Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

96.1971

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Theologische Literaturzeitung 9G. Jahrgang 1971 Nr. 7

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geschichtc (vgl. z. B. S. 163ff. sowie S. 240ff.!) auf ein der
Sache selbst angemesseneres Maß reduziert werden müßten.

Jenn Hans-Friedrich Weiß

Feuillet, A.: Loi uncienne et Morale chretienne d'aprcs
l'Epitre aux Romains (NRTh 92, 1970 S. 785-805).

Glöckner, Richard: Die Kindertaufc im Neuen Testament
(Wort und Antwort 11, 1970 S. 130-141).

Haufe, Günter: Einführung in das Johannes-Evangelium
(ZdZ 24, 1970 S. 205-271).

Gott in der ältesten Jcsustradiüon (ZdZ 24, 1970 S. 201-
206).

Motte, Magda: „Mann des Glaubens". Die Gestalt Josephs
nach dem Neuen Testament (Bibel und Leben 11, 1970
S. 176-189).

Romaniuk, Kazimicrz: Der Begriff der Furcht in der Theo-
logie des Paulus (Bibel und Leben 11, 1970 S. 168-175).

Schille, Gottfried: Offenbarung und Gesamtgemeinde nach
Paulus (ZdZ 24, 1970 S. 407-417).

Thoma, Clemens: Judentum und Hellenismus im Zeitalter
Jesu (Bibel und Leben 11, 1970 S. 151-159).

KIRCHENGESCHICHTE:
ALLGEMEINES UND
TERRITORIALKIRCHENGESCHICHTE

Kleineidam, Erich : Universitns Studii Erffordensis. Überblick
über die Geschichte der Universität Erfurt im Mittelalter
1392-1521. II: 1460-1521. Leipzig: St. Benno-Verlag
1969. XVIII, 396 S. gr. 8° = Erfurter theologische Stu-
dien, im Auftrag d. philos.-theol. Studiums Erfurt hrsg. v.
E. Kleineidam u. II. Schürmann, 22.

Teil II der ausführlichen auf ein reichhaltiges Quellcn-
material gegründeten Geschichte der Universität Erfurt im
Mittelalter dürfte für die Leser dieser Zeitschrift von beson-
derem Interesse sein. Er umfaßt mit den Jahren 1460 bis
1521 die Zeit, in der Luther als Student und später als Mönch
»ei den Augustinereremiten in Erfurt lebte (1501 bis 1508;
1509 bis 1510) und die entscheidende Wende seines Lebens
erfuhr. Selbstverständlich ist die geistige Umwelt, die ihn in
Erfurt umgab, dabei von entscheidender Bedeutung gewesen.
Sie ist in dem vorliegenden Bande im einzelnen dargestellt.
Leben und Lebensschicksale unendlich vieler Gelehrter, die
der Universität Erfurt in jenen bewegten Jahrzehnten vor
der Reformation verbunden waren, ziehen am Leser vorüber.
Viele haben Luthers Weg gekreuzt, und mancher unter ihnen
"Ot ihn äußerlich oder innerlich in irgendeiner Weise beein-
flußt.

Erfurt war „zu Beginn des siebenten Jahrzehntes des
15. Jahrhunderts... unbestritten die erste Universität
Deutschlands, sowohl der Zahl der Studenten wie der Quali-
tät der Professoren nach" (S. 1). Es verfügte insbesondere
«'ich, was zu jener Zeit, als sich die Rezeption des römischen
Rechtes in Deutschland durchsetzte, von großer Bedeutung
^or, über eine ausgezeichnete Juristenfakultät. Aber es gab

der /weiten Hälfte des 15. Jahrhunderts auch Zeiten des
Niedergangs. Pest und der große Bistumsstreit um den Stuhl
von Mainz entleerten die Fakultäten. Dazu kamen Spannun-
gen mit der Stadt, die, von einem reichen und selbst bewußten
Patriziat beherrscht, sich großer Unabhängigkeit erfreute. Er-
furt war damals eine moderne Universität. Sie hing der via
Uoderna an, deren Wesen ein Erfurter Professor, Johannes
Von Wesel, folgendermaßen präzisierte: „Nach der via mo-

dern a sind die Dinge nur je einzelne, und die Universalien
sind nur in unserer Seele fabrizierte Gebilde, mit denen die
Vielzahl der Dinge unbestimmt und unvollkommen erkannt
und repräsentiert wird. Daher sind im göttlichen Geist solche
allgemeine Gedanken nicht anzunehmen, wegen ihrer Un-
vollkommenheit. Daher dürften auch im göttlichen Geist
Ideen der Arten und Gattungen nicht anzusetzen sein, son-
dern Ideen gibt es nur für die Einzeldinge, die von der gött-
lichen Weisheit hervorgebracht werden können" (S. 21f.).
Ein Nominalismus ockhamscher Richtung bestimmte in Er-
furt weithin das Denken.

In dieser für die damalige Zeit fortschrittlichen Geistes-
welt zeichneten sich auch bereits vor der Reformation im
theologischen Denken reformatorische Ideen ab. Man nahm
in Erfurt im Gefolge führender Theologen, Eggelinus Becker
in Mainz und Gabriel Biel in Tübingen, gegenüber Thomas
von Aquino eine kritische Haltung ein und sprach aus, „daß
nicht die Autorität eines Heiligen, sondern nur die Heilige
Schrift oder göttliche Offenbarung Grund zum Glauben sei;
Heiligen dürfe man auch widersprechen... obwohl Thomas
als heilig verehrt wird und von der Kirche kanonisiert worden
ist, wird heute, weil er vieles geschrieben hat, was keine hin-
reichende Autoritüts- und Vcrnunflsgrundlage hat, ihm öf-
fentlich in den Schulen widersprochen" (S. 32). Ebensofolgte
man diesen Theologen in ihrer Lehre vom Papsttum, „daß
Christus das Haupt der Kirche ist, und daß der Papst nur
caput ministeriale, vicarium sive secundarium sei. Er sei es
nur auf Zeit und für das gegenwärtige Leben". Und weiter
im Zusammenhang mit der Ablaßfrage: „Gnade ströme al-
lein von Christus uns zu; der Papst sei oft an Tugend und
Gaben leer" (S. 33). Man wendete sich in Erfurt gegen Aus-
wüchse der spätmittelalterlichen Volksfrömmigkeit (S. 99ff.),
wobei wiederum die Ablaßfragc eine Rolle spielte. Die Be-
deutung derartiger theologischer Thesen vom Lehrstuhl des
Professors aus kann in jener Zeit nicht leicht überschätzt
werden. Die Entscheidungen inGlaubensfragen waren von den
Bischöfen, welche die Kirche äußerlich regierten, weitgehend
auf die Gelehrten übergegangen. Disputationen, die ja auch
im Leben Luthers eine so große Bolle spielen sollten, waren
in Erfurt an der Tagesordnung. Das akademische Leben
wurde von ihnen geprägt. Im disputierfreudigen Erfurt kam
in ihnen das geistige Ringen zwischen Scholastik und Huma-
nismus zum Ausdruck. Beide hielten sich bis 1505 die Wage.
Von da an kam es zur Vorherrschaft der humanistischen
Richtung.

Auch in der Praxis des kirchliehen Lebens konnte Luther
in Erfurt Beobachtungen machen, die später im Wirken des
Reformators in irgendeiner Weise ihren Niederschlag gefun-
den haben. So mußte der junge Theologe feststellen, daß
nicht die Theologie, sondern die Kanonistik in Erfurt füh-
rend war. Vielleicht fuhrt von dort eine Linie zur Verbren-
nung des Corpus juris canonici vor dem Wittenberger Elster-
tor im Jahre 1520. Luther sah ferner, daß sich die meisten in
Erfurt niedergelassenen Orden mit Ausnahme der Augusti-
nereremiten, denen er beitrat, in permanenten äußeren und
inneren Krisen befanden. Dagegen ist positiv zu werten, daß
es in Erfurt zahlreiche Prcdigerstellen gab. Die Predigt, die
später im reformatorischen Geschehen eine so bedeutsame
Rolle spielen sollte, wurde hier auf Grund einer alten Tradi-
tion besonders gepflegt.

Endlich finden sieh in dem Band einige Einzelheiten aus
Luthers Leben. Er wurde bei seiner Immatrikulation als
Student aus wohlhabendem Hause angesehen, „so daß er die
vollen Gebühren — totum — zu zahlen hatte" (S. 88). Von
dem Erfurter Professor Johannes Bonemiich, einem mit Äm-
tern überhäuften Mann, der auch als Mainzer Weihbischof
für Thüringen, Generalrichter, Kanonikus an der Marien-
kirche und Pfarrer zu St. Michael seine Professur nicht auf-
gab, erhielt Luther im Frühjahr 1507 die Priesterweihe
(S. 87). Auch die Ereignisse des Bakkalarcxamens, dem sieh
Luther zu Michaelis 1502 unterzog, sind aufgezeichnet. Er
erhielt unter 57 Prüflingen den 30. Platz. Dazu ist jedoch zu
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