Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

97.1972

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Theologische Literaturzeitung 97. Jahrgang 1972 Nr. 4

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rium Christi, des Weltenrichters im Kreise der Apostel,
anscheinend niemals die Rede gewesen. „Dies erweckt
einige Skepsis gegen die am archäologischen Schrifttum
zu beobachtende Neigung, bildliche Darstellungen Jesu
und der Apostel auf das Vorbild des Kaisers und seines
Konsistoriums zurückzuführen." Kirchliche, kuriale Kon-
sistorien gibt es erst im hohen Mittelalter.

Unter den Aufsätzen überwiegen die archäologischen
Beiträge. Jos.Engemann zeigt in seinen „Bemerkungen
zu spätrömischen Gläsern mit Goldfoliendekor" (S.7-25),
„daß die Mehrzahl der erhaltenen Goldglasfragmente ur-
sprünglich nicht als Medaillon herausgestellt wurde", und
widerlegt die Annahme, ihre Hersteller seien in der Regel
jüdische Handwerker gewesen. Die kleine, Kränze hal-
tende Christusfigur zwischen den Köpfen von Ehepaaren
usw. wird überzeugend auf die entsprechende Victoria
zwischen Kaiserporträts zurückgeführt. - H.Branden-
burg bespricht im Anschluß an die Untersuchung L. Reek-
mans (1964) die Probleme des Grabes von Papst Cornelius
in der Calixtkatakombe (S. 42-54). - W.N.Schu-
macher zeigt, daß die Auspeitschung einer Frau auf dem
Sarkophagdeckel der Elia Afanacia keine Darstellung
eines Martyriums ist, sondern eine Szene der heidnischen
Luperkalien widergibt (S.65-75). - Mit seiner Studie über
„koptische Tonschalen des 6./7. Jahrhunderts" (S.76 bis
82) bietet M.Krause eine kritische Ergänzung zum älte-
ren Aufsatz A.Hermanns (JbAC 1965/66). - H.Wrede,
„Ägyptische Lichtbräuche bei Geburten" (S. 83-93), er-
klärt im Anschluß an Göttersymbole und Amulette den
Frosch der ägyptischen „Froschlampen" als ein Lebens-
bzw. Auferstehungssymbol. - Lieselotte Kötzsche-
Breitenbruch deutet eine umstrittene, nur in der Bosse
ausgeführte Szene des 1949/50 entdeckten sog. „Lot-
sarkophags" als älteste Darstellung des Bethlehemitischen
Kindermords und schließt daran eine Erörterung über die
verschiedenen Bildtypen und ihren Einfluß auf das Mittel-
alter (S.104-115). - Zuletzt bespricht Th.Klauser „noch
einmal den Catervius-Sarkophag von Tolentino" (vgl.
JbAC 1965/66) und legt seine „Nachlese auf dem von
H.Delehaye ... schon in der Hauptsache abgeernteten
Felde" dem „verehrungswürdigen Manne" auf sein Grab
(S. 116-123). - Schließlich ist eine ganze Reihe der um-
fangreichen Rezensionen (z.T. mit Tafeln!) hier noch der
Erwähnung wert, da sie selbständige Bedeutung besitzen.
Ich nenne besonders E.Kitzingers Besprechung des
ersten Bandes vom „Repertorium der christlich-antiken
Sarkophage" des Deutschen archäologischen Instituts
(1967), Jocelyn M.C.Toynbee über Kirschbaums „Lexi-
kon der christlichen Ikonographie" I (1968), Lieselotte
Kötzsche-Breitenbruch über H.G.Thümmels unge-
druckte Habilitationsschrift „Studien zur frühchristlichen
Grabeskunst" (1966), und unter Klausers fundierten Be-
sprechungen namentlich: de Palol, Arqueologia cristiana
de la Espana romana (1967), C. Nordenfalk, An illustrated
Diatessaron (1968) und K. Gamber, Domus ecclesiae.
Die ältesten Kirchenbauten Aquilejas sowie im Alpen-
und Donaugebiet (1968).

Unter den philologisch-historischen Aufsätzen dürfte
die Untersuchung Kl. Thraedes über die „Ursprünge
und Formen des,Heiligen Kusses' im frühen Christentum"
(S. 124-180) bei theologischen Lesern das stärkste Inter-
esse wecken. In scharfem Widerspruch gegen die weithin
anerkannten Thesen K.M.Hofmanns (Philema hagion
1938) bestreitet Th. die liturgische Bedeutung der Auf-
forderung zum Kuß im Postskript paulinischer Briefe. Er
versteht den „heiligen Kuß" zwischen den christlichen
„Heiligen" als „Begrüßungskuß", der bei jeder Gelegen-
heit, also auch vor der Gemeindeversammlung stattfinden
konnte. Die Aufforderung hat also „weder mit dem litur-
gischen Kuß noch mit dem Herrenmahl, geschweige denn
mit der Brieflesung etwas zu tun". Es handelt sich um eine

allgemeine Sitte, die in der frühen Kaiserzeit „mehr und
mehr in Mode kommt", in den christlichen Gemeinden
nur besonders früh fest geworden ist und als Ausdruck der
brüderlichen Gemeinschaft „in Christo Jesu" gilt. Der
„liturgische Kuß" kommt erst im späteren zweiten Jahr-
hundert in Übung, und zwar zunächst als Abschluß des
Gebets (vgl. dazu jetzt auch K.-W. Tröger, Mysterien-
glaube und Gnosis in Corpus Hermeticum XIII [1971]
S.Vf.), dann auch als „vor-eucharistischer Kuß". Die
scharfe Abgrenzung der verschiedenen Formen des Kusses
mag gelegentlich überspitzt sein; im ganzen stellt dieser
Aufsatz trotz seiner Weitschweifigkeit eine vielleicht doch
heilsame Reaktion auf die allzu unbekümmerte Rück-
tragung späterer liturgischer Gegebenheiten in das Ur-
christentum dar und räumt auch mit Recht unter ver-
kehrten „religionsgeschichtlichen" Vorstellungen (der
Kuß als „Kraftübertragung") auf. Erstaunlich und sicher
unrichtig ist nur die Erklärung eines von Cyprian ep.64
bezeugten Bedenkens gegen die Taufe vor dem achten
Tage nach der Geburt (mit Kuß auf die Füße des Täuf-
lings). Sie hat natürlich nichts mit „ästhetischen" Be-
denken zu tun - als ob es auch nur vorstellbar wäre, daß
die Füße des Säuglings „demnach erst nach gut einer
Woche gewaschen(?)" wurden! Vielmehr hatto Dölger
durchaus recht, wenn er die seltsame Scheu mit aber-
gläubisch-rituellen Vorstellungen erklärte. - Wolfg-
Speyer ergänzt seine Untersuchungen über die Pseud-
epigraphie durch einen interessanten Beitrag über fik-
tive, „angebliche Übersetzungen des heidnischen und
christlichen Altertums" (S. 26-42). Doch ist derartiges in
der christlichen Literatur kaum vor dem 5. Jahrhundert
nachweisbar. - In einem Festvortrag vor dem Verein zur
Förderung des F.J.Dölger-Instituts führt H.-J.Horn
eine Äußerung des Origenes über „die Hölle als Krankheit
der Seele" auf die stoische Affektenlehre als ihre wissen-
schaftliche Voraussetzung zurück (S.55-64). - H.Ca-
stritius erkennt den von Euseb, H.E.IX 9, 7 erwähnten
Krieg des Maximinus Daja gegen die christlichen Arme-
nier (der trotzdem kein Religionskrieg war) mit Laqueur
als historisch an, bezieht aber ein Epigramm des älteren
Symmachus über die Heldentaten des Verinus nicht
hierauf, sondern auf einen Perserkrieg des Galerius (S.94
bis 103).

Alles in allem wieder eine beglückend reiche Ausbeute
der Forschung zu „Antike und Christentum"!

Heidelberg H. v. Campenhaueeo

Canfora, Fabrizio: Simmaco e Ambrogio o di un'antioa con-
troversia sulla tolleranze e suH'intolleranza. Bari: Adri-
atica Editrice 1970. 258 S. 8°. L. 2500,—.

Im Mittelpunkt des Buches steht der letzte Kampf des
Römischen Senates um den Bestand bzw. die Wieder-
herstellung des Altars und des Kultes der Victoria ad-
veniens im Sitzungssaal. Einer der führenden Männer und
Verfasser der Eingabe an den Kaiser war der bedeutende
Rhetor und Stadtpräfekt Quintus Aurelius Symmachus.
Sein entschiedener Gegner war der Bischof von Mailand
Ambrosius. Der eine fordert Toleranz und tritt ein für ein
friedliches Nebeneinander der überlieferten synkretisti-
schen Frömmigkeit und des Christentums; der andere ist
intolerant in der Ablehnung jedes Kompromisses zwischen
der mächtig gewordenen Kirche mit dem immer noch
verführerischen Heidentum. Der historische Hintergrund
des Konfliktes wird im ersten Kapitel dargestellt. Der
Verzicht des Kaisers Gratian auf den Titel des pontifex
maximus bedeutete allerdings wohl kaum (wie der Vf.
meint) eine wenn auch nur vorläufige Laizisierung des
Staates (denn schon im 4. Jh. betrachtete man den Kaiser
als praesens et corporalis Deus, und Ambrosius selbst redet
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