Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

96.1971

Zitierlink

795

Theologische Literaturzeitung 96. Jahrgang 197 1 Nr. 10

796

teressiert ist, zweifellos im Zusammenhang mit seiner chalcc-
donensisch-antimonophysitischen Christologie, wie er denn
mehrfach vor einer ,confusio' der Person warnt. Im einzelnen
benutzt er die formal-artistischen Mittel der Ethopüic, My-
thopöie, F.xallage, des Zitats und Dramas, um Psalmen und
Psalmteile, als deren einheitlichen Autor er David ansieht,
verschiedenen Sprechern zuzuordnen. Die theologischen Ge-
sichtspunkte (Inspiration, ,corpus Christi', Typologie) erlau-
ben dennoch die einheitliche christologische Interpretation
der Sprecher. In seiner prosopographischen Exegese ist Cas-
siodor formal zweifellos durch das dramaturgische Verständ-
nis des Hohenliedes bei Origenes, ferner durch Methoden der
profanen Schulrhetorik und die Ilomerexcgese Pseudo-Plu-
tarchs bestimmt; der christologische Aspekt ist besonders
durch Augustin beeinflußt. Während die alte theologische
Schriftprosopographie primär bini- oder trinitarisch orien-
tiert war, blickt C. mit Augustin auf die Christologie, wobei
für C. neben dem augustinischen Aspekt des ,totus Christus'
die Differenzierungen nach ,caput' und ,membra' und nach
den zwei Naturen Christi besondere Bedeutung hat. Indem
er literarische und theologische Aspekte aufnimmt, intensi-
viert und systematisch verarbeitet, erreicht C. Höhepunkl,
Synthese und damit einen gewissen inneren Abschluß der vor-
ausgegangenen Bibelprosopographie.

Kap. II behandelt die Hermeneutik des buchstäblichen und
geistlichen Schriftsinns bei C. Durch sehr präzise Mcthoden-
reflexion erhält C.s Exegese weitgehend rational nachvoll-
ziehbare Strukturen; entscheidend sind 1. das konsequente
Festhalten an der Konkordanz der Bibel und den ,regulae
ecclesiasticae', also der Kirchenlehre, und 2. vor allem die
streng philologische (d. h.: trivial-artistische) Methode, die
selbst dort festgehalten ist, wo der an sieh durchaus ge-
schätzte Litteralsinn verlassen wird. Innerhalb des geistli-
chen Schriftsinns nimmt die Deutung ,per tropologiam' brei-
ten Baum ein, mit der C. die anthropomorphe Bede von Gott
erklärt, und zwar bezeichnenderweise nicht primär SOtherio-
logisch im Sinne einer Akkomodationstheorie wie etwa bei
Novatian oder psychologisch wie bei Theodor von Mopsuestia
oder philosophisch wie bei Augustin, sondern vielmehr philo-
logisch als Eigentümlichkeit des biblischen Sprachgebrauchs,
wie sie andere Bücher auch aufweisen. Oberhaupt stellt sich
auch die geistliche Deutung für C. primär als literarisch-forma-
les Problem dar. Die ,allcgoria' ist ihm nur eine unter viele n
rhetorischen Figuren, wie er sie in fast allen Psalmen versen
findet. Die allegorischen Deutungen werden mit tels genauer
Erörterungen über die semantischen Brücken möglichst
einsichtig gemacht. Auch die Affinität von Typologie und
Allegorese bei C. erklärt sich daraus, daß C. als Philologe eben
nicht atl. Geschehen, sondern atl.Texte als dessen sprachlichen
Beflex interpretiert. Selbst die atl. Prophetie wird von C.
als grammatisch-rhetorisches Phänomen behandelt, indem
vor allem Tempuswahl und rhetorische Figuren (,Prolepsis',
,idea', ,energia', ,imaginatio' etc.) die theologische Eigen-
tümlichkeit dieser Texte kennzeichnen.

Im III. Kap. wird C, der sich nach Scheitern seiner poli-
tischen Laufbahn in einem ,otium cum dignitate' der Bildung
der Mönche des von ihm gegründeten Klosters Vivarium wid-
mete, als Magister kirchlicher und weltlicher Wissenschaft
vorgestellt. Das theologische und artistische Material, das in
den Institutiones von Cassiodor in zwei Bänden getrennt be-
handelt ist, findet nämlich eine integrale Bewältigung im
Psk., in welchem die ,artes' exemplarisch aufgesucht, als Mit-
tel der Exegese eingesetzt werden und über die exegetischen
Methoden hinaus das theologische Denken C.s strukturieren.
Der zeitgenössische Formalismus (Aristotelismus) der Chri-
stologie findet bei C. seine Entsprechung in der Exegese. Die
von Augustin geforderte Synthese von christlicher und welt-
licher Bildung ist von C. vollzogen. Der Psk. wird ihm gerade-
zu zum Lehrbuch, nicht nur der Theologie, sondern gerade
auch der ,Septem artes', insbesondere der Bhetorik (wie über-
haupt die drei philologischen ,artes' vor den mathematischen
,disciplinac' dominieren); insofern ist C. dem Typus der rhe-

torischen Klassikerexegese zuzuordnen, wie sie sich etwa im
Vergilkommentar des Ti. Claudius Donatus findet. Sehr klar
läßt sich etwa erkennen, wie C. Bußpsalmen in Anlehnung

(und Abgrenzung) an die Gattung der antiken Gerichtsrede
interpretiert. C.s Praxis geht dabei nicht nur über rhetorische
Ansätze bei einzelnen Kirchenvätern (etwa Augustin, auf den
er sich nachdrücklich beruft), sondern auch über Donat weit
hinaus, insofern er die seines Erachtens in den Psalmen sehr
oft auftretenden Figuren nicht nur nennt, sondern auch aus-
führlich definiert und den Leser zu weiteren Beobachtungen
am Text auffordert. Für C. sind die ,artes liberales' die theo-
logische Erkenntnismethode schlechthin; sie stammen (vir-
tuell) aus der Bibel, sin<I dann von profanen Autoren (etwa

Aristoteles) in Handbüchern aufgearbeitet worden, «roher
auch die Termini technici, die die Bibel nicht kennt, stam-
men und sind nun mit vollem Becht, wie flüchtige und teil-
weise verwilderte Sklaven, ihrer alten Herrin, der Thcologil .

wieder dienstbar zu machen. Ihre Verwilderung gibt im Einzel-
fall Anlaß zur Kritik, insgesamt aber vertritt C. keine Verfalls
theorie. So stellt sich C.s Verhältnis zur „weltlichen" Bildung
dar, anders als noch das der großen lateinischen Kirchenväter,
als jenseits von Apologetik und Polemik. Wie Staat und
Kirche am Ausgang der Spatantike eine Einheit bilden, so
bei C. auch weltliche und geistliche Bildung. Die ,artes' sind
zur theologischen Propädeutik geworden, allerdings in ande-
rem Sinn als bei Augustin; denn Cassiodor ist, wie gegen G.
Ludwigs (Cassiodor. Über den Ursprung der abendländischen
Schule, Frkf./M. 1967) höchst geistreiche, der zentralen Sache
nach aber leider verzeichnende Darstellung zu betonen ist,
kein Neupia toniker. Der Gedanke des Aufstiegs spiel t bei ihm
nureine untergeordnete Holle. Die ,artes' sind nicht als ,libe-
ralcs' primär die von der Sinnenwelt befreienden Vorstufen
der Philosophie oder Theologie, sondern das unentbehrliche
philologisch-formal«: Handwerkszeug für Exegese und Dng-
matik, wie C. es auf jeder Seite seines Psk.s eindrücklich
nachweist; an der Philosophie hat. er nur geringes Interesse.

Schüllke, Werner: Die liri'nler vom gemeinsamen Leben und
Peter Dieburg (1420—1494) als der kritische Repräsen-
tant der Hildesheimer Eigenart. Diss. Rostock l!l(ü'
203, X S.

Der I. Teil der Arbeit gibt eine kritische Obers i cht über den
Stand der Forschung zur Geschichte der «levolio inodcrna.
insbesondere der eigentlichen Träger dieser neuartigen Fröm-
migkeit des 14./15. Jh.s, der Brüder vom gemeinsamen Le-
ben.

Für die in zwei Perioden zerfallende Forschungsgeschichte
bedeuten die Dissertation von Gerretsen (1891) und die Stu-
dien von Barnikol (1917) ein«:n grundlegenden Einschnitt
hinsichtlich der methodischen Behandlung und der Beurtei-
lung vom Wesen und Ursprung der Devotenbewegung. Ger-
retsen führte durch vergleichende Analyse verschiedener
Quellen den Nachweis, «laß J. Busch in seinem „Chronicon
Windeshemense" eine z. T. bewußte Verschiebung der Ak-
zente zugunsten der Windesheimer Kongregation vorgenom-
men hatte. Die auf dieser sog. Windesheimer Legende basie-
rende Auffassung über die Entstehung und Entwicklung der
Devotenbewegung, welche bis dahin alle Darstellungen be-
herrschte, beruhte uuf einem Fehlurteil. Barnikol stellt in den
sorgfältig differenzierenden „Studien zur Geschichte der llrü-
«ler v. g. L." fest, daß ein gerechtes Gesamturteil über die
Brüderbewegung nur aus der Kenntnis der einzelnen Größe
(Brüderhäuser, Verfassung, Persönlichkeiten, lokale Bedingt-
heiten u. a.) möglich ist. Seine namentlich für den deutschen
Zweig richtungsweisende Arbeit macht deutlich, daß für die
Gesamtbewegung wie für die einzelnen Brfiderhfiuser zwi-
schen dem holländischen und deutschen Bereich innerlich
und äußerlich grundlegende strukturelle Unterschiede beste-
hen, die bislang übersehen worden sind.
loading ...