Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

98.1973

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Theologische Literaturzeitung 98. Jahrgang 1973 Nr. 5

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wiegend die göttliche Huld gemeint ist, aber chäsäd auch
menschliche Verhaltensweise bedeutet, doch wird der Begriff
in neuen Variationen formelhaft gebraucht. Inhaltlich glaubt
die Qumrängemeinde die Wirkungsmacht des göttlichen chä-
säd an das ihr verliehene Sonderwissen und die ihnen zuteil
gewordenen Sondergebote gebunden (S. 449).

In der Gruppe „Judiasme ä l'epoque romaine" schreibt A.
Jaubert über „La Symbolique des Douze" (S. 453-460) und
zeigt zunächst aus dem AT die Zwölfzahl in ihrer symboli-
schen Bedeutung und führt sodann aus dem Talmud und den
Targumcn sowie Philo entsprechende Stellen an, die die
Zwölfzahl in Verbindung mit dem Heiligtum zeigen. Dann
wird die Zwölfzahl in Qumrän behandelt, die gehäuft er-
scheint und auf die erwählte eschatologische Gemeinde an-
gewendet wird, was sonst im Judentum nur verstreut er-
scheint. - V. Nikiprowetzky, „La Mort d'Eleazar Fils de Jai're
et les courants apologetiques dans le De Bello Judaico de
Flavius Josephus" (S. 461-490). Der Autor stellt in genauen
materialreichen Untersuchungen die apologetischen Züge
heraus, die einmal die Aufstandsbewegung unter ungünstige
biblische Orakel untergeordnet, dann dem Römischen Reich
einen providentiellen Charakter zuschreibt und dennoch ihm
das Ende durch das messianische Reich voraussagen kann.
Besonders wichtig erscheinen mir die Reflexionen des Vf.s
über die Gottesanschauung und die Tyche-Auffassung bei
Josephus. - M. Petit, „A propos d'une reminiscente probable
dTsaie dans le Quod omnis probus liber sit" (S. 491-495),
sucht in einer gründlichen exegetisch-semasiologischen Un-
tersuchung einen Zusammenhang der Philo-Stelle Quid om-
nis probus über § 104 mit der Jesaja-Stelle 51,8 LXX und MT
zu erweisen und liefert einen interessanten Beitrag zur Ar-
beitsweise Philos. - J. Schwartz, „Philon et l'apologetique
chretienne du second siecle" (S. 497-507), zeigt die Einwir-
kung des philonischen Schemas gegen das Heidentum auf
christliche Apologeten wie Aristides, Diognetbrief sowie auf
weitere christliche Literaturwerke. - M. Simon, „Sur les de-
buts du proselytisme juif" (S. 509-520), untersucht sehr ge-
dankenreich die Ursprünge des jüdischen Proselyten, wobei
er zu der Schlußfolgerung gelangt, dafj zur Zeit der Über-
setzung der LXX spez. des ältesten Teils (Pentateuch) den
Ubersetzern jüdische Proselyten eine vertraute Erscheinung
waren (S. 512). Der Vf. versucht sehr geistvoll, eine Entwick-
lungsgeschichte, die überzeugend wirkt, zu zeichnen. - S.
Szyszman, „Oü la conversion du roi khazar bulan a-t-elle
eu lieu?" (S. 523-538), weist in überzeugender Weise nach,
daß der Bekehrungsort Khersones, 3 km entfernt vom heuti-
gen Sewastopol und etwa 30 km von Bakhtchisarai', war und
russisch Korsoun und hebräisch hrs'n heißt.

Der Festschrift ist beigegeben ein vorzügliches charakte-
ristisches Photo des Jubilars sowie (S. 541-556) seine um-
fangreiche und reiche Bibliographie, geordnet nach den ver-
schiedenen Arbeitsgebieten.

Leipzig Hans Bardtke

[Stählin, Gustav:] Verborum Veritas. Festschrift für Gustav
Stählin zum 70. Geburtstag, hrsg. v. O. Böcher u. K. Haak-
ker. Wuppertal: Theologischer Verlag Rolf Brockhaus
[1970], XII, 384 S., 1 Porträt gr. 8°.

Die Aufgabe, eine neben Bild, biographischem Abriß und
Bibliographie des Jubilars 27 Beiträge enthaltende Fest-
schrift vorzustellen, dürfte am sinnvollsten durch eine kon-
zise Inhaltsangabe sämtlicher Beiträge zu erfüllen sein, wo-
bei freilich auf jede kritische Werbung verzichtet werden
muß.

E. Haenchen, Vom Wandel des Jesusbildes in der frühen
Gemeinde, versucht das Verständnis des Erdenlebens Jesu
bei (a) Paulus, (b) Markus und (c) Johannes scharf und poin-
tiert voneinander abzuheben als (a) radikale Entleerung,
(b) randvolle Füllung mit göttlichen Machttaten und (c) In-
tegration des irdischen Jesus in den Geist-Christus. C. F.

Moule, Jesus in NT Kerygma, unternimmt eine Widerlegung
der Argumente, mit denen ein (theologisches) Desintercsse-
ment Pauli am historischen Jesus begründet zu werden
pflegt. Seine Hauptthese, daß die Briefempfänger über die
Geschichte Jesu bereits belehrt waren, stürzt M. durch die
entsprechenden Inhalte der Acta-Reden in und außer Jeru-
salem. Es sei zwischen einer erzählerischen (Ew.) und einer
reflektiv-analytisch-theologischcn Stufe (stage) des Heilszu-
spruches zu unterscheiden. W. C. van Unnik, „Alles ist dir
möglich", bringt Belege aus griechischer und jüdischer Lite-
ratur für die Verbreitung dieser als Glaubensbekenntnis in
aktueller Not zu verstehenden Floskel des Gethscmanch-Ge-
betes bei. „Die Tiefe dieses Gebetes" erweise die Tatsache,
daß es am Kreuz unerfüllt blieb (Mk 15,34), die Wahrheit
des Bekenntnisses aber durch die Auferstehung erwiesen
wurde. E. Bammel, Das Ende von Q, bestimmt Q, deren Er-
örterung seit Schleiermacher aufgegriffen wird, vor allem
auf Grund einer Analyse von Lk 22,19ff als ein schriftstelle-
risches Gebilde, „das der Form der Test XII ähnelt, um zum
Schluß in eben diese Form einzumünden", d. h. als ein nicht
biographisches, sondern Weisheits-theologisch orientiertes
Werk ohne Leidensgeschichte. F. Hahn, Das Gleichnis von
der Einladung zum Festmahl, rekonstruiert unter Heran-
ziehung von Logion 64 des Thomas-Ev. ein jesuanisches Ur-
Gleichnis und dessen Sinn („Umgruppierung" bewirkende
Einladung zum eschatologischen Freudenmahl), von dem er
dann die weniger veränderte Lk- und die stärker verwan-
delte Mt-Form und deren Sinngehalt (Missionsauftrag bzw.
heilsgeschichtlicher Abriß) abhebt. G. D. Kilpatrick, The Gen-
tiles and the Strata of Luke, begründet mit sprachlichen Be-
obachtungen eine in 4 Schichten stilistisch differenzierbare
Entwicklung des Autors Lk, nämlich in (I) den nicht-marci-
nischen, (II) den MkjStücken des Ev. (einschl. c.1.2.21-24?),
(III) Apg 1-15 und (IV) Apg 15-28 (Q wird ignoriert). Durch
die Rezeption des Mk sei Lk gegenüber der Heidenwelt ein
wenig reservierter geworden. W. G. Kümmel, „Das Gesetz
und die Propheten gohen bis Johannes", bestreitet mittels
einer „sorgfältigen Exegese von Lk 16,16" die „Schlüssel-
stellung für die heilsqeschichtliche Ortsbestimmung", die
Conzelmann dem Vers bei seiner Lk-Interpretation zumißt
und damit indirekt auch diese letztere. Der Täufer gehört in
die mit Jesu Predigt von der gegenwärtigen und kommen-
den Gottesherrschaft angebrochene und noch andauernde
Heilszeit. „Daß Lk auf die Geschichte Jesu als vergangene
zurückschaut, darauf führt Lk 16,16 in keiner Weise." B°
Reicke, Der barmherzige Samariter, faßt das Gleichnis als
eine in fast allen Einzelheiten allegorisch auf das Werk Jesu
bezogene „Analogie" auf, bei der es dem „Berichterstatter
um die Mission geht. Der Samariter wird - in Kontinuität
mit dem alttestamentlichen Liebesgebot - als Nächster im
Sinn des „Bundesgenossen des Gottesvolkes" dargestellt, um
die kirchliche Bereitschaft zur Samaritermission zu stärken.
O. Beetz, Die Vision des Paulus im Tempel von Jerusalem,
setzt gegen die These, daß Apg 22,17-21 eine konkurrierende
Variante zu Apg 9 darstelle, den Nachweis, daß jener Bericht
diesen voraussetze und ihn „paulinisch interpretiere", näm-
lich als dramatische Veranschaulichung des paulinischen
Selbstverständnisses seiner Berufung als prophetischen Sen-
dungsauftrages nach Jcs 6und Jcr 1. K. Haacker, Das Pfingst-
wunder als exegetisches Problem, versteht 1 Kor 14 und
Apg 2 als Berichte über Sprachenwunder, bei denen das ek-
statische Moment von untergeordneter Bedeutung ist. Die
übliche Erklärung von Apg 2,6-11 als eine in den Bericht
über eine glossolalische Ekstase eingetragene sekundäre In-
terpretation verwirft er als wissenschaftliche Legende einer
in Wunderfeindlichkeit befangenen Exegese. A. Strobel, Der
Berg der Offenbarung (Mt 28,16; Apg 1,12), sucht aus vielen
Andeutungen in allen Evangelien einen (bereits zurückge-
drängten) „urchristlichen Erwartungstopos" von einem von
Petrus angeführten eschatologischen Jüngerzug zum Berge
der erwarteten Parousie (dem aber wiederum der bereits er-
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