Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

101.1976

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Theologische Literaturzeitung 101. Jahrgang 1976 Nr. 10

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Der Nutzen dieses Buches für einen breiteren Leser-
kreis ließe sich steigern, wenn man mit den Abbildun-
gen anders verführe. Sie sind jetzt zwischen die S. 116
und 117 eingefügt. Verteilte man die vorgesehene Zahl
von Kunstdruckblättern auf den ganzen Text, ordnete
man auf ihnen bis zu vier kleinformatige Reproduktio-
nen an und würde auf sie bei der Behandlung im fort-
laufenden Text verwiesen, so könnten die dargebotenen
Analysen an Uberzeugungskraft gewinnen.

Leipzig Hartmut Mai

Metzger, Mendel: La Haggada Enluminee. I. litude icono-
graphique et stylistique des manuscrits enlumines et
decores de la Haggada du Xlle au XVIe siecle. Preface
par R. Crozet. Leiden: Brill 1973. XXX, 518 S., 481 Abb.
auf 83 Taf. 4° = Etudes sur le Juda'isme Medieval, dir.
par G. Vajda, II. Lw. hfl. 290.-.

Immer wieder sieht sich die Christliche Archäologie
genötigt, die grundsätzliche Frage nach den „Quellen"
der altchristlichen Kunst zu stellen. War es in den ersten
Jahrzehnten unseres Jahrhunderts die sogenannte
„Orient-Rom-Frage", deren Lösung durch die weltan-
schaulichen, konfessionellen und nationalen Bindungen
der an dieser Debatte beteiligten Forscher nicht eben ge-
fördert wurde, so ist seit rund vierzig Jahren diese „geo-
graphische" Fragestellung durch die im Grunde „reli-
gionshistorische" nach dem Anteil der spätantik-jüdi-
schen Kunst an der Ausbildung der frühchristlichen
Kunst abgelöst worden. Seit der Ausgrabung der Syn-
agoge von Dura Europos im Jahr 1932 ist das Vorhanden-
sein einer im 3. Jh. bereits weit entfalteten spätantik-jü-
dischen Kunst unbezweifelbar geworden. Allerdings wis-
sen wir weder Genaueres über den Ort (Alexandrien?)
noch den Kunstzweig (Buchmalerei?), wo sich diese
Kunst zu jener beachtlichen und erstaunlich selbständi-
gen Form, wie sie uns in den Fresken der Durener Syn-
agoge gegenübertritt, entwickelt haben mag.

Trotz der Unsicherheiten in bezug auf die Entstehung,
Verbreitung und Auswirkung dieser spätantik-jüdischen
Kunst auf andere kulturelle und religiöse Bereiche darf
schon heute als weithin gesichertes Ergebnis angenom-
men werden, daß diese neben der paganen hellenisti-
schen Ikonographie wesentlichen Einfluß auf die Entste-
hung und Ausbildung des frühchristlichen Bilderkreises
gewonnen hat. Allerdings bleibt der Forscher angesichts
des vergleichsweise geringen Denkmälerbestandes häu-
fig genug darauf angewiesen, sein Belegmaterial jüdi-
scher Provenienz dadurch auszuweiten, daß er auch ver-
hältnismäßig späte jüdische illustrierte Handschriften
als Glieder einer hypothetisch angenommenen ungebro-
chenen Bildtradition in die Beweisführung einbezieht
oder sich in einzelnen Fällen sogar berechtigt glaubt,
Bildhandschriften eindeutig christlicher Herkunft in An-
spruch nehmen zu dürfen, weil bestimmte Details der Il-
lustrationen auch dieser Handschriften nicht ohne den
Einfluß spezifisch jüdischer Bildtraditionen zu erklären
sind. Die Stichhaltigkeit solcher indirekten Beweisver-
fahren wird nur von Fall zu Fall entschieden werden
können. Eine Nachprüfung wurde bisher dadurch erheb-
lich erschwert, daß zwar die bedeutendsten frühchrist-
lich-byzantinischen Bildhandschriften im allgemeinen in
technisch vorzüglichen und sorgfältig kommentierten
Ausgaben publiziert worden sind, dafür aber eine ver-
läßliche Übersicht über die späteren jüdischen illumi-
nierten Handschriften bisher als schmerzlich empfun-
dene Lücke zu verzeichnen war.

Der hier gestellten Aufgabe hat sich M. Metzger mit
bewundernswertem Fleiß, größter Gewissenhaftigkeit
und erstaunlicher Kenntnis des einschlägigen Stoffes ge-
widmet. Dabei berührt es sympathisch, daß R. Crozet-

Poitiers als „Doktorvater" des Vfs. in seiner „Preface"
(S. XI—XIII) auch einmal darauf hingewiesen hat, von
welchen menschlich-moralischen und materiellen Schwie-
rigkeiten die Entstehung einer derartig umfänglichen
wissenschaftlichen Arbeit begleitet sein kann.

M. untersucht die Haggadot vom 13. Jh. an, setzt also
mit den frühesten bekannten illustrierten Beispielen die-
ser mit dem Ritual des Passafestes fest verbundenen
Literaturgattung ein und endet mit dem 16. Jh., in dem
die ersten mit Holzschnitten geschmückten Haggadot
(Prager H. 1526, Mantuaner H. 1560) erschienen. Dabei
will er nicht weniger erreichen als „recensements, clas-
sements complets et reproduction integrale" (S. XV) des
gesamten Materials.

In der „Introduction" (S. 1—30) gibt der Vf. einen
Uberblick über die Forschungsgeschichte seines Gegen-
standes und charakterisiert die grundsätzlichen Proble-
me, mit denen er sich bei seinen Untersuchungen kon-
frontiert sah: die Existenz seiner mittelalterlich-jüdischen
Kunst, deren Beziehungen zur christlichen Ikonographie,
die Traditionen der mittelalterlichen jüdischen Buch-
malerei und deren Einteilung in drei deutlich voneinan-
der zu unterscheidenden Gruppen. M. nennt hier die rein
dekorativen Malereien, die Illustrationen, die das häus-
liche Ritual des Passafestes (Seder) darstellen, und die
Gruppe der biblischen Szenen, die sich u. a. auf Texte der
Genesis, des Exodus, der Psalmen, der Propheten und
des Buches Esther beziehen. Entsprechend dieser Grup-
pierung ist der umfangreiche ikonographische Teil (S. 33
bis 232) gegliedert. Auf 190 Seiten werden die rituellen
Bilder in feinster Systematik beschrieben und analysiert.
M. ist es gelungen, über 30 verschiedene Einzelszenen
nachzuweisen, durch die das Geschehen des Seder in den
illustrierten Haggadot dargestellt wurde. Das hier aus-
gebreitete und durch die beigegebenen Illustrationen an-
schaulich gemachte Material trägt zur Vertiefung unserer
Kenntnisse über die häuslichen rituellen Gebräuche des
mittelalterlichen Judentums erheblich bei und gewinnt
an zusätzlichem Reiz durch die immer wieder festzustel-
lende genrehafte, bis an die Grenzen des Possenhaften
und Karikaturistischen reichende Erzählweise der Maler.
Diese oft anekdotenhafte Darstellung läßt einerseits auf
gewissen Einfluß der zeitgenössischen christlichen Kunst
schließen und dokumentiert andererseits beeindruckend
die große innere Freiheit und Menschenkenntnis, mit der
die weithin unbekannten jüdischen Künstler den Vollzug
der altehrwürdigen rituellen Gebräuche zu sehen ver-
mochten.

Die Erörterung der biblischen Szenen innerhalb der
Haggadot fällt im Vergleich zu der der rituellen ein we-
nig pauschal aus (S. 233—333). Allerdings kann der Vf.
hier auf mannigfaltige Spezialuntersuchungen verwei-
sen, in denen die Probleme dieser Darstellungen bereits
eingehend bearbeitet worden sind. So begnügt er sich im
allgemeinen mit summarischen, nur die wichtigsten Va-
riationen hervorhebenden Abrissen, die den Leser auf
das vorhandene Material hinweisen und Raum zu vertie-
fender Weiterarbeit lassen. Besonders hilfreich dürfte
sich hierzu die auf S. 234—254 mitgeteilte Liste der in den
Haggadot zu findenden biblischen Szenen mit genauen
Angaben über den jeweiligen Fundort erweisen.

In einem dritten Abschnitt „Le Style" (S. 357-392) ver-
sucht M. die Merkmale genauer zu erfassen, durch die
sich die sefardischen von den aschkenasischen Rezensio-
nen der Haggada auch ikonographisch unterscheiden las-
sen, und gibt eine chronologische synoptische Übersicht
der von ihm untersuchten Handschriften (S. 385f.). Das
Kapitel wird durch Mitteilungen über die Miniaturi-
sten, soweit diese überhaupt wenigstens namentlich fest-
zustellen waren, abgeschlossen (S. 387—392).

In der ..Conclusion" (S. 393 f.) kommt M. dann zu all-
gemeinen Schlußfolgerungen, die für die Geschichte der
mittelalterlichen jüdischen Kunst von größtem Interesse
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