Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

98.1973

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Theologische Literaturzeitung 98. Jahrgang 1973 Nr. 8

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sprung der deutschen Harmonietexte nach Köln oder in den
Kölner Raum verlegt (Einleitung XXI). Danach wäre zwi-
schen der um 1280 geschriebenen Lütticher Handschrift und
der um 1300 entstandenen alemannischen Züricher Hand-
schrift eine ripuarische Zwischenstufe anzusetzen. Einen
überzeugenden Beweis dieser These mit sprachgeschichtli-
chen Argumenten hat jedoch Gerhardt ebensowenig wie sei-
nerzeit Maurer liefern können. Damit ist die früher vertre-
tene Auffassung von Schönbach1, daß nämlich der nieder-
ländische Text direkt ins Alemannische gelangt sei, bis heute
nicht widerlegt. Auf der Grundlage der jetzt vorliegenden
Ausgaben wird es jedoch möglich sein, dieses Problem neu
aufzugreifen und eine Klärung zu versuchen.

Daf} die Ausgabe des Diatessaron Theodiscum in einigen
Punkten, wie z. B. der Interpunktion, von der sonst in dieser
Reihe üblichen Regelung abweicht, fällt nicht ins Gewicht.
Schwerwiegender und einen Vergleich erschwerend ist je-
doch der Umstand, daß auch die Grundsätze für die Text-
Konstituierung abweichen. So dankenswert die Berücksich-
tigung der wichtigsten Textzeugen dieser Handschriften-
gruppe in Varianten auch ist, so ist es doch ein problemati-
sches Verfahren, unter bloßem Vergleich der jeweiligen Les-
arten einen .kritischen' Text herzustellen. Mischtexte dieser
Art sind für die weitere Erforschung weniger aufschlußreich
als der konsequente Abdruck einer Handschrift und die Be-
rücksichtigung der anderen Handschriften in Varianten.
Zwar ist die Überlieferung im Wortlaut meist noch aus den
Varianten zu rekonstruieren, aber in welchem Maße in der
Orthographie der Leithandschrift Z eine Vereinheitlichung
vorgenommen ist, erfährt der Leser nicht oder nur zufällig
(z. B. Anm. 17: die aus dem Niederländischen stammende
Lautform sprac in sprach verändert).

Als erste Handschrift in der Abteilung Lektionarien
hat de Bruin eine Amsterdamer Handschrift aus der Mitte
des 14. Jh.s herausgegeben (Lectionarium Amstelodamense).
Sie enthält Evangelienperikopen und Epistellcsungen in
westflämischem Dialekt, die nach der Ordnung des Kirchen-
jahres zusammengestellt sind. Obwohl eine Verwandtschaft
mit dem älteren Text der Evangelienharmonie noch feststell-
bar ist, kann die Übersetzung als Ganzes doch als ein selb-
ständiges Werk angesehen werden.

Schließlich ist die erste vollständige Ausgabe eines Neuen
Testaments in der Series Maior zu erwähnen. Sie
beruht auf zwei verschiedenen südniederländischen Hand-
schriften, von denen die eine die Evangelien, die andere den
Rest des Neuen Testaments enthält. Die gleichartige, durch
enge Anlehnung an den lateinischen Wortlaut gekennzeich-
nete Übersetzungstechnik sowie die Tatsache, daß beide
Handschriften von der gleichen Hand geschrieben sind,
rechtfertigen die Zusammenstellung zu einem Neuen Testa-
ment. Eine genauere Untersuchung der Sprachform beider
Handschriften wird zweifellos die Frage nach ihren Bezie-
hungen zueinander noch weiter klären können.

Die Fortsetzung dieser Editionsreihe verspricht noch man-
che Aufschlüsse über die Geschichte der niederländischen
und auch der deutschen Bibelübersetzung. Mit besonderer Er-
wartung wird man der Publikation der Werke des Überset-
zers von 1360 entgegensehen dürfen, die auch große Teile
des Alten Testaments umfassen wird. Es ist zu hoffen, daß
dem Herausgeber die notwendige Unterstützung zuteil wird,
um dieses großangelegte Unternehmen erfolgreich zu Ende
zu führen.

Berlin Gerhard Ising

1 J. Bergsma: De Levens van Jezus in het Middelnederlandsch.
Leiden 1695-08.

-' D. Plooij, C. A. Philipps: The Liege Diatessaron ediled with a
textual apparatus. Verh. Kon. Ned. Akad. v. Wetensch.. Afd. Lett. N. R.
XXIX, Nr. 1 (192?). Nr. 6 (1931).

;{ F. Maurer: Studien zur mitteldeutschen Bibelübersetzung vor Lu-
ther. Heidelberg 1929.

1 A. E. Schönbach: Eine altdeutsche Evannelienharmonie. Miscellen
aus Grazer Hss. 10. In: Mitteilungen des Historischen Vereins für
Steiermark 50 (1903) 7-103.

Metzger, Bruce M. i The New American Bible, 1970 (Prince-

ton SB 64, 1971 Heft 1 S. 90-99).
- : The New English Bible, 1970 (Princeton SB 63, 1970

Heft 1 S. 99-104).
Niedenthai, Morris J.: The Irony and Grammar of the Gos-

pel (Princeton SB 64, 1971 Heft 1 S. 22-29).
Palmer, Earl F.: The Gospel (Princeton SB 64, 1971 Heft 3

S. 96-105).

Villegas, Beiträn: La liberaeiön en la Biblia (Teologia y Vida
13, 1972 S. 155-167).

ALTES TESTAMENT

"Macho, Alejandro Diez, M. S. C.: El Targum. Introduciön a
la traducciones Aramaicas de la Biblia. Estudio leido en la
sala de actos del a delegaciön en Barcelona del consejo
superior de investigaciones scientificas, el dia 5 de Mayo,
en la sesiön solemne dedicada a San Isidore. Barcelona:
Consejo Superior de Investigaciones Cientificas. Delega-
ciön de Barcelona 1972. 119 S. 8°.

Obgleich in den letzten Jahrzehnten auf dem Gebiet der
Targumforschung von vielen Gelehrten intensiv und mit
wichtigen Ergebnissen gearbeitet worden ist, fehlte bis vor
wenigen Jahren eine den modernen Forschungsstand berück-
sichtigende allgemeinverständliche Einführung in die Tar-
gumim, wenn man von kurzen Zusammenfassungen in Lexi-
ka, Literaturgeschichten und Werken zur Einleitung in das
Alte Testament absieht. Besonders vermißt wurde eine sol-
che Einführung angesichts der sensationellen Textfunde der
fünfziger Jahre, von denen der Entdeckung des sogenannten
.Genesis Apokryphon' unter den Qumran-Texten (publiziert
seit 1956) und der Auffindung eines vollständigen Textes
des alten palästinischen Targums in der vatikanischen Biblio-
thek (Codex Neofiti, seit 1938 Herausgabe durch A. Diez
Macho) die größte Bedeutung zukommt. Inzwischen sind in
kurzem Abstände drei Einführungen in die targumische Li-
teratur von R. Le Deaut1, J. Bowker'-' und M. McNamera-1
erschienen, zu denen nunmehr noch die vorliegende Veröf-
fentlichung von A. Diez Macho M. S. C, Professor an der
Universität Barcelona, tritt.

Allerdings bietet M. weniger eine allgemeine Einleitung
in die verschiedenen Targumim unter Berücksichtigung ihrer
Entstehung, Geschichte, Übersetzungsmethode, theologischen
Anliegen usw., obgleich zu diesen Gesichtspunkten selbst-
verständlich das Wichtigste mitgeteilt wird. Im Vordergrund
stehen vielmehr bestimmte Probleme der modernen Targum-
forschung, denen sich der Vf. in lebhafter Auseinanderset-
zung mit der in großem Umfange herangezogenen und zi-
tierten Fachliteratur widmet. Auf diese Weise bietet sich dem
Leser eine ausgezeichnete Einführung in den gegenwärtigen
Stand der Targumforschung und damit eine nützliche Ergän-
zung zu den genannten umfangreichen Einleitungen in die
targumische Literatur an.

Im ersten Kapitel des Buches geht es um die genaue Defi-
nition der Targumim als .Übersetzungen' des hebräischen
Bibeltextes ins Aramäische zum liturgischen Gebrauch in der
jüdischen Synagoge. Auf die entsprechende Funktion von
LXX und Peschitta wird hingewiesen. Von dieser Definition
aus gehört z. B. das Genesis-Apokryphon von Qumran nicht
zur Gattung der Targumim (S. lOf). Allerdings entfernen sich
die jüngeren Targumim z. T. erheblich vom Charakter einer
wörtlichen Übersetzung. Paraphrasen des Textes treten stär-
ker in den Vordergrund, so daß man den Targum Pscudo-
jonathan geradezu als einen »Bastard" zwischen Targum und
Midrasch bezeichnen kann (S. 11). Wie der Vf. im zweiten
Kapitel (S. 12-31) zeigt, liegt demgemäß der Unterschied
zwischen beiden Literaturgattungen nicht in der hermeneuti-
schen Methode. Er ist vielmehr bedingt durch die unter-
schiedlichen Anliegen von Targum und Midrasch. Während
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