Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

95.1970

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Theologische Literat urzeitung 95. .Jahrgang 1970 Nr. 8

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Es hat sich gezeigt, daß das ganze konfessionelle Luther-
tum in der gleichzeitigen romantischen uud idealistischen
Philosophie verankert war. Sein Zusammenhang mit der Er-
weckung in den Fußspuren des napoleonischen Krieges ist
klargelegt und seine Gegenüberstellung dem verllachten Ra-
tionalismus gegenüber ist auch berücksichtigt worden. Zu sei-
nen charakteristischen Merkmalen gehört jedoch, daß es po-
sitiv neuschaffend war. Ks begnügte sich nicht mit einer
Rückkehr zu den theologischen Positionen der lutherischen
Orthodoxie, sondern griff freimütig die Fragestellungen der
Zeit an. Auf eine neue und selbständige Weise suchte es die
Probleme hinsichtlich der Offenbarung, der Bibel und des Be-
kenntnisses zu meistern, die die historische Bibelkritik und
der Rationalismus zum Leben erweckt hatten. Die konfessio-
nellen Theologen wurden auch lebhaft in ökumenischen Pro-
blemen engagiert, leider hauptsächlich unter negativen Vor-
zeichen in Auseinandersetzung mit der katholischen und re-
formierten Kirche. Bei dieser Gelegenheit wurde der Gedanke
von der lutherischen Kirche als der Mitte von zwei Extremen
geboren.

Prof. Kantzenbachs neues Buch hat in keinem wesentlichen
Punkt vermocht, das schon vorhandene Bild des Neuluther-
t ums zu findem oder zu vertiefen. Die Stärke des Buches liegt
in den Spezialkenntnissen über Harms, Scheibe], Löhe, \ il-
mar, außerdem auch über von Schaden und Hermann von
Bezzel, die nicht dem ursprünglichen neulutherischen Kreis
angehörten. Die Darstellung baut auf einem umfassenden
Quellenmaterial auf, das der Vf. gesammelt hat. Harms wird
mit Recht als der Initiator der konfessionellen Theologie an-
gesehen. Mit seiner abweisenden Einstellung gegenüber dem
Rationalismus und der preußischen Union gab er den Ton an.
Einen Versuch, seine Bedeutung für die Entwicklung näher
zu präzisieren, macht der Vf. jedoch nicht.

Daß Löhe Impulse von Hanns in seiner Auffassung bezüg-
lich der lutherischen Kirche als der Kircheder Milte erhalten
hat, ist unbestritten, das betrifft auch in gewisser Hinsicht
-<■ in<■ Wiederentdeckung des Abendmahles. Aber was vor
allein Harms von Löhe und der nachfolgenden konfessionellen
Theologie nach dem bisherigen Stand der Korse Innig unter-
scheidet, ist das Fehlen jeder Form des Kntwicklungsgc-
dankens. Die große Bedeutung des Entwicklungsgedankens
der Erlanger Theologie und Vilmars ist früher bekannt ge-
wesen — man braucht nur einen Blick auf Thomasius' Dog-
tnengMchichte zu werfen, um diese Tatsache zu bekräftigen,
— aber die Neuentdeckung des Vf.s ist, daß auch Wilhelm
Löhe von solchen organischen Entwicklungs Vorstellungen be-
rinlliil.il gewesen sei.

Seit langem weiß man, daß Löhe dem Lager des konfessio-
nellen Luthertums angehörte, aber seine Sonderprägung vor
allem in bezug auf die Erlanger Theologen, von denen er geo-
graphisch freilich nicht weit entfernt war, winde beachtet.
Die Erlanger Theologen bildeten, natürlich mit personlichen
Nuancen, eine einheitliche Schule. Sie entwickelten eine Theo-
logie von dem Bekenntnis und der Kirche im nahen Anschluß
au die führenden philosophischen Strömungen. Tür die Er-

lauger Theologie stand die organische Bekenntnisentwicklung

im Zentrum. Programmatisch isl sie im ersten Heft der Zeit-
schrift für Protestantismus und Kirche formuliert worden, wo

Vdoli \ cm Harleß die Feder [Ohrte.

Prof. Kantzenbach ist jetzt tu der Auffassung gekommen,
daß auch Lohe vom ( Irganismusgeda alten in liniert war. Wenn

damit verstanden w ird, daß I .«'die sich nicht mit einer Rcpri-
Ii inalinn des Standpunkts der Orthodoxie begnügte, sondern
selbständig dazu beitrug, eine Lehre vom Amt. der Esrhato-
logie. dem Abendmahl auszuformen im Anschluß an ein theo-
logisches Programm, das früher von Kliefoth und Thomasius
skizziert wurde, ist die Auffassung des Vf.s unzweifelhaft.
Wenn er aber damit meint, daß Löhe inhaltlich Min der da-
maligen Philosophie beeinflußt war, genau wie die Erlanger
Theologen, sieht seine Behauptung auf sehr sehwachen Fü-
ßen. Löhe war theologisch sehr gut orientierl. Staad aber der
Philosophie fremd gegenüber. Seine Theologie versuchte er

praktisch in der umfassenden diakonischen und kirchlichen
Arbeit zu verwirklichen, die unter seinem Schutz in Neuen-
dettelsau heranwuchs. Darin gibt der Vf. eindringende Ein-
blicke in dem Kapitel über Löhe.

Die konfessionellen Theologen widmeten besondere Sorg-
falt der Erklärung des Verhältnisses zwischen der Bibel und
dem Bekenntnis, und sie formten eine neue Theorie von der
Bekenntnisbildung als einer organischen und dialektischen
Entwicklung. Da ähnliche Gedankengänge bei Möhler und
Newman wiedergefunden wurden, hätten sie zu einem frucht-
baren ökumenischen Dialog führen können. Der Vf., der am
Institut für ökumenische Forschung in Straßburg tätig war,
hat natürlich das Problem bemerkt. Schon im Vorwort des
Buches kündigt er einen Beitrag zur ökumenischen Diskus-
sion an durch eine kritische Untersuchung der Funktion und
der Bedeutung des Bekenntnisses im konfessionellen Luther-
tum. Zwei zentrale Kapitel handeln auch davon, und zwar „Das
Bekenntnisproblem in der lutherischen Theologie des 19.
Jahrhunderts" und „Reformation — Konfession — Öku-
mene". Beide Kapitel wie das ganze Buch werden von einein
Beichtuni von Einzelheiten, aber Mangel von eindringenden
präzisierten Analysen gekennzeichnet . Man kann darum nicht
sagen, daß das Buch die ökumenische Debatte wesentlich ge-
fördert hat.

Einzelne Theologen innerhalb des Luthertums werden für
Fehler oder Abweichungen von Luther kritisiert, Vilmar für
seine Amtslehre, die Erlanger Theologen dafür, daß sie der
Kirche „eine illegitime Bangerhöhung" gegeben haben. Die
zusammenfassende Beurteilung über die konfessionelle Theo-
logie wird unerwartet negativ im Verhältnis zu der positiven
Anerkennung zum Vorwort. Die Bemühungen dieser Theolo-
gen werden darum verfehlt, weil sie an Melanchthon ange-
knüpft und für eine sichtbare Kirche gearbeitet haben, an-
statt mii Luther die wahre unsichtbare Kirche in all den Kon-
fessionen zu sehen, wo das Wort verkündet und entgegen-
genommen wird im Bekenntnis, das das Ja des Glaubens, je-
doch nicht formulierte Lehrsätze bedeute. Abgesehen davon,
daß der Vf. den konfessionellen Theologen Unrecht tut. in-
dem er in diesem Zusammenhang andeutet, daß sie als Ideal
..einen rechtlich anerkannten Bekenntnisstand" angenom-
men haben sollten, vermag er auch nicht ganz die positiven
Seiten des Organismusbegriffes und des Entwicklungsgedan-
kens einzusehen. Es gibt Ansalze für ein positives Verständ-
nis, aber die Kritik überwiegt, weil diese Vorstellungen eine
Abweichung von Luther bedeuten. Sie gehörten ja auch sehr

richtig mit dein I!).. nicht mit dein 11i. .1 ahrhundert ZOSam-
men, aber sie gaben Voraussetzungen für einen ökumenischen
Dialog. Theoretisch ermöglichen sie solche gemeinsamen
neuen Einsichten, die die Kirchen einander näherbringen

könnten.

Es waren andere Motive in der Gedankenwelt des 19. Jahr-
hunderts, die zur Betonung des historisch Trennenden, zu
Nationalstaaten und zu Konfessionskirchen führten, und die-
se Gedankengänge beherrschten die konfessionelle Theologie.
Im Hintergrund zu den vorherrschenden Verhältnissen war

dieser Trend natürlich, es gall ja ein zerstörtes Kirchenlebcn
wieder aufzubauen. Daß es in der Trage von Polemik und

Kirchensplitterung zu nicht wünschenswerten Resultaten
führte, soll uns nicht daran hintern, das Positive in vielen An-
sätzen zu sehen. Von diesem Gesichtspunkt her isl Kantzen-
bachs Buch willkommen als ein neuer Beitrag zu einer bedeu-
tungsvollen Epoche der Theologiegeschichlc.

Uppnala/Schwrdrn llolstrn KagSMMSg

KüpiH'l, Erich Günter: Die Ceriielnachaftsliewegung Im Drit-
ten Reich. Ein Beitrag zur Geschichte des Kirchenkarapftss.
Göttingen: Vandcnhocck & Ruprecht 1969. 258 S. gr. 8° -
Arbeiten z. Geschichte des Kirchenkampfes, 22.

Die leizten Jahre waren so darf man wohl etwas summa-
risch sagen — nicht (dien ertragreich und erhellend für die
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