Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

101.1976

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Theologische Literaturzeitung 101. Jahrgang 1976 Nr. 3

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V. 15—21 wird differenziert zwischen der Mehrungsver-
heißung, ausgedrückt mit dem Verb ,segnen' und der
Bundschließung mit dem Nomen berit. Diese Differen-
zierung ermöglicht es P in V. 20 und 21 so zu formulieren:

20: Siehe, ich will ihn (Ismael) segnen,

ihn fruchtbar machen und überaus mehren

21: Aber meinen Bund richte ich mit Isaak auf ...
Wenn nun in V. 3b—8 die Mehrungsverheißung als berit
bezeichnet wurde, hier in 19—21 aber die berit nicht mit
Ismael aufgerichtet wird, obwohl er die Mehrungsverhei-
ßung erhält, sondern allein mit Isaak, dann zeigt das un-
verkennbar, daß P im 17. Kapitel einen Begriff berit auf-
baut, der nicht mehr auf die Bedeutung ,Zusage, bin-
dende Versicherung' beschränkt sein kann. Denn eine
Zusage, eine bindende Versicherung erhält auch Ismael.
Die berit, die mit Isaak allein, nicht aber mit Ismael auf-
gerichtet wird, ist mehr und anderes als eine Zusage, es
ist der Bund Gottes mit Abraham, der allein in der Linie
Isaaks weitergeht.

Die berit Gottes mit Abraham ist im Kern eine Zu-
sage, eine bindende Versicherung; sie wird aber durch
die Verbindung mit dem Gebot der Beschneidung und
der damit gegebenen Einschränkung auf die Linie der
vor Gott Wandelnden zum Bund Gottes mit Abraham.

Genesis 17 ist dann so etwas wie ein Modell für das
Gesamtwerk des P: Dort wird dem Gesetz, hier wird dem
Gebot durch Einbeziehung in die Geschichte der Rang
und die Würde eines konstitutionellen Bestandteils des
Gottesverhältnisses, des Geschehens zwischen Gott und
Mensch gegeben; hier wie dort ist eben damit eine Son-
derung verbunden, die nicht mehr auf natürlichen Kri-
terien beruht (Abstammung, Volk), sondern auf dem
sich diesem Menschenkreis zuwendenden Gottsein Gottes
und dessen Antwort im „Wandeln vor Gott".

Wir ziehen nun die Schlußfolgerung von der Frage nach
der Lehre her. P hat in Gen 17 einen umfassenden, allge-
meinen Begriff berit geprägt, der nicht mehr nur einen
Akt, sondern ein Wechselverhältnis und damit einen für
immer gültigen Zustand beschreibt. Gott gehört von jetzt
an für immer mit dieser berit zusammen. Das heißt aber:
Gott ist von hier an der Gott der Beschnittenen, daran
kann sich nichts mehr ändern. Wenn (u. a.) Paulus die
Beschneidung nicht mehr als Voraussetzung des Got-
tesverhältnisses anerkennt, bestreitet er Gen 17 in dieser
Festlegung Gottes auf die Beschneidung für immer, er
bestreitet aber nicht die Verheißung Gottes an Abraham
(= berit). Er bestreitet die lehrmäßige und damit insti-
tutionelle Festlegung Gottes auf diese berit, nicht aber
die berit als solche.

* Dem Aufsatz liegt ein Referat vor dem Neukirehener Kora-
mentarkreis am 25. März 1975 zugrunde.

' S. E. McEvenue, The Narrative Style of the Priestly writer.
1071, IV: The Oath to Abraham - Genesis 17, p. 144-178. Im t Teil
kennzeichnet McE Gen 17 als „a completely original literary
Unit", die freleste Komposition in ganz P, obwohl er auf den
alteren Quellen aufbaut. Für den Stil ist besonders die Wieder-
holung kennzeichnend. Im II. Teil stellt der Vf das Verhältnis
von p zu seinen Quellen in Gen 17 dar. Von den 27 Versen kom-
men 12 von früheren Pentateuchquellen her. In 17,1-8 findet er
Entsprechungen zu 15, in 17,15-22 zu 18. Die wichtigsten Änderun-
gen, die p vornimmt, bestehen darin, daß er den Erzählcharakter
stark zugunsten der theologischen Reflexion reduziert und dall
er den Begriff berit einführt; als drittes kommt die Verbindung
m« der Beschneidung hinzu. Dieser Teil schließt: Die Absicht
y°n Gen 17 ist die Versicherung der Kontinuität Israels durch die
"lehrungsverheißung, deren Zeichen die Beschneklung ist; des-

wegen bildet der Teil, der die Beschneidung gebietet, die Mitte
des Ganzen. — Zu den einzelnen Teilen: Der Vf erkennt die Selb-
ständigkeit von l-3a, das von der Struktur Gebot-Erfüllung
bestimmt ist. Damit ist 1—3a als Proömium erwiesen, denn das
Gebot-Ausführung-Schema bestimmt nach McE auch das ganze
Kap. 17. — In dem Teil 9-14 kommt der Vf in Schwierigkeiten
mit der Bedeutung von berit. Er geht davon aus: „berit means
simply oath", so in 10a; aber das gleiche Wort soll in 10b Beschnei-
dung bedeuten. 10b sei dann Erklärung von 10a: Beschneidung
heiße berit, weil es das Zeichen einer berit (= Schwur) sei. Das
klingt recht gezwungen und unwahrscheinlich. McE hat die Uber-
setzung .Schwur' von Lohflnk übernommen, aber nicht beachtet,
daß L. sie bewußt auf Gen 15 beschränkt und ausdrücklich sagt,
daß berit nicht immer mit Schwur gleichbedeutend sei. Gegen
die durchgehende Ubersetzung Schwur in Gen 17 spricht die völ-
lige Abwesenheit einer Schwurhandlung oder Schwurgeste, es
spricht dagegen auch der Gebrauch der Präpositionen und Suf-
fixe. McE hat nicht genügend beachtet, daß die Struktur von
Gen 17 die eines Wechselgeschehens zwischen Gott und Abraham
ist. Er kann sagen (157), das Ganze sei aus fünf Gottesreden aufge-
baut. Dagegen spricht die übergreifende Struktur von Gebot und
Ausführung, die McE selbst erkannt hat; sie ist ein Wechselge-
schehen. Eben dieses ist mit dem Wort berit gemeint: zu der Zu-
sage Gottes kommt die gehorsame Annahme dieser Zusage in
der Ausführung des Gebots der Beschneidung. Da aber .Schwur'
nur etwas unbedingt Einseitiges bezeichnen kann, genügt die
Ubersetzung gerade in 14—19 nicht.

* E. Kutsch, „Ich will euer Gott sein", berit in der Priester-
schrift, ZThK 71, 1976, 367-388. - Im I. Teil referiert K. sein bis-
heriges Ergebnis zur Bedeutung von berit als Bestimmung, Ver-
pflichtung. Es kann profan Selbstverpflichtung oder Fremdver-
pflichtung oder gegenseitige Verpflichtung sein, theologisch nur
Selbstverpflichtung oder Fremdverpflichtung. Im II. Teil be-
stimmt K. die Bedeutung von berit in Gen 9,8-17 und in 17. Kap.
17 gliedert er in 2-6 (darin 3-5 sekundär); 7-8; 9-14; 16-22. Daß
in 2—6 die Verse 3—5 sekundär seien, begründet K. damit, daß die
Namensänderung Jakobs in Israel in 35,9-12 sekundär sei; „das
dürfte auch für 17,4-5 gelten". Vers 3 müsse sekundär sein, weil
4-5 sekundär seien und dann Vers 2 glatt an 6 schlösse. Diese
Argumentation ist deshalb fraglich, weil 1—3a deutlich eine Szene
ist, die mit der Proskynese Abrahams abschließt; in 3b setzt die
Rede Gottes neu ein. Die Dreigliederung der Gottesrede 3b-8;
9-14; 15-21 ist evident. - Der Teil 9-14 ist nach K. ein Fremd-
körper, „wahrscheinlich liegt in 10-14 eine von Haus aus selb-
ständige Beschneidungsordnung vor'.Diese Annahme ist schwie-
rig, weil 9-14 ganz eindeutig die Sprache der P spricht. In 9-14
bedeutet berit die Verpflichtung des Menschen; das Zeichen dir
berli in 11 versteht K. als Zeichen für das Verpflichtetsein der
Israeliten gegenüber Jahwe (381). Er weist dabei auf die fast
gleiche Formulierung in 9,13 und Ex 31,12-13, wo aber das Zei-
chen auf das Wirken Gottes zeigt. — Mit der Deutung von berit
in 15-21 feerät K. in eine Schwierigkeit: Wenn er sagt: „Die berit
ist allein Isaak vorbehalten"; Gottes berit kommt nur Isaak zu",
so stimmt das nicht. Die Mehrungsverheißung, die Ismael er-
hält, wird auch berit genannt. Es zeigt sich, daß das Wort berit,
wo es auf Isaak bezogen wird, eine neue Bedeutung bekommen
hat: allein zu dieser berit gehört das neue Gottesverhältnis.
P prägt in Gen 17 einen neuen Begriff der berit für das nur Israel
eigene Gottesverhältnis, zu der auch die Antwort Israels im Ge-
horsam gehört. Dem entspricht die Wiedergabe ,Bund's.

3 Weitere Literatur zu Gen 17:

J. Begrich, Berit. Ein Beitrag zur Erfassung einer alttestament-
lichen Denkform: ZAW 60 (1944) 1-11.

P. Buis, La nouvelle alliance: VT 13 (1968) 1-15.

W. H. Gispen, De besnrjdenis (Gen. 17): GerefTTs 54, 1954,148-182.

W. Eichrodt, Bund und Gesetz. FS Ilertzberg, 1965, 30-49.

S. B. Hoenig, Circumcision: the Covenant of Abraham: JQR 53
(1962 f.) 322-334.

A. Jepsen, Berit. Ein Beitrag zur Theologie der Exilszeit: „Ver-
bannung und Heimkehr", Festschr. W. Rudolph (1961).

M. G. Kline, By Oath Conslgned. A Reinterpretation of the Co-
venant Signs of Circumcision and Baptism: Grand Rapids (1968).

S. R. Külllng: Zur Datierung der „Genesis-P-Stücke", nament-
lich des Kapitels Genesis XVII (1964).

N. Lohflnk: Die priestersehriftllche Abwertung der Tradition
von der Offenbarung des Jahwenamens an Mose: Bibl. 49 (1968)
1-8.

-Textkritisches zu Genesis 17,5. 13. 16. 17: Bibl. 48 (1967) 439-442.
J. C. Matthes, De besnijdenis: TthT VI (1908) 163-191.

— Bemerkungen und Mitteilungen über die Beschneidung: ZAW
29 (1909) 70-73.

H. R. Moeller, Four Old Testament Problem Terms: BiTrans 13
(1962) 219-222.

E. Naville, The 17th chapter of Genesis: ExpT 33 (1924) 127-130.

- Le XVII chapitre de la Genese: ZAW NF 3 (1926) 135-145.

R. W. Neff: The Birth and Election of Isaac in the Preistly Tra-
dition: BiR 15 (1970) 5-18.

E. Samter, Die Bedeutung des Beschneidungsritus und Ver-
wandtes: Ph 62 (1902) 91-94.

C. Steuernagel, Bemerkungen zu Genesis 17: Festschr. für K.
Budde 172-179.

ALLGEMEINES, FESTSCHRIFTEN

Bautz, Friedlich Wilhelm: Biographisch-Bibliographi-
sches Kirchcnlexikon, bearb. u. hrsg. 1.-8. Lfg. Hamm/
Westf.: Bautz [1970-74]. 1280 Sp. 4°.
Neben den Ausgaben von Texten gewinnen Lexika ver-
schiedenster Art in der Gegenwart zunehmend an Bedeu-

tung, da sie weithin unentbehrliche Hilfsmittel für die
wissenschaftliche Arbeit, aber auch Gegenstand persön-
licher Interessen geworden sind. Vielfach tragen deshalb
Nachschlagewerke auch schon eigenen Charakter, so daß
sie nicht mehr in erster Linie den Rang von Hilfsmitteln
haben. Solch ein eigener Charakter ist auch dem in gro-
ßem Stil angelegten Kirchenlexikon von Fr. W. Bautz
eigen, das im Unterschied zu anderen Kirchenlexika auf
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