Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

98.1973

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Theologische Literaturzeitung 98. Jahrgang 1973 Nr. 1

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vielschichtige und wirklichkeitsbezogene Umdeutung der
Texte für uns heute: „Wir wagen ... es, mit Hilfe unserer
Predigt über die Wunderberichte des NT Not zu wenden,
und zwar auf allen Ebenen der Wirklichkeit, an der die
Kirche teilhat" (S.38). Noch klarer wirkt der Abschnitt,
der eine dogmatische Zusammenfassung des Wunder-
kerygmas der Schrift unternimmt (S.40ff.). Daran an-
schließend wird deutlich gemacht, wie die Wunder-
predigt besonders dazu helfen kann, die „Leiblichkeit und
Weltlichkeit des Kerygmas" (S.46) als notwendiges
Handeln zu bezeugen. - Das Ganze schließt mit einer
Predigt zu Lukas 7,11-17, einschließlich Exegese und
Meditation. - Es ist gut, daß Vf. den hermeneutischen
Skopus heutiger Wunderinterpretationen so deutlich her-
aushebt, wie er heute eigentlich durchweg üblich ist; aber
die Arbeit befriedigt dogmatisch und homiletisch nicht in
gleicher Weise, weil Vf. an entscheidenden Stellen immer
wieder eine exegetisch-hermeneutische Riickbeugung der
Probleme vornimmt. Er argumentiert also gewisser-
maßen in einer Art „höheren ßiblizismus" mit der Ten-
denz, die unterschiedlichen Weisen im theologischen Ver-
stehen der Wunder im NT harmonisierend gleichzuschal-
ten. Dogmatisch gesehen bleibt unklar, wie christolo-
gisches und trinitarisches Denken angesichts des Wun-
ders zusammengehören, wie auch das Problem von Gesetz
und Evangelium hier hereinspielt. So nimmt es nicht
wunder, wenn die gebotene Predigt weniger befreiend,
mehr belastend wirkt. Aus der lukanischen Meinung, daß
Jesus Gestorbene wieder erweckt, entsteht die Paränese,
daß wir uns der Menschen, die vom Tode bedroht sind,
aber noch leben, aktiv anzunehmen haben. Die Meditation
begründet diesen Themenwechsel nicht. Weniger inter-
essiert zeigt sich Vf. auch im Blick auf heutige Hörer-
fragen. Auf die Wandlung im Weltbild geht er nicht aus-
führlich ein (dazu sagt H.Flender mehr). Daß Natur-
wunder weniger faszinieren als Geschichtswunder, viele
von ihnen jenseits von christologischer und diabolischer
Deutung säkular genommen werden, auch viele Wunder
sich einer prophetischen Deutung entziehen, kommt nicht
weiter zur Sprache. Und wie steht es mit Gemeinde-
verhältnissen, in denen keine Wunder geschehen? Offen-
sichtlich gab es das auch bereits in manchen Gemeinden
des Neuen Testaments.

Das Buch von Helmut Flender ist sehr dicht geschrie-
ben, zeigt eine vielseitige exegetische und dogmatische
Bildung, wie sie im Predigerseminar, wo sie entstanden
ist, vorgeführt werden muß, damit Kandidaten aus unter-
schiedlichen theologischen Schulen das Gefühl haben, daß
ihre Lehrer gebührend zu Wort kommen. Darüber wird
die Arbeit nicht profillos, auch wenn sie hier oder da
überladen wirkt. Welcher theologische Autor der letzten
halben Generation kommt eigentlich nicht zu Wort und
wird munter kritisch in des Vf.s Gedankenbahnen ein-
geordnet? - Ein erster Teil (S. 13-52) stellt hermeneu-
tische Überlegungen im Grundsatz an. Hier versucht Vf.
auf eigene Weise, Wort und Wirklichkeit miteinander zu
vermitteln, um einer abstrakten Worttheologie ebenso wie
einer falschen natürlichen Theologie zu entrinnen. „Wir
wollen vielmehr die Wirklichkeit der Schöpfung zurück-
gewinnen für die Predigt, um im Medium dieser Wirklich-
keit das Heil in Kreuz und Auferstehung aussagen zu
können" (S.101). Darüber hinaus betont Vf. vielleicht
deutlicher als viele andere Hermeneutiker unserer Gene-
ration, daß der kermeneutische Zirkel zwischen biblischem
Wort und heutigem Zeugnis je situationsabhängig ist,
„daß das biblische Wort an die damalige Situation ge-
bunden ist und sich nicht als überzeitlicher kerygma-
tischer Zuspruch aus dieser Situation lösen und systema-
tisch zusammenfassen läßt" (S.101). Eine „weltliche"
homiletische Interpretation darf daran nicht vorüber-
gehen. Aus den hermeneutischen Deduktionen leitet dann

Vf. - etwas zu gesetzlich - eine neue Arbeitsmethode für
die Predigtvorbereitung ab. Eine dogmatisch-historische
Vorbesinuung hat das Vorverständnis zu klären. Daran
schließt sich eine historisch-kritische Bearbeitung des
Textes an, die in eine homiletische, d.h. hörer- und gegen-
wartsbezogene Interpretation einmündet. - Ein weiterer
Teil unternimmt es, die Themengebiete der Wunder, der
Gleichnisse und der Kreuzesbotschaft in der angegebenen
Weise durchzuarbeiten (S.53-99). Hier kommen inter-
essante Ergebnisse heraus, die freilich relativ abstrakt
bleiben, obwohl Vf. von der Abstraktion für die Predigt-
arbeit wenig hält, fast zu wenig (S. 25, 48 u. ö.). Nicht über-
all ist er in allen theologischen Disziplinen gleich versiert,
am meisten jedoch in der Exegese. Dennoch ist etwa seine
Verarbeitung der Stellungnahme der EKU „Zum Ver-
ständnis des Todes Jesu" dogmatisch und exegetisch
gesehen sehr anregend, während die dogmatische Dar-
stellung der Wunder- und Gleichnishermeneutik magerer
wirkt. Die homiletische Konkretion wird nicht immer so
erreicht, wie sie Vf. selbst postuliert. Trotz seiner wich-
tigen Bemühung, empirisches und ganzheitlich verstehen-
des Denken positiv zusammenzubinden, sind doch man-
che homiletische Thesen nicht ungefährlich, weil sie zu
einseitig ausgesprochen werden. Um nur zwei Beispiele
zu nennen: Die Dogniatik hat in der Predigtvorbereitung
nicht nur das Vorverständnis aufzubereiten, sondern die
heute zu verantwortende theologische Wahrheit der Pre-
digt überhaupt. Und das, was die vom Vf. so genannte
„materiale Homiletik" bisher geleistet hat, wird doch wohl
reichlich unterschätzt (S.100 u.ö.). - Das Predigtbeispiel,
mit dem die Arbeit schließt, ist vielleicht noch zu wenig
praktisch und weltnahe ausgefallen. - Alles in allem han-
delt es sich um eine interessante Arbeit, die einen guten
Platz im Ringen um die legitime dogmatisch-exegetische
Fundierung der Predigtarbeit unserer Zeit einnehmen
wird.

Das Originelle und Neue, von dem man bei dem Beitrag
von Willi Born wirklich sprechen kann, liegt in vier
llaupterkenntnissen: 1. Gegenüber J. Konrads diffe-
renziertem System der Maßwerte der Predigt (vgl. Die
evangelische Predigt, 1963) werden praktisch erprobte
Kriterien angeboten, die wegen ihrer Übersichtlichkeit
leichter bewältigt werden können. 2. Es geht um die
methodisch erprobte Nachbesprechung von gehörten -
und nicht gedruckten - Predigten. 3. Besonders wichtig
ist das Bemühen, die Predigtbesprechung „nicht nur
sach-, sondern auch emotionsbezogen" (S.63) durchzu-
führen. Damit versucht Vf., Erkenntnisse des Clinical
Pastoral Training für die Homiletik fruchtbar zu machen.
4. Er will mit Hilfe seiner Methodik, die er ohne weiteres
für variabel hält, nicht nur Theologen, sondern auch
Laien Möglichkeiten zum Gespräch über die Predigt an
die Hand geben. Damit sind wichtige neue Aspekte in die
homiletische Arbeit über die Predigtkritik eingebracht
worden. - Über die eigentliche Zielstellung hinaus bietet
die Einleitung eine Auseinandersetzung mit der mono-
logischen Predigt. Sie wird „eine begrenzte Bedeutung"
(S.5) behalten. Ein erster Abschnitt gibt dann eine Ein-
führung in die Geschichte der Homiletik der letzten Gene-
ration (S. 10-29), wie man sie eigentlich bei dem Thema
nicht erwartet. Hier brechen des Vf.s praktisch vermitteln-
de Emotionen in Abgrenzung und Zustimmung deutlich
durch. Wichtig ist dann für das Thema die Beschreibung
der einzlnen „Arbeitsgänge der Predigtanalyse" (S.30
bis 63).Hier kommen im einzelnen originelle homiletische
Gedanken vor, die der Beachtung wert sind. Auch wird
manche gute Kritik gegenüber modernistischen Irrwegen
laut. Eine knappe Zusammenstellung von Fragen unter
fünf Aspekten (64f.) bietet ein handlicher Überblick:
I. Empfindungen deur Hör und die herausgehörte Bot-
schaft. II. Fragen zur Predigt als Rede. III. Der Text
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