Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

97.1972

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Theologische Literaturzeitung 97. Jahrgang 1972 Nr. 1

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B. Das mögliche Selbstverständnis

1. Selbstverständnis ist existentielles Wissen um ein
Selbst, nicht nur Selbstbewußtsein. Das ist schon deshalb
so, weil das Selbst im Selbstbewußtsein zum die
Erinnerung durchhaltenden oder verdrängenden Ich, im
S e 1 b s t v e r s t ä n d n i s dagegen als Ich strit-
tig wird. Ein mit sich selbst entzweiter Mensch muß sich
am Ende verlorengehen, falls ihn keine neue Bedingung
seiner Existenz mit seinem Schöpfer einigt. So war es auch
bei euch, hatte Paulus den Getauften in Rom zu sagen
(Rom 6,19-23). Die neue Bedingung der vorher entzweiten
Existenz heißt dem Apostel Gnade. Die Zwischenbestim-
mung der alten Existenz war neben dem Gewissen das die
Existenz zerreißende Gesetz (Rom 7,14 ff). Teilt man
den Unterschied zwischen Alt und Neu nur biographisch in
Epochen ein, so kann der alte Zwang zur Sünde unter
dem Gesetz als neue Freiheit zur Sünde unter der Gnade
reaktiv mißverstanden werden. Aber man hätte dann die
Gnade, die Paulus in Christus verkündigt, mit Hilfe der
Sündenvergebung verworfen. Gottes Gerechtigkeit hat aber
allem zuvor den Zwang, der sich unter dem Gesetz sprach-
lich als Todes urteil über „alles Fleisch" zur Geltung
gebracht hatte, im Evangelium der Gnade aufgehoben. Die
Unterscheidung zwischen Tod und Leben ist jetzt neu
präzisiert. Tod und Leben wurden aus der Beziehung
zwischen Gnade und Sünde als die in Christus erschie-
nene Gerechtigkeit Gottes neu verteilt (Rom 6,11).
Weil Christus das, was er starb, ein für allemal der Sünde
starb, nämlich den der Sünde verfallenen Leib, unsere
Nichtigkeit, daher lebt er das, was er lebt, nämlich
unsere Gerechtigkeit durch den Glauben, gerade i n
uns verloren Gewesenen. Christus „erlebt" uns für Gott,
um uns durch den Effekt seines Todes, nämlich das
Leben für Gott, also durch seine eigene Beziehung zu
Gott, für den Glauben an seine Stellvertretung frei
zu machen (vgl. 2 Kor 5, 21). Das war Christi meritum. Wir
sollen uns in Zukunft als Kinder Gottes der herrlichen
Freiheit des Sohnes Gottes erfreuen (vgl. Rom 8, 21). Paulus
umschreibt diese Zukunft als Heiligung. Die Heili-
gung ist das Ergebnis der Taufe in Christi Tod
(Rom 6,8), die im oS\ioc itveu(iarLu6v d. h. in der von
Gott als unsere Zukunft gewollten Gemeinschaft der
Glaubenden, Grund und Bestand hat (1 Kor 15,44; Phil.
3,21). Christus selbst bleibt als Herr über Sünde und
Tod unsere Gerechtigkeit im |i£xpov uCorewc,. Der Glaube
setzt die der Freiheit von der Sünde verliehenen Gnaden-
gaben in uns durch (1 Kor 12,12-27); Rom 12,3-13;
Gal 6,1-10; 6,6 und auch 6,10 b sind fragwürdig).

2. Paulus hat es um des Herrn willen gerade nicht
nötig, die „Schwachheit eures Fleisches" (Rom 6,19) zu
ignorieren oder wie ein Gnostiker zu bagatellisieren. Er
betont auch bei der Heiligung, daß „wir nicht (mehr) unter
dem Gesetz, sondern unter der Gnade" sind (Rom 6,15).
Gerade dafür steht ihm nun in unserer Schwachheit der
„Geist" gut (Rom 8, 26), der ja der „Geist Christi", d. h. die
dem Glauben zum Kampf gegen die Sünde in uns
gegebene Kraft Gottes ist (Rom 8,2-11).

Um das besser zu verstehen, müssen wir uns noch dem
Herrenmahl zuwenden. Dessen Liturgie feiert ja bei
Paulus in 1 Kor 11,23-25 auf Grund von 1 Kor 10,16 f
genau die Gemeinschaft, die uns, durch Christi Hingabe am
Kreuz, mit dem Herrn so zusammenschließt, daß wir
im Geist bekommen, was wir im Fleisch verlieren
(Rom 8,10). Nur deshalb können wir die neue Kraft des
Glaubens als Kraft Gottes gegen die alte Schwachheit des
Fleisches mobil machen (Rom 8,12-14). Das tun wir, wenn
wir einer w i e der andere einer für den anderen einzu-
stehen beginnen (Gal 6, 2). Das ist das „Gesetz des Glau-
bens" (Rom 3, 27) oder das „Gesetz Christi" (Gal 6, 2), also
nicht ein Übergang Christi in „den" Geist, sondern die

existentiell gewordene Wahrheit des Glaubens an
unsere Gerechtigkeit, die uns Christus als Gottes Gerech-
tigkeit am Kreuz erworben hat (vgl. Rom 5,10; 3,24-26
mit Gal 2,20). Statt des Gesetzes wurde Gottes Gnade
durch den Glauben an den Gekreuzigten zur Zwischen-
bestimmung einer uns „in Christus" als gemeinsam zuge-
dachten Existenz. An sie glaubt der Christ. Was ein Christ
geistlich mit dem Glauben bekommen hat, das will er nun
als Liebe mit allen anderen Menschen teilen! Das ist
die Arbeit des Geistes. Nur so können wir mit Paulus
sagen: der Glaube an das Ereignis der Gnade wirkt sich
unter den Glaubenden als Liebe aus (Gal 5, 6).

3. Paulus äußert sich über den Geist zwar stets
präzis, aber im ganzen doch zurückhaltend. (Dafür mögen
polemische Gründe maßgebend sein, weil sich der Apostel
immer wieder auf das Evangelium selbst zurückziehen
mußte, also dem Glauben jenen Vorrang gab, der
Rom 1-4 vor Rom 5-8 stellt.) Der Geist kommt
durch den Glauben und bleibt beim Glauben. Das
ist im Gegensatz zu den Gesetzeswerken gesagt (Gal 3, 2),
die dem exklusiven Gegensatz von Geist und Fleisch unter-
liegen (Gal 5,17). Das besagt aber nicht, daß der
Glaube auf Werke schlechthin verzichtet. Im Gegenteil,
gerade der Geist ist ja im Glauben tätig (Gal 5,13 ff).
Denn der Geist des Glaubens macht uns füreinander
frei (2Kor 13,13). Nur er ist die Kraft zur Liebe
(vgl. 1 Kor 13). Als Kraft der Liebe macht der Geist aber
den Einzelnen schwach - das ist das existentielle
Argument des Apostels für die Wahrheit seiner eigenen
Existenz, d. h. dafür, daß nur die Kraft seiner Verkün-
digung die Existenz des Apostels als sein besonderes
Teil im Leiden beherrscht und ihn mehr als andere Christen
an Christus bindet (1 Kor 9,16). Aber man kann doch
sagen: Jeder Christ existiert den Geist Christi.

4. Auch das Gesetzes Verständnis des Paulus ist
im Grunde nicht dialektisch, wohl aber polemisch orientiert.
Dialektisch wird bei Paulus vor allem der menschliche
Wille behandelt. Wer Gottes Gerechtigkeit als eigene
Gerechtigkeit in Werken will, der erfährt dort den Tod als
der Sünde Sold (Gal 5, 4 vgl. mit Rom 6, 23). Wer dagegen
die Gerechtigkeit in Christus will, der findet in Christus
ewiges Leben (Gal 2,17 vgl. mit Rom 5,21). Wenn also
ein Jude Gottes Willen erfüllen will, Paulus sagt: das
ganze Gesetz tun will (Gal 5, 3), so muß er sich überlegen,
was das Kriterium seines Willens ist. Dieses Kriterium ist
aber gemäß Rom 2, 7-10 er selbst, so daß er gefragt wird,
was er denn mit seinen Werken wollte, wozu er also
Lust hat (dmövuei) • Muß er nun zugeben, daß er
dieser Frage nicht gewachsen war, weil seine Werke in
seinem Willen ein Eigenleben führen (Rom 7, 22 f), so daß
er das Gesetz Gottes einseitig als Gesetz seiner guten
Werke erfuhr, deren er sich wie eine törichte Kirche fast
rühmen mußte (Rom 3, 27; 10, 3; Phil 3, 4 b - 9), so ver-
steht er sich als Alternative zu Gott statt Gott als Alter-
native zu sich selbst (vgl. Rom 2, 20) - eben dieses Politi-
kum ist die Sünde in der Sünde (Rom 2,17 ff).
Nicht das Gesetz war sündig (Rom 7, 7-12), sondern der
Sünder, d. h. der Mensch, der sich anmaßte, (definitiv?) zu
wissen, was gut und böse ist (vgl. Rom 10,2 f), weil er
selber entscheiden wollte, was als seine Existenz gelebt
wurde; daher wurde er mit dem Tod bestraft (Rom 6, 23).
Als Ende des Fleisches brauchte das Sterben nicht der
Sünde Lohn zu sein. Aber als der Sünde Handgeld kam
der Tod gerade durch das Fleisch zu Wort, das nun in
Gegensatz zu Gottes Geist trat, der von jeher nur
lebendig macht (2 Kor 3,6). Durch diesen Gegensatz von
Geist und Fleisch mußte das Gesetz als Wort Gottes
sowohl verkannt als auch präzisiert werden - das Gesetz
wurde zur ratio essendi, d. h. zum fatalen Existential des
Sünders (Rom 3, 20). Das Gesetz sollte aber ratio cogno-
scendi der Sünde sein (Röm 3, 20). Diese ratio cognoscendi
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