Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

98.1973

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Theologische Literaturzeitung 98. Jahrgang 1973 Nr. 12

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blemen der regionalen, nationalen und lokalen Ebene über-
haupt von Belang sein können, weil jene den spezifischen
Kontext vermissen lassen, obwohl theologische Probleme im
Prinzip universalen Charakter tragen.

Dazu kommt dann die andere, noch grundsätzlichere
Frage, ob theologische Gespräche überhaupt stellvertretend
für andere, also so, da5 sie für ganze Konfessionsfamilien
Gültigkeit haben, durchgeführt werden können. Können sie
nicht immer nur im Horizont einer ganz bestimmten jewei-
ligen Erfahrung der Kirche und des einzelnen geführt
werden?

Hier sind wir an einer ganz grundsätzlichen Frage
angelangt, die von den Verfassern, soweit ich sehe, nicht
eigentlich beantwortet wird - wieweit sie in den Gesprä-
chen selbst aufgenommen wurde, übersehe ich nicht — s wie
muß ökumenische Theologie, ja Theologie überhaupt bs-
trieben werden? Natürlich in historischer Perspektive. Da-
von war schon die Rede. Aber das ist nicht der ganze
Kontext, der in den Blick genommen werden muß. Dazu
gehört die Situation, nicht nur der beiden Kirchen im
Verhältnis zueinander, sondern vor allem auch die, in der

sich die Kirche und ihre Sprecher als Kirche heute erfährt,
angefochten, herausgefordert, zu neuen Einsichten ermutigt,
und zwar von der sie umgebenden säkularen Gesellschaft,
in deren Mitte und für deren Heil und Wohl sie sich immer
neu formiert und durchzuhalten versucht. Man mag das auf
den Nenner bringen: induktives statt deduktives Vorgehen.
Aber hier geht es um mehr als um die Wahl dieser oder
jener Methode, hier geht es um die dem Ereignis der
Inkarnation angemessenste Weise, Theologie zu treiben. In
Faith and Order macht man sich hierüber bekanntlich viele
Gedanken. Das kann in der Tat bedeuten, daß die wich-
tigen Resultate bilateraler Gespräche, zu deren Fortsetzung
ermutigt wird, erst dann zu ihrer vollen Wirkung und
vielleicht dann auch zu einer breiteren Beachtung kommen,
wenn sie stärker und zwingender in den „Sitz im Leben"
der einzelnen Kirchen und Konfessionsfamilien - hier
müßte man differenzieren - einbezogen werden.

Die Theologen, die dies als ihre kirchliche Aufgabe er-
kennen, werden mit großem Gewinn auf das zurückgreifen,
wovon der besprochene Band Zeugnis ablegt.

Bochum Hans-Heinricli Wolf

REFERATE ÜBER THEOLOGISCHE DISSERTATIONEN IN MASCHINENSCHRIFT

Beintkcr, Michael: Die Gottesfrage in der Theologie Wil- und der in extenso entfalteten theologischen Position. Herr-
helm Herrmanns. Diss. Halle 1972. III, 234 S. mann brachte den Glauben an Gott in ein enges Korrelat-
In der Diskussion zur Gottesfrage besitzen die von Verhältnis zu grundsätzlichen existentiellen Problemen un-
Barth und seinen Schülern einerseits und von Bultmann serer menschhehen Situation. Er hat zwei solcher Probleme
und seinen Anhängern andererseits abgegebenen Stimmen ^ die Beantwortung der Gottesfrage fruchtbar zu machen
nach wie vor besonderes Gewicht. Daher legte es sich nahe, ve™ucht: eul^ f tülAe Not», nämlich unser Kon-
der Antwort nachzugehen, die Wilhelm Herrmann als "ikt mit dem Anspruch des Sit liehen zum anderen unsere
Lehrer Barths und Bultmanns auf die Gottesfrage gab. Es v™ Am konstatierte Unfähigkeit uns ein vom bloßen
zeiqt sich nämlich, daß Herrmann gerade an dieser Stelle »Scheinleben unterschiedenes „wahrhaftiges Leben" zu ver-
als ein wichtiges und oft zu Unrecht unterschätzendes Bin- erweif ,sldl für *** Glaubenden dadurch als
deglied zwischen der Theologie des 19. und 20. Jahrhun- wirklich< W> er sittliches Handeln ermöglicht bzw. uns zu
derts in Betracht kommt. ein€m wahrhaftigen Leben fuhrt Man wird Herrmann nicht

verargen dürfen, daß er wirklichkeitsnah und situations-

Der seinerzeit von Herrmann ausgeloste Protest gegen bezogen von Gott reden wollte und sich konzentriert dar

den Rechtsanspruch der Metaphysik in der Theologie ist ^ bemühte, dem Menschen seiner Zeit und im Grunde

gegen eine Denkweise gerichtet, die den Glauben an Gott auch unserer Zeit den Weg zu Gott 7U offoen Abef dje

aus apologetischen Motiven in einen Sachzusammenhang Intention sachgemäßen Redens von Gott kann'nicht voll

mit den Resultaten des wissenschaftlichen bzw. philoso- zur Geltung kommen, weil die Situation, angesichts derer

phischen Erkenntnisstrebens bringen wollte Von solchen unser Reden yon Gott bedeutsam wird> nkht der ^

Versuchen hat sich Herrmann unerbittlich abgegrenzt. Redens bleibt, sondern Kriterium und Maßstab dieses Re-

Nicht nur deshalb, weil er als Kantianer eine heftige Ab- dens wird> Als hemmend erwdst ^ skh auch m ^
neigung gegen eine pseudowissenschaftliche Verarbeitung Reden oft flur ^ nichtobjektivierender Redeweise

des Gottesgedankens mitbringen mußte. Nicht nur deshalb. identinziert wird, und daß die konstitutive Bedeutung des

weil sich Herrmanns Personahsmus gegenüber dem wissen- konkretell biblischen Zeugnisses für die Erkenntnis Gottes

schaftlichen, verobjektiv,erendcn Denken sehr spröde ver- und das Reden yon yoü

halten mußte. Das Motiv für die Abgrenzung vom philo- mann vm der nkht unberechti^en ^ ^ wurde
sophischen Theismus darf auch nicht auf die Tatsache be- die bibllsche Anrede konne als unpersönlichT^esetz
schränkt werden, daßdie metaphysisch orientierte Theo- miSdeutet werden. MlerAinqs darf Herrmanns Ringln um
logie an den unmittelbaren Existenzfragen des Möschen ein sacngemä6es Reden von Gott als ^ Präludium jener
vorbeigeht. Von dominierendem Gewicht ist vielmehr das thcologischen Neubesinnung angesehen werden, die nach
Bemühen, Gottes Wirklichkeit sachgemäß d. h der Wirk- dem mtm Weltkri d 9 9 Wfloateher-
leite o 11 e s gemäß, auszusagen. Gott bliebe nicM vorgemfen wurde ciiaieKtische Theologie her
Gott, wenn man seine Wirklichkeit zu einer Wissenschaft- Die Untersuchu bei der den frühen Herrmann in
Hch faßbaren Gegegebenheit verfremdete der sich der besonderem Maße beschäftigenden Abgrenzung von der an

entleert wenn er von Deutungskategorien abhängig ge- Sfcnli^

Autgat>e veramwu wird del v/eg beschneben, auf dem Herrmann die Existenz

gewesen. Gottes als eine Wirklichkeit sichtbar macht, die den Men-

Obwohl Herrmann die Gottesfrage von der geschieht- sehen in seiner Situation stellt und trifft (S 59-88). Daran

liehen Offenbarung in Jesus Christus neu beantworten knüpft sich die Interpretation der konkreten, erfahrbaren

möchte und den Glauben nur aus sich selbst heraus ver- Begegnung zwischen Gott und Mensch, wie sie aufgrund

stehen wollte, kommt es zu einer unausgeglichenen Span- der Offenbarung möglich ist (S 89-156) Schließlich wird

nung zwischen der Intention sachgemäßen Redens von Gott Herrmanns eigene spezielle Gotteslehre - soweit man über-
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