Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

101.1976

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Theologische Litcralurzcitung 101. Jahrgang 1976 Nr. 8

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Die Aufguben, die heute dem kirchlichen Verfassungsrecht
an einer entscheidenden Wende gestellt ist, wird aber erst
deutlich, wenn man die Unterscheidung der Grundkonzeptio-
nen des kirchlichen Verfassungsrechts im ersten und im zwei-
ten Jahrtausend sich vor Augen stellt. Hier stoßen wir auf die
weittragendste Deutung bei D. Der Vf. war versucht, das vor-
liegende Werk „dem unbekannten Sohm" zu widmen, der in
einer nachgelassenen Arbeit „Das altkatholische Kirchenrecht
und das Dekret Gratians", „in einer einzigartigen und unüber-
botenen Leistung den Geist und das systematische Gefüge des
pneumatischen Kirchenrechts der alten Kirche verstehen ge-
lehrt" und damit, durch geschichtliche Fakten belehrt, eine
Revision seiner bekannten Grundfassung über das Verhältnis
von Kirche und Recht vollzogen habe. Dieses pneumatische
Kirchenrecht des ersten Jahrtausends begreift I). unter der
Bezeichnung „epikletisches Kirchenrecht", indem er die „sach-
liche und signifikante Bedeutung liturgischer Grundvollzüge"
als Grundlage des Kirchenrechles gemäß seiner Gesamtauffas-
sung zur Anwendung bringt (108). Um die Wende vom ersten
zum zweiten Jahrtausend geht unter dem bestimmenden liin-
fluß der „großen Bußbewegung, die von neuen Ordensbildun-
gen ausstrahlte", im Kirchenrecht eine große Transformation
vor sich, die im IV. Laterankonzil 1215 mit der Einführung
der regelmäßigen Beichtpflicht für alle Christen, an deren Er-
füllung der Empfang der Sakramente hing, ihre Vollendung
erfuhr. Diese Transformation vollzog sieh, so will der Vf. uns
deutlich machen, unter der Frage, wie denn „Legitimität und
Identität der Kirche jeweils erwiesen und geklärt" werden
können (109). Also nicht primär durch Vermittlung des römi-
schen Rechts, sondern durch die Ilerausarbeitung der theo-
logischen Fragen nach dem Gewissen, der Schuld, der Buße
und der Rechtfertigung bildet sich „der extrem juridische
Charakter des lateinischen Kirchenrechts aus mit einem hohen
Anteil an Rationalität" (112). Das für den evangelischen Theo-
logen aber nun eigentlich Uberraschende ist, daß l)., unter
Berufung auf die theologiegeschichtliche Einordnung der
Rechtfertigungslehre durch die Theologen Ernst Wolf und W.
Danlinc, die Auffassung vertritt, daß auch die reformatorischen
Kirchen an dieser Rechtsstruktur des tranzendentalen Kir-
chenrechts teilhaben, indem, strukturmäßig gesehen, an die
Stelle der päpstlichen Jurisdiktion die „Selbstmächtigkcit und
Selbstausrichtung des Wortes Gottes" (141), an die Stelle der
Kardinäle als ercaturae pape die Kirche als creatura verbi
tritt (123) und nun das „Amt" das einzige „unauflösbar ver-
bleibende institutionelle Element der Kirche" wird, das nun
freilich „aus allen historischen Konkretionen abstrahiert" (mi-
nisterium sine nomine) und „auf Gleichheit gestellt" „notwen-
dig überlastet werden mußte" (136) und „für das lebendige
Leben der Kirche charakteristische und notwendige Bildun-
gen" hinderte (138). Audi im Beformiertentum geht es um
das „Amt", wenn auch in Pluralität und Kollegialität. Es sind
in beiden Fällen „antithetische Lösungen des gleichen Pro-
blems unter gemeinsamen Voraussetzungen" (154). In allem
aber schlägt das transzendental begründete Kirehenrecht nicht
wirklich bis zum Grund durch. Altkirchliche Elemente wirken,
vor allem im Taufrecht, unverarbeitet nach. Die inhaltliche
Kennzeichnung des Amtes gerät ins Schwimmen. Die im Be-
kenntnis bezeugte allgemeine Kirche bleibt im Grunde im luft-
leren Raum (176). So beginnt das transzendentale Kirchen-
recht heute sich aufzulösen. „An die Stelle einer Spannung,
die sich genötigt sieht, auch das jeweils andere nicht zu verlie-
ren, tritt die Mehrdeutigkeit, in der jede Position das ihr Ge-
nehme annehmen kann, zugleich das Gegenteil dulden muß",
was der Verfasser in sehr kritischer Beurteilung in der Leuen-
berger Konkordie verwirklicht sieht (182). Das Werk schließt
mit dem Ende des transzendentalen Kirchenrechts des zwei-
ten Jahrtausends.

Wir haben damit in einem sehr gerafften Uberblick an die
Bedeutung des Domboisschen Werkes heranzuführen versucht.
Wir wollten Juristen und Theologen zur Lektüre ermutigen.
Man sollte sich jedenfalls durch die manchmal schwierige Dik-
tion und durch die zuweilen eigenwilligen Formulierungen
davon nicht abschrecken lassen. Das Buch eröffnet ungewöhn-

liche Aspekte. Die intensive, durch Jahrzehnte hindurch
durchgehaltcne, hauptberufliche Beschäftigung mit der Ma-
terie, die große (jelehrsamkcit, die sich mit den rechtlichen
wie den theologischen Problemen beschäftigt hat, der Spür-
sinn in der Frage nach den inneren Zusammenhängen und die
Leidenschaft im vielfach bewährten ökumenischen Einsatz
sind bewundernswert. Wenn Rezensent dennoch der Meinung
ist, daß Gefahr besteht, daß es diesem zweiten Band ebenso
ergehen könnte wie dem ersten Band des großen Werkes,
nämlich daß weder die Kirchenjuristen noch die Theologen
sich der Wegfübrnng des Vf. anvertrauen, so liegt das nach
dem Urteil des Rezensenten an folgendem:

Die Einheil von gottesdienstlichem Handeln, Lehre und
Hecht im geschichtlichen Weg der Kirche ist eindrucksvoll dar-
getan. Darüber muß der Theologe eigentlich Jurist und der
Jurist eigentlich Theologe werden. Vf. ist beides in einem spe-
zifischen Sinne. Offen bleibt aber nach Meinung des Rcz. die
Frage, ob die so vollzogene Inbeziehungsetzung von Gottes-
dienst und Recht, von Dogma und Verfassung milvollzogen
wird. Wenn das Geschehen des Gottesdienstes rechtliche Im-
plikationen hat, so ist damit noch nicht gesagt, daß es selber
als Rechtsvorgang interpretiert werden kann oder muß. Die
Anfragen an die Grundtheorie des Vf. vom ersten Band des
„Rechts der Gnade" bleiben bestehen.

Das gilt auch von der im Milleniumsdcnken vorgetragenen
geistlichen Schau des „epikletisehen" und des „transzenden-
talen" Kirchenrechts. Der Hinweis auf den „unbekannten
Sohni" kommt einer geistigen Entdeckung gleich. Leider ist
die Festschrift für A. Wach schwer zu bekommen. Daß das
Kirchenrecht des ersten Jahrtausends wie ein in der Tiefe
fließender unterirdischer Strom nachwirkt, scheint unbezwei-
felbar und sollte in unser Bewußtsein gehoben werden. Sehr
viel schwieriger scheint dem Rez. die einheitliche Schau do»
„tranzendentalen Kirchenrechts" des zweiten Jahrtausends zu
sein. Zwar ist die Transformation des Kirchenrechts am Be-
ginn des zweiten Jahrtausends in seiner theologischen Begrün-
dung eindrucksvoll dargetan. Aber es wird dem evangelischen
Theologen und Kirchenjuristen nur schwer möglich sein, die-
selbe transzendental begründete Struktur auch im protestan-
tischen Kirchenrecht anzuerkennen. Das Wort Gottes ist von
Luther doch wohl nicht im Bahmen einer transzendentalen
Fragestellung, sondern als souverän richtendes und rettendos
Wort erfahren worden, das im grundlegenden Unterschied
zum katholischen Kirchenrecht aller Ordnung und allem
Recht in der Kirche eigene Heilsbedeutung schlechthin versagt.
Im ökumenischen Gespräch zwischen Katholiken und Prote-
stanten heute wird doch gerade darum gerungen, daß man das
„Einheitsamt" des Papstes nur dann diskutieren könne, wenn
es als dem Evangelium in jedem Fall untergeordnet und aus-
schließlich de jure humano angesehen wird. Gerade im öku-
menischen Dialog muß der allein heilscliaffenden, Ordnung
und Recht begrenzenden Wahrheit des Wortes Gottes Rech-
nung getragen werden.

Und endlich: Es ist sicher ein hohes Verdienst des Vf., die
Geschichte der Kirche und ihrer Verfassung aus der „innersten
Kraft des Glaubens" selber heraus verstanden und erläutert
und nicht einfach die sog „Abfallthcoricn" zur Erklärung her-
angezogen zu haben.

Was Vf. an aktiver und passiver Individuation in der kirch-
lichen Verfassungsgeschichtc aufzeigt und was er über die vier
grundlegenden Strukturclcmcnte der Kirche ausführt, sollte
nicht wieder in Vergessenheit geraten. Man kann von da aus
auf den „Versuch einer Verfassungstheorie der Kirche" sehr
gespannt sein. Ob allerdings damit alles an „Spaltungen" und
„Besonderungen" in der Kirchengcschichte erklärt ist, ob nicht
auch in der Verfassungsgeschichte geschichtlich-menschliche
Abfallserscheinungen ihren Ausdruck fanden, vor allem, ob
die sog. nichtthcologischcn oder nichldogmatischen Faktoren
von draußen nicht doch eine größere, ja eine in der Kirche als
geistig-geschichtlicher Größe notwendig mitbestimmende Rolle
gespielt haben, stärker, als der Verfasser es zugeben möchte,
wird die Frage sein. Rez. gesteht, daß er hier vom Vf. ni-ht
überzeugt worden ist, sondern an dem Verständnis des Rechtes
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