Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

98.1973

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Theologische Literaturzeitung 98. Jahrgang 197.'! Nr. 2

mentcs darzustellen, wobei sich ein tiefer Graben zwischen
der „Theologie der geschichtlichen Überlieferungen" und der
„Theologie der prophetischen Überlieferungen", die getrennt
den ersteren behandelt werden, auftut.

II

An die Spitze aller eigenen Erwägungen zu diesem weiten
Feld von Kragen tritt sinnvollerweise die eben berührte,
neuerdings so kontrovers gewordene Frage nach der „Mitte
des Alten Testamentes". Neben Fohrer* ist ihr Smend8 in
verdienstlicher Weise nachgegangen und hat auch wissen-
schaftsgeschichtlich ein reiches Material zusammengestellt,
das zeigt, wie frühere Generationen mit dieser Frage fertig
zu werden gesucht haben.

Es ist in der Gegenwart klar, daß wir nicht mehr, wie es
eine von Herder und dem Idealismus her bestimmte Zeit
getan hat, nach dem „Prinzip" des alttestamentlichen Glau-
bens fragen können. Andererseits ist es wiederum zu wenig,
mit G. von Rad lediglich nach dem „Typischen" der im Lauf
der Geschichte sich mannigfach wandelnden Gottesaussage
zu fragen. Die vom Alten Testament selber gemachte Be-
hauptung, daß es durch all sein Reden hin um ein und den-
selben Gott geht, will gehört und in der Anlage einer Theo-
logie zum Ausdruck gebracht werden.

Während nun Fohrcr in einer eher lehrhaft geprägten For-
mulierung von den zwei Komplexen der „Herrschaft Gottes"
und der „Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch" als Mit-
telpunkten einer Theologie des Alten Testamentes redet, be-
antwortet Smend die Frage im Rückverweis auf Wellhausen
mit dem Hinweis darauf, daß durch das ganze Alte Testa-
ment hin Jahwe der Gott Israels und Israel das Volk Jahwes
bleibt. Nach einer fridieren Untersuchung von Smend6 hat
die doppelteilige Rundesformel, die diese Verbindung aus-
sagt, zwar erst im Zusammenhang der deutcronomischen Be-
wegung ihre feste terminologische Fassung gefunden7. Was
sie aber inhaltlich beschreibt, hat als Wirklichkeit des Glau-
bens Israels schon lange zuvor bestanden. Mit dieser Ant-
wort scheint Smend zunächst nahe an den Ansatz der Theo-
logie Eichrodts heranzurücken, die den Ausgangspunkt beim
„Bund" nimmt. Daß die ausdrückliche Rede vom „Bund"
und das bewußte Ausgehen von ihm als einer wichtigen theo-
logischen Verständniskategorie ebenfalls ihren hauptsäch-
lichen Schwerpunkt im Umkreis des Dt haben, weist Perlitt8,
der jede frühere Nennung des Bundes allerdings mit einer
Strenge ausscheidet, die sich kaum halten läßt, einleuchtend
nach.

Smend nimmt aber den Ausgang zu der erwähnten Fest-
legung bei einem noch hinter der Doppelaussage „Jahwe der
Gott Israels, Israel das Volk Jahwes" liegenden Talbestand —
dem Namen Jahwes. Es ist gar nicht zu verkennen, daß die
alttestamenlliche Rede von Gott, auch wo sie den besonderen
Eigennamen dieses Gottes nicht ausdrücklich nennt, es von
ihren Anfängen her immer mit „Jahwe" zu tun haben will.
Man wird in der Tat, wenn man dann auch das Reden der
Weisheit von Gott, in welchem die Israelbeziehung Jahwes
in so auffallender Weise fehlt, in eine „Theologie" einbezie-
hen will, gut daran tun, den Ansatz beim Namen Jahwes zu
nehmen. Daß dieser in der alten Überlieferung seine nähere
Bestimmung ganz unmittelbar von der Begegnung mit Israel
her erfährt, wird im nächsten Abschnitt voller zur Sprache
kommen müssen.

Hier gilt es zunächst noch etwas genauer zu fragen, in wel-
cher Weise denn nun der Name Jahwe als „Milte des Alten
Testamentes" für die Gestaltung einer „Theologie" von Be-
deutung sein kann.

Da ist zunächst deutlich, daß im „Namen" das personhaft
Unverwechselbare des Gottes, mit dem es der Glaube zu tun
hat, zum Ausdruck gelangt. Der Eigenname ist etwas wesen-
haft anderes als die Bezeichnung einer Kategorie, einer all-

gemeinen Gattung von Wesen. Er bezeichnet den Einzelnen,
der sich im Namenganruf ganz persönlich betroffen fühlt.

Aber kann es dabei sein Bewenden haben? Der Eigen'
riarar als vom Menschen zu formulierender Anruf scheint
doch zunächst einmal Jahwe In die religionsgeschichtliche
Vielzahl von Gottheiten einzureihen, die auch anderswo je
mit ihrem Eigennamen bezeichnet werden, und qualifiziert
ihn als einen dieser vielen. Was sollte damit gewonnen sein ?

Wer aber das alttestamentliche Reden vom „Namen"
Jahwes verfolgt, wird bald darauf stoßen, daß Israel dem
„Namen" seines Gottes gegenüber eine ganz besondere Hal-
tung einnimmt. Unter eleu zehn Sätzen, in denen das Wich-
tigste vom Gebot Jahwes zus.iininengrlnl.il ist, erscheint un-
mittelbar Irinler der fundamentalen Aussage über die Exklu-
sivität des einen, irr Israel zu verehrenden Gottes und (lern
Verhol, ihn im Bilde greifbar zu machen, das scharfe Verbol
des Mißbrauchs des Namens. Dieses will offenbar ganz so wie
das zweite Gebot das „zuhanden-Haben" Jahwes abwehren.
Die religionsgeschichtlich, soweit, ich sehe, ganz einmalige
Erscheinung, daß eine Verchrergruppe eines Gottes den ge-
heiligten Eigennamen ihres einzigen Gottes ganz aus dem
Gebrauch verdrängt, so daß wir nur noch auf dem Umweg
über die Angaben bei den christlichen Kirchenvätern die ur-
sprüngliche Aussprache dessen rekonstruieren können", was
die Synagoge bei jeder gottesdienstlichen Lesung nach sei-
nem Konsonantenbestand geschrieben vor Augen hat, kann
ex post die besondere Empfindung des Volkes Jahwes ge-
genüber dem Namen seines Gottes beleuchten.

Vor allem aber will hier die einzige Stelle, an welcher im
Allen Testament versucht wird, den Eigennamen Jahwes in
seiner Bedeutung aufzuhellen, beachtet sein. Im elohisti-
■chen Berufungsbericht von Ex 3, 1.4b.6.9ff. fragt Mose den
„Gott der Väter" (V. 6), der ihn nach Ägypten sendet, um
Israel von dort herauszuführen, nach dem Namen, unter
dem er ihn bei seinen Volksangehörigen nennen soll. Er er-
hält (V. 14) die rätselhafte Antwort „Ich bin, der ich bin",
wobei in dem doppelten hehr, 'aehjäeh unter dem Schleie!
der Verhüllung der Name Jahwe, den dann 3,15 offen nennt,
hörbar gemacht werden soll. Die Diskussion um das Ver-
ständnis dieser Stelle hat sich vorwiegend an das isolier te
„Ich bin" geklammert. Während man sieh heute weithin
darüber im klaren ist, daß die von LXX angebotene Deutung
&5iv „der Seiende" dem Hebräischen ganz ungemäß ist,
hat man häjäh als „wirksam sein", als „mitsein", als „treu-
sein" u. ä. zu verstehen gesucht oder den Akzent auf die
Imperfektbildung gelegt und darin das Element des Zukünf-
tigen gefunden: „Ich werde sein, der ich sein werde." Die
Deutung hat aber nicht von dem isolierten häjäh, sondern
streng von der vollen Redefigur „Ich bin, der ich bin" aus-
zugehen und zu hören, daß hier Jahwe dem Mose, der ihn
gerne in seinem Namen fassen möchte, in seiner Freiheit jeden
Zugriff verwehrt. In Gen 32,30 wird eine analoge Frage von
Gott mit der Gegenfrage : „Was fragst du mich nach meinem
Namen?" beantwortet oder richtiger: unbeantwortet gelas-
sen. Ex 3,14 macht in seiner Redefigur unmißverständlich
deutlich, daß der Name Jahwe den, der ihn ausspricht, daran
erinnern soll, daß er damit den Gott nennt, den er niclrl mit
seiner Nennung fassen kann, sondern der nur je in seiner'
Freiheit der ist, als der er sich selber zu erkennen gibt. Im
Namen Jahwes wird die unumkehrbare Priorität dessen, de*
nur jeweils auf sein erstes Handeln und Reden hin genannt
werden kann, festgehalten.

Geht eine alttestamentliche Theologie von dem In der
Mitte alles alttestamentlichen Redens von Gott stehenden
Namen Jahwe aus, so wird sie sich strikte an diese Selbsl-
interpretation des Alten Testamentes halten und dessen be-
wußt bleiben müssen, daß sie im Namen Jahwes dem be-
gegnet, der sich selber aussagt und auch in diesem seinem
Sagen sich seiner eigenen Freiheit nicht begibt.

Diese Erkenntnis muß nun auch gerade da Lebendig sein,
wo in einer zweiten Fragerichtung der Frage „Alttestament-
liehe Theologie und Geschichte" nachgegangen wird.
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