentlichen und -organisatorischen Sonder- Kirchenkampfgeschichtsschreibung - und die wichtigen
ansprach zu erheben, von diesem Blick für das Mögliche Forschungsfortschritte der letzten Jahre in dieser Rich-
her wesentlich mitbedingt war, dies nicht zuletzt auch un- tung haben dies ja auch gezeigt - nicht umhin können, die
tergemeindlich-seelsorgerlichcn Gesichtspunkten(,,. . .die „kirchlichen Verhältnisse" auch auf den historischen Ge-
bekennende Kirche in Mecklenburg blieb dabei, daß es samthintergrund hin zu thematisieren. Einmal, um auch
doch wieder einmal zu einer Gemeinschaft kommen müßte, die Dimension des Welthandelns, zu dem sich der Christ
die auf der Grundlage des Evangeliums von Jesus Christus gerufen weiß, unter den Verhältnissen des „Dritten Rei-
allein gedeihen könnte. So hat man wohl bekennende Ge- ches" dem kritischen historischen Urteil zu unterwerfen,
meinden gesammelt, aber eine eigentliche Kirchentren- Zum anderen aber auch aus schwerwiegenden methodolo-
nung nicht vollzogen" (231). Diese unpretentiös-schlichte gischen Gründen. Es hat nämlich den Anschein, als ob
|und sachliche, zugleich geistlich anrührende Haltung gilt eine sich wesentlich mit der Schilderung und Reflexion
es in ihren Chancen (freilich auch in ihren Gefahren) zu des Geschehens intra muros ecclesiae begnügende Kir-
sehen, soll das Bild des Kirchenkampfes wirklich wahr chenkampfgeschichtsschreibung - auf ihre letzten Konse-
gezeichnet werden. quenzen hin bedacht - in die unerhebliche Zone der Ab-

Ein Verdienst von Dr. Bestes materialgesättigter Dar- Schilderung von „Pastorengezänk" gerät, zumindest in
Stellung, die auf Akten des Oberkirchenrats und eigenen den Jahren nach 1937, als der Schlachtenlärm der An-
Erinnerangsstücken sowie auf gedrucktem Quellenmate- fangszeit einem zähen Stellungskrieg gewichen war. Das
rial fußt, ist auch, daß die kirchliche Basis „durchgehend müßte um so seltsamer deshalb anmuten, weil gerade in
berücksichtigt ist" (bes. Kap. XXX). Auch die kirchlichen den Jahren nach 1937, in denen sich mit steigender Klar-
Werke (XXXI) werden dargestellt. Sachkapitel wie „Die heit der Charakter des NS-Regimes enthüllte, Theologie
kirchliche Stellung der Judenchristen" „Der Gottes- und Kirche in unerhört verschärfter Weise zu Wort und
dienst" u. a. sind in die primär verlaufsgeschichtlich orien- Tat gefordert waren. Erst durch dieses „integrative" Ver-
tierte Darstellung eingebettet. fahren wird man der eigentlichen Tiefe und wohl auch

Wir haben in diesem Buch, das man als „typisch luthe- Tragik des Kirchenkampfes inne. Vielleicht wird das u.U.
risch" bezeichnen mag, einen neuerlichen Versuch vor uns, auch eine gewisse Umschaltung der Forschung von den
den Kirchenkampf nach der theologisch-geistlichen Seite extensiv dargestellten ersten Jahren des Kirchenkampfes
hin retrospektiv aufzuarbeiten. Daß am Ende des Dar- auf die Jahre der unmittelbaren Vorkriegs- und Kriegszeit
Stellungsteils der zentrale Satz aus dem Stuttgarter Schuld- mit sich bringen. Eine tiefenscharfe Sicht der Begegnung
bekenntnis steht (232), ist in diesem theologisch-geistlichen von Protestantismus und Faschismus in Deutschland (ein-
Zusammenhang zu interpretieren: „Es ging darum, eine schließlich einer ausgearbeiteten Faschismusdeutung von
bewußte Entscheidung für Christus und sein Wort zu ge- evangelischer Seite) würde dabei zur entschlossen in An-
winnen und zu bewähren". (Ebd.) griff zu nehmenden Aufgabe.

Kirchenhistoriker einer jüngeren Generation, deren An- Es sei noch angemerkt, daß Dr. Bestes primär inner-
hegen es ist, das Kirchenkampfgeschehen stärker in den kirchlich-theologisch gewichtete Darstellung manche Po-
allgemeinhistorischen Rahmen einzustellen, werden hier sitiva des Kirchenkampfes im Umfeld des politischen
und da manchen Beurteilungsakzent anders setzen als es Handelns der Kirche zu wenig ins Blickfeld rückt. So deu-
P ^\ tut- ^ur ^as Einstiegskapitel wäre das etwa der tet Dr. Beste lediglich an einer Stelle ganz verhalten ge-
Fall bei der Bewertung der politischen Haltung der Pasto- wisse Verbindungslinien zwischen mecklenburgischen Be-
renschaft und der kirchenleitenden Instanzen in der Wei- kenntniskräften und Trägern der bürgerlichen Wider-
marer Republik. So wird das Schreiben Behms vom 9. 3. Standsbewegung an (227). An einer anderen Stelle erwähnt
1925 anläßlich des Todes von Ebert als eine Art Beweis für er die Inhaftierung von Pastoren während der Kriegszeit
Zurückhaltung in politicis angeführt. Aber war nicht ge- aus politischen Gründen (218) und weist auf die Unter-
rade die Zurückhaltung der offiziellen evangelischen Kir- Stützung verfolgter jüdischer Bürger in mecklenburgi-
che bei der Beerdigung Eberts ein Politikum ersten Ran- sehen Pfarrhäusern hin (222).

ges? Bchrn war es ja auch, der z. B. bei den Reichstags- Ein umfangreicher Dokumententeil (235-332) bietet ne-

wahlen im Dezember 1924 recht massive Wahlpropaganda ben einer Reihe bereits bekannter Stücke u. a. einige inter-

betrieb. Auf S. 14 vermerkt der Vf., daß sich nur wenige essante vertrauliche Rundschreiben Rendtorffs, Doku-

^astoren zu politischer Tätigkeit berufen fühlten und mente zum Selbstverständnis und zu den kirchenpoliti-

nennt einen Pastor Lic. Stammer (DVP). Nach einer Mel- sehen Aktionen von Notbund- und BK-Pastoren und ihrer

«nng der AELKZ (Jg. 1924, Sp. 283f.) kandidierte bereits deutschchristlichen Gegenspieler. Listen über BK-Zuge-

"n Jahre 1924 Landessup. Rische (Wismar) für den hörigkeit der Pastoren, die Zusammensetzung des OKR

ueutsch-völkischen Rechtsblock, so daß das Spektrum von 1934-1945, die Verteilung der Spezialaufgaben in der

tfer politischen Einstellungsweisen in der mecklenburgi- Landeskirche sowie eine Zeittafel haben hilfreiche Ergän-

S('M('n Pastorenschaft auch von daher noch zu bereichern zungsfunktion. Bedauerlich ist, daß das Personenverzeich-

w*Te- nis (mit Kurzviten) in seinem Wert gemindert ist, da die

Auch bei der Schilderang des Kirchenkampfgeschehens Seitenangaben nicht verzeichnet sind. Eine redaktionelle
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