Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

96.1971

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Theologische Literaturzeitung 96. Jahrgang 1971 Nr. 4

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en Testamentes und seines Textes, 1967, S. 24-34, und Horst R. Balz,
Anonymität und Pseudepigraphie im Urchristentum, ZThK 66, 1969,
S. 403-436.

4 So erscheint die Auffindung der Reliquien der Heiligen Gervasius
und Protasius nicht weniger als dreimal (S. 20.63.88).

5 Dazu seine Ausführungen in JbRAC 8/9, 1965/66, S. 88-125.

6 Für die Annahme, daß solche echte religiöse Pseudepigraphie
noch bis in die Neuzeit hinein begegnet, kann sich der Verfasser auf
den Historiker Eduard Meyer beziehen, der in seiner Untersuchung
über Ursprung und Geschichte der Mormonen (1912) die Entstehung
des Buches Mormon ähnlich wertete.

7 Balz a. a. O. S. 404 u. ö.

Rogge, Joachim, u. Gottfried Schille [Hrsg.]: Theologische
Versuche, II. Berlin: Evang. Verlagsanstalt [1970]. 216 S.
gr. 8°. Kart. M 15.-.

Die freundliche Aufnahme des 1. Bandes der „Theologi-
schen Versuche" (vgl. ThLZ 92, Sp. 763 f.) hat Verlag und
Herausgeber veranlaßt, weitere ähnliche Bände zu planen.
Der 2. Band ist umfangreicher geworden: die Zahl der Bei-
träge ist von 8 auf 12 gestiegen. Im Vorwort heißt es von
ihnen: „Sie wollen nicht primär Referate sein, sondern ent-
halten eigene Versuche, in wesentlichen Sachthemen heuti-
ger Theologie und kirchlicher Praxis voranzukommen."
Wiederum sind alle theologischen Disziplinen vertreten und
ist der Sachzwang eines Generalthemas bewußt gemieden.

Die ersten beiden Beiträge betreffen das Alte Testament.
Eva O ß w a 1 d schreibt über „Hiob 31 im Rahmen der alt-
testamentlichen Ethik" (S. 9—26). Nachdem sie gezeigt hat,
in welchem Umfang die hochstehende Ethik von Hiob 31
sich ansatzweise auch in den Psalmen, den Propheten, im
Deuteronomium und vor allem in der Lebensweisheit fin-
det, geht sie der interessanten Frage nach den „Ursachen
für die Verfeinerung der Ethik" nach. Die Antwort lautet:
von entscheidender Bedeutung ist die Überzeugung, „daß
Jahwe der allwissende, richtende Gott ist, vor dem nichts
verborgen bleibt" (S. 24) — eine Überzeugung, die durch
Gottesdienst (Einzugstorot!), Prophetie, Weisheit und indi-
viduelle Torafrömmigkeit gefördert worden ist. — Günter
Waß ermann behandelt „Das kleine geschichtliche Credo
(Deut. 26,5 ff.) und seine deuteronomische Übermalung"
(S. 27—46). Anliegen des Aufsatzes ist es, die von G. v. Rad
zu diesem Thema bereits 1938 vorgetragenen und vielbe-
achteten Hypothesen gegenüber der von L. Rost 1965 ge-
äußerten prinzipiellen Kritik zu verteidigen. W. führt vor
allem stilanalytische Beobachtungen und den Vergleich mit
Num. 20,15 f. und Jos. 24,2 ff. gegen die Kompositionshy-
pothese von L. Rost ins Feld.

Allein fünf Beiträge beziehen sich auf das Neue Testa-
ment. Harald Hegermann äußert sich zum Thema: „Der
geschichtliche Ort der Pastoralbriefe" (S. 47—64). In dan-
kenswerter Weise geht er dem noch nicht genügend geklär-
ten Problem der Pseudonymität im Urchristentum nach.
Indem er das Verhältnis des Apostelschülers zum Apostel
in Analogie sieht zum Verhältnis der Evangelisten zu Jesus
als Erstverkündiger, gelangt er zu dem wichtigen Ergebnis:
„Die von uns beobachteten urchristlichen Autorfiktionen er-
wachsen aus einer theologisch begründeten Anonymität und
drücken das prophetisch-apostolische Selbstverständnis der
urchristlichen Verkündiger und Gemeinden aus. Ein p seu-
d o s ist darin nicht enthalten. Wir haben es mit spezifisch
urchristlichen Phänomenen zu tun" (S. 55). Literarische Fik-
tion und geschichtlicher Ort der Pastoralbriefe treten von
daher in neues Licht, wodurch anerkannte einleitungswis-
senschaftliche Erkenntnisse bestätigt werden. — Wolfgang
Schenk ist bemüht, der von O. Cullmann proklamierten
These von der „Einheit von Wortverkündigung und Herren-
mahl in den urchristlichen Gemeindeversammlungen" eine
„umfassendere Begründung" zu geben (S. 65—92). Für Ko-
rinth wird die Annahme vertreten, daß das synerchesthai
eis to phagein 1. Kor. 11,33 das Ziel jeder Gemeindever-
sammlung bezeichnet und das Anathema 1. Kor. 16,22 die
Anwesenheit von Ungläubigen beim Herrenmahl voraus-

setzt. Im lukanischen Schrifttum sind es Apg. 20,7-12 und
Luk. 24,13—35, aus denen Sch. „die Kenntnis einer zweipo-
ligen Gemeindeversammlung" erschließt. Auch für die Di-
dache hält es Sch. für wahrscheinlich, daß sie nur den ein-
heitlichen Sonntagsgottesdienst kennt. Was endlich den Pli-
niusbrief betrifft, so spricht auch er nicht dagegen, wenn
man mit H. Lietzmann den dort bezeugten Morgengottes-
dienst auf die Tauffeier bezieht. — Hermeneutisch lehrreich
sind Nikolaus Walters Beobachtungen zur „Auslegung
überlieferter Wundererzählungen im Johannes-Evangelium"
(S. 93—107). W. kommt zu dem Ergebnis, daß die Be-
handlung der novellistischen Jesusüberlieferung durch den
Evangelisten formal unterschiedlich, sachlich aber ganz
einheitlich ist: Die Erzählungen zeigen nicht mehr Jesus
als den Wundertäter aus göttlicher Kraft, sondern sind
„Symbole für das Wesen Jesu als des mit Gott in der Ein-
heit des Wirkens gleichen Sohnes" (S. 103). — Karl Martin
Fischer steuert „Redaktionsgeschichtliche Bemerkungen
zur Passionsgeschichte des Matthäus" bei (S. 109—128). Drei
Thesen werden herausgearbeitet: 1) die von Mt. betonte
Hoheit Jesu hat ihren Grund darin, daß eine Präexistenz-
christologie die stillschweigende Voraussetzung seines Den-
kens ist; 2) Mt. interpretiert den Gedanken der Erniedri-
gung Jesu weg und sieht, fernab von heilsgeschichtlichem
Denken, die Bedeutung des Todes Jesu in der Demaskie-
rung der Juden als Heuchler, die das wahre Heilsvolk be-
gründet; 3) das markinische Jesusbild wird entschärft und
faktisch unter dem Diktat eines deterministischen bzw. anti-
thetischen Denkens idealisiert. Als Frage bleibt, „ob Mat-
thäus nicht seinen nächsten geistigen Verwandten in Johan-
nes hat" (S. 123). — Christoph Demke erörtert „Die Frage
nach der Möglichkeit einer Theologie des Neuen Testa-
ments" (S. 129-138). In stillschweigender Auseinanderset-
zung mit E. Käsemann und in betonter Anlehnung an E.
Fuchs fragt D. nach der Theologie i m Neuen Testament,
d. h. nach ihrer sachlichen Notwendigkeit. Als „denkendes
Rechenschaftgeben von der Sache des Glaubens" ist Theo-
logie zuerst wesentlich begriffen bei Paulus. Sache des
Glaubens ist hier „die Sprachgeschichte der Liebe" als die
Sprachgeschichte Gottes, um derentwillen Paulus sich im Blick
auf den Bruder und den Ungläubigen auf rechenschaftge-
bendes Denken einläßt. Eigentliches Thema dieses Denkens
ist es, die Differenz zwischen Gott als Gott und dem Men-
schen als Menschen offenzuhalten. Paulus selbst expliziert
diese Differenz in der Rechtfertigungslehre. Der nachpau-
linische Ursprung der Evangelien erweist sich dann als
sachlich bedingt: „mit der Evangelienbildung bei Markus
kommt, was Paulus theologisch erarbeitete, in der litera-
rischen Form des Evangeliums zur Wirksamkeit" (S. 135).

Der Kirchengeschichte sind drei Beiträge gewidmet. Jo-
achim R o g g e schreibt über „Gratia und donum in Luthers
Schrift gegen Latomus" (S. 139—152). In einfühlsamem Nach-
zeichnen von Luthers Gedankengang wird deutlich, daß es
methodisch um das rechte Zueinander von Begriffen geht,
wobei zwar Luthers Hauptintention klar, aber seine termi-
nologische Stringenz nicht immer gegeben ist. Mehrfach
kann R. zeigen, daß Luther sein eigenes Schema preisgibt,
um das Problem der bleibenden Sünde von seinem Glau-
bens- und Gnadenverständnis her zu klären. — Wolfgang
Ullmann in seinem Aufsatz „Gnostische und politische
Häresie bei Celsus" (S. 153—172) geht dem Bild der Kirche
bei dem bekannten Christengegner nach. Er weist nach,
daß Celsus gerade die antikosmische Haltung der Gnosis
als die typisch christliche ansieht, die damit als politische
Häresie entlarvt ist. U. vermutet, daß diesem Verständnis
historisch die häufig begegnende, bei Celsus freilich fehlen-
de Selbstbezeichnung der Gnostiker als „das königliche Ge-
schlecht" zugrunde liegt. Abschließend ergibt sich die inter-
essante Frage, ob etwa ein solcherweise gnostisch geprägtes
Bild vom Christentum die Verfolgungsmaßnahmen der rö-
mischen Behörden wesentlich mitprovoziert hat. — Harald
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