Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

101.1976

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Theologische Literaturzeitung 101. Jahrgang 1976 Nr. 6

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Seine Arbeit galt besonders dem Text der „Summa lo-
gicae". Von 1951 bis 1954 gab er dieses Werk Ockhams bis
einschließlich des ersten Tractatus des dritten Teiles her-
aus. Ein Verdienst der vorliegenden Ausgabe liegt zu-
nächst darin, Ockhams Hauptwerk der Logik vollständig,
d.h. einschließlich der letzten drei Tractatus — die mehr
als ein Drittel des Werkes ausmachen — in einer textkri-
tischen Ausgabe zugänglich gemacht zu haben. Es erhebt
sich sogleich die Frage: Was ist gegenüber der Ausgabe
von Böhner verändert worden?

Während Böhner seinen Text auf 21 der über 50 ihm
bekannten Handschriften stützte, sind in dem vorliegen-
den Text entsprechend der rationaleren und für die ge-
samte Ausgabe geltende Arbeitsweise aus 65 Hand-
schriften nur acht zugrunde gelegt und vier gelegentlich
herangezogen worden. Entsprechend ist der gesamte
textkritische Apparat umgestaltet worden. Aber auch
der von Böhner erarbeitete Text wurde geändert — etwa
ein bis zwei Wörter je Seite —, wobei aber nur selten
Sinnänderungen eintraten (71*). Böhners Abweichungen
sind in den Apparat aufgenommen worden. Ganz we-
sentlich ist der Ausgabe Böhners gegenüber der Quellen-
nachweis erweitert worden, so daß damit die Erfor-
schung der Abhängigkeit und Konfrontation Ockhams
gefördert worden ist.

Die Einführung wirft wichtige Fragen über die Ent-
stehung und die Echtheit der logischen Schriften Ock-
hams auf.

Ockham wurde von Johannes XXII. nach Avignon zi-
tiert, um sich für seine Lehren zu verantworten. Er reiste
daher Anfang 1324 zur päpstlichen Residenz. Böhner
glaubte nun, Ockham habe die „Summa logicae" in
Avignon vor seiner Flucht im Jahre 1328 abgeschlossen,
was nicht unwidersprochen blieb. Die Herausgeber neh-
men wohl zu Recht an, Ockham habe dieses Werk noch
vor seiner Abreise in England verfaßt. Dabei erscheint es
ihnen wahrscheinlich, daß Ockham 1321 den Auftrag er-
hielt, in London im Rahmen des Generalstudiums seines
Ordens in der philosophischen Ausbildung mitzuwirken.
InderTat weist Ockhams Entwicklungsgang einen Bruch
auf. Als er — wahrscheinlich bis 1321 — seine Leistungen
erbracht hatte, um in den Lehrkörper der Theologischen
Fakultät in Oxford aufgenommen werden zu können,
hören seine theologischen Schriften zunächst auf und es
folgen philosophische. Die Herausgeber begnügen sich
mit der Vermutung, es wären ihm Ältere vorgezogen
worden (56*). Es ist schade, daß hier — was naheliegt und
auch schon einmal ausgesprochen worden ist — nicht auf
den Zusammenhang von Ockhams Universitätslaufbahn
und seinem Streit mit Johannes Luttereil, dem Kanzler
der Oxforder Universität, eingegangen worden ist. Da-
her ist die hier vorgelegte Annahme, Ockham habe von
'321 bis 1324 nur im Londoner Generalstudium gewirkt,
zu einfach. Immerhin wird eine weitere Klärung dieses
Lebensabschnittes Ockhams die Möglichkeit einbeziehen
müssen, daß Ockham in dieser Zeit auch in dem General-
studium seines Ordens wirkte. Als erhärtet kann ange-
sehen werden, daß die „Summa logicae" 1323 — vielleicht
n"ch bis 1324 - abgefaßt wurde.

Während die Echtheit der „Summa logicae" erhärtet
wird, warnen die Herausgeber davor, den „Tractatus lo-
Ricae minor" — auch „Compendium logicae" genannt —
und den „Tractatus logicae medius" — „Elementarium
logicae" — als echte Ockhamschriften anzusehen. Böhner
hatte sich erst nach einigem Zögern und Vergleichen ent-
schlossen, sie als echt zu betrachten. Es ist vielleicht etwas
Ungewöhnlich, in der Einführung einer wissenschaft-
lichen Textausgabe, die aller Voraussicht nach in den
nächsten hundert Jahren durch keine andere ersetzt
wird, eine solche Frage nur aufzuwerfen. Dadurch ergibt
sich aber die Möglichkeit, auf die Stichhaltigkeit der Ar-
gumente einzugehen, ehe die Einführung zu diesen bei-

den Schriften in dieser Ausgabe abgefaßt wird. Die Her-
ausgeber geben zu bedenken, ob die unzweifelhaft echte
Schlußformel „Explicit minor tractatus nove loyce fra-
tris Gwilemi ocham" nicht so verstand n werden soll,
daß es sich nicht um einen von Ockham v faßten Tracta-
tus, sondern um einen Tractatus über die Logik Ockhams
handelt, den ein anderer abgefaßt haben kann. Entspre-
chend wird auch, was mir noch schwieriger erscheint,
„Explicit compendium logice Oquam collectum ab eodem
et scriptum ... per manus Fratris Hugonis Kuenemani A.
D. 1345 .. ." interpretiert. Gewichtig scheint den Heraus-
gebern, daß in den beiden Tractatus oft anstatt der Na-
men von Autoren, die in der „Summa logicae" angeführt
worden sind, nur mitgeteilt wird, daß es sich um fremde
Meinungen handelt. Was ist daran erstaunlich? Ist es
etwa heute üblich, in einer Vorlesung alle Autoren zu
nennen, mit deren Meinung sich der Vortragende ausein-
andersetzt und die er in einem Handbuch sicher exakt
nachweisen würde? Es wäre für die Hörer, die sich erst
in eine Wissenschaft einarbeiten wollen, mindestens an-
strengend. Es wird eingewandt, daß das Elementarium
auch Auszüge von anderen Darlegungen logischer Pro-
bleme bietet. Aber was wissen wir, wozu diese im Lehr-
betrieb verwendet wurden? Und muß jemand, der nach
zehn oder mehr Jahren in einem Lehrbuch für Schüler
eine andere Meinung als früher vertritt, ausdrücklich
feststellen, daß er seine Meinung geändert hat? Es kann
daher den Herausgebern nur zugestimmt werden, daß ein
genauer Vergleich der Lehren und Ausdrucksweisen not-
wendig ist, um zu einem wirklich begründeten Urteil zu
kommen. Es bleibt zu hoffen, daß eine solche Untersu-
chung der Einleitung vorausgeht, die in den Text der
beiden Tractatus im Rahmen dieser Ausgabe einführen
wird.

Last not least muß all denen der Dank ausgesprochen
werden, die Jahre ihres Lebens geopfert haben, die
Handschriften zu entziffern und die ursprüngliche Lesart
herauszufinden. Sie haben dadurch die Ockhamforschung
von den sinnentstellenden Drucken des 15. und 16. Jh.
unabhängig gemacht. Es ist nun relativ leicht geworden,
sich in die spätmittelalterliche Logik und damit in die
Denkstruktur der Spätscholaslik einzuarbeiten, wodurch
es auch einfacher wird, eine Seite des grundsätzlichen
Gegensatzes zwischen scholastischer und reformatori-
scher Theologie zu erfassen.

Leipzig Helmar Junghans

Johannes Duns Scotus: Abhandlung über das erste Prin-
zip, hrsg. u. übers, v. W. Kluxen. Darmstadt: Wissen-
schaftliche Buchgesellschaft 1974. XXV, 261 S. 8° -
Texte zur Forschung, 20. Kart. DM 45,50.
„Texte zur Forschung" heißt die Reihe, in der dieses
gut ausgestattete Buch erschien, die Aufgabe indes, die
sich diese Veröffentlichung stellt, ist weniger die For-
schung als die Einführung in die Forschung, anhand der
Einführung in eine kleine Schrift eines bedeutenden
Philosophen der Scholastik.

Die Einleitung informiert über das Leben und die
Schriften des Duns Scotus, sie charakterisiert den vor-
liegenden Traktat de primo prineipio und gibt eine Be-
urteilung von drei vorhergehenden Editionen dieses
Traktats aus den Jahren 1941, 1949 und 1966. Das Anlie-
gen der vorliegenden Ausgabe liegt jedoch nicht auf dem
Gebiet des Editorischen oder Historisch-Kritischen, der
textkritisch interessierte Leser wird auf eine andere
Ausgabe verwiesen. Dagegen will diese Ausgabe mit
dem skotistischen Denken bekannt machen. Es wird er-
wartet, daß der Leser — Besucher eines philosophischen
Seminars vielleicht — mit wichtigen Problemstellungen
der Scholastik vertraut ist. Wer jedoch mit dem Denken
des Aquinaten etwa bekannt ist, soll hier Hilfe erfahren,
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