Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

98.1973

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Theologische Literaturzeitung OS. Jahrgang 1073 Nr. 2

„Ich bin, der ich bin" — so s.'i^L sich Jahwe in dem Ge-
schehenden in seiner Freiheit aus. „Ich bin Jahwe, dein Göll ,
der ich dich aus Ägyptenland, dem Knechtshausc, herausge-
führt habe", so lautet die gewichtige Selbslvorstellung Jah-
wes im Eingang der zehn Fundamentalsätze seiner Rechts-
ordnung — die Zusage, die Israel von jenen Anfangsereignis-
sen her über seinem Leben von Gott ausgesprochen hört. „Ich
bin wie ein Löwe gegen Ephraim... ich, ich zerreiße und gehe
davon, ich trage hinweg und niemand rettet", lautet das
Prophetenwort in der Krise der Assyrerzeit (Hos 5,14). Und
wiederum ist es dem in der Tiefe des politischen Todes ver-
sunkenen Israel gesagt: „Höre auf mich, Jakob, und Israel,
den ich berufen: Ich bins. Ich bin der Erste und der Letzte. .
ich, ich habe geredet, habe ihn (Kyrus, den Befreier aus dem
Exil) auch berufen, habe ihn kommen heißen, ihm auch Er-
folg gegeben" (Jes 48,12.15 ZB).

So ist die von Israel erlebte Geschichte der vorzügliche
Ort der Begegnung mit Jahwe. Es muß Geschichte erzähl!
werden, wenn alttestamentliche Theologie entfaltet wird.
Solches Erzählen erreicht aber da erst sein Ziel, wenn es zum
Rühmen Jahwes, das in der Gerichtsdoxologie auch gerade
im tiefen eigenen Schuldbekenntnis seinen Ort haben kann18,
und zum Hilfeschrei zu diesem Göll hin wird. Daß das ver-
kündigende Wort sein Ziel da erreicht, wo die bekennende
oder schreiende Antwort erfolgt, ist in der Aufnahme des
Psalmbuches in den alttestamentlicheii Schriftenkanon un-
übersehbar festgehalten.

Von daher wird auch die in der Diskussion um G. von Rads
Theologie zeitweilig so stark umstrittene Frage, wie es denn
mit dem wirklichen Geschichlscharakter alles Erzählten
stehe19, zu einer Frage zweiter Ordnung. In der Verkündigung
jener Befreiung vom Anfang ist Jahwes Name über dem dort
Geschehenen gerühmt worden, ganz ebenso bei der Dcbora-
schlacht (Jud 5) und den großen Geschehnissen der Krise in
der Exilszeit. All dieses Rühmen kommt unbestreitbar von
geschichtlicher Begegnung her. Daß diesem Rühmen dann
vieles zugewachsen ist, daß das Rühmen göttlicher Wunder
Breite gewonnen hat und an manchen Stellen ins Übcrge-
schichtlich-Mirakulöse ausgewachsen ist, wird da nicht ei-
gentlich zum Problem, wo gesehen ist, daß nicht ein genau
nachgezeichneter Geschichtsverlauf letzlverbindliche Glau-
bensaussage sein, sondern auf den gewiesen werden will, der
hinter der Existenz und dann auch der kritischen Bedrohung
Israels geglaubt — und verherrlicht wird. Zum Medium sol-
cher Verherrlichung kann dann auch ein Bericht werden, zu
dem der Historiker sein Fragezeichen setzt. Es ist ja auch bei
den historisch unverfänglichen Aussagen über Exodus,Land-
nahme und Exil nicht der Historiker, der zu entscheiden ver-
möchte, ob sich darin wirklich Jahwe seinem Volke aussagt.
Hier antwortet der Glaube auf eine über den Geschehnissen
ergangene Verkündigung.

Die Abzweckung der Ankündigung kommender Gescheh-
nisse auf die Erkenntnis (und Anerkenntnis) Jahwes hin
wird in einer am breitesten im Buche Ezechiel belegten pro-
phetischen Redeform greifbar. Im sog. „Er weis wort"20 folgt
auf die prophetische Ankündigung eines göttlichen Tuns in
der Geschichte (zu Gericht21 oder Heil22) die stereotype Er-
kenntnisformel „und sie sollen erkennen, daß ich Jahwe bin".
Erkenntnisinhalt der vom Handeln Jahwes Betroffenen oder
der als Zeugen dieses Handeln Wahrnehmenden ist das: „Ich
bin Jahwe". Das an Israel oder den Völkern geschehende Er-
eignis wird Ort der Begegnung mit Jahwe, der in diesem Er-
eignis sein Volk oder die Völker unter seinem Namen angehl.

IV

In der Kritik von J. Barr war weiter der Vorwurf zu hören,
daß die Anwendung des Offenbarungsbegriffes auf das Alte
Testament zur Vernachlässigung der Religionsgeschichte, die
in einer zurückliegenden Phase das Verstehen des Alten Te-
stamentes beherrscht hatte, führe. Die Forderung eines neuen
Ernstnehmens der Religionsgeschichte ist u. a. auch von
Rendtorff und Koch ausgesprochen und in Aufsätzen bei-

spielhaft vorgeführt worden2'1. Eine Darstellung der alttesla-
mentlichen Theologie wird sich somit auch der Frage stellen
müssen, wieweit religionsgeschichtliche Einsichten in ihr zur
Geltung zu kommen haben.

Eine „Religionsgeschichte Israels" gehl mit anderen Fra-
gestellungen an das Alte Testament heran als eine ..Theologie
des Alten Testamentes", deren Ans.ii/. im Vorhergehenden
deutlich gemacht wurde. Sie wird mi1 einem allgemein defi-
nierten Begriff von „Religion" ilie Aussagen des Allen Testa-
mentes auf dem Hintergrund und im Kontext der Israel um-
gebenden Religionen mustern und objektivierend die ge-
schichtliche Bewegung nachzuzeichnen suchen, die sich unter
den religiösen Umwelteinflüssen durch die Jahrhunderle hin,
aus denen uns alttestamentliche Dokumente Auskunft ge-
hen, in Israel vollzogen hat.

Eine alttestamentliche Theologie wird an diesen religions-
geschichtlichen Bewegungen nicht einfach vorbeisehen kön-
nen. Von ihrem Wissen um die Mille des Alten Testamentes
her aber wird sie in anderer Weise fragend an die Aussagen
des Alten Testamentes herangehen. Es war deutlieh gewor-
den, dal.) diese Mit te nicht in einem Prinzip oder einem Grund -
gedanken, der sich gcistesgeschichtlich erheben ließe, zu fin-
den war, sondern in dem Glauben an das freie Sich-selber-
Sagen Jahwes, das seinen von niemandem zu beeinträchti-
genden Herrschaflsanspruch enthielt. Jenes freie Sich-selber-
Sagen Jahwes hatte Israel in seinen Anlangen als die ihm zu-
gewandte Rettungstat Jahwes vor den Feinden erfahren,
durch welche ihm der Weg hin ins Land Kanaan eröffnet
wurde.

Die religionsgeschichtliche Untersuchung lehrt, daß Israel
au verschiedenen Stellen und zu verschiedenen Zeilen zu dein
religiösen Glauben seiner Umwelt in Beziehung getreten isl.
Wenn Ezechiel in seiner Enlrückung in den Jerusalemer
Tempel nach Ez 8,14 Frauen auf der Schwelle zum inneren
Tempelhof sieht, welche den Tammuz beweinen, so ist darin
das Eindringen religiöser Vorstellungen aus dem Bereich des
Zweistromlandes erkennbar. Das führt in diesem Falle in die
Zeit der assyrisch-babylonischen Vorherrschaft. Die Ein'
flüssc von Ägypten her haben in den Tagen Salomos eine be-
sonders offene Türe gefunden. Sie dürften die Vorstellungen
vom Königtum stark beeinflußt haben. Gewichtiger aber
sind die Einflüsse der Glaubensformen, die das ins Land ein-
dringende Israel in Kanaan vorfand, dessen Religion ihrer-
seits von babylonischen und ägyptischen Beeinflussungen
nichl frei gewesen war. Die Religionsgeschichte lehrt, daß der
Glaube Israels sich diesen Einflüssen gegenüber in einer auf-
fallenden Ambivalenz verhält. Neben Elementen unbefan-
gener Übernahme und Einschmelzung fremden Gutes in den
Jahweglauben finden sich Stellen stark polemischer Absto-
ßung der fremden Elemente.

In der Fragestellung einer alttestamentlicheii Theologie
wird hier gefragt werden müssen, wie das Bekenntnis zu
Jahwe, dem Gott Israels, in solchen Begegnungen in neue
Dimensionen hineintritt und auf der anderen Seite sich durch
die Abgrenzungen in seiner Eigenart schärfer profiliert.

Diese Frage wird am besten anhand konkreter Beispiele er-
wogen. Die beiden Bestandteile, der Genesis, die sich durch
die früher erwähnten Stellen der Vernähung als etwas zu-
nächst Eigenes ausgewiesen haben, können die Ausweitung
der Dimension der Goltcsaussage Israels in zwei Richtungen
deul lieh machen.

In Gen 12—50 ist dem Anfang der Volksgeschiehte die Gc-
schichte der „Väter" des Volkes vorgeschaltet. A. Alt hat
darauf aufmerksam gemacht, daß sich in diesen Erzählungen
der vom Jahweglaubon verschiedene Glaube an einen „Väter-
gott" erkennen läßt2''. In diesem ist vom Volke Israel nicht
die Rede2"'. Dagegen isl die Gottheit durch ihre Beziehung zu
einem Menschen und der mit diesem Menschen zusammenge-
hörigen Gruppe gekennzeichnet. Die Verbindung der in die-
sem Väterglauben beheimateten Väter mit kanaanäischefl
Landesheiliglümern2'1 scheint darauf zu deuten, daß dieser
Glaube bei den Gruppen beheimatet gewesen ist, die zeillieh
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