Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

102.1977

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71 Theologische Literaturzeitung 102. Jahrgang 1977 Nr. 1 72

blemlosen Verhältnis zueinander, werden mit besonderer
Gründlichkeit behandelt.

Ein kurzer, aber wichtiger Abschnitt ist der aktuellen Pro-
blematik des Gottesdienstes gewidmet. Die heutige Krise des
Gottesdienstes wird nur sehr knapp geschildert und dabei
die wahrlich erstaunliche Erneuerung der katholischen Li-
turgie erwähnt. — Die Problematik der „Gottesdienste in
neuer Gestalt" bzw. der Experimente wird richtig erkannt:
Der Mensch und seine Fragen werden zum primären litur-
gischen Gestaltungsprinzip erhoben. Freilich geht es hier
nicht nur um den Gottesdienst, sondern um Kirche und Theo-
logie überhaupt (vgl. H.D.Bastian: Theologie der Frage).
Einige wertvolle Hinweise für die Weiterarbeit schließen
diesen Teil des Buches ab.

Einen verhältnismäßig selbständigen und u. E. über Ge-
bühr umfangreichen Abschnitt bildet die Arbeit von Eber-
hard Schmidt über Lied und Musik im Gottesdienst. Sie glie-
dert sich in vier größere Kapitel: Der liturgische Gesang im
Gottesdienst; Das Kirchenlied im Gottesdienst; Die mehr-
stimmige Musik im Gottesdienst; Das kirchenmusikalische
Amt im Gottesdienst.

Wohl das wichtigste von diesen ist u. E. das Kapitel über
das Kirchenlied und auch hier die Überlegungen von der
theologischen Aussage des Kirchenliedes. Dieser Gang durch
die Entwicklung — auch Fehlentwicklungen — des Kirchen-
liedes ist sehr aufschlußreich.

Nach dem kirchenmusikalischen Abschnitt ergreift wieder
William Nagel das Wort, um mit einigen kernigen Gedanken
über das Ziel der Lehre vom Gottesdienst die ganze Liturgik
abzuschließen.

Den zweiten Teil des Buches bildet die Lehre von den
kirchlichen Handlungen, bearbeitet von Hans-Hinrich Jens-
sen (S. 140-195).

Der Titel ist begrüßenswert, denn er drückt viel besser als
die gewohnten „Amtshandlungen" die wichtige Wirklichkeit
aus, daß hier die Gemeinde bzw. ihr Herr durch sie handelt.

Im ersten Abschnitt wird der theologische Ort der Hand-
lungen abgeschritten; sie sind „Situationsgottesdienste".
Hier gibt es für Vf. zwei Hauptprobleme: „Einmal besteht
die Gefahr, daß das Interesse an der besonderen Situation
das Interesse am gottesdienstlichen Charakter der Handlung
überwuchert. Zum anderen ..., man begehrt bestimmte Ga-
ben Gottes und vergißt, daß jedes echte Gottesverhältnis
nach Totalität verlangt..."

Diese Gefahren können durch die trinitarische Ausrichtung
der Handlungen gebannt werden. In einem Gespräch mit
Rudolf Bohren betont der Vf., daß die Handlungen Aufgabe
des Theologen sind, einfach weil diese viel Erfahrung und
Sachverstand verlangen und nicht, weil man einer Klerika-
lisierung Vorschub leisten wollte. Wichtig ist die Hervorhe-
bung des diakonischen Charakters der Handlungen.

Die Erörterung der einzelnen kirchlichen Handlungen ge-
schieht nun unter dem Generalaspekt, daß sie sich alle immer
auf das vorhergehende Handeln Gottes beziehen. Die Be-
sprechung beginnt stets mit einer thesenartigen Zusammen-
fassung des Wesens der betreffenden Handlung.

Es ist aus der gegenwärtigen theologischen und kirchlichen
Lage verständlich, daß bei der Besprechung der Taufe den
breitesten Raum die Problematik der Kindertaufe, ein-
schließlich eines geschichtlichen Exkurses, einnimmt. Hier
eine kritische Bemerkung: Die sog. „Nottaufe" kann u. E.
wirklich nur als seelsorgerlicher Akt den Angehörigen ge-
genüber geübt werden.

Die Danksagung als neue Aufgabe irn Falle eines Taufauf-
schubs wird als ein diakonischer Dienst betrachtet und be-
fürwortet. Ob aber von einem Versprechen der Eltern für
christliche Erziehung abzusehen ist, scheint mir fraglich.

Sinnvollerweise wird dem eigentlich praktisch-theologi-
schen Teil von der Trauung eine Besinnung über das christ-
liche Eheverständnis vorangestellt. Dies ist gerade heute un-
erläßlich und dringend nötig. Die Ausführungen über Ehe und
Agape sind fundiert, der diakonische Duktus ist unverkenn-
bar, nützlich sind die praktischen Hinweise für das Trauge-

spräch und für die Traupredigt. Der allgemeine Säkularisa-
tionsprozeß konfrontiert mit einer neuen Art der „Misch-
ehe" (Christen-Nichtchristen).

Die Bestattung wird als eine gottesdienstliche Handlung,
bei der die Verkündigung an die Lebenden im Vordergrund
steht, betrachtet. So wird den Problemen der Verkündigung
bei der Bestattung (die unschöne, jedoch leider verbreitete
Bezeichnung „Leichenrede" wird glücklicherweise vermie-
den) ein angemessener, gut durchdachter Abschnitt gewid-
met. Vf. plädiert dafür, daß die Vita des Verstorbenen in die
Verkündigung eingearbeitet werden sollte. Bekanntlich ist
dies eine vielumstrittene Frage, und man kann auch ganz
gegenteiliger Meinung sein (vgl. Ernst Saxer: Zu Hinter-
bliebenen reden, 1973). Die Aspekte dieses Personenbezuges
hatte der Vf. sehr sorgfältig ausgearbeitet.

Im Exkurs über die Probleme der Konfirmation wird dar-
auf hingewiesen, daß wir in ihr mit einer Schöpfung der
Gemeinde zu tun haben. Dann werden kurz Geschichte und
gegenwärtige Fragen der Konfirmationspraxis besprochen.
Damit schließt der 2. Teil des Buches.

Im dritten Teil des Buches — Die Predigt — bearbeitet von
Friedrich Winter — erhalten wir eine Homiletik. Sie gliedert
sich klar in drei große Abschnitte: 1. Die Lehre von der kirch-
lichen Zeugnisrede, 2. Die Voraussetzungen kirchlicher
Zeugnisrede, 3. Der Vollzug kirchlicher Zeugnisrede. Die
einzelnen Abschnitte sind recht unterschiedlich lang; der
erste umfaßt nur 6 Seiten, der zweite 31 Seiten, der dritte 70
Seiten.

Im ersten Abschnitt werden einige homiletische Richt-
linien aufgestellt. Dabei scheint uns der im ganzen Werk kon-
sequent verwendete Ausdruck: „Zeugnisrede" etwas unge-
wohnt und bedenklich, denn er scheint die subjektive Seite
im Verkündigungsgeschehen einseitig hervorzuheben. Auch
die etwas kategorische Feststellung: „Es muß deutlich blei-
ben, daß die Zeugnisrede eine Lebensfunktion derGemeinde
unter anderen ist" (S. 202), steht In einer gewissen Spannung
zu CA VII und V. Allerdings lesen wir etwas weiter dann
fast gegensätzlich: „Die Kirche lebt von der Zeugnisrede"
(S. 5).

Der Weg führt dann im zweiten Abschnitt von den Voraus-
setzungen der Zeugnisrede, ausgehend vom Phänomen des
Redens, über den Stoff zum Redner. Zunächst wird also —
etwas ungewohnt — die Erscheinung, die erfahrbare Wirk-
lichkeit der Predigt untersucht, in ihren Bezügen zur Stili-
stik, Rhetorik usw. In der Besinnung über die Sprache ist der
wohl wichtigste Teil, die „Theologische Besinnung", m. E.
etwas zu kurz geraten. Auch das Urteil über den Sprachver-
fall — „So gut die Gabe ist" (nämlich die Sprache): „sie zeigt
doch auch Störungen." (S. 217) — scheint uns zu milde zusein.

Das Kapitel über die theologische Setzung der Zeugnisrede
Ut in fünf Teile gegliedert. Zunächst (1) hören wir von der
Einsetzung von Gott her (Jesus Christus, die Heilige Schrift),
dann (2) vom Einsatz der heutigen Zeugen, von der Durch-
setzung des trinitarischen Gottes (3), dann von ihren ver-
schiedenen Gestalten (4) und von ihrem Vollzug (5).

Im Kapitel: Zeugnisrede und Schriftauslegung werden die
hermeneutischen Grundlagen gesetzt. Dem wird ein ge-
schichtlicher Überblick vorausgeschickt.

Im nächsten Kapitel: Zeugnisrede und Liturgie wird die
Predigt ins Ganze des gottesdienstlichen Geschehens gestellt
und die Zuordnung von Wort und Sakrament erörtert sowie
das Verhältnis der freien Rede zum liturgisch gebundenen
Wort. In einer kurzen Besinnung werden Gemeinsamkeiten
und Unterschiede der Zeugnisrede und der christlichen Un-
terweisung aufgezeigt.

Nun kommt der Zeuge in Sicht, der Prediger also. Hier
werden Probleme des Charismas und der Ordination sowie
des persönlichen Einsatzes besprochen.

Der Hörer der Zeugnisrede ist die Gemeinde, aber auch der
einzelne. Hier werden manche praktische Winke gegeben,
um die Predigt möglichst hörernah zu gestalten. Der Ab-
schnitt wird mit einer kurzgefaßten Geschichte der christ-
lichen Predigt abgeschlossen.
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