Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

96.1971

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Theologische Litcraturzeitung 96. Jahrgang 1971 Nr. 7

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LITURGIEWISSENSCHAFT

Jahrbuch für Lilurgik und Ifyinnologic. 14. Bd. 1969. Hrsg.
v. K. Ameln, Chr. Mahrenholz, K. F. Müller. Kassel: Stau-
da-Verlag 1970. XV, 280 S. m. (i Taf. u. 6 Abb. gr. 8°.

Im Unterschied zum Vorjahr wenden sich diesmal die
Hauptbeiträge wieder historischen Themen zu. Aus dem Be-
reich der Liturgik macht 0. Jordahn mit „Georg Friedrich
Seiler — dem Lilurgiker der deutschen Aufklärung" (S.
1—62) bekannt. Vf. kann aus einer Fülle detaillierten Wis-
sens schöpfen, da S.s gesamte kirchliche und praktisch-theo-
logische Wirksamkeit der Gegenstand seiner Erlanger Dis-
sertation (1967) ist. Diese angeregt zu haben ist ein Verdienst
von Prof. 1). Klaus; denn es handelt sich bei S. auch nach
W. Ellerts nüchternem Urteil um einen Theologen von s. Zt.
„europäischem Ansehen". Insofern wir heute im Begriff ste-
hen, das allzu sichere totale Verdikt über die liturgischen Be-
mühungen jener Zeit zu revidieren, ist es von Wichtigkeit,
in S. einen Reformer kennenzulernen, der geradezu eine „li-
turgische Bewegung" ausgelöst hat und doch zugleich deren
kirchlich verantwortbare Möglichkeiten nicht aus den Augen
verlor. Vf. sieht in ihm mit Hecht, wie das seine Darstellung
erweist, den „typischen Vertreter jener kirchlichen Vermin -
lungstheologie", „die den breiten Strom des kirchlichen All-
tags in der Aufklärungsepoche bildet". In seinen liturgischen
Bemühungen leitet ihn nicht ein grundsätzlich neues Ver-
ständnis des Gottesdienstes, sondern das Bestreben, diesen
den Forderungen anzupassen, wie sie sich aus der gleichzei-
tigen Gemeindesituation und kulturell-gesellschaftlichen Um-
welt ergeben. Es geht S. also um zeitgemäße Formen für den
im Sinn des orthodoxen Schriftverständnisses vorgegebenen
Inhalt der Liturgie, um Formen, die „ein klein wenig zur Be-
förderung eines christlich biblischen und vernünftigen Gottes-
dienstes heytragen helfen". Daß seine Bemühungen die Zeit-
genossen in einem unbewußt längst vorhandenen Unbehagen
an den überkommenen Gottesdienstformen angesprochen
haben, erweist das lebhafte Echo seiner Veröffentlichungen.
Schnell fand er eine weitreichende Gefolgschaft, und in über-
raschend kurzer Zeit wurde die Frucht dieser liturgischen Be-
wegung in der Umgestaltung der agendarischen Ordnungen
allenthalben sichtbar. S.s liturgische Werke bilden übrigens
nur einen Ausschnitt aus seinem vielseitigen literarischen
Schaffen, das zuerst systematischen Problemen und deren
katechetischer Auswertung galt; sie erscheinen zwischen
1780 und 1790 und dann wieder 1801 und 1807. Ihrer Wir-
kung kam zugute, daß ihr Vf. von den Befürwortern litur-
gischer Reformen als ein Mann geschätzt wurde, der außer
der nötigen Fachkunde vor allem „bey einem grossen Theil
des christlichen Publikums vieles Vertrauen besaß", „da er
theils mehr als irgend jemand bisher an der Verbesserung der
Volksreligion gearbeitet theils das Ansehen hat, daß auch
Störrigere eher von ihm als manch anderen Weisung anneh-
men möchten".

Ohne hier auf Einzelheilen eingehen zu können, möchte
ich doch einiges hervorheben, was vielleicht angesichts heu-
tiger liturgischer Reformbestrebungen Beachtung verdient:
nicht eine vorgefaßte Idee, sondern das praktische Bedürfnis
seiner Zeit bestimmt S.s liturgischen Beformwillen. Sein
„Liturgisches Magazin", das Publikationsorgan der durch
ihn wachgerufenen liturgischen Bewegung, begründet er 1784,
weil gottesdienstliche Reformen nicht nur „eines Mannes
Werk" sein können, sondern „zusammengesetzte Kräfte"
verlangen. Als die neue Bewegung über das erste Stadium des
Experimentierens hinaus ist, aber auch Einseitigkeiten und
Überspitzungen in Erscheinung treten, schafft, S. die auf
künftige Erweiterung angelegte „Allgemeine Sammlung li-
turgischer Formulare der ev. Kirchen" (1787). Darin werden
bereits öffentlich anerkannte neue Formulare zusammen mit
guten alten veröffentlicht, nicht ohne daß der Herausgeber
das gesamte Material oft tiefgehend „verbessert". Indem so-

mit dieses gleichsam dem Experimentierfeld entnommen
wird und den Anschein guter kirchlicher Ordnung und über-
regionaler licdeutung gewinnt, arbeitet S. bewußt auf ein
gesamtevangelisches Agendenwerk für den deutschenSprach-
raum hin. Auf Grund von Erfahrungen mit stark rationali-
stisch bestimmten neuen Liturgien erklärt er dabei (im III.
Itd. der „Sammlung"), infolge der Wichtigkeit liturgischer
Formulare für den Glauben sei es „höchst nöthig..., daß die
(Konsistorien und Vorsteher der Geistlichkeit über die Litur-
gie mit der größten Sorgfalt wachen". Er selbst hat um seine
Verantwortung in dieser Hinsicht als wissenschaftlich arbei-
tender praktischer Theologe gewußt: „Je verschiedener die
Vorstellungen sind, welche sich die Lehrer und Mitglieder der
ev. Kirchen von diesen Heligionshandlungen machen, desto
mehr gewissenhafte Überlegung war nötig, um die Frcyheit
im Denken über diese Materialien nicht in zu enge Grenzen
einzuschließen und doch der Wahrheit, wie sie in den neutest.
Schriften ausgedrückt ist, nichts zu vergeben". Aber er er-
kennt, daß die offenbarte Wahrheit, soll sie den Menschen
in seiner Ganzheit ansprechen, nicht nur rational, sondern
auch sinnlich ihm vermittelt werden muß. Dabei müssen die
liturgischen Formen nicht der Kirche als ganzer, sondern den
Bedürfnissen der konkreten Einzelgemeinde angemessen sein.
Sie gilt es, aktiv in das gottesdienstliche Geschehen einzube-
ziehen. Letzten Endes wird ihm die Liturgie zum Mittel „zur
Herbeiführung einer echten inneren (Ina Saneta jenseits der
Konfessionsgrenzen", indem er ihr in der in den ersten Jahr-
hunderten erreichten Gestalt, wie er diese verstand, nor-
mierende Funktion auch für die Gegenwart zuerkannte.

Im Ergebnis dieser sorgfältigen Untersuchung wird deut-
lich: die Aufklärungslheologie und -frömmigkeit, wie sie
durch S. wirksam geworden ist, bedeutet weder einfach einen
Bruch gegenüber der ihr vorangegangenen Epoche, noch ist
sie ohne Wirkung auf die Folgezeit geblieben. Jedenfalls hat
sie einer konfessionell indifferenten Kirchlichkeit vorgearbei-
tet, wie sie seit dem 19. Jh. in steigendem Maß zu beobachten
ist.

Im hymnologischcn Hauptteil gibt Markus Jenny den Teil-
Vorabdruck einer Monographie über „Die Lieder Zwingiis"
(S. 63—102). Eine solche ist darum zu begrüßen, weil für die
Vielzahl der Probleme, wie sie sich bei der Vorbereitung der
kritischen Fdition im Corpus Heforrnatorum zeigten, deren
Behandlung nur in der dort vorgesehenen Einleitung nicht
ausreicht. Zunächst nimmt der Vf. zur Oberlieferung und

Echtheit von Zw.s Liedern Stellung: Originalhandschriften

fehlen; ein einwandfreier Text kann nur aus den besten Les-
arten in Abschriften und Drucken gewonnen werden. Das
Kappeler Lied ist nach Text und Melodie am besten bezeugt,
weniger gut das Pestlied, am schlechtesten das Lied über
Ps. 96, dessen Echtheit darum auch bezweifelt werden konn-
te. Aus stilkritischen Erwägungen wird man es aber Zw. nicht
absprechen können. Soweit er nicht auf vorhandenes Melo-
diengut zurückgegriffen haben sollte, darf er als Autor auch
der Melodien gelten. Da die dichterische Qualität des Refor-
mators auf ein ausgedehnteres poetisches Schaffen sehließen
läßt, befaßt sich der 2. Abschnitt mit fraglichen und verlore-
nen Liedern. Doch über Wahrscheinlichkeiten kommen hie*

des Vf.s subtile Untersuchungen nicht hinaus. Der .'!. Ab-
schnitt forscht nach mehrstimmigen Liedkompositionen. H"
4. Abschnitt wird dann der Urtext der drei zweifellos echteO
Lieder festgestellt. Ein letzter Abschnitl fragt nach der „Be-
stimmung und Bedeutung der Lieder Zw.s". Sind sie Kir-
chenlieder? Das Pcstlied ist. jedenfalls ein Sololied für llniis-
und Gesellschaftsmusik im kleinen Kreis. Das Psalmlied ent-
spricht auch nicht wie Luthers Psalmlieder dem Stil deut*
sehen Volksgesangs. Der Humanist versteht den Ps. in sei-
nem ursprünglichen Sinn als individuelles Glaubenszcugn's
und wählt darum die stark affektbetonte Form des lloflie"
des. Nur einmal ist in der Folgezeit der gleiche Weg über/en-
gend beschritten worden, nämlich in dem von liurkard Wal'
dis während seiner Gefängnishaft (1536/40) gedichteten Psal-
ter. Auch das Kappeler Lied, für welches der Vf. üben'.'1'
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