Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

97.1972

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Theologische Literaturzeitung 97. Jahrgang 1972 Nr. 1

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Nicholson, E. W.: Preaching to the Exiles. A Study of the beschäftigen sich auch 34,8-22; 17,19-27; 11,1-13;

Prose Tradition in the Book of Jeremiah. Oxford: Black- 7,1 bis 8,3. Sie haben den Zweck, Jeremia als zum Gehorsam

well 1970. VII, 154 S. 8°. Lw. £ 2,-. gegen das Gesetz aufrufend zu zeigen, die Katastrophe von

Die Frage nach Herkunft und Beurteilung der deutero- 587 als Gericht uber den Abfa11 Judas zu erklären und die
nomistisch (dtr.) formulierten Prosareden ist eines der eigenen Hörer (der Exilszeit) zu einem Leben m Über-
Hauptprobleme des Jeremiabuches. Da es lange Zeit einstimmung mit dem Gesetz zu mahnen. Hier zeigt sich
nicht monographisch behandelt worden ist, verdient die auch der Ansatzpunkt für eine Heilshoffnung. Gegen Noth
Untersuchung N.s höchstes Interesse. Es ist eine straffe findet N- eine so,che Erwartung schon im Dtr. Das dtr.
Darstellung (auf 138 S., S. 139-154 enthalten Abkürzungs- Kerygma besagt, daß die Umkehr Israels Jahwe zum Em-
liste, Bibliographie und Indices), zügig geschrieben und gut lenken und zur Erneuerung des Bundes veranlagt, (Dtn.
zu lesen. Die häufige Wiederholung der Hauptthesen und oft 4' 29-31; 3°' !-6t *■ K°n 8. 46-50). 2. Kön 25, 27 - 30 deuten
eingeschaltete Zusammenfassungen der bisher erreichten wenigstens die Möglichkeit der Restauration unter einem
Ergebnisse machen es dem Leser leicht, dem Argumenta- Davididen an. Gegenüber dem Dtr. ist in der jer. Prosa die
tionsgang des Vf.s zu folgen. Im 1. Abschnitt "Intro- Hoffnung der Deuteronomisten auf Restauration Israels und
duction" (S. 1-19) skizziert N. seine beiden ersten Haupt- Einlösung der Davidverheißung stärker ausgeprägt (18,7-10;
thesen. Gegen die vorherrschende Ansicht, das Jeremiabuch 24,4-7; 29,10-14; 31,31-34; 32,36-41; 30, 2 f., zur Rolle
sei das Ergebnis einer vorwiegend literarischen Tätigkeit der Davididen: 22,1-5; 15,1-4 und 23,1-4; 3,15; 30, 8 f.;
(Jeremias, Baruchs, dtr. Redaktoren), setzt er die These, 33,14-16 bzw. 23,5 f.; 33,17-26). Der Hintergrund ist
das Buch sei der Niederschlag einer Tradition, die sich deutlich die Exilszeit. In dieselbe Situation weist auch
innerhalb eines Traditionskreises ("circle of traditionists"), das Problem der Falschprophetie 27 bis 29; 14,11-16;
nämlich des dtr. Kreises der Exilszeit, gemäß den Anliegen 23' 23-40), das die Deuteronomisten und ihre Zeitgenossen
und Bedürfnissen dieser Zeit entwickelt habe. Die dtr. bedrückte. K. 37 bis 45, ein chronologisch angeordneter Be-
formulierten Prosareden spiegeln, ob sie jeremianisches (jer.) richt- aber keine Leidensgeschichte (Kremers), zeigen die
Material einschließen oder freie Schöpfungen der Deutero- Konsequenzen der Zurückweisung des prophetischen Worts
nomisten sind, die Lehr- und Predigttätigkeit des dtr. (37 bis 40- 6) und enthalten eine Geschichte des judäischen
Kreises wider. Diese These dehnt N. sogleich auf die »Restes" (40, 7 bis 44), der dieselbe Haltung gegenüber dem
Berichte aus, die er weder als Bestandteile einer Baruch- Prophetenwort einnimmt wie vor der Katastrophe und
Biographie noch einer Leidensgeschichte Jeremias beurteilt, sich damit selbst von der Möglichkeit ausschließt, das
sondern als didaktische, erbauliche Geschichten mit theolo- zukünftige Volk Jahwes zu sein. Damit verweist der
gischer Abzweckung, die ebenfalls dem dtr. Kreis entstam- Bericht auf die babylonische Diaspora als den wahren
men, ein Urteil, das demnach für die "prose tradition" -Rest", bei dem die Zukunft als Gottesvolk liegt. Im
überhaupt gilt. Im 2. Abschnitt "Literary Considerations" 4- Abschnitt "The Historical Background of the Jeremianic
(S. 20-37) untersucht N. die literarische Art und die Ver- Tradition" (S. 116-135) stellt N. gegen die herr-
wandtschaft des Prosamaterials. Daß die Reden und Predig- sehende Ansicht von Juda als der Heimat der Deutero-
ten im dtr. Stil von Jeremia oder seinen Schülern stammen, nomisten seine dritte Hauptthese auf, dafj der dtr. Kreis
die diesen Stil benutzten, ist ebenso abzulehnen wie der im babylonischen Exil wirkte und dort auch Dtr. und jer.
Einsatz der Texte durch spätere Autoren (Ergänzer, Quelle Prosa entstanden. Die Hauptargumente dafür sind die
C oder dtr. Redaktion). Daß die Reden nicht von Jeremia Disqualifizierung der in Juda Zurückgebliebenen und der
stammen, geht daraus hervor, daß sie, obwohl sie z. T. jer. ägyptischen Diaspora (24, 8 ff.; 29,16 ff.; 37 bis 44) und
Gut enthalten, in Sprache und Ausdruck von den poetischen die Art der Zukunftserwartung (Rückkehr der Deportierten,
Orakeln abweichen und Ideen enthalten, die schwerlich Wiederinbesitznahme des Landes), die auf die babylonische
Jeremia zugeordnet werden können, vielmehr den Problemen Diaspora verweisen und ihre Ansprüche repräsentieren. Die
einer späteren Zeit entsprechen. Hingegen zeigen sich tref- 3er- Prosa entstammt also nicht der Hand individueller
fende Ähnlichkeiten mit der dtr. Literatur in Vokabular, Verfasser oder Redaktoren, sondern der Predigt- und Lehr-
Phraseologie und Stil, in der Art der Einbettung authen- tätigkeit der Deuteronomisten unter den Deportierten in
tischen, prophetischen Materials und in Form und Struktur Babylonien. Ihr Sitz im Leben ist die exilische Synagoge,
("covenantalstructure"). Ebenso verweist die primär theolo- Ein 5- Abschnitt "Conclusions" (S. 136-138) umreißt kurz
gische Intention der Erzählungen ("so-called biographical die beiden Stadien der Entwicklung der Tradition, die
narratives") auf ihre Herkunft aus der Hand der Deutero- Worte und 0rakel Jeremias selbst und ihre Überlieferung
nomisten. Dafür sprechen auch ihre Beziehungen zum in der Exilszeit, ihre Anwendung und Weiterentwicklung
-homiletischen Material" (oft nur Rahmen für eine Predigt) als Kerygma und Didache.

und ihre Ähnlichkeit zu Erzählungen im Dtr. Die beiden Die Untersuchung N.s stellt eine entschiedene Bekräfti-

Typen an Prosamaterial sind also nicht verschiedener Her- gung der Meinung dar, daß die dtr. formulierten Prosa-

kunft (etwa Quelle B und C), sondern stammen jeweils aus reden von Jeremia zu trennen und dem dtr. Kreis der

der Verkündigungspraxis der Deuteronomisten. Im Haupt- Exilszeit zuzuweisen seien. Dennoch bedürfen alle drei

teil der Untersuchung, dem 3. Abschnitt "The Provenance Hauptthesen nach Meinung des Rez. der Modifikation. Das

of the Prose Tradition in Jeremiah: Theological Considera- Ausmaß dtr. Texte im Jeremiabuch, in der Forschung in

,'°ns" (& 38-115) verifiziert N. seine Thesen an den der Regel zu gering veranschlagt, wird von N. stark über-

^ 'eraatisch zusammengestellten) Texten. K. 26 und 36 sind schätzt. So sicher die Reden aus dem dtr. Kreis stammen,

erbauliche Geschichten, die die Verwerfung des von Jeremia so unsicher ist dies bei den Fremdberichten (und erst recht

verkündigten Jahwewortes durch Juda zum Thema haben. bei den Selbstberichten), denn sie weisen das dominante

re enge Beziehung zur .dtr. Prophetenaussage* (Steck) Merkmal der Reden, dtr. Sprache und Stil, gerade nicht

von 2. Kon 17,13 ff. findet sich ebenfalls in den dtr. auf. Es empfiehlt sich nicht, Berichte mit 2-4 dtr. formu-

Kompositionen 7,25 - 34 ; 25,3-11; 29,17-19; 35,13-17; Herten Versen (z. B. 26; 28; 36; 37; 38) mit Texten auf

44.4-6. Die dtr. Interpretation der Katastrophe von 587 eine Stufe zu stellen, die durchgehend dtr. Phraseologie

als Gericht über den Ungehorsam gegenüber dem Gesetz aufweisen (z. B. 7,1 ff.; 11,1 ff.; 17,19ff.). Die nicht selten

spiegeln die parallelen Einheiten 5,19; 9,llb-15; 16,10-13; innerhalb der Berichte auftretenden dtr. Reden und Inter-

22. 8 f. wider, die wie die strukturgleichen Texte Dtn. pretamente können nicht dtr. Herkunft des ganzen Textes

29. 21 ff.; i. Kön 9, 8 f. eine ätiologische Form darstellen, beweisen, wie auch die Prophetengeschichten des Dtr. trotz

die im Zusammenhang einer Belehrung katechetischer Art dtr. Einsätze häufiger überlieferte und nicht dtr. Texte sind,

entstand. Mit der Bedeutung des Gesetzes im Leben Israels Die These einer aus dtr. Kreisen stammenden "Jeremianic
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