Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

97.1972

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Wort, ward Fleisch" (1,14) meine Fleisch keineswegs den Be-
reich des Unheils selber, sondern mir den Bereich, in dem
sich die Entscheidung zwischen Heil und Unheil vollzieht.
Einen doppelten Weltbcgriff gebe es bei Job nur scheinbar.
Der ganze Aussagenkomplex, für den 3,16 repräsentativ ist,
unterstreiche nur den Sachverhalt der Entscheidungssitua-
tion angesichts der Offenbarung. „Gott hat die Welt ge-
liebt" heißt nach Sch. etwa: Wer sich nicht für Gottes in der
Offenbarung angebotene Liebe entscheidet, wird zur Welt.
Das Ergebnis ist im Grunde der Ausgangspunkt: gemäß der
Definition des joh. Dualismus hat der Glaube nichts mit der
gottfeindlichen Welt zu tun (die Kreise berühren sich nicht).
Das gnostische Integritätsprinzip ist bei Joh. voll gewahrt.
Also ist der vierte Evglist selber ein Gnostiker. Allerdings
sind die letzten beiden Schlüsse m. E. nur dadurch möglich,
daß Sch. einen Augenblick lang ihre Ausklammerung der
Zeitperspektive selber wieder rückgängig macht. Denn wenn
es die gottfeindliche Welt im Augenblick der Offenbarung
noch gar nicht gibt, dann ist ja auch nichts da, womit der
auf die Offenbarung hin Glaubende vorher vermischt oder
uicht-vermischt gewesen sein könnte, in bezug worauf die
Aussage von seiner Integrität sinnvoll wäre. Eigentlich gibt
es überhaupt keinen salvandus, sondern nur den salvatus in
statu nascendi. Und entsprechend könnte bzw. müßte man
eher von Sch.s Prämissen aus die Erlösung im JohEv als eine
Art von creatio ex nihilo bezeichnen, und wir wären plötz-
lich beim genauen Gegenteil von ihrem Ergebnis.

Diese Rezension ist nicht, am „grünen Tisch" entstanden,
sondern sozusagen am Konferenztisch; sie setzt eine gründ-
lich vorbereitete und kollektiv ausgewertete Konferenz un-
seres Berliner Arbeitskreises für koptisch-gnostische Schrif-
ten mit Frau Scholtroff über die Thesen ihres Buches und
ihrer anderen Arbeiten voraus. So wendet sie sich auch aus-
nahmsweise außer an Frau Schottroff selbst mehr an die-
jenigen, denen das Buch bereits vertraut ist, als an solche,
die es noch nicht kennen, es sei denn mit der Versicherung,
daß sich die Lektüre dieses Buches lohnt.

Berlin Hans-Mnrtiii Schenke

Orban, A. P.: Les denominations du monde chez les premiers
autcurs Chrctiens. Nijmegen: Dekker & Van de Vegt 1970.
XIX, 243 S. gr. 8° == Graecitas Christianorum Primaeva.
Studia ad sermonem Graecum Christianum pertinentia
edenda curat Christine Mohrmann, 4.

Die Absicht der Arbeit über den Begriff ,Welt' in der
christlichen Überlieferung der ersten christlichen Jahrhun-
derte richtet sich auf Verwendung und Verständnis der ent-
sprechenden griechischen und lateinischen Termini in ihrer
teils räumlichen, teils zeitlichen Bedeutung. In einleitenden
Abschnitten wird der Sprachgebrauch im profanen Griechisch,
in der Septuaginta, bei Philo Judaeus und auch im Neuen
Testament besprochen. Der Vf. behandelt hier die philolo-
gischen, philosophischen und theologischen Fragen unter
Heranziehung und in kritischer Verarbeitung der bisherigen
Forschungsergebnisse (vgl. die Anmerkungen, die umfas-
sende Bibliographie und das Theologische Wörterbuch von
G. Kittel). Die Verwendung von saeculum und mundus und
ihren Derivaten wird ebenfalls in die profane Sphäre bis auf
Cicero und Seneca zurückverfolgt. Für die Septuaginta und
damit für die gesamte christliche Begriffsbildung ist ihre he-
bräische Grundlage mit der Prügung des Schöpfungsglau-
bens und die endzeitliche Ausrichtung von Bedeutung. Sie
verbindet sich mit hellenistischen Einflüssen pessimistischer
und dualistischer Art, wie sie auch von gnoslischen Strömun-
gen her in der Qumrangcmeinde und im Neuen Testament
zur Wirkung kommen und von da in mannigfacher Weise die
verschiedenen Richtungen der christlichen Theologie mit-
bestimmen. So zeigt sich schon bei den Apostolischen Vä-
tern eine Entwicklung der christlichen Terminologie, die

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von der Figenart der einzelnen Kirchenprovinzen abhängig
ist. In Rom entfaltet sich der im profanen Sprachgebrauch
begründete jüdisch-hellenistische Begriff von Kosmos im
1. Klemensbrief und im Hirt des Hermas. Auch Barnabas,
der hier die ägyptische Kirchenprovin/. vertritt, hat eine po-
sitive Auffassung und vermeidet die Abwertung der Welt-
vorstellung. Es geht ihm eigentlich um die? kommende Welt,
und Kosmos findet sich auch in den Titeln Gottes und
Christi. Die Kirchen Kleinasiens und Syriens, die literarisch
durch Ignatius von Antiochien und Polykarp von Sinyrna
repräsentiert werden, stehen mit ihrer ablehnenden Haltung
gegenüber der Welt in der paulinisch-johanneischen Tradi-
tion. Unter den Apologeten nimmt Tatian der Syrer mit sei-
ner radikal asketischen Haltung und seiner Feindschaft ge-
genüber der griechischen Kultur einen besonderen Platz ein.
Für ihn ist die Welt dem Untergang am Tage des Gerichts
verfallen. Für ihn wie auch für Justin in seinem Dialog mit
dem Juden Tryphon ist die Welt als solche Gott abgewandt,
verdorben, heidnisch. In seinen an die hellenistische Umge-
bung gerichteten Schriften nimmt Justin zusammen mit d(»
anderen Apologeten einen weltoffenen Standpunkt ein. Kos-
mos ist in der klassischen Bedeutung ,Welt', ,Universum'.
Klemens Alexandrinus, mit dein der griechische Teil der Un-
tersuchung abschließt, hat aufgrund seiner biblischen Ein"
sieht und seiner philosophischen Gelehrsamkeit die Verein-
barkeit von Religion im Sinne des christlichen Glaubens und
von Philosophie vertreten und entsprechend auch den Be-
griff des Kosmos verstanden und angewendet. Die abwer-
tende Anwendung kommt bei ihm wohl nur in übernomme-
nen, schon festgepräglen christlichen Redewendungen vor.
Das Adjektiv kosmikos braucht er anerkennend mit Bezug
auf die weltliche, philosophische Bildung, Doch bezeichne!
er damit wohl auch gelegentlich Menschen, die ihre Hoff-
nung auf die irdischen Güter richten und in fleischliehen Lei-
denschaften befangen bleiben. Sie stünden neben PsychikeW
(oder Ilylikern) den Pncumatikern gegenüber. Als zweiter
griechischer Terminus wird Aion nach derselben Methode
und unter derselben Fragestellung behandelt. Die [dee der
Ewigkeil, die mit dieser griechischen Vokabel sieh verbin-
det, bleibt abstrakt und wird in der Alltagssprache abge-
schwächt gebraucht. Unter dem Einfluß des hebräischen
olam bekommt in Septuaginta aion den Sinn einer längst
vergangenen oder zukünftigen unübersehbaren Zeit, ohne
einen meßbaren Zeilraum anzugeben, und bezeichnet in Ver-
bindung mit der Gottesvorstellung die Ewigkeit im absolu-
ten, überzeitlichen transzendenten Verständnis. Zugleich hat
aion von allersher die Bedeutung ,Leben' und wird zum Ter-
minus für das geistige Leben jenseits des leiblichen Todes.
Die räumliche Bedeutung des Wortes aion =s Universum ha1
anthropologische, ökumenische Beziehung, insofern das Wort
die Menschheil umfaßt. Auch hier zeigt sich der Einfluß des
hebräischen olam. Im Neuen Testament bildet sich die Vor-
stellung von der Vollendung dieses Aion und die Lehre von
den zwei Äonen als Ausdruck eschatologischen Glaubens. Bei
den apostolischen Vätern bieten sieh kaum neue Entwick-
lungslinien. Nur die Beziehungen zur gnostischen Termino-
logie werden deutlicher. Bei den Apologeten zeigt sich die
Gesamttendenz, die Besonderheiten einer christlichen Sprach-
bildung zu vermeiden und sich der profanen Redeweise an-
zupassen. Klemens Alexandrinus läßt eine Neigung zur Gno-
sis ebenfalls verspüren. Die Besprechung des Adjektiv!
aionios, die die Untersuchung der frühchristlichen Überliefe-
rung in griechischer Sprache abschließt, bringt noch beach-
tenswerte Ergänzungen und Bereicherungen.

Für das lateinische Sprachgebiet sind die Termini saecu-
lum und mundus mit ihren Derivaten die maßgeblichen Aus-
drücke für den Themabegriff. Im profanen Sprachgebrauch
fällt bereits die abwertende Verwendung von saeculum auf-
mundus, ursprünglich ,Frauenschmuck' und dann ,Himmels-
gewölbe', nimmt unter dem Einfluß von ,kosmos' die Be-
deutung ,Welt', ,Universum' an, und zwar auch in esehatolo-
gischem Sinne. An christlichem Schrifttum — Einwirkungen

Theologisehe Literaturzeitung 97. Jahrgang 1972 Nr, 10
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