Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

95.1970

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Theologische Literaturzeitung 95. Jahrgang 1970 Nr. 9

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spältigen Eindruck. Der Vf. legt besonderen Wert auf seine
Einstellung: Jedes konkrete Thema muß den Stoff unter
einer vorgegebenen Perspektive behandeln" (S. 196, cf.
S. 203). Im Anschluß an H. Fries kommt ihm alles auf eine
weltoffene Auseinandersetzung mit den geistigen Strömun-
gen der jeweiligen Epoche an (S. V), auf den Dialog mit
einer ernstgenommenen Umwelt (S. V, 197). Darin sieht er
die besondere Aufgabe der Apologetik, die eine antwor-
tende Theologie ist (S. 78,191, 198 u. ö.), eine Entfaltung
der Theologie (S. 1 und der Titel selbst), eine Rechenschaft
der christlichen Glaubensüberzeugung (S. 1). Es gibt keine
Theologie im »Elfenbeinturm" (S. 93), sondern maßgeblich
ist allein das theologische Gespräch mit der Umwelt (S. 1,
80, 83 f, 91, 107, 199 u. ö.), die .Gesprächsoffenheit" (S. 80,
cf. S. 185; Der .dialogfreudige" Clemens), deren letztes
Motiv die .missionarische Verantwortung" für das Heil
aller ist (S. 2, 17, 46, 47, 52, 60, 65, 73, 83, 85, 131, 177,
204 u. ö.). Diese Grundhaltung muß zu einer Aufwertung
der Fundamentaltheologie führen (S. V), wozu vorliegende
Dissertation, die mehr als eine patristische Untersuchung sein
will, einen Beitrag liefern soll. Von dieser Perspektive aus
wird das Werk des Clemens gewürdigt und als missionarische
Akkomodation charakterisiert (S. 78, 79, 107 u. ö.). Dessen
Einfühlungsvermögen in die heidnische Umwelt wird
rühmend hervorgehoben (S. 163), so wie sein ständiges
Anknüpfen an ihre Philosophie (S. 15) mit dem Ziel, den
Weg zur Offenbarung zu ebnen, ein Vorhaben, das als
„überragende Leistung" (S. 198), .genialer Ansatz" (S. 199),
bewundernswerter Versuch (S. 205) gewürdigt wird. So
sieht der Vf. in Clemens letztlich einen Vorläufer des aggior-
namento des Vaticanum II (S. V, 200; die Einschränkung:
„bei aller Verschiedenheit der geschichtlichen Voraussetzun-
gen", ändert an dieser Einstellung nichts Wesentliches) und
bereichert damit das an sich so differenzierte Clemens-Bild
um einen neuen, überraschenden Zug, dem man eine gewisse
Aktualität nicht absprechen kann.

Die Durchführung dieses Planes erfolgt in einem Buche
von über 200 Seiten Umfang, denen noch weitere 200 Seiten
Anmerkungen und Indices folgen. Alles ist sehr sorgfältig
gearbeitet, der Abdruck der griechischen Zitate korrekt,
was freilich gewisse Fehler nicht ganz ausschließt (z. B.
S. 54, 65), und die Literatur-Angaben sind umfassend
(S. XI-XX). Die Darstellung zerfällt den Gegnern entspre-
chend in zwei Hauptteile. Für die Auseinandersetzung mit
dem Heidentum gilt die Methode der Anknüpfung
und An Verwandlung (S. 2, 21, 30, 73, 201). Nach-
einander werden abgehandelt die Stellung zum Polytheis-
mus (S. 9-29), zum Mythus (S. 31-35), zu den Mysterien
(S. 36-42), woran sich der Dialog mit der Philosophie an-
schließt (S. 43-80). Der Gnosis gegenüber herrscht die
antithetische Methode (S. 2, 145, 201 u. ö.). Im
einzelnen wird die kirchliche Position mit der gnostischen
konfrontiert in der Behandlung der Schrift (S. 83-123), der
Schöpfung (S. 124-157), der Erlösung (S. 158-181) und
der Kirche (S. 182-195). So gewiß diese Scheidung im all-
gemeinen zutrifft, so fehlt doch auch bei der Auseinander-
setzung mit der Philosophie nicht die Antithese, was eine
Stelle wie Strom. I 98, 4, II 63, 2 ff. Stählin deutlich zeigt.

Der Vf. begnügt sich damit, für die einzelnen Gebiete
eine Häufung von Belegstellen vorzuführen (z. B. S. 18, 44,
93), wobei ihm die langatmige Wiederholung längst bekann-
ter Dinge wohl gelegentlich einmal auffällt (S. 44), aber
doch nicht weiter stört. Wia häufig hat man die Wertung der
Philosophie untersucht und ihre Bedeutung als itponoei,6e Ca.
herausgearbeitet! Eine Scheidung zwischen Überkommenem
und eigenen Gedanken habe ich jedoch beim Vf. vergeblich
gesucht. Und die seitenlangen Zitate kann man schwerlich
als Ersatz für eigene Untersuchungen ansehen.

Gewiß spielt die apologetische Methode bei Clemens
eine gewichtige Rolle, auf die ich selbst in meinem Clemens-
Buch wiederholt hingewiesen habe. Aber sie darf nicht
isoliert werden, weil dann das Bild einseitig wird und
gerade das Schwankende und Komplexe, das Clemens eignet,
verschwindet. Damit hängt zusammen, daß das Verhältnis
von Theologie und Apologetik nicht scharf genug gefaßt
wird. In dieser sieht er die „Triebfeder" zur Entfaltung
jener (S. 196), aber die theologische Konzeption ist auch
„zugleich" apologetische Antwort (S. 193). Man gewinnt

zuweilen den Eindruck, als habe die Apologetik alles
geschaffen, während sie doch das vorhandene theologische
Material nur für den besonderen Fall geformt hat Um nur
ein Beispiel anzuführen, so soll die abstrakte Fassung des
Gottesgedankens apologetischen Gründen ihr Entstehen ver-
danken, um die Heiden von anthropomorphen Vorstellungen
weg- und zur Offenbarung hinzuführen (S. 15-17, 29, 65).
In Wirklichkeit war sie - nicht unbeeinflußt von philoni-
schen Ansichten - eine Unterströmung im Clementinischen
Gottesbild, die apologetisch verwertet wurde, eine Anschau-
ung, die der Vf. zu Unrecht ablehnt (S. 15). An anderer
Stelle urteilt er: „So bringt ihn das falsche Schriftver-
ständnis der Häretiker zu den Grundsatzfragen hinsichtlich
der heiligen Schrift... sowie der hermeneutischen Prinzipien
und allegorischen Deutung" (S. 97). Aber das alles ist doch
wirklich nicht erst durch die gnostische Kontroverse ins
Leben gerufen! Er ist ferner davon überzeugt, daß alles
Anpassen die Reinheit der Offenbarung nicht gefährdet
habe, aber es bleibt bei einer bloßen Behauptung, und es
ist mir nicht klar geworden, wie sich damit der Satz ver-
trägt: "(Clemens) inkorporiert hellenisdies Gedankengut...
irn die Aussageform der Offenbarung" (S. 78).

Nicht sonderlich glücklich ist der Vf. bei seinem Versuch,
Clemens in größere geschichtliche Zusammenhänge zu stel-
len. Er arbeitet hier ausschließlich mit Sekundärliteratur,
ohne auf die Quellen selbst zurückzugehen. Dabei kommt
er häufig auf Irenaeus und Tertullian zu sprechen, anstatt
die frühchristlichen Apologeten stärker heranzuziehen. Viel
ersprießlicher wäre es gewesen, die Zusammenhänge zwi-
schen Justin und Clemens aufzudecken, um zu erkennen,
wie viel vorgeformtes Gut dieser vorgefunden habe, als auf
Tertullian hinzuweisen, der nur als Kontrastfigur dienen
kann. In seinem Bild von der Gnosis ist der Vf. endlich
ganz von den Darstellungen Schenkes abhängig, mit denen
er Beobachtungen von Jonas und Schlier kombiniert (S.86 ff,
140 ff), und die zwischen Kirche und Gnosis aufgestellten
Antithesen (S. 140-157) sind nichts anderes als gangbare
Münze.

Mögen auch noch manche Wünsche offenbleiben, so ist
der Versuch, Clemens von einer so modernen Perspektive
aus zu deuten, nicht ohne Interesse, und der geduldige Fleiß
des Autors verdient volle Anerkennung, auch wenn der
Ertrag der Dissertation ihrem Umfange nicht ganz ent-
sprechen sollte.

Wiesbaden Wallher Völker

KIRCHENGESCHICHTE:
REFORMATIONSZEIT

Mau, Rudolf; Der Gedanke der Heilsnotwendigkeit bei
Luther. Berlin: Evang. Verlagsanstalt [1969]. 207 S. 8° -
Theologische Arbeiten, unter Mitarb. v. E. Fascher, A.
Jepsen, F. Lau, A. D. Müller, E. Schott hrsg. v. H. Urner,
26. Kart. M 13,-.

Diese als Habilitationsschrift von der Theologischen
Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin im Jahr 1964
angenommene Studie erscheint hier in überarbeiteter Fas-
sung. Der Vf. kommt von der Schule Rudolf Hermanns her,
dem die Schrift auch zugeeignet ist. Im Vorwort sagt der
Vf., daß die Studie als ein Beitrag zur Frage von Gesetz
und Evangelium bei Luther zu verstehen sei. .Der erste
und letzte Hauptteil der Arbeit markieren das Spannungs-
feld, das dem Gedanken der Heilsnotwendigkeit bei Luther
sein Gepräge gibt, insofern dort einerseits von Gottes
Gebot als Inbegriff des Heilsnotwendigen, andererseits von
Gesetz und Evangelium als der inneren Dialektik des
Gedankens der Heilsnotwendigkeit zu handeln ist". Das
Ergebnis seiner Studie formuliert der Vf. folgendermaßen:
„ ,Heilsnotwendigkeit' kündigt bei Luther Evangelium in
der Sprache des Gesetzes an".

Zentrale Themen aus Luthers Theologie kommen hierbei
zur Sprache, wie die Erfüllung der Gebote, das Mönchs-
gelübde, der Glaube, die Rechtfertigung, die Heilsgewißheit,
die Buße, die guten Werke und die Mitarbeit des Menschen
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