Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

97.1972

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Theologische Literaturzcitung 97. Jahrgang 1972 Nr. 10

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geltend machen, doch bedürfte es dazu einer eingehenderen
Auseinandersetzung. Vielleicht kann man aber damit noch
so lange warten, bis der Vf. den in dem vorliegenden Buch
niedergelegten programma tischen Versuch im einzelnen aus-
zuführen Gelegenheit gehabt hat, zumal er in seinem Vor-
wort ausdrücklich darauf hinweist, daß der jetzt vorliegende
Band „represcnts an early stage in a projeeted study that
some time in the distant future would expand each chapter
into a separate volume" (S. XVI). Es bleibt somit abzuwar-
ten, ob in den noch zu erwartenden Bänden jene eingehen-
dere Interpretation der für das — in gewissen Grenzen durch-
aus berechtigte — Anliegen des Vf.s in Betracht kommenden
Texte gleichsam „nachgeliefert" wird. Sollte es aber tat-
sächlich zur Ausführung des Vorhabens kommen, so er-
scheint es dem Bez. freilich als äußerst zweifelhaft, ob sich
dann noch die Grundkonzeption des Vf.s in solch ungebro-
chener Weise festhalten läßt, wie dies im vorliegenden Band
geschieht. Denn: eine eingehendere Interpretation der eine
„covenantal theology or Weltanschauung" widerspiegelnden
Texte vom Alten Testament bis hin zum Neuen Testament
würde notwendigerweise zu einer weitgehenden Differenzie-
rung innerhalb der vom Vf. behaupteten Zusammenhänge
führen, damit zugleich aber dann auch eine Korrektur der
Grundthese des vorliegenden Buches mit sich bringen.

Jena Hans-Friedrich Weiß

Schottroff, Luise: Der Glaube und die feindliche Welt. Beob-
achtungen zum gnostischen Dualismus und seiner Bedeu-
tung für Paulus und das Johannesevangelium. Neukir-
chen-Vluyn: Neukirchener Verlag [1970]. XII, 324 S.
gr. 8° = Wissenschaftliche Monographien zum Alten und
Neuen Testament, hrsg. v. G. Bornkamm u. G. v. Rad,
37. Lw. DM 54,-.

Das vorliegende Buch von Frau Schottroff geht auf ihre
im Januar 1969 von der Evangelisch-theologischen Fakultät
der Universität Mainz angenommene Habilitationsschrift zu-
rück. Es ist ein hochinteressanter, notwendiger und unge-
wöhnlicher Versuch, das alte Problem der offenbar zwischen
der Gnosis und bestimmten Schichten des NT bestehenden
Beziehungen auf der durch die Erkenntnisse der jüngsten
religionswissenschaftlichcn Erforschung der hellenistischen
Umwelt des Urchristentums veränderten Basis neu zu durch-
denken. So ungewöhnlich, wie die Wege, die Seh. den Leser
führt, so überraschend ist auch das Ergebnis: Die Sicht des
Verhältnisses des Glaubenden zur Welt in der Gnosis und im
JohEv ist grundsätzlich gleich (der vierte Evglist ist selber
ein Gnostiker), während Paulus, auch wenn er und wo er in
gnostischen Kategorien denkt und argumentiert, die gno-
stische Sicht des Verhältnisses de s Glaubenden zur Welt so
entscheidend modifiziert, daß ein antignostisches Verständ-
nis des Menschen dabei herauskommt. Überraschend ist das
Ergebnis namentlich für das JohEv, zumal wenn man sieht,
wie Sch. keineswegs etwa durch Aufnahme der Interpreta-
tion Käsemanns, sondern gerade durch Weiterdenken der-
jenigen Bultmanns zu einer Auffassung gelangt, die an Radi-
kalität Käsemann noch überbietet.

Sch.s Anschauung steht nun in einem innigen Zusammen-
hang mit zwei wichtigen und richtigen Anliegen, die sich
durch das ganze Buch ziehen:

1. Die bisher die gesamte religionsgeschichtliche Erörte-
rung des Verhältnisses von Gnosis und NT beherrschende
Konzeption von dem einen, alle gnostischen übjektivationen
prägenden und verbindenden Erlösermythos, d. h. die klas-
sische Theorie über den Mythos vom Erlösten Erlöser, ist
nicht mehr aufrechtzuerhalten. Es bedarf infolgedessen einer
ganz neuen Bestimmung dessen, was gnostisch ist, einer
Neu-Definition des allen gnostischen Texten Gemeinsamen
als Grundlage des Vergleichs mit dem NT.

2. Es ist phänomenologisch falsch, hermeneutisch fragwür-
dig und theologisch unzulässig, die Gnosis und gnostische

Konzeptionen einfach als den schwarzen Hintergrund zu be-
nutzen, vor dem das Christentum und christliche Konzep-
tionen um so heller in Erscheinung treten, etwa nach dem
gängigen Kanon: nicht Gnosis — also reiner Offcnbarungs-
glaube, bzw. nicht naturhaft — also geschichtlich. Dieses
zweite Anliegen, mit dem die Vf.in an den Grundfesten theo-
logischer Denkgewohnheiten der Gegenwart rüttelt, verob-
jektiviert sich bei ihr in der These, daß das Erlösungsver-
sländnis in der Gnosis, auch wenn es so scheint, keineswegs
wirklich naturhaft sei, sondern die freie Entscheidung 'le'
Aufgerufenen für oder gegen das Angebot der Erlösung vor-
aussetze und einschließe.

In Anbetracht der Bedeutsamkeit dieser Anliegen kann es
als weniger gewichtig erscheinen, daß in der Durchführung
und im Ergebnis vieles so, wie es jetzt dasteht, nicht ab-
nehmbar sein dürfte, während es um so lohnender sein
könnte zu verfolgen und zu verstehen, von welchen Voraus-
setzungen aus und auf welchem Weg Sch. zu ihren unge-
wohnlichen Thesen kommt, zumal so der Blick dafür frei
werden könnte, daß den Anliegen der Vf.in auch anders
Rechnung zu t ragen möglich ist .

Grundlegend, ja die späteren Einschätzungen des Paulus
und des JohEv geradezu präjudizierend, ist der der Ciiiosis
selbst gewidmete Teil 1 ihres Buches (S. 4—1 14). Ausgehend
von dem Apokryphon Johannis und dem System Iren.adv.
haer. I 30 gewinnt Sch. hier durch Analyse dreier Sachkom-
plcxe, nämlich: 1. Belebung Adams, 2. Sophiamythos, 3. Er-
lösung/Erlöser, ihre Sicht des Wesens der Gnosis. Nach ihr
ist Gnosis primär eine ganz spezifische Art theologischen
Denkens, das sich in einer unverwechselbaren Interpretation
des vorgegebenen mythischen Materials äußert. Der RaUffl
dieses gnostischen Denkens ist der als Kategorie verstandene
radikale Dualismus von Licht und Finsternis im Sinne von
Heil und Unheil, innerhalb dessen das Selbst des Mensehen,
obwohl dem Licht und Heil zugehörig, als der Finsternis und
dem Unheil anheimgefallen gesehen ist. Und die Bewegung
dieses Denkens ist getrieben von dem Impuls und bestimm*
von dem Ziel, die Integrität dieses lichten Selbstes und seines
Erlösers trotz des Seins in der Finsternis zu behaupten und
auf immer neue Weise zu zeigen. Die Pole dieses Dualismus
seien aber keineswegs als Grenzpunkte einer wirklich gc"
meinten Abwärts- und Wiedcraufwürtsbewcgung zu ver-
stehen, ebensowenig wie die Integrität des lichten Wesens,
das dem Selbst des Menschen zukommt, wirklich Substanz*
haft gedacht sei, sondern das gnostische Denken sei ganz und
gar konzentriert auf einen einzigen Punkt, nämlich die
Situation, in der der Mensch mit dem Angebot der Erlösung
konfrontiert wird und sich so oder so entscheidet; der Dua-
lismus der Gnosis sei also im Kern ein Entscheidungsdualis-
mus. Es ist klar, daß hier Bultmanns in Konfrontation mi'
der Gnosis gewonnene Interpretation des JohEv auf die
Gnosis selbst zurückwirkt, wie diese Konzeption Sch.s ja
auch nur mit Hilfe existentialer Interpretation, von der Sch-
weitgehend Gebrauch macht, zu gewinnen bzw. zu behaup-
ten ist, allerdings keineswegs mit Hilfe existentialer Inter-
pretation überhaupt, sondern mit Hilfe einer speziell auf die
Entscheidungssituation abhebenden, wie sie Bultmann in der
Interpretation des JohEv demonstriert hat. Ist aber über-
haupt die Entscheidungssituation für gnostisches Daseins-
verständnis konstitutiv? Das Bild würde sich sofort ver-
schieben, wenn man etwa nur dahingehend modifizieren
würde, daß für das Daseinsverständnis der Gnosis die Situa-
tion des Sich-Entsehiedenhabens konstitutiv ist. Auch was
die Relation Interpretation/Stoff in Sch.s Gnosis-Verständ-
nis anbelangt, so fühlt man sich erinnert an die redaktions-
geschichtliche Betrachtungsweise der Ew. Aber es wäre
gerade zu fragen, in welchen Grenzen diese Analogie an-
wendbar ist. Es ist ja überhaupt das Phänomen von Sch-9
Gnosis-Deutung, daß alle geltend gemachten Gesichtspunkte
an sich richtig sind, aber dennoch durch die Summe ihrer
Üb erspitzungen ein fast vollkommener Verfremdungse ffekt
eintritt. Die entscheidende Frage an diesen Entwurf ist aller-
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