Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

102.1977

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Theologische Literaturzeitung 102. Jahrgang 1977 Nr. 1

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Das reformatorische Gottesdienstverständnis wird da-
durch geprägt, daß „das heilschaffende opus dei sich für die
Glaubenden auf den Gottesdienst konzentriert" (S. 25), und
findet seine treffendste Formulierung in Luthers bekannter
Kirchweihpredigt zu Torgau. Hier kommt auch der dialogi-
sche Charakter des ganzen Gottesdienstes zum Ausdruck.

Unter dem Titel: „Entfaltung und Gefährdung des re-
formatorischen Gottesdienstverständnisses" wird ein Über-
blick über die geschichtliche Entwicklung von dem Zeitalter
der Orthodoxie bis zur Gegenwart geboten. Der Hinweis,
daß die informative Seite im Gottesdienst schon in der Or-
thodoxie vorwiegend wurde, gibt zu interessanten aktuellen
Parallelen Anlaß.

Im Pietismus wird die missionarische Seite des Gottes-
dienstes vorherrschend, mit dem frommen Subjekt im Mit-
telpunkt.

Im Rationalismus tritt wieder das pädagogische Verständ-
nis des Gottesdienstes in den Vordergrund. So ist es nicht ver-
wunderlich, daß gerade die Aufklärung die erste „liturgische
Bewegung" ausgelöst hatte.

Der Vf. versucht nicht nur über die verschiedenen theolo-
gischen Richtungen und ihr Gottesdienstverständnis zu be-
richten, sondern dieses auch kritisch zu prüfen und auch dem
positiven Beitrag, den sie geleistet hatten, gerecht zu wer-
den.

Schleiermacher bringt den Gesichtspunkt des Feierns in
das Gottesdienstverständnis ein. Der Gottesdienst ist „dar-
stellende Mittheilung und mittheilende Darstellung des ge-
meinsamen christlichen Sinnes". Der Vf. bemüht sich um ein
gerechtes Verständnis Schleiermachers, indem er auf seine
Abendmahlslehre hinweist. Demnach „geht alle Wirkung
ohne besonderes Zutun irgendeines Einzelnen unmittelbar
und ungeteilt von dem Wort der Einsetzung aus, in welchem
sich die ... Liebe Christi nicht nur darstellt, sondern immer
aufs neue kräftig regt...

Das Erbe Schleiermachers wirkt auch in der älteren litur-
gischen Bewegung weiter, wenn man die Forderung stellt,
der Gottesdienst soll Feier und Kunstwerk sein — jetzt aber
schon im Sinne des Kulturprotestantismus.

Unter den Haupttypen des Gottesdienstverständnisses in
der Gegenwart wird zunächst das von Rudolf Otto und der
jüngeren liturgischen Bewegung genannt. Durch ausgiebige
Zitate aus Ottos Werk: „Zur Erneuerung und Ausgestaltung
des Gottesdienstes" (1925) führt der Vf. den Beweis, daß Otto
In manchen Gedanken seiner Zeit weit voraus war und uns
auch heute noch etwas zu sagen hat.

Wertvoll ist der Hinweis auf die Bedeutung des gottes-
dienstlichen Lebens für die Gemeinden im Kirchenkampf
(S. 34)! In der jüngeren liturgischen Bewegung hat sich dann
allmählich die Erkenntnis durchgesetzt, daß „das Leben der
Kirche nur dann gesund sei, wenn in ihr die Einheit von
martyria, litourgia und diakonia voneinander unlöslich ...
festgehalten werde" (S. 35).

Als Haupttypen des gegenwärtigen Gottesdienstverständ-
nisses werden die Auffassungen von Peter Brunner und
Ernst Lange besprochen. Brunner bezieht den Gottesdienst
auf die göttliche Heilsökonomie. Es folgt nun eine ausführ-
liche Darstellung der Hauptgedanken Brunners vom Gottes-
dienst, als Träger der Heilsgeschichte.

Ernst Langes Gottesdienstverständnis wird anhand seines
Buches: „Chancen des Alltags" (1965) besprochen. Bei ihm
liegt das Schwergewicht auf dem Gottesdienst des Lebens im
Sinne von Rom 12. Auch der Gottesdienst im engeren Sinne
die Versammlung der Gemeinde, ist auf dieses Ziel hin aus-
gerichtet. Aus diesem Gottesdienst der Kirche in seinem
totalen Sinn ergibt sich, was der Gottesdienst der konkreten
Gemeinde seinsollte: „DieFunktion der Gemeindeversamm-
lung, der Liturgie, wäre also dahin zu umschreiben, daß sie
Menschen zur Wahrnehmung ihrer alltäglichen Wirklichkeit
im Licht der Christusverheißung ermächtigen will" (S. 44).

Man sieht, daß in den Gottesdienstauffassungen von Brun-
ner und Lange die Schwerpunkte grundverschieden gelagert
sind. Der Vf. votiert eindeutig für Brunners Konzeption.

Unter dem Titel „Gestaltungsprinzipien des Gottesdien-
stes" behandelt das Buch die sprachliche und sonstige Ge-
stalt, in Freiheit und Bindung und also in Angemessenheit.
Die Vertikale und Horizontale sollten im gottesdienstlichen
Geschehen unverkürzt zum Ausdruck gebracht werden.
Kontinuität und Aktualität sollten sich ebenfalls im Gleich-
gewicht halten.

Die Träger des Gottesdienstes — hier ist zunächst die Ge-
meinde zu erwähnen. Sie sollte so aktiv wie möglich an der
Vorbereitung und Durchführung des Gottesdienstes beteiligt
sein! Diese sehr wichtige Erkenntnis ist in der Lutherischen

— leider so oft vernachlässigten — Lehre vom allgemeinen
Priestertum aller Gläubigen fundiert. — Dann der Pastor
und andere Beauftragte der konkreten Gemeinde. Im „Ge-
genüber der Träger des liturgischen Geschehens .. . kommt
der Wort-Antwort-Charakter des Gottesdienstes zu seinem
sinnfälligen Ausdruck" (S. 51).

Kreatürlich bedingte Voraussetzungen des Gottesdienstes

— das sind: der Ort, die Zeit, die Gegenstände und die litur-
gischen Gesten. Die Behandlung des gottesdienstlichen Ortes
ist sehr kurz geraten im Vergleich zu anderen Teilen dieser
Liturgik, wie etwa der über das Lied und die Musik (S. 106
bis 136!). Aber auch die Besinnung über die Zeit und Gegen-
stände des Gottesdienstes sind ziemlich kurz gefaßt. Dem
Kirchenjahr würden wir größere Bedeutung zumessen.
Wichtig finden wir die Betonung dessen, daß der Altar
schlicht „Tisch des Herrn" ist, um den sich die Gemeinde zum
Herrenmahl versammelt. Die katholische Kirche ist uns (post
Vaticanum II) mit ihrem Volksaltar und ihrer flexiblen
Abendmahlsliturgie meilenweit voraus.

Im dritten Abschnitt: Der Gottesdienst in der Ökumene,
als Ergebnis der Liturgiegeschichte, werden die Gottes-
dienstformen der verschiedenen Konfessionen dargestellt.

Für die orthodoxe Liturgie ist wohl am bezeichnendsten,
daß in ihr irdischer und himmlischer Gottesdienst ineinan-
der übergehen, die Liturgie stellt die Heilsgeschichte von der
Schöpfung bis zur Parusie dar. „Als evangelische Christen
müssen wir fragen, ob nicht die kultische Form hier ein Ge-
wicht gewinnt, das dem neutestamentlichen Wesen des Got-
tesdienstes nicht entspricht.. ," (S. 63).

Die römisch-katholische Messe wird in ihrer nach Vati-
canum II entstandenen Form dargestellt. Die Predigt ist nun
fester, vorgeschriebener Bestandteil der Messe. Bezeichnend
ist die Vielfalt der variablen Formen, bemerkenswert die
aktive Beteiligung der Gemeinde in der Liturgie.

Im lutherischen Gottesdienst wird der reformatorische
Ansatz: nicht neuern, sondern erneuern anhand von Schrif-
ten Luthers eindrucksvoll dargestellt. Dann wird die heuti-
ge Form und der Aufbau der agendarischen Gottesdienst-
ordnung besprochen.

Der reformierte Gottesdienst ist ein reiner Wortgottes-
dienst. Das Abendmahl wird nur drei- bis viermal im Jahr
gefeiert, obwohl man sich in letzter Zeit um die Wiederher-
stellung des vollständigen Gottesdienstes bemüht.

Der anglikanische Gottesdienst hat das „Book of Common
Prayer" zu seiner Grundlage — darüber hinaus kann er sich
aber in einer großen Vielfältigkeit offerieren.

Der Gottesdienst aus puritanisch-biblischen Tendenzen ist
ein Versuch, zu der Schlichtheit des Urchristentums zurück-
zukehren - er läßt jedoch die geschichtliche Entwicklung
außer acht.

In einem kurzen Exkurs werden die Einweihungshand-
lungen behandelt.

Im nächsten Abschnitt werden nun die Elemente des Got-
tesdienstes (Ordinarium und Proprium) sowie ihre Bedeu-
tung erörtert. Hier wird mit Recht viel Aufmerksamkeit der
Perikopenfrage gewidmet. Auch sonst werden die einzelnen
Bestandteile der Liturgie sehr sorgfältig und auch unter Be-
rücksichtigung ihrer geschichtlichen Entwicklung bespro-
chen. Das rechte Beten im Gottesdienst ist ein besonderes
Anliegen des Vf .s. Die Einbeziehung der Gemeindeglieder in
die Predigtvorbereitung ist sehr zu begrüßen. Das Abend-
mahl und die Gemeindebeichte, auch in ihrem nicht pro-
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