Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

98.1973

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Theologische Literaturzeitung 98. Jahrgang 197:1 Nr. 2

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III mer noch die naheliegendste Erklärung zu sein, in dem Füh-

v<>" Rad hat es mit besonderem Nachdruck unterstri- rer, der dieses Entweichen „im Namen Jahwes" betrieben

chen, daß Israel seinem Gotl in der Geschichte begegnet isl hat, den Mann mit dem ägyptischen Namen, Mose, zu sehen,

<jnd daß sich sein Glaube im Bericht über geschichtliches der dann als „Künder" des Geschehens, das für Israels Re-

jeschehen ausspricht. Der eigentliche Modus des Redens Von den von Jahwe in der Folge eine mein- als periphere Bedeu-

•ott und damit auch einer alUestamentliehen Theologie he- tung gewonnen bat, anzusprechen ist15.

Wehl danach im Nacherzählen von Geschichte10. Dieser he- So tritt an den Anfang der Aussagen Israels über das Tun

sonderen Geschichtsbezogenheit des alttestamentlicheu seines Gottes am Volke die Erinnerung an jene geschichl-

Gjaubens hat J. Barr11 lebhaft widersprochen. Er weist liehe Befreiung aus einer akuten Existenzbedrohung. Es ist

' arauf bin, daß auch Israels Umwelt, wie etwa die Mesain- für Israel dabei ganz klar, daß es sich dieses Stück Erkenntnis

Schrift aus Moab deutlich zeigen kann, ganz ebenso seine Ge- seines Gottes nicht selber genommen hat, sondern daß ihm

C Uchte als Ort des Gotteshandelns erfährt. Alhrek tsnnhat darin sein Gott in seiner freieii Tat entgegengetreten isl. Die

I lese Erkenntnis voller entfallet und mit reichern Material Krcignisrichtung des „Ich bin, der ich bin" wird in dem ant-

e~Rt- Barr stellt weiter fest, daß Israel keinen Festen Ge- wortenden Hymnus Israels eindeutig bezeugt. Mit welcher

M uchtsbegriff kennt, sondern in wechselnder Weise auf Ge- Vehemenz diese im Mirjamlied hymnisch gefeierte „Erinne-

se Hehle, mythische Erzählungen und Legenden Bezug rang" von den ursprünglich an dieser Erfahrung Beteiligten

nnnmt. Ein so gewichtiger Komplex wie das Weisheits- weitergetragen worden ist, läßt sich nachträglich aus der Tat-

8cJ>rifttum läßt zudem die expli/.ile Beziehung zur Ge- sache erahnen, daß dieses Bekenntnis zum Vollbekenntnis

«Uchte Israels völlig vermissen. Gleiches gilt von manchen des ganzen Zwölfstämmevolkes bat werden können11'. Auch

sahnen. Positiv sielll Barr fest, daß neben der Geschichte die dichte Fülle von jahwegewirkten „Zeichen und Wundern",

"' verbale Kommunikation zwischen Gott und Mensch eine welche in der Folge das Erzählen von jener anfänglichen Ret«

8*0»e Ho||(, spielt keineswegs immer inhaltlich auf be- tung umlagern — so dicht, wie an keiner zweiten Stelle alt-

«immte Geschichte bezogen ist. Vor allem wendet er sich testamentlicher Berichte —, ist ein kräftiger Hinweis auf die

hegen ilj,. ,.nfj(, Verbindung des im Alten Testament verba- Bedeutsamkeit gerade dieser Erinnerung. In diesem Ge-

. keineswegs bedeutsamen Begriffes der „Offenbarung" schehen hat Israel das Ja seines Gottes zu seinem Leben

™" der Geschichte. Das führt nach ihm dazu, daß (hier führt. vernommen. Für eine „Theologie des Alten Testamentes"

hj Auseinandersetzung vor allem mit Karl Barth) die ergibt sich daraus, daß für Israels Reden von seinem Gott der

totlache Kritik nicht mehr wirklich ernst genommen und Bericht über die Rettung aus seiner Existenzbedrohung in

allem das Problem der Religionsgesi hichtc ganz ausge- den Anfängen seiner Geschichte der primäre Inhalt seines

' t nili t wird. Barr formuliert diese Einwendungen als An- Redens von Jahwe geworden ist.

1 einer nüchternen Exegese des Allen (und des Neuen) El ist von daher mehr als bloßer Zufall, daß Israel auch

tamentes, welche die textlichen Tatbestände nichl durch in der Folge in seinen geschichtlichen Widerfahrnissen die

'•'rtc dogmatische Denkmodelle vergewaltigen darf. Anrede seines Gottes in besonderer Weise erfahren hat.

'in hat G. von Rad aber in seinen Arbeiten, wie mich Dabei ist Barr recht zu gehen, wenn er sich gegen die straff

|/'"'v|> überzeugend nachgewiesen, daß der Kristallisations- systematisierende Entgegenstellung eines linear definierten

li'tT" ''°n 1>('"latc,lch, das Kernstück des altlestamenl- Geschichlsbegriffes, dem eine zyklisch zu definierende Natur-

' "'" Kanons, im Bericht über den Auszug aus Ägypten zu betrachlung seiner Umwelt gegenüberstehe, wendet. Israel

^' ' '» isttJ, Der deutliche Hiatus zwischen der Väterge- bildet in seinem Glauben keinen „Geschichtsbegriff" dieser

s|.|'" 'ne 111 ^"'n 12—50 und dem Bericht über das Volksge- Art heraus. Auch die „Natur", wenn dieser dem Alten Testa-

g "'l'en von Ex 1 ab verrät die Nahtstelle im Übergang von ment unbekannte Begriff einmal verwendet werden soll, ist

fn z" Ex. Und (|i(> noch ungleich weniger in die Israelgc- in den Geschehnissen heim Auszug, wo die Heuschrecken

q "te eingeschmolzenen Erzählungen der Urgeschichte in ganz ebenso wie die Wasser des Meeres dem Gebote Jahwes

sJ' " '~J 1 lassen zu Ende von Gen 11 noch eine weitere Naht- zu Diensten stehen, beteiligt. Ähnliche! isl später da zu sehen,

e erkennen. Das Problem dieser beiden vorgeschalteten wo Arnos „zwei Jahre vor dem Erdheben" (1,1) das göttliche

lichmPl"X'; W'r<1

in einem nächsten Hauptabschnitt ausdrück- Handeln in Naturkatastrophen ankündigt. Allerdings macht

■ "gesprochen werden müssen. gerade die prophetische Verkündigung sichtbar, wie sehr das

Sei l'S . ln*etzen der eigentlichen Israelgeschichte beim Ge- Wort der Propheten dann doch immer mehr die geschicht-

iiii | ""S ''C' Herauslösung der in Ägypten zu Zwangsarbeit lieb-politischen Widerfahrnisse, welche die Gefährdung und

i, '.. 011 genötigten Ahnen läßt sich außer durch Hos 11,1 mögliche Wiederherstellung des Volkes betreffen, als Ort des

b °- auch durch die umfassenden Gesehichtsentwürfe von göllliehen Handelns mit Israel kündet.

• - und 23 beleuchten. Es erfährt zudem darin seine Be- Es ist nach alledem doch mehr als ein bloß statistisches

Ii' '^'""g, dal.) der älteste im Allen Testament überlieferte Plus17, daß das Alle Testament so viel Geschichte, gewiß in

(| ^n.'.""s es mil dem Reitlingsgeschehen beider Flucht vor uligeschiedener Einmengung von allerlei sagenhaftem, le-

n'M'lern zu tun hat (Ex 15,21). gendärem und auch an die vorgeschichtlichen Erzählungen

wohj' ^' s<'''• ''''''•In' Erkenntnis, daß an jenem Geschehen adaptiertem Mythensloff erzählt. Im Bereich seines ge-
schichtlichen Lebens, da, wo seine politischen Entscheidun-
gen fallen, seine Bedrohung durch Feinde sich erhebt, die

Alt n,la"t>cblichen Feststellung, daß in dem vorliegenden Frage der Bergung im Schutz politischer Großmächte ent-

Testament, das Grundlage für eine Darstellung dieser schieden werden muß, hier erfährt es besonders nachdrück-

B^t*T°8*e" ist, dieser Berieht über das Frühereignis der lieh die Begegnung mit seinem Gott, dem es in eben diesen

SolchJ11}? Zl"" •>'*0'u'n"tnis" Bf,Ilz Israels geworden ist. Geschehnissen nicht entrinnen kann.

'''leb"' ernnnme der Erinnerung an ein Fundamental- „Geschichte" wird darin nicht, als eine Grüße eigenen

d,,rei|lls einer Teilgruppe in den „Mythos" einer umfassen- Rechtes, welche als solche das göttliche Geheimnis und in

ehe " en*e"n*<maft irt anderswo im politischen Bereich ganz kontinuierlicher Deutbarkeit den Logos Gottes in sich ent-

yst> zu finden1*. hielte, verstanden. Da sind ausgedehnte Phasen der „Wort-

4aft j*1 a'te Hymnus von Ex 15,21 zeigt nun sehr deutlich, stille", in denen das Geschehen und die es begleitenden Ver-

u'ehtSrilr' 'n'1 ('°r Erinnerung an die Befreiung aus Ägypten kündiger schweigen. Dann aber geschieht es wieder, daß ne-

slreb C'"U »nati°nalc Erinnerung" hochzuhalten be- ben neue geschichtliche Erfahrungen Verkündiger treten,

**ha] V">r' so"dern daß über ihm der Lobpreis Jahwes ge- welche sagen, daß Jahwe sich in diesen geschichtlichen Wi-

'"is'1 '| '^as 'sl nur versländlich, wenn über jenem Entweichen derfahrnissen seinem Volke neu sagt. Dabei wird kein Schlüs-

^nm .CIn "^"('c',,s''aus" schon im Vollzug desselben der sei der Geschichtsdeutung, der etwa Jahwe ohne weiteres im

e Jahwes genannt worden ist. Es scheint mir dabei im- Erfolg Israels erkennen ließe, entwickelt.

ihi I ni'r. eme Tcilgruppe des späteren Israel beteiligt «rar,
legJ Fl "'c''ts an der für eine „Theologie des Alten Testainen-
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