Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

97.1972

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423 Theologische Literaturzeitung 97. Jahrgang 1972 Nr. 6

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des Übersetzers (zum Folgenden vgl. S. 15ff.). Lommel wollte seiner heiden engsten Ratgeher gewann, konnte er an seinem

eine „lesbare Übersetzung" schaffen; dafür genügte ihm die Hofe eine kleine, nur langsam wachsende, vielbefeindete Gc-

Übernahme awestischer Namen und Bezeichnungen nicht. meinde als Urzelle seiner neuen Religion gründen.

Er muß allerdings bekennen:,,Meine deutschen Wiedergaben t r i • • i .l • . .„„ntritt.

. „ , ■ , Jl. . . , " In seiner Lehre, wie sie uns in den Gathas entgegentrm,

der iNamen zarathustnscher Himmelswesen sind von Mitfor- n ■ » . « n „ .. % ,ipn

, . . ... , , , , ist alles in einer schöpferischen Bewegung zu Gott und/u

Schern nicht übernommen, aber auch kaum durch andere er- »• , • • w • ... „ .. >, , . ,j Vr^en

. , . . . i • , . , Menschen hin. Was er in ständiger, mit Gebeten und rr.ige"

setzt worden; man hat es meistens bei den awestischen Wör- , , >.7 ... , »r D ' ...... v :„c„,ulir

, , \.i7 »1 »* j im • ti % ■ ■• geladener, mit Zweifeln und Vertrauen gefüllter Zwiespracne

lern belassen." Von Ahura Mazda (Weiser Herr , dein die n *. j . o i •■ i ■ i c u„ „iner

u tr_ i u • • ii r. i . . mit Gott redet, ist von einer Schönheit der Sprache, cinei

sechs Himmelswesen bei seiner sinnvollen Ordnung der Welt -a i n ..i., . . .. ~ , „j 0:„a

,,. . , . . „ . ... , , . ° _ mitreilienden Gewalt dichterisch-visionärer Schau und cinei

helfen, spricht er als von „Gott", fugt aber hinzu: „Das ist ■ ,• , - . ,■ , c .„, . , m j om-

r. , tit . , • v,, , prophetisch-pnesterhchen Sendungsgewißheit, denen L>om

ein von mir gebrauchtes Wort, keine Übersetzung aus dem i fn . , .__. , w , • j _ a r.-itha

, ... „ ., . . . . 5, mels Übersetzung gerecht wird. Man lese in der ö. uai"d

Awestischen: Zarathustra... hat kein unserem ,Gott ent- i .■ c u-i i • r, i .„n mit

. , _, . .. _ „ , ' Zaralhuslras Schilderung seiner ersten Zusammenkunft n"*

sprechendes Wort. Den iNamen des Gott am nächsten ste- ■ m ■ ir , . , — , . . „i, .In

, . ,lr . , . , , _ . dein Weisen Herrn „bei der Erzeugung des Daseins, ai» »u

henden Wesens, dessen Antipode der Böse Geist (angra , lr . ,. — . , .. , . . . , c._„f<.\ var-

. . .. . . . , , , . (° Herr) die lateu und die Worte mit Lohn (und Strale) w

manyu) ist, gibt er nicht, wie vielfach üblich, all „Wahrheit , ' , . , r>.. r, ■ , . ir ~ it,,„tr für

. / , , , , ., , , . ' sehen machtest, Böses für Böses und gute Vergeltung lu

wieder, sondern wählt für ihn das „abstrakte und etwas r. . , , , • ,.,„., , . , , . . w j.,«» der

,.' ,,. .... .... ., ". ., ,, . Gutes, durch deine Machtfulle bei der letzten Wendung UCI

kunstliche Wort ,Wahrsein , weil er in dim sowohl „eine c u.. , _„ ,n7n ti j _ i__i t.:..i.liik in

.... • • w i „ , , , • , . Schöpfung (971.). Und man nehme dazu, um r.inmicn

objektive geistige Macht als auch „subjektiv die Wahrhaf- • w u f i i j- t: n .1 Air. epinen

. • . . _,° , , , . , ' _ „ . , seine Hingabe an Gott zu bekommen, die ;>. Gatha, die seine

tigkcit eines Menschen enthalten sieht. Das Beiwort des v » ,. ,., , . ■ • i , „ i.'iini'i

,e . , , , Kampf gegen die Gotter schildert, der im Grunde der U"l

obersten Geistes, spenta manyu, das gewöhnlich als „Guter n .. ... ,. ■ . . . T • mci-

n •■• A • « ..i • , .., . . Gottes selbst gegen die — hier verwendet Lommel die u*™"

oder „Heiliger Geist übertragen wird, ubersetzt er mit ein- , ,. , . ?.. , „ „ ¥I ... , „ -, /o2).

, ", _6 .. , . ? ' , , „. „ , sterhehe Wortschöpfung Goethes — „Ungeschopfe ist (.■«v
gehender Begründung, aber „immer noch behelfsmäßig als

„Verständiger Geist". Jeder der Geister ist in einem der ir- Zarathustras Angriff gegen die alte Religion schließt seinen

dischen Elemente verkörpert, das Wahrsein im Feuer. Das Aufruf an die Menschen, mitzukämpfen und sich danut hir

ständige Ringen Lommels um eine sachgemäße Übersetzung das Goltesreich gegen das Reich der Lüge zu entscheiden, 111

kommt vollends in den „Bemerkungen" zum Ausdruck, die sich- Uer Höhepunkt des Frevels wider Gott ist für ihn "**

er den einzelnen Gathas beigegeben hat. Häufig sucht er in ,lem Mitfara dargebrachte Rinder- und Rauschtrank (H"0j

ihnen aufgrund des gemeinsamen arischen Erbes der beiden ma)-Opfer. Gegen seine Feier erhebt er leidenschaftliche'1

Religionen der Sprache und Form der Gathas durch Ver- Protest im Namen der Rinder und zugunsten der Viehzi"1»-

gleiche mit Gedichten der ältesten indischen Religion, vor ter- Dem ergreifenden Gespräch der „Seele des Rindes' «B

allem des Rigveda, beizukommen. Die Gathas sind für ihn im <lem Weisen Herrn entnimmt er seine Berufung zum „U '

Gegensatz zu den vedischen Gedichten streng gebaute Ge- mann fur das Rind" (2- Gatha; S. 27f.). Von hier aus ent» "

bilde, gegen deren „Zerstückelung" er sich wehrt. Auf S. 15iff tet sich selne Verkündigung in die Weite: „Höret mit eure

unterrichtet er über ihre Metrik. Er hat sie in seinem Buch 0hrcn das Beste> betrachtet mit klarem Denken die beide'

nach ihrer literarischen Form, ihrer jeweils „gleichen Stro- Wahlmöglichkeiten der Entscheidung Mann für Mann. (Je

phenform", nicht nach ihrer „zeitlichen Entstehung" ange- der) für sich sell,er darauf bedacht, uns vor der großen Wend

ordnet. Eine Abhandlung Erwin Wolffs „Die Zeitfolge der zu gefallen... Von diesen beiden Geistern wählte sich de

Gathas des Zarathustra" ist dem Buch beigefügt. Lommel Lügenhafte, das Schlechteste zu tun, das Wahrsein (AcC->

sah in ihr den ..seit langem bedeutendsten Fortschritt der aher (erwählte sich) der sehr verständige Geist... Zwischen

Studien auf diesem Gebiet" (Universitas, a.a.O., S. 279). diesen beiden haben sogar die Götter nicht richtig unterschie-

Die für den Leser, der keine Fachkenntnis hat (sie auch den" (5- Gatha; S. 41f.). Die Entscheidung des Menschen 1"

nicht zu haben braucht), erwünschte Einführung in Lehre aen einen "der anderen Geist ist deshalb so dringlich, wen

und Leben des Zarathustra ist den „Übersichten" zu entneh- mit Jem Weltende das Gottesgericht bevorsteht, die „Sr0 '

men, in denen Lommel jeweils die übersetzte Gatha inter- Wendung der Schöpfung". Dann wird die Zugehörigkeit dc-

pretiert. Sie setzt voraus, daß der abendländische Leser das rer, die sich für Sinn und Ordnung wider Lüge und Boshei

Bild der zarathustrischen Religion, wie sie ihm durch die entscheiden, offenbar werden. „Dann ist die Welt zu ihrer

Griechen als zoroastrische Religion mit ihrem absoluten Dua- Vollkommenheit nach Gottes Plan gelangt. Es geht nicht U™

lismus zwischen einem guten und einem bösen Prinzip und «M« Erlösung der Menschenseele; den Menschen ist nach in"

ihrer nicht ganz unbegründeten Deutung der sechs Geister rem Tod Belohnung und Strafe im Jenseits zuteil geworden-

im vollkommenen Licht der Ideen Piatons überliefert wurde, die bis zu jenem Schlußkampf, der Auferstehung und Wci j

beiseite setzt. Vollends muß er die Erinnerung an Mozarts gericht ist, währen und Ansporn sein sollen, die rechte WW

strahlende Lichtgestalt des Sarastro zurückstellen, von Nietz- zu treffen." (Universitas, a.a.O., S. 274.)

sches absurder Inanspruchnahme des Zarathustra-Namens Bis zu seinem Tode erhoffte Zarathustra sich „einen Grö-

für seine Gott-ist-lot-Botschaft zu schweigen. Jenes abend- ßeren, Erfolgreicheren", der „außer Künder der Lehre a«cn

ländische Bild ist nicht falsch, aber es stellt die Zarathustra- Held in der Schlacht und Sieger sein soll" (120). Er starb als

Religion aus einer Zeit dar, in der sie längst kultisch und 77jähriger.

theologisch zu einer sakralen Institution geworden war, die „ . . , D . . , „ , ■■•,,.;„ der

,6 . . i i • ■, Es ist von hohem Reiz, in den Gathas, wie sie jetzt in "•=•

von den Magiern verwaltet wurde und mit ihrem starren y^. , „ ... . . .. , An-

_ .. .,° . . , . . „ , , . Übersetzung und lirlaulerung Lommels vorliegen, den

Dualismus, ihren prolo- und eschatologischen Spekulationen, ... , od i- • j vr iTi •* „„rhrw

_ . . '. .. i i • -i • , i fangen einer der großen Religionen der Menschheit naenz«

ihrem Reimgungsntualismus und dem in ihn eingeschlossenen ° . ■ r>r i t • ■ r -i -.l n__;.ti>r.h'

, , _, b b , ., T, cehen und im Blick auf sie, nicht auf ihre spathellenistisc»

Kult des Feuers zur Abwehr des Bosen ihrem Ursprung ent- ° . . , , .... a1, .,„ j NVue

, _ , , . ,. j t> - dualistische Weitergabe, ihre Einflüsse auf das Alte und i>t-u"

fremdet war. So lebt sie noch heute unter den Färsen in . .° „ , T , , , nrür

_ , Testament (Daniel, Henoch, Johannesoffenbarung) zu Pr"

Bombay. jen

In den Gathas steht die Gestalt des Zarathustra in ihrer

faszinierenden Ursprünglichkeit vor uns. Immer wieder Calw/Tiibingcn Gerhard Rosenkranz,
klingt in ihnen an, daß der am Anfang des 1. Jahrtausends
vor Christus im nordwestlichen Iran, dem heutigen Afghani-

stan/Westturkestan, unter rinderzüchtenden Hirten lebende -

Priester wegen seiner Zerstörung der alten Religion seine
Heimat verlassen mußte und als „Flüchtling" (138), als we-
nig erfolgreicher Wanderprediger durch die Lande zog. Erst Margulis, B.: A Weltbaum in Ugaritic Literature? (JBL
als er die Gunst des westiranischen Königs Vishtaspa und 1971 S. 481—482).
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