Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

98.1973

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Theologische Literaturzeitung 98. Jahrgang 1973 Nr. 12

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Stand eines Sektors des ökumenischen Dialogs entstanden,
der die Ebene der Konfessionsfamilien betrifft. In der Viel-
fältigkeit der Beteiligten, der Themen und auch der Ergeb-
nisse dürfte dieser Sektor im ganzen nicht allzu bekannt
sein. Durch die Zusammenstellung soll das Problembewußt-
sein vertieft, auf alternative Antworten und auf entstehende
Konvergenzen aufmerksam gemacht werden, die die Beach-
tung durch die Kirchen erfordern (S. 8).

Der Überblick hält sich beschlußgemäß an solche bilate-
ralen Gespräche, weltweit, regional, national, die von den
Weltkonfessionsfamilien oder deren Institutionen veranlaßt
sind.

Bilateral heißt in diesem Fall: »Theologische Gespräche,
die von offiziell beauftragten Vertretern von zwei Kirchen,
zwei Traditionen oder von zwei Konfessionsfamilien mit
der Absicht unternommen wurden, von der Förderung
gegenseitigen Verständnisses bis zur vollen Gemeinschaft
zu kommen" (S. 9). Zunächst gibt es eine Beschreibung der
Gespräche auf Weltebene (S. 12-41), dann auf regionaler
und nationaler Ebene (S. 42-62), schließlich wird eine
Auswahl von solchen Gesprächen hinzugefügt, die nicht von
Weltkonfessionsfamilien veranlaßt waren, w. z. ß. die
zwischen der Anglikanischen und der römisch-katholischen
Kirche in Lateinamerika (S. 63-75).

Natürlich können diese Gespräche hier nicht aufgeführt
werden. Überraschend ist ihre Vielzahl, überraschend ist
für viele gewiß auch, daß nicht nur die Reformationskir-
chen, die römisch-katholischen, die altkatholischen und die
orthodoxen Kirchen, sondern auch Freikirchen in die Ge-
spräche einbezogen sind, wie z. B. Methodisten, Baptisten,
Disciples of Christ, die in Verbindung mit der röm.-kath.
Kirche standen.

Die einzelnen Gespräche sind unter Nennung der beson-
deren Themen sorgfältig aufgeführt: Häufigkeit der Begeg-
nung, Kontext, Grundlagen, Geschichte, Zielsetzungen, Ein-
berufer der Gruppen und ihre Zusammensetzung, allge-
meine Charakteristika der Gespräche und Publikationen.

In einem besonderen Abschnitt wird noch einmal aus-
drücklich über die Ziele der Gespräche berichtet (S. 76-91).
Am wichtigsten scheint mir hier die Beobachtung zu sein,
daß sich in manchen Fällen eine Dynamik des Dialogs ent-
wickelt hat, die zu Übereinstimmungen und Konvergenzen
geführt hat, mit denen man zunächst gar nicht gerechnet
hatte, so daß die Frage nach konkreten Schritten auf die
Einheit zu unausweichlich wurde.

In einem Abschnitt „Methods and Procedures" wird auf
den Dialogprozeß hingewiesen, in dem die beiden Ge-
sprächspartner von den verschiedenen Ausgangspunkten
her die bestehenden Trennungen „herauszuheben, auf ihre
Wurzeln zurückzuführen und zu überwinden versuchen"
(S. 83). In diesem Bemühen hat sich das biblische Zeugnis
„als gemeinsames Band und als Berufungsinstanz" heraus-
gestellt, von dem her spätere Fehlentwicklungen und Ein-
seitigkeiten sich Korrekturen haben gefallen lassen müssen.

Damit ist schon gesagt, daß historische Perspektiven und
Entwicklungen in die Überlegungen mit einbezogen wur-
den. Der historische Kontext, in dem die Partner einst zur
Selbständigkeit heranwuchsen und der Kontext, in dem sie
sich heute befinden, hat zum besseren gegenseitigen Ver-
stehen und zu neuer Solidarität geführt (S. 84). Natürlich
ist bei diesen Gesprächen ein „Konsensus" beabsichtigt.
Aber was bedeutet hier Konsensus? Nicht ohne weiteres
im herkömmlichen Sinn eine theologische Übereinkunft,
nicht „eine friedliche Harmonie der Meinungen jenseits der
Kontroverse, vielmehr ist er herausgearbeitet und gewon-
nen in einer ständigen Konfrontation mit gegenteiligen
Meinungen" (S. 85). So wird das Prozeßhafte des Dialogs
auch in dieser Hinsicht deutlich. Dazu kommt die Erkennt-
nis, daß die dogmatische, doktrinale und theologisch e
Übereinkunft nur einen Aspekt des Konsensus ausmacht,
andere, nicht minder wichtige Elemente des Konsensus

liegen im gemeinsamen Gottesdienst, im gemeinsamen
missionarischen Zeugnis und in der Kooperation in öffent-
lichen Angelegenheiten.

Und wer steht für den Konsensus ein? Wie kann der
Konsensus einer Gruppe zu dem einer Kirche, einer Kon-
fessionsfamilie werden? Wie kann eine Gesprächsgruppe für
Kirche und Konfession repräsentativ sein?

Damit ist an ein schwieriges Problem ökumenischer Ver-
handlungen überhaupt gerührt. Wie kommt es zur Aus
wähl „sicherer (safe) und verläßlicher (reliable) Sprecher"
für die Gespräche, die keine Privatangelegenheit sind?

Was heißt „sicher" und „verläßlich"? Sind das die Theo-
logen, die sich eng ans Bekenntnis gebunden fühlen? Und
die andern sind dann die „unsicheren" und „unverläßlichen"?
Wie ist die Beziehung zwischen Bindung an das Bekenntnis
und dem Spielraum, den theologische Reflexion beanspru-
chen muß, zu bestimmen? Noch dazu, wenn auch konfes-
sionale Identität nie als endgültig fixiert und statisch ver-
standen werden kann (S. 88)? Kann es hier überhaupt
letztlich eine andere ^Sicherung geben als die, die in der
allgemeinen Überzeugungskraft der Ergebnisse liegt?

Mit der Frage nach dem repräsentativen Charakter der
Zusammensetzung der bilateralen Gruppen und damit auch
ihrer Ergebnisse verbunden ist die andere nicht minder
wichtige und weithin im argen liegende nach der Recep-
t i o n von Ergebnissen von Gesprächen. Auch dies ist ein
allgemeines ökumenisches Problem.

„Es gibt wenig Anzeichen dafür, daß Ergebnisse von
bilateralen Gesprächen einen merkbaren Einfluß auf Leben
und Lehre der zugeordneten Kirchen haben" (S. 91). Zur
Erklärung dieses Tatbestandes wird vieles angeführt; das
Wichtigste scheint aber zu sein, daß die entsprechenden
kirchlichen Institutionen nicht in der Lage oder auch nicht
willens sind, neue Einsichten an die Stelle des alten, lange
in Ehren gehaltenen Konfessionsverständnisses zu setzen.
Man hat das vor Augen. Wo wird z. B. in der katechetischen
Unterweisung der Kirchen auf neue bilaterale Gesprächs-
ergebnisse Rücksicht genommen? Viele einzelne Pfarrer
und Nichtpfarrer nehmen schon seit langem auf eigene
Faust auf solche Ergebnisse Rücksicht, ehe sie von offi-
ziellen Gruppen ausgesprochen wurden, wenn sie sich nicht
überhaupt schon jenseits von konfessionellen Positionen
angesiedelt haben.

Man warte ab, zu welchen konkreten Schritten es z. B.
im Falle der Ratifizierung der „Leuenberger Konkordie"
kommen wird. Und wenn es hier und da zu konkreten
Folgerungen im Blick auf das Verhältnis zweier oder meh-
rerer Kirchen kommt, auch dann ist das für einen großen
Teil der betroffenen Christen höchst uninteressant, weil die
aktuelle kirchliche Wirklichkeit für viele nicht mehr mit
den Themen verbunden ist, die in den bilateralen Ge-
sprächen und vielen anderen ökumenischen Gesprächen
überhaupt behandelt werden.

Die Verfasser geben eine Übersicht über die wichtigsten
Begriffe, die in den Verhandlungen vorgekommen sind
(S. 94- 95) und beschreiben dann aus dem ganzen Material
der Verhandlungen auswahlweise vier Hauptthemen des
Näheren:

1. Evangelium, Schrift und Tradition,

2. Glaubensformeln und Bekenntnisse,

3. Eucharistie und Interkommunion,

4. das kirchliche Amt bzw. der kirchliche Dienst
(S. 96-138).

Zeigt diese Übersicht von Begriffen, Themen und dann auch
die Art und Weise, wie diese Themen behandelt wurden,
nicht doch eine gewisse innerkirchliche Konzentration und
Abstraktion, die das mangelnde Interesse für diesen Teil
ökumenischer Arbeit, das weithin besteht, erklärlich machen?

Im 6. Kap. des Buches „Bilateral Conversations, Problems
and Possibilities" wird die Frage aufgeworfen, ob theolo-
gische Gespräche auf Weltebene für die Lösung von Pro-
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