Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

98.1973

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Theologische Literaturzeitung 98. Jahrgang l!)7.'! Nr, 2

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deutung für die Eschatologie der Propheten herauszuarbeiten
gesucht35. Rendtorff ist auf dem Weg der Wertung der tra-
ditionsgeschichtlichen Erkenntnisse einen Schritt weiterge-
gangen und hat die „Traditionsgeschichte" voll in den Pro-
zeß der sich im Alten Testament vollziehenden „Geschichte"
einbezogen36. Und in seinem Aufsatz über den „Tod des Re-
ligionsstifters" hat K. Koch den Horizont der Fragestellung
ganz folgerichtig auf die ganze umliegende Religionsge-
schichte ausgeweitet und gezeigt, wie stark Israel in seinem
Glauben herkommt von Traditionen des Glaubens der Um-
weltvölker37. Auf dieser Linie hat G. von Rad dann auch
seine Darstellung der „Theologie des Allen Testamens" im
Untertitel der beiden Bände bezeichnet als „I. Theologie der
geschichtlichen Überlieferungen Israels" und „II. Theologie
der prophetischen Überlieferungen Israels".

So muß im Rahmen der Erwägungen zur Gestaltung einer
alttestamentlichen Theologie auch die Frage „Alttestament-
liche Theologie und Traditionsgeschichte" grundsätzlich an-
gesprochen werden. Ist „Traditionsgeschichte" in der Tat
das Element, in dem sich eine alttestamentliche Theologie
ausgestalten muß? Trifft Traditionsgeschichte die „Mitte",
von der wir in den vorausgehenden Überlegungen meinten
ausgehen zu müssen?

Es empfiehlt sich, auch bei der Erwägung dieser beute
zentralen Frage38 um der Anschaulichkeit des Ganzen willen
von konkreten Beispielen auszugehen.

Es war früher zur Sprache gekommen, daß Israel in seinem
Reden von Jahwe in besonderer Weise das Geschehen der Be-
freiung aus Ägypten vor Augen hatte. Es ist festzustellen,
daß diese Überlieferung ganz besonders im Bereich des Nord-
reiches hochgehalten worden ist. Der einzige Nordreichpro-
phet innerhalb der sog. Schriftpropheten, llosea, ist in sei-
nem Reden von Jahwes Tun eindeutig von dieser Überliefe-
rung her bestimmt. „Aus Ägypten rief ich meinen Sohn",
sagt 11,1. Auch im Deuleronomium, dessen Herkunft aus
dem Nordreich nicht unwahrscheinlich ist31*, und in seinen
Einleitungsreden hat diese Tradition großes Gewicht. Auf
der anderen Seite stellen die sog. Zionspsahnen, welche eine
ganz andere Gründung des Jahweglaubens aufzuweisen schei-
nen. Jahwe hat hier seinen Königssitz auf dem Zion. Iis isl
vom Völkersturm gegen den Zion und seiner Abwehr die
Rede (Ps 4ü,6ff.; 48/iff.; 76,3ff.). Und Ps 132 zeigt, wie sich
damit auch die Davidstradition, die den König im Bereich
des Zion vor Augen hat, verbindet. Die Spätdatierung all
dieser Psalmen in die nachexilische Zeit, die Wanke versucht
hat''0, überzeugt nicht. Zumal auch darum, weil sich zeigt,
daß unter den Propheten der vorexilische Jerusalemer Jesaja
in ganz besonderer Weise in diesem Tradilionskreise steht und
seine Verkündigung, in welcher eindeutige Hinweise auf die
Exodus-Ägyplenlradilion fehlen, im Element der Zion-Da-
vidtradition ausgestaltet.

Wer den Stoff der hüben und drüben verwendeten Tradi-
tion zum letzten Kriterium der theologischen Aussage macht,
der wird dem Urteil nicht ausweichen können, daß hier zwei
verschiedene, keineswegs einfach zu verbindende Traditionen
nebeneinanderstellen. Und er wird auf die Frage nach der
„Mitte" der alttestamentlichen Theologie in Rücksicht auf
die Verschiedenheit der zur Ausgestaltung des jeweiligen Ent-
wurfes verwendeten Traditionen Fehlanzeige erstattenmüs-
sen.

Allerdings bleibt von dieser Sicht her manche Erscheinung
gerade im Bereich der eben genannten Texte rätselhaft. Wo-
her die unbefangene Selbstverständlichkeit, mit der auch
Jesaja von Jahwe als dem Gott Israels redet und ihn in einer
ganz aus seiner eigenen Theologie geborenen Prägung ge-
radezu als den „Heiligen Israels" bezeichnet ? Woher die un-
befangene Rede von den „beiden Häusern Israels" (8,14)?
Und stärker auf die Inhalte der Verkündigung gesehen —
woher die eigentümliche Okumenizität der Jahweverkündi-
gung in der Krisenzeit des syriscli-epbraiinitischen Krieges
hüben und drüben in den durch eine Feindgrenze geschiede-
nen Staaten Juda und Israel, wie sie zwischen Hosca''1 und

Jesaja (Kap. 7f.) bei im einzelnen verschiedener Formulie-
rung ihrer Botschaft zu erkennen ist? Beide sind sie in die-
sem Krieg nicht einfach Parteigänger ihrer Nation, sondern
Verkünder des Willens des Gottes, der auf beiden Seiten der
(renze bei aller traditionsgeschichtlichen Verschiedenheil des
Herkommens der beiden Propheten derselbe Jahwe; ist. So
treffen sich die beiden in der Beurteilung des l'ennens nach
Hilfe der Großmächte. Und wenn über die beiden Propheten
hinaus geschaut wird : Woher die Unbefangenheit, mit welch ei-
der aus dem süillichen Thekoa stammende Ainns, welcher iniig
licherweise nicht fern vom Gedankenkreis der Zionstradition
lebt''2, im gottesdienstlichen Zentrum des Nordreiches seine

Verkündigung la ii I werden läßt (Am 7,10 — 17) ? Woher dann
später die unbefangene Verschmelzung der Exodus- und
Zionstraditionen bei den beiden Exilspropheten, wo der neue
Exodus sowohl nach Ez 20,32ff. wie nach den Wullen Di u
terojesajas (40,3—5; 52,7—10) sein Ziel auf dem Zion, der bei
Ezechiel als „der hohe Berg Israels" bezeichnet wird (20,40),
Findel ? Woher die seltsame Erscheinung, dal.! das Alle Testa
ment an keiner Stelle einen Hiatus zwischen Exodus- und
Zionsl heologic empfunden hat.'

All dieses wird nur versländlich, wenn für den (Hauben
der beiden Teile Israels Jahwe, der Gott Israels, der sieh
seinem Volke Israel in seinem herrischen und freien Ich selber
sagt, die undiskutierte, selbstverständliche Mitte alles He-
dens ist — mag es dann im Traditionskreis der Exodus- oder
der Zionsaussage geschehen.

Von hier aus ergibt sich die rechte Bewertung der Tradi-
tionsgeschichte innerhalb einer alttestamentlichen Theologie.
Diese, ist ein unabdingbare! Werkzeug zu besserer Erfassung
und auch geschichtlicher Verankerung der einzelnen Aus-
sagegehalte. Sie gehört darin, wie es in den erwähnten Auf-
sätzen von Koch sichtbar wird, in der Tat kalegorial zusam-
men mit der Religionsgeschichte. Zur Erfassung der eigent-
lichen theologischen Aussage des Alten Testamentes, des
auch über aller Einzeltradition stehenden Gottes, reicht sie

aber nicht hin. Das läßt sich in der Theologie G. von tYadl
vor allem in der eigentümlichen Verlegenheit erkennen, mit
welcher er vor dem Phänomen der Prophetie steht, in dem
ein kritischer Traditionsbruch an vielen Stellen sieb I bar wird
und die er, vor allem aufgrund der überbewerteten Stelle Jes
43,18f. als eine Verkündigung anspricht, die Israel aus seinen
alten Heilstraditionen hinausstößt. W enn Theologie in letzter
Gültigkeit in der Übermittlung bestimmter „geschichtlicher
Traditionen" besteht, dann allerdings gehören die Propheten,
die diese in Frage stellen und bei denen etwa die kritische
Aussage von Am 9,7, aber auch Ez 20,1—31 zu hören ist,
theologisch nicht mehr recht mit der zunächst behandelten
„ Theologie der geschichtlichen Überlieferungen" zusammen.

G. von Rad sucht das Neue bei den Propheten durch den
Begriff der „charismatischen Neuinterpretation" der älteren
(lebolsüberlieferung zu verstellen. Das Phänomen des „Cha-
rismatischen" spielte schon im Bereich der „Theologie der
geschichtlichen Überlieferungen" eine Rolle. So läßt sieb die
Truge stellen, ob das aus einer Vollmacht des Gotlesgeistes
gewirkte „Charisma" in der Prophetie dann einen anderen
theologischen Ausgangsort hat als jenes Charisma der Charis-
matiker im älteren Israel. Die Frage der Einheit der alttesta-
mentlichen Aussagen stellt sich auch von hier aus.

Bevor aber voll auf die Prophetie, deren Zuordnung in der
Tat die Schlüsselstellung für die Gestaltung einer alttesta-
mentlichen Theologie einnimmt, eingegangen wird, muß die
Aufmerksamkeit noch diu- „Weisheit", die von J. Barr als
besonderer Kronzeuge seiner Kritik am goschichtsorienliei-
ten Verständnis des Alten Testamentes aufgeführt wird, zu-
gewendet werden. Wie kann die von der Geschichte Israels
so hartnäckig schweigende „Weisheit" in eine alllestament-
liche Theologie eingeordnet werden?

VI

Die von den Proverbien, dem Predigerbuch und lliob so-
wie einigen Psalmen literarisch vertretene „Weisheit" ist in
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