Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

95.1970

Zitierlink

687

Theologische Literaturzeitung 95. Jahrgang 1970 Nr. 9

688

auch polizeistaatlich-totalitären Leitbildern einheitlich orien-
tiert zu sein.

Nach dem Scheitern der Kirchenausschußpolitik Anfang
1937 wurde die Position Kerrls systematisch unterminiert,
wie zahlreiche interessante Belege zeigen. Das .Braune
Haus", die NS-Reichsparteileitung in München, setzte alles
daran, den Einfluß des Kirchenministeriums zu beschränken
und von den annektierten und eroberten Gebieten fern-
zuhalten. In gleicher Weise blieb das Reichskonkordat mit
der katholischen Kirche auf das Altreich beschränkt. Das im
Jahre 1933 abgeschlossene Konkordat war staatlicherseits
als Mittel gedacht, dem NS-Regime internationales Prestige
zu verschaffen, wurde aber schon bald verletzt und als
Hindernis empfunden, den Öffentlichkeitsanspruch der
katholischen Kirche zu drosseln.

Während des 2. Weltkrieges stagnierte der Kirchen-
kampf, da bei aller Einschränkung der Bewegungsfreiheit
der Kirchen Unruhe auslösende Attacken den Weisungen
Hitlers widersprachen. Die Drosselung des kirchlichen
Lebens im „Modellgau Wartheland", dem kirchenpolitischen
Experimentierfeld des „Braunen Hauses", ließ jedoch er-
kennen, welches Schicksal die Kräfte um Bormann, Himmler
und Rosenberg den Kirchen nach dem »Endsieg" zugedacht
hatten, zumal Hitler mehr und mehr diesen Distanzierungs-
kräften zuneigte. Einen „Führerbefehl" zur Ausrottung der
Kirchen hat es aber bis 1945 nicht gegeben.

Die forschungsgeschichtliche Einleitung ist anregend
geschrieben, jedoch im einzelnen nicht genügend durchge-
führt. Der Autor stellt bei den Nachkriegshistoriographen
beider Kirchen tendenziöse Verzeichnungen fest. Neben
Konzeptionen, die im Gefolge der angelsächsischen Inter-
pretation den Kirchenkampf einseitig als Kampf der Kirche
gegen den NS-Staat sehen, wird auf Versuche verwiesen,
die den evangelischen Kirchenkampf stärker als Ausein-
andersetzung zwischen zwei rivalisierenden theologischen
Strömungen, als „Konflikt zwischen wahrer und falscher
Kirche", der 1945 noch nicht abgeschlossen war, verstehen
wollen. Auch bei der jüngeren Forschergeneration konsta-
tiert Conway aktuelle Interessen. Im katholischen Bereich
führte das Unbehagen gegenüber dem Establishment und
der Selbstgerechtigkeit der Kirche seit etwa 1960 zu kriti-
schen Vorstößen (Böckenförde, Hans Müller; Guenter Lewy
und Gordon Zahn) gegen die Legende vom generellen
Widerstand, wie sie 1946 von J. Neuhäusler („Kreuz und
Hakenkreuz") vertreten wurde.

Erstaunlich ist die kritische Beurteilung der Bekenntnis-
front durch Conway, deren subjektiver Standpunkt mit
Recht nicht als antifaschistisch bezeichnet wird: „Weder
1934 noch zu irgendeinem späteren Zeitpunkt war der
Bekennenden Kirche daran gelegen, zur Vorhut einer poli-
tischen Opposition gegen den Nationalsozialismus oder zum
Organisator eines Widerstandes gegen jene Tyrannei zu
werden, die das ganze Land verderben sollte" (S. 104 f.).
Ihre Bedeutung als objektiver Störungsfaktor im Gefüge
des NS-Regimes sollte indes nicht ganz übersehen werden.

Über einige wenige Unrichtigkeiten und Versehen kann
ich mich hier nicht verbreiten. Es darf abschließend gesagt
werden, daß die Publikation dem gegenwärtigen For-
schungstrend entspricht, der darauf gerichtet ist, das Bild
des Kirchenkampfes von der religionspolitischen Seite
abzurunden.

Leipzig1 Kurt Meier

(Wurm, Th., D.:) Landesbischof D. Wurm und der national-
sozialistische Staat 1940-1945. Eine Dokumentation, in
Verb. m. R. Fischer zusammengestellt v. G. Schäfer.
Stuttgart: Calwer Verlag [1969]. 507 S. gr. 8°. Lw.
DM24,-.

Die anläßlich des 100. Geburtstages von Landesbischof
D. Theophil Wurm erschienene repräsentative Dokumenten-
sammlung umfaßt nahezu ausschließlich Quellen, die über
das Verhältnis der württembergischen Kirchenleitung zum
NS-Staat während des zweiten Weltkrieges Aufschluß geben.
Quellengrundlage für diesen Band war eine etwa 10 000
Seiten umfassende und im Manuskript vorliegende Aus-
arbeitung dokumentarischen Charakters, die Pfr. i, R.

Richard Fischer (gest. 1969) aus Registratur und landes-
kirchlichem Archiv unter Einbeziehung von Privatsamm-
lungen in entsagungsvoller Arbeit gefertigt hat. Einzelne
Briefe und Eingaben an Staatsstellen vor allem während
des Krieges (betr. die Ausmerze der Geisteskranken und
Schwachsinnigen, die Verfolgung und Ausrottung der Juden
und die Drosselung des kirchlichen Lebens) hatte schon
Heinrich Hermelink: Kirche im Kampf, Tübingen und
Stuttgart 1950, abgedruckt. Zur Abmndung des Bildes wer-
den sie auch hier nochmals gebracht. Schreiben von Partei-
und Staatsstellen des NS-Regimes sind nur ausnahmsweise
zitiert; zumeist wird über sie zusammenfassend referiert.
Die kommentierenden Zwischenbemerkungen (kursiv) sind
sehr kurz gehalten, genügen jedoch völlig.

Die Lektüre der Schreiben Wurms (es sind auch solche
des Oberkirchenrats abgedruckt) dient der partiellen Erfas
sung des Persönlichkeitsbildes des damaligen württember-
gischen Landesbischofs. Sein Auftreten gegen die Vernich-
tung sogenannten lebensunwerten Lebens und der Juden
sowie die Bemühungen um Einigung der Bekennenden
Kirche und ihre Zusammenführung mit der „Mitte" seit
1941 haben Bischof Wurm zu einer Schlüsselfigur für die-
jenigen konservativen Kräfte im Bekenntnisbereich werden
lassen, denen auch im radikalen bruderrätlichen Flügel der
Bekenntnisfront Vertrauen und Respekt nicht versagt blie-
ben. Daß sich Wurms Beurteilung des Nationalsozialismus
und des Hitlerstaates im Laufe der Zeit wandelte, ist
offenkundig und wird auch im vorliegenden Band nicht
verschwiegen. Die kurze, aber gut orientierende Einleitung
des Herausgebers weist ausdrücklich darauf hin, daß Wurm
nach Hitlers Machtergreifung 1933 bereit war, von seiner
deutschnationalen, konservativ-vaterländischen Einstellung
aus, die als „nationale Erhebung" verstandenen politischen
Vorgänge einer autoritären Zerschlagung der Demokratie in
Deutschland zu bejahen. Zusammen mit Landesbischof
Heinrich Rendtorff und Simon Schöffel hat er gegen
v. Bodelschwingh gestimmt und das Reichsbischofsamt für
Wehrkreispfarrer Ludwig Müller durchsetzen helfen. Zu-
nehmende kirchliche Bedenken gegen das Auftreten der
DC-Bewegung, die Wurm im Interesse einer wirksamen
Volksmission 1933 zuerst auch in Württemberg unterstützt
hatte, veranlaßten ihn bald, einen kirchlich-zeugnishaften
Kurs gegen die Deutschen Christen einzuschlagen, ohne
sich äußerlich von der Reichskirche zu trennen. Nach dem
Fiasko der Eingliederungsaktion August Jägers, die wegen
des landeskirchlichen Widerstands in Württemberg und
Bayern steckenblieb und von Hitler Ende Oktober 1934
vornehmlich aus außenpolitischen Gründen abgebrochen
wurde, ist Wurms Position eigentlich nie mehr ernsthaft
gefährdet gewesen, obgleich 1936 daran gedacht war, ihn
durch Einsetzung eines Landeskirchenausschusses auf die
geistlichen Funktionen zu beschränken. Der stark ausge-
prägte volkskirchliche Charakter der Landeskirche Württem-
bergs trug dazu bei, den Kampf um die Erhaltung der
Intaktheit des Rechtsgefüges zu bestehen, während die
DC-Bewegung in die Isolierung geriet. Die Gefahren der
völkischen Religiosität, nihilistische und rechtszerstöre-
rische Züge blieben Wurm zwar am Nationalsozialismus
nicht verborgen. Doch war auch noch während des Krieges
das Leitbild einer ihm möglich erscheinenden Humanisie-
rung des NS-Systems wirksames Motiv für seine Eingaben
an Hitler, Zentralstellen des Reiches und des Landes
Württemberg. Die Lektüre des Bandes macht deutlich daß
Wurm den Nationalsozialismus - oft mit scharfen Worten -
zur Rechtsordnung zurückzurufen versuchte, indem er dabei
auch auf den Nutzen hinwies, die solche Beschneidung der
„Auswüchse" dem NS-Regime selber brächte. Aktiver poli-
tischer Widerstand lag Wurms Denken fern; er teilte diese
Sicht der Dinge mit den meisten seiner kirchlichen Zeit-
genossen. Doch sind persönliche Kontakte zum Kreisauer
Kreis, mit Goerdeler und auch mit General Franz Halder
bezeugt. Daß Wurm nicht belangt wurde, obschon Thierack
1944 eine Anklageschrift in Auftrag gegeben habe, hängt
offenbar mit seiner Stellung als Bischof zusammen (vgl.
Bischof Galen in Münster als katholisches Pendant, gegen
den massives Vorgehen lediglich erwogen wurde). Einer
Entlastung der Kirche hatte eine England-Denkschrift dienen
sollen, die Wurm der Reichskanzlei Anfang 1942 zur Ver-
öffentlichung anbot. Darin wurden die englisch-sowjetischen
loading ...