Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

101.1976

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Theologische Literaturzeitung 101. Jahrgang 1976 Nr. 10

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sind, gerade auch dann, wenn sie bisher bereits vorhan-
dene Erkenntnisse auf der Grundlage einer so umfassen-
den Untersuchung alles überhaupt nur erreichbaren Ma-
terials lediglich zu befestigen vermögen: 1. Die jüdi-
schen Bibelillustrationen des Mittelalters zeigen keine
wesentlichen Einflüsse der gleichzeitigen christlichen
Kunst. „L'iconographie juive se nourrit d:un contact
tres etroit avec le texte biblique et de la connaissance de
la Tradition orale, consignee dans le Talmud, dans le Mi-
drash, et dans divers commentaires" (S. 393). 2. Eigen-
tümlichkeiten christlicher Ikonographie sind nur ganz
vereinzelt, „comme par lapsus", auf dem Wege der
Adaption gewisser technischer und stilistischer Entwick-
lungen in die Illustration der Haggadot eingedrungen.
3. Die mittelalterlichen Haggadotillustrationen vermö-
gen kaum etwas auszusagen über den Weg, den die jü-
dische Kunst in der Zeit zwischen dem 3. und dem 10. Jh.
genommen hat. Zu verschiedenartig sind die Sujets und
der (literarische) Rahmen der einzelnen Darstellungen,
um hier zu wissenschaftlich haltbaren Schlußfolgerungen
gelangen zu können. 4. „Ici encore hous avons eu l'im-
pression que les moments createurs etaient passes quand
apparurent les plus anciens des manuscrits qui nous res-
tent et qu'il s'agissait surtout de developper, d'exprimer
plus pleinement ä la faveur des nouvelles ressources de
la peinture des sujets dejä fixes" (S. 394). 5. Es wird nicht
länger möglich sein, eine Geschichte der mittelalterlichen
Malerei ohne Berücksichtigung auch der jüdischen
Künstler jener Zeit zu schreiben. ..Elles sont assez fortes,
dans leur habiletc ou leur ingenuite technique, pour sus-
citer en nous des impressions en harmonie avec le mes-
sage que perpetue le texte qu'elles aecompagnent"
(S. 394).

In einem ausführlichen Katalog (S. 406—442) werden
sämtliche bedeutenderen illustrierten Haggadot sorgfäl-
tig beschrieben und der jeweilige Fundort mit genauer
Signatur der einzelnen Bibliotheken und Sammlungen
angegeben. Die auf den Seiten 443—460 mitgeteilte Bi-
bliographie, die 121 Nummern umfaßt, stellt nur einen
Ausschnitt aus einer umfassenderen, für einen späteren
Zeitpunkt zu erwartenden Titelliste zu den verschiede-
nen Aspekten der jüdischen Kunst überhaupt dar. Aller-
dings wird der deutschsprachige Leser unter Nr. 775 einen
Hinweis auf die bibliophile Ausgabe der Haggada von
Serajevo (Einleitung von C. Roth), Leipzig—Beograd
19672, vermissen. Die englische, französische, hebräische
und italienische Fassung dieser Edition wurden vom Vf.
vermerkt. Die Benutzung der M.sehen Arbeit wird durch
verschiedenartige Indices auch für den Leser wesentlich
vereinfacht, der sich nur für Teilaspekte des umfäng-
lichen Stoffes interessieren sollte.

Ein besonderes Lob gebührt der reichhaltigen Bebilde-
rung (481 Abb. auf 83 Taf.), durch die tatsächlich alle er-
wähnten Malereien, wenn auch gelegentlich in technisch
nicht ganz befriedigender Weise, dem Benutzer des Wer-
kes zur Kontrolle oder zur eigenen Weiterarbeit zugäng-
lich gemacht worden sind.

Insgesamt ist M. das ehrgeizige Vorhaben einer „Con-
stitution d'un Corpus de la Haggada enluminee" (S. XV)
in vorzüglicher Weise gelungen. In Zukunft wird es kei-
nem mit der Ikonographie alttestamentlicher Szenen be-
schäftigten Forscher, keinem mit der Geschichte des
mittelalterlichen Judentums befaßten Gelehrten, vor
allem aber auch keinem christlichen Archäologen, der die
komplizierten Beziehungen zwischen spätantik-jüdischer
und frühchristlicher Kunst aufzuhellen unternimmt,
möglich sein, diese Arbeit unbeachtet zu lassen, will er
nicht Gefahr laufen, den Boden des tatsächlich Beleg-
baren zu verlassen und sich in fragwürdigen Hypothesen
zu verlieren.

Mendel Metzger hat sein großes Werk dem Andenken
an seine Eltern, seinen Bruder und seine Großeltern,
„victimes de la .Solution finale' nazie", gewidmet. Der

Rezensent hält es für seine Pflicht, dieses Anliegen des
Autors nicht unerwähnt zu lassen.

Halle (Saale) Peter Maser

Boer, S. de, Dr.: De Ikonenstrijd van 726—843. Leiden:
Brill 1975. 40 S. gr. 8°.

Ehrlich, Klaus: Für den lebendigen Gebrauch erhalten.
Zum Verhältnis von Kirche und Denkmalspflege
(Kunst und Kirche 1975 S. 105-106).

Ermecke, Gustav: Philosophische und theologische Grund-
lagen der Kunst im allgemeinen, der Musik im beson-
deren (ThGl 65, 1975 S. 427-439).

Falskamp, Franz: Daten der Marienkirche zu Wieden-
brück (Franziskanische Studien 57, 1975 S. 25—36).

Kahlefeld, Heinrich: Theologische Bemerkungen zum
Kirchenbau (Kunst und Kirche 1976 S. 20).

Muck, Herbert: Leitbilder kirchlichen Bauens (Kunst
und Kirche 1976 S. 27-31).

Prawer, J.: A Crusader Tomb of 1290 f'rom Acre and the
Last Archbishops of Nazareth (IEJ 24, 1974 S. 241 bis
251).

Rombold, Günter: Ästhetische und anthropologische
Raumqualitäten (Kunst und Kirche 1976 S. 21—26).

Schlink, Wilhelm: Licht und Farbe im Kirchenraum des
Mittelalters (Kunst und Kirche 1975 S. 161-166).

Schreiter, Johannes: Werkstoff Glas als Filter des Lichts.
Grisaillen und Weiß-„Fenster" nach 1945 (Kunst und
Kirche 1975 S. 170-177).

Thomas, Hans Michael: Der Erlösungsgedanke im theo-
logischen Programm der Arenakapelle (Franziskani-
sche Studien 57, 1975 S. 47-96).

Volp, Rainer: Alte Räume für neue Situationen wecken
(Kunst und Kirche 1975 S. 127-130).

— Vom Umgang mit Farbe im Gottesdienst. Neuzeitliche
Farbtheorien und liturgische Farbregeln (Kunst und
Kirche 1975 S. 184-188).

— Der Umgang mit Räumen (Kunst und Kirche 1976 S. 2).
Wiribal, Norbert: Kirchliche Denkmalspflege und der

Riegl'sche Alterswert (Kunst und Kirche 1975 S. 138 bis
139).

Widder, Erich: Kirche zwischen Denkmalsschutz, Kunst-
pflege und seelsorgerlichen Aufgaben (Kunst und Kir-
che 1975 S. 137).

Wimmenauer, Karl: Ein Plädoyer für den alten Raum
(Kunst und Kirche 1975 S. 120-121).

RELIGIONSSOZIOLOGIE

Houtart, Francois, und Andre Rousseau: Ist die Kirche
eine antirevolutionäre Kraft? Ubers, v. G. Niemann.
München: Kaiser; Mainz: Matthias-Grünewald-Ver-
lag [1973]. 315 S. 8° = Gesellschaft und Theologie. So-
zialwissenschaftl. Analysen, hrsg. v. D. Goldschmidt,
O. Schreuder, T. Strohm, L. Vaskovics, unter Mitarb. v.
J. M. Lochman, T. Luckmann, T. Rendtorff, W. Zapf u.
U. Boos-Nünning, 8. DM 35,—.

Houtart ist Professor für Religionssoziologie an der
Universität Löwen und Generalsekretär der Internatio-
nalen Föderation religionssoziologischer Institute
(FERES), Rousseau vertritt die Religionssoziologie als
Dozent am Institut Catholique in Paris. Die Frage, ob die
katholische Kirche, von der primär die Rede ist — wenn
zum Vergleich auch auf Positionen des Weltkirchenrates,
der CFK usw. verwiesen wird —, eine antirevolutionäre
Kraft ist, wird daher mit Mitteln und Methoden reli-
gionssoziologischer Art untersucht.

Im l.Teil „Die Lehren der Vergangenheit" wird zu-
nächst die Haltung der katholischen Kirche vor, wäh-
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