Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

98.1973

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Theologische Literaturzeitung 98. Jahrgang 1973 Nr. 1

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Einfluß liegt hier vor? Das Phänomen des Laryngal-
schwundes begegnet im Aramäischen, aber längst nicht
so weitgehend wie im Samaritanischen. Im babyloni-
schen Aramäisch erklärt sich weitergehender Kehllaut-
schwund vom akkadischen Einfluß her. Vf. nimmt an, daß
das babylonische Aramäisch auf das Samaritanische ein-
wirkte. Aus dem Bericht in 2Kön 17,24-32 ist zu erfah-
ren, daß der assyrische König nach dem Fall Samarias
einen Teil der Bevölkerung Israels, besonders Samarias,
deportieren, einen fremden Bevölkerungsteil mit einem
akkadischen Dialekt, dem die Laryngalaussprache unbe-
kannt war, dafür ansiedeln läßt. Eine so erhebliche Be-
völkerungsmischung muß naturgemäß die alte Aussprache
beeinflussen und wandeln. Diese sprachgeschichtlichc Be-
gründung bleibt hypothetisch, dessen ist sich Vf. auch
bewußt, jedoch wird man kaum eine andere geben kön-
nen. Wie sonst sollte man so wesentliche Änderungen, die
ein Fünftel des ursprünglichen phonemischen Bestandes
der Sprache ausmachen, erklären können. Die aussprache-
mäßige Vernachlässigung der Kehllaute wird mit der
Gründung der samaritanischen Gemeinde - natürlich
unter assyrischem Einfluß - ins 7. Jh. v.Chr. hinein-
reichen. Solche „Vermischung" der Sprache sei am Tetra-
gramm veranschaulicht. Der Gottesnanie Jahwe wird als
sema „der Name" gelesen. Trotz des aramäischen Status
determinatus setzt man noch den hebräischen Artikel
davor. Unter Schwund des Laryngals He lautet die Form
a§§§ma, die nun aber den Judäern bzw. Juden vollkom-
men unverständlich erscheinen mußte. In 2Kön 17,30
heißt es, daß der Gottesname der Mischbevölkerung Sa-
marias k?'??, ist. Diese Entstellung ist nicht - wie bisher
meist angenommen wurde - der Name einer Göttin Slma
(S.53f.l34), sondern umschreibende Aussprache des
Jahwe-Namens.

Einige weitere lautliche Besonderheiten im SH seien
nur aufgezählt: Der Endvokalisnius, insbesondere aus-
lautendes -a, ist erhalten, wie er aus den Qumran-Schrif-
ten bekannt ist (z. B. beim Personalpronomen der 3.m./f.
Person win und nsen). - Ein altes Phänomen ist die Ver-
doppelung des Res im SH, wie überhaupt die Doppel-
konsonanz im SH häufiger als im MH ist. - Die altkan.
Lautregel, wonach in betonter geschlossener Silbe a zu i
gewandelt wird, ^ilt nicht für das SH. Aszendente Diph-
thonge werden nicht kontrahiert. - Ein kurzer Vokal in
offener Silbe wird nicht wie im Aramäischen reduziert,
sondern gedehnt wie im MH. - Hingewiesen sei noch auf
den „gebundenen, kulminativen Akzent auf der Pänul-
tima" im SH, wie er im Aramäischen vorherrscht (S.2I8).
Für die Satzphonetik bedeutet das, daß die einzelnen Wör-
ter gut voneinander abgegrenzt sind. Pausalformen gibt
es im SH nicht.

Bei der Abhandlung der Morphologie legt Vf. frühere
systematische Darstellungen der SH-Formenlehre zu-
grunde (vgl. S.235-239). In gleicher Ausführlichkeit und
guter übersichtlicher Gliederung des Stoffes wie bisher
legt Vf. auch die Probleme der Morphologie (S. 240-464)
dar. Sehr eindeutig wird herausgestellt, daß der ara-
mäische Einfluß für die Verbalbilduug bestimmender als
für die Nominalbildung ist. Das zeigen vor allem die
Passivformen, die aus dem Aramäischen übernommen wur-
den, das gilt für die Aufnahme der aramäischen Etpeel-
Formen als Reflexivum im SH, das gilt für die Hofal-
Formen der **o- und t»-Verben. Die SH-Nominalbil-
dung entspricht der des MH. Auffällig ist die doppelte
Bildung der Imperfekt-Formen im Qal-Stamm. Das SH
kennt eine kürzere Form yiqtal und eine längere yeqätel.
Die kürzere Form ist die am meisten verwendete und ent-
spricht der MH-Form. Die längere Form sieht Vf. als
sekundäre an, als eine Form mit „Spuren von falschen
Analogien: Einerseits erweckt sie den Eindruck, als ob das
Präformativ einfach mit dem akt. Pt. gebraucht wurde,

dem man dann mechanisch die Endungen des Imperfekts
hinzufügte. Andererseits erinnert sie sehr stark an die
Piel-Formen des gleichen Tempus, von denen sie sieh
nur durch das Unterbleiben der Verdoppelung unter-
scheidet" (S.275). Zu diesen beiden Imperfekt-Formen
führt Vf. noch eine Form ycqattel an, die tatsächlich der
Piel-Bildung entspricht, aber bei den Verben vorkommt,
die sonst im Perfekt Qal gebraucht werden. „Man darf
deshalb nicht erstaunt sein, daß sie (~ Samaritaner) für
Qal Impf, neben den richtigen, ursprünglichen auch meh-
rere sekundäre, mit dem Piel kontaminierte Formen ge-
brauchen" (S.276). Rez. möchte zu bedenken geben, ob
hierbei nicht der alte Durativ im Qal-Stamm, wie er im
M1I in Resten noch vorkommt und wie er westsemitisch
als yaqattalu belegt ist, nachwirkt, Das jungwestsemi-
tische Verbalsystem ließ morphologisch den Durativ
untergehen zugunsten der Präsens/Futur-Form oder ihn
im Intensivstamm aufgehen.

An dieser Stello seien Rez. oinige kritische Bemerkungen zur
Verwendung von grammatikalischen Begriffen gestattet, die
aber den Wort des Werkes in keiner Weise schmälern v ollen -
und das sei besonders betont! -, sondern nur zum Bedenken
für eine Neuauflage anregen möchten, um dem heutigen all-
gemeinen „Begriffswirrwarr" ein wenig zu steuern. Sollte statt
dos Begriffes „Relativpronomen" nicht besser „Relations-
pnrtikel" gebraucht werden, weil u.E. der Begriff „Relativ-
pronomen" für das Hebräische irreführend und vom Indo-
germanischen her belastet ist? (vgl. §§58.102). Wäre der Aus-
druck „energeticum" nicht besser durch „energicum" zu er-
setzen? „Vcrba ooneava" sollte wegfallen, dafür möchte die
einfache, sonst bei allen anderen Vorbalklassen in dieser Gram-
matik gebrauchte Bezeichnung „Verba i'y und •*»" , wie es
in Klammern vermerkt ist, stehen (§§82.99). Dasselbe möchte
auch für die Bezeichnung „Verba mediae cavatae" (§80)
gelten. Unseres Erachtens wäre für die Nominal- wie Verbal-
bildung mehr Bedeutungsklarheit zu erzielen, wenn konsequen-
ter zwischen „Präfix" (als proklitisoher Präposition) und „Prä-
formativ" (als deiktische Partikel der Verbal- und Nominnl-
hildung), zwischen „Suffix" (als Possessivsuffix beim Nomen,
als Objekt-/Akkusativsuffix beim Nomen) und „Afformativ"
(als nominale bzw. pronominalo Endung zur Bildung des Fer-
fekts bzw. als Nominalendung) unterschieden würde. Befremd-
lich wirkt auch der Gebrauch von „plosiv", wofür üblicher-
weise „explosiv" im Gegensatz zu „spirantisch" bzw. „Ex-
plosiva" und „Spiranten" oder „Reibelaute" verwendet wird.
Auch eindeutiger würde uns die Verwendung „Attributsätze"
für „Relativsätze" (§190a) scheinen.

Im letzten Teile der Grammatik, der Syntax (S.407-555),
hebt Vf. insonderheit die Unterschiede zwischen den beiden
Dialekten des SH und des MH hervor, die wesentlich beim
syntaktischen Gebrauch der einzelnen Redeteile und nicht in
der Satzbildung liegen. Aber Vf. stellt auch heraus, daß es sich
dabei weniger um wirkliche ursprüngliche Dialcktuntorschiede
zwischen dem Nordreich und Südreich Israels handelt, sondern
vordergründig um die samaritanische Tendenz zur „Harmoni-
sierung des Pentateuchtextes" (S.467). Maßgebend für die
Syntax im Pentateuch sind aramäische Einflüsse, für das
übrige Schrifttum der Samaritaner aber arabische Einflüsse,
da samaritanisches Schrifttum hauptsächlich arabisch verfaßt
worden ist. Beim SH ist zu beobachten, daß beispielsweise der
Artikel beliebter ist als im MH. Ein Wort kann mehrfach
determiniert sein (S.487.489). Bei den Zahlwörtern besteht
zum gezählton Gegenstand Kongruenz und nicht Disgruenz wie
im MH. Abweichend vom MH ist der Gebrauch der Verbal-
stämme. Für Passivstämme tritt gern der aktive Grundstamm
als ein „inneres Passiv" ein. In bezug auf Tempora und Modi
zeigt sich deutlicher aramäischer Einfluß, wenn statt des maso-
retischen Imperf. waw cons. das Perf. vorherrscht. Und das
geschieht nicht zuletzt aus hermeneutischen Gründen, um
unzweideutig zum Ausdruck zu bringen, daß eine Handlung in
der Vergangenheit abgeschlossen wurde bzw. stattgefunden hat
(§172).

Diese „Grammatik des Samaritanischen Hebräisch "
möchte große Beachtung finden; denn sie ist nicht nur
eine sorgfältig erarbeitete Darstellung und Untersuchung
einer Sprache, sondern sie regt an vielen Stellen zum
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