Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

101.1976

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Theologisohe Literahuv.eitung 101. Jahrgang 1976 Nr. 11

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Mayer, Bernhaid: Unter Gottes Hcilsratschluß. Prädestina-
tionsaussagen bei Paulus. Würzburg: Echter Verlag [19741.
369 S. gr. 8° = Forschung zur Bibel, hrsg. v. R. Schnacken-
burg u. J. Schreiner, 15. DM 34.—.

Eine sorgfältige, solide, wenn auch wenig Neues ent-
haltende Dissertation legt B.Mayer, ein Schüler R.
Schnackcnburgs, in diesem Band vor. Er beginnt mit
einem exegesegeschichtlichen Überblick (S. 11-50).
Ausgangspunkt und Fragestellung der Arbeit ist die
These von Luz, daß Prädestination bei Paulus kein
eigenes theologisches Thema, sondern Denkdimension
sei (S. 55), die M. durch seine Untersuchungen be-
stätigt findet.

Die ersten fünf Kapitel enthalten sorgfältige Ex-
egesen von Einzeltexten. lThess5,9f. (S.57-69) betont
Pls mit Hilfe der prädestinatianisehen Aussage, daß
Sicherheit und Heil der Christen allein hei Gott liegen,
ohne jede vorstellvmgsmäßigc Ausmalung. Phil2,12f,
(S. 70-86) bildet Gottes Handeln das Motiv für mensch-
liches Handeln; von einem Paradox kann man nicht
sprechen. 1 Kor 2,6-10a (S. 87-108) ist ««.«/»'.< als gött-
licher Heilsplan zu verstehen, die Archonten, von der
1,18-25 destruierten menschlichen Weisheit her. als
menschliche Herrscher: nebeneinander stellen die Tor-
heit des Kreuzes „als Erwiderung Gottes auf das Ver-
sagen der Weisheil der Welt" (S. 108) und das Kreuz
..als der vor allen Zeiten in Weisheit vorherbestimmte
Heilsweg" (ebd.) 1 Ko 1,18, 2 Kor 4,3 und 2 Kor 2,15
(S. 109-135) haben die beiden Partizipien oofiöuevoi
und äitoMpevot keine prädestinatianische Implikation,
sondern man kommt mit deskriptivem Sinn aus. Rom
8,28-30 (S. 136-166) hat die prädestinatianische Aus-
sage eine positive Aufgabe; sie soll die Christen der
Gewißheit des Heils versichern. Wie auch an den übri-
gen Stellen verhindert hier Paulus eine Verfestigung
der Prädestinationsaussagen zu einein System, hier
durch die Gegenüberstellung der Prädest inat ionsaus-
sagen und roig iyanBtaiv rör &b6v (V. 28). In diesem wie
in anderen Texten (1 Kor 2,6ff.; 1 Theas 5,9f.) zeigt sich
die Christozentrik der paulinisehen Pradestinations-
aussagen.

Der Vf. verzichtet auf religionsgeschichtliehe und
traditionsgeschichtliche Analysen und beschränkt sieh
auf Exegesen des vorliegenden Textes. Hier scheint mir
eines der wichtigsten Resultate der Aufweis eines be-
wußten Nebeneinander von Aussagen über mensch-
liches Handeln (Phil 2,12; Rom 8,28a; I Kor2,9fin;
2 Kor 4,4 ärr/orotl) und pradcstiiiatianischen Aussagen
(Phil 2,13; Rom 8,28b.29f.; 1 Kor2,9d«; 2 Kor4,4).
Da die Aussagen an manchen Stellen betont parallel
geführt sind (vgl. nur Rom 8,28), frage ich mich, ob
nicht doch auch an Stellen wie Phil 2,12f. von Paradox
gesprochen werden muß. auch wenn selbstverständlich
zuzugeben ist, daß das Paradox nicht ausgeführt ist.
Ebenso scheint es mir angesichts der die Macht des
Evangeliums und das Verstoekungshandeln Gottes be-
tonenden Formulierungen 2 Kor 2,16 xind 4.4 fraglich,
ob prädest inatianische Anklänge (mehr nicht!) aus der
Gegenüberstellung von apttf/Jevoi und diroXXiSuevot ganz
auszuschließen sind.

Der zweite Teil der Arbeit (S. 167-313) besteht in
einer fortlaufenden Exegese von Röm9-ll, die sich
durch sorgfältige Literaturbenutzung und zurückhal-
tende, vernünftige exegetische Urteile auszeichnet. M.
vermeidet es, an den paulinischen Prädestinationsaus-
sagen irgend etwas abzumarkten und arbeitet das kon-
sequente Ineinander von göttlichem Plan und mensch-
licher Freiheit heraus. Das Paradoxon von göttlicher
Souveränität und menschlicher Verantwortung wird
von Mayer nicht aufgelöst; vielmehr braucht „Paulus...

beides, um Gott als Gott und den Mensehen als Men-
schen gerecht zu werden" (S. 313). Einige originelle
Punkte der Exegese seien besonders herausgehoben:
Rom i),6 1 3 werden die Pat riarchen. vor allem im Blick

auf das Zitat aus Mal 1.2 f.. korporativ gedeutet. Rom
9,22ff. wird unter strengem Bezug auf Rom 9,16 aus-
gelegt. S. 213f. deutet M. die Möglichkeit einer Syste-
tnatisierung von Widersprüchen an: Paulus kennt in
Röm !• prädestinierte Gesamtheiten, die aber in ihren
Einzelgliedern nicht prädestinatianiseh festgelegt sind
(Im Blick auf Pharao, aber m. E. auch im Blick auf die
I )est ruktion des Kollektivs in 0.0 b. auf Isaak und auch
auf Jakob [zu Mal l,2f. vgl. auch Gen 33,1 ff.] seien
Fragezeichen zu dieser Differenzierung angemerkt).
Röm 10 darf gegenüber Rom Dnicht abgewertet werden
der i'bergang zum Thema ..Schuld Israels" ergibt sich

aus der Exegese der Schriftzitate it.25 2!>. Die Exegese
von Pom 11.11 ff. verweigert m. E. mit Recht eine vor-
schnelle Harmonisierung der paulinischen Aussagen auf
einer heilsgeschichtlichen Entwicklungslinic: das Ge-
wieht liegt auf den qualitativen I leilsansagcn, nicht
auf zeitlicher Differenzierung. Röm 11,26 ist der
(inUi/i'us weder auf den irdischen Jesus, noch auf den
Parusiechristus, sondern auf Gott zu deuten (S. 292).
Die ausführliche Auseinandersetzung mit ('. Plag (S.
293ff.) ist besonders lesenswert.

Der Schlußteil (S. 314-327) faßt die Ergebnisse zu-
sammen und zieht Linien in die systematische Theolo-
gie hinein. Wichtige Stichwortepaulinisch.cn Prädesti-
nationsdenkens sind: Ohristozentrismus, konkrete An-
rede an die Gemeinde. Ablehnung des Determinismus,
Wahrung menschlicher Verantwortung bei entschie-
denem Festhalten an der doppelten Prädestination.
Die weitergehenden Aussagen späterer katholischer
Dogmatik sind nicht illegitim, weil ja Paulus nicht
eine systematische Prädest inat ionslehre entfaltet hat
(S. 321 ff.). Allerdings deutet M. hier auch, ganz am
Schluß, eine kritische Frage an: Ist nicht angesichts
des konkreten Gemeindebezugs paulinischer Aussagen
über die Prädestination, angesichts der Tatsache, daß
sie immer nur Horizont und Dimension, nie Thema
seines Denkens sind, jede Systematisierung der pau-
linischen Prädestinationsaussagen zu einer Prädest i-
nat ionslehre co ipso schon unerlaubte und problema-
tische „Abstraktion" (von der Gemeinde bzw. vom
Anredecharakter des Wortes Gottes, S. 3261'.)? Diese
Flage ist m. E. entscheidend und erlaubt es nicht, von
der Paulusexegcse her grünes Licht für die Entwick-
lung der Prädestinationsaussagen zu einer ..Lehre'" zu
geben.

Güttingen Ulrich Luz

KIRCHENGESCHICHTE:
ALLGEMEINES

Dirtionnaire de Spiritualilp, ascetique et mystique, doctrine et
histoire, fonde par M. Viller. F. Cuvallera, J. de (hühert.
S. J., continue par A. Rayez, A. Derville et A. Solignae,
S. J. avec le eoueours d'im grand nomine de collahorateurs.
Tome VIII: Jacob - Kyspenning. Paris: Beaucliesnc 1974.
1806 Sp. 4°.

Seit dem Erscheinen der ersten Lieferung dieses um -
länglichen Lexikons im Jahre 1!)32 habe ich regel-
mäßig diese und alle folgenden in dieser Zeitschrift be-
sprochen. Jetzt liegt mit den Lieferungen 52-58 der
achte Hand vor. der die Artikel mit den Anfangsbuch-
staben .) und K enthält, l'ntcr den (bundarten von
Beiträgen fe sseln uns zunächst die beiden größten,
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