Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

101.1976

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Theologische Litcraturzeituog 101. Jahrgang 1976 Nr. 8

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sich eine Relation zu „natürlichem" Denken ergibt. Dies ge-
schieht durchaus sachgemäß und ohne Bultmann in zweifel-
hafter Weise in die Nähe einer natürlichen Theologie zu rük-
ken: Bullmanus Anschluß an Heideggers Daseinsanalyse wird
einleuchtend und unter Betonung dessen herausgearbeitet, daß
die Eigenmächtigkeit des Existentialismus von Bullmann stets
als die eigentliche Sünde angesehen wurde; Bultmanns Ge-
danke der „Anknüpfung" der Verkündigung beim Menschen
macht der Vf. im Sinne Bullmanns angemessen als Wider-
spruch gegen den natürlichen Menschen verständlich; das na-
türliche Wissen um Gott in Bultmanns Theologie erklärt Bou-
lin als nicht-wissendes Wissen; daß auch der Sünder die
„Ebenbildlichkeit Gottes" für Bultmann nicht verliert, bedeutet
nur, daß auch er noch „in Beziehung auf..." lebt; dement-
sprechend behält auch der natürliche Mensch zwar eine rela-
tive Freiheit, ohne daß doch das totale Verfallenscin an die
Sünde dadurch aufgehoben würde; usw.

Stets bleibt also der reformatorische Charakter der Theolo-
gie Bultmanns voll erhalten, ja, er wird von Boutin auf das
deutlichste herausgearbeitet. Aber dies geschieht ohne expli-
ziten Bezug auf die reformatorischc Tradition — Luther wird
nur beiläufig erwähnt, reformatorische Begrifflichkeit begeg-
net ganz selten — und im Rahmen eines Gesprächs mit philo-
sophischen und katholisch-theologischen Denkern, vor allem
eben mit Heidegger und Rahner. So fällt z. B. in der ausführ-
lichen Diskussion der politischen Dimension der Theologie
Bultmanns der Begriff „Zwei deiche" oder „Zwei Regimente"
nicht, während die entsprechende Sache im kritischen Gespräch
mit Metz verfochten wird.

Aus dem allen erhellt, wie sehr Boutin seinen Gegenstand,
die Theologie Bultmanns, als einen höchst aktuellen Gegen-
stand in das Bewußtsein vornehmlich der katholischen Welt
rücken will. Er zeichnet Bultmanns Theologie so katholisch
wie möglich und so evangelisch wie nötig und wird nach bei-
den Seiten Bultmann voll gerecht. Daß ihm dabei die Be-
schränkung der Darstellung auf die anthropologischen Sach-
verhalte entgegenkommt, bedarf keiner Frage.

Man wird Boutin nicht nur gerne bescheinigen, daß sich in
»einer Untersuchung eine außergewöhnliche Kenntnis der
Schriften Bultmanns mit einem einfühlsamen, ja existentiel-
len Verständnis der Theologie des großen evangelischen Theo-
logen und mit einer bemerkenswerten Gabe verbindet, das
selbst Verstandene dem Leser eindrücklich verständlich zu
Buchen. Der Rezensent fühlt sich auch in seiner Uberzeugung
bestätigt, daß die Theologie Rudolf Bultmanns nach wie vor
die modernste und aktuellste Theologie nicht nur der evange-
lischen Christenheit, sondern der Christenheit überhaupt ist,
neben der die Genitiv-Theologien des letzten Jahrzehnts nicht
* icl zählen. Er teilt die Uberzeugung Boutins, daß die ange-
sichts des theologischen und pseudotheologischen Chaos der
Gegenwart besonders dringlich gewordene „Frage nach der
Begründung und Bedeutung des christlichen Glaubens" (592)
ohne zentrale Berücksichtigung der Theologie Bultmanns und
°hne „eine wirkliche Aneignung seiner Fragestellung" nicht
z*ilgemüß gestellt werden kann.

Der Christian Kaiser Verlag, in dem Boutins Buch erscheint,
bat in Jcn letzten Jahren mandics Gespür für das gehabt, was
jeweils „dran" war, auch wenn dabei durch oberflächlichen Mo-
dernismus die Theologie insgesamt nur weiter ins Abseits der
Gesellschaft geriet. Gerade aber wer mit Bedauern sah, wie oft
vcrlegcrisches Geschick Torheiten der Welt für die letzten
Weisheiten Gottes verkaufte, wünscht von Herzen, daß auch
diesmal der Verlag die richtige Witterung haben möge und der
|Ute Wind lange anhält — trotz der auch aus katholischer
°*0nt unsinnigen Feststellung des Klappentextes, Boutin stelle
»die Bultmannforschung auf eine neue Grundlage, denn er
*Plgl einen ganz anderen als den bisher bekannten Bultmann".
Aber der wirkliclie Holtmann ist zu früh unbekannt gewor-
den. Wir können nicht einfach zu ihm zurückgehen, aber wir
Verden, wie die Dinge liegen, nur mit ihm weiterkommen,
.'■'ß uns ein katholischer Theologe daran nachdrücklich er-
",n,,rt, ist nicht das Schlechteste an dem Buch Boutins.

Berlin (Weit) Walter Sdimithali

Grelot, Pierre, Prof.: Peche originel et redemplion. Examines
a partir de l'epitrc aux Romains. Essai theologque. Paris:
Deselee [1973]. 409 S. 8°.

P. Grelot, biblischer Exeget und Orientalist, legt hier einen
Entwurf zur paulinischen Theologie vor, der gleichzeitig die
Aufgabe hat, die Mißdeutungen des Textes im Bereich der
Geistesgeschichte aufzudecken und abzuwehren. Die Frage
nach Ursünde und Erlösung führt ihn z. B. in eine lebhafte
Auseinandersetzung mit S. Freud und der Psychoanalyse: Wo
diese spekulativ wird, führt sie notwendig in einen Bereich,
auf dem der Theologe antworten muß. Vor allem geht es um
das Gottvalerbild, das bei Paulus vorausgesetzt wird, um das
menschliche Schuldbewußtsein und die Entsühnung, die durch
Jesus Christus geschehen ist. Wie sieht die Psychoanalyse die
Symbolsprache des Glaubens, und was legt sie in sie hinein?
P. Grelot verspricht sich von der Vergleichung mit S. Freud
mehr als von einer Heranziehung von C. G. Jung und seiner
Archetypik: S. Freud stehen trotz seines Atheismus dem bi-
blischen Denken näher als die gnostisierende Archetypik C. G.
Jungs. S. F'reuds Kategorien sind trotz eigenartiger zeitgebun-
dener religionswissenschaftlicher Einsichten letztlich dein Alten
Testament nicht so fern. Tatsächlich bedarf der Exeget, wenn
er S. Freud heranziehen will, eines gewissenhaften Studiums
seiner Schriften, der einschlägigen Literatur und psychologi-
scher Einsichten. P. Grelot wird man bestätigen können, daß
er auf diesem Gebiet viel aufgearbeitet hat, aber gleichzeitig
den Blick auf die patristische Exegese und die katholische
Dogmatik im Auge behält.

Die Syrnholsprache der Bibel verrät nach P. Grelot ein dra-
matisches Geschehen, das tief hinein in das menschliche Da-
sein reicht: Ursprünglich steht der Mensch im Haß gegen Gott
und triumphiert: „Es gibt keinen Gott" (Ps 14,1). Gott ist aus-
geschaltet aus dem Gewissen, der Mensch hat sich seinen Lü-
sten und Begierden preisgegeben. Der Traum, daß Gott tot
ist, liegt als Traum hinter diesem Gehabe alles Menschseins.
Die moderne Geislesgeschichte kennt die verschiedensten Aus-
malungen und Schilderungen dieser Verfallenheit des Mensch-
seins. Im Mittelpunkt der Versöhnungslehre steht das Wie-
derfinden des Vaters (S. 203). Der Mensch selbst konnte von
sieh aus Gott nicht erreichen, sich nicht aus dem Bereich des
Fleisches befreien, den Widerspruch zwischen Fleisch und
Vernunft nicht von sich aus lösen. Das Schwergewicht liegt
also auf der Wortgruppe „Versöhnung" (2Kor 5,18—20;
Rom 5,10-11; Kol 1,20-22; Eph 2,16).

Man darf diesen Versuch von P. Grelot nicht mißverstehen
oder mißdeuten: Es geht ihm um den Versuch, den dogma-
tischen Hintergrund der paulinischen Theologie im Vergleich
mit psychoanalytischen Theorien neu zu entdecken. Die Arbeit
selbst ist bis ins kleinste ausgefeilt, in der Begrifflichkeit klar
und in der Zielsetzung ein gelungener Versuch, die Bibel aufs
neue zur Sprache zu bringen.

Tübingen Otto Michel

Hubbard, Benjamin Jerome: The Matthcan Redaction of a
primitive Apostolic Commissioning: An Exegesis of Mat-
thew 28: 16—20. Missoula, Montana: Society of Biblical
Literature and Scholars' Press 1974. XIII, 187 S. 8° = Dis-
sertation Series, 19.

Hubbard widmet sich der Frage, welche Form (er sagt „Gat-
tung") im Missionsbefehl zur Auswirkung kommt. Nach der
Vorstellung des Problems (Kap. 1, S. 1—23) geht es um die
Formmcrkmalc (Kap. 2, S. 25—67), das Verhältnis von Form
und Neuprägung bei Matthäus (Kap. 3, S. 69—99) und die
Frage, ob hinter Ml 28 eine ältere Tradition vermutet werden
dürfe (Kap. 4, S. 101-136).

Als „Gattung" wird der Gottesbefehl (Commissioning) erar-
beitet, der siebenundzwanzig alllestamcntliche Stoffe prägt. II.
arbeitet bestimmte Formelelemente heraus: Einleitung, Got-
teserscheinung (Confrontation, da es sich oft nur um die Notiz
„Gott sagte" handelt), menschliche Reaktion, zentraler Befehl
(Commission), Protest des Betroffenen, Zuspruch (Reassur-
ance) und Conclusion (oft eine rundende Ausführungsnotiz).
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