Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

95.1970

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Theologische Literaturzeitung 95. Jahrgang 1970 Nr. 7

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Das ist nicht prinzipiell neu. A. Fuchs, der die Kaiserkirchen-
hypothese aufstellte, sah im Westwerk ein Symbol ,der hohen
Idee mittelalterlichen christlichen Kaisertums'. M. will andere
Akzente setzen, indem er pfarrkirchliche Elemente als konstitutiv
für das Westwerk ansieht, während er dessen Funktion als
Pfalzkapelle bestreitet, da der Kaiser bei bestimmter Gelegenheit
seinen Platz auch einmal im Osten der Kirche gehabt habe (was
keineswegs sicher ist). Das Westwerk sei nur insofern Kaiser-
kirche, als der Kaiser in ihr unter dem Bilde des Salvators
verehrt wird und der Graf hier als Vertreter des Kaisers Herr-
schaft ausübt. Da aber der Kaiser auf seinen Reisestationen Hof-
kirchen braucht, bietet der Vf. in Form einer Hypothese die
Centulaer Marienkirche an. Weder die Argumentation vom Grundrilj
her Cder der Aachener Pfalzkapelle ähnlich sein soll) noch die
Interpretation des Marienpatroziniums als ,Salvatorsymbol' haben
mich überzeugt. Auch nach den vom Vf. beigebrachten Argumenten
scheint mir die Erklärung des Westwerkes als Kaiserkirche im
Sinne einer Pfalzkapelle weiterhin am meisten Wahrscheinlichkeit
beanspruchen zu können.

Es sei dahingestellt, ob diese Argumente immer das Richtige
treffen. Dogmen- und liturgiegeschichtlich ist manches schief.
Im ganzen muß beklagt werden, daß Vermutetes und Gesicheltes
wenig klar voneinander abgegrenzt sind. So finden sich z. B. in
dem 14 Seiten langen Kapitel über den Hofzweck farbige Schilde-
rungen des Hoftages im Centulaer Westwerk, der Platzverteilung,
des Raumerlebnisses, Erörterungen über die Motive Angilberts
für die Wahl des Westwerkes als Tagungsort und anderes mehr.
Und nur in einem Satz von 1 l/j Zeilen - fast überliest man ihn -
wird gesagt, da5 alles nur hypothetisch ist: ,Wir setzen die Hypo-
these, daß sie' (die Kurialen) ,das Westwerk, nicht das Langhaus
für ihre feierlichen Sitzungen benutzten' (p. 41). Eine solche
Arbeitsweise läßt allzuleicht den Autor zum Opfer seiner Hypo-
thesen werden.

Greifswald Hans Georg Thiimmel

Lehmann, Arno: A Brief History of Indian Christian Art (Indian
Church History Review 2, 1968 S. 147-156).

Rembrandt van Rijn: Hundertguldenblatt. Die große Kranken-
heilung. Betrachtungen von Gerhard u. Helmut Gollwitzer.
Stuttgart: Evang. Verlagswerk [1969]. 23 S. m. 29 Abb. i. Text,
17 Taf. 4°. Kart. DM 16,80.

Sauser, E.: Zum Bemühen um ein Grundverständnis der christ-
lichen Kunst (ZKTh 91, 1969 S. 507-509).

PHILOSOPHIE, RELIGIONSPHILOSOPHIE

Tillich, Paul: Sein und Sinn. Zwei Schriften zur Ontologie. Stutt-
gart: Evang. Verlagswerk [1969]. 240 S. 8° : Gesammelte
Werke, hrsg. v. Renate Albrecht, XI. Lw. DM 23,80.

Dieser Band enthält die beiden Traktate: Der Mut zum Sein
(The Courage to Be, 1952; in dt. Übersetzung erstmals, Stuttgart
1953) und: Liebe, Macht, Gerechtigkeit (Love, Power, and Justice,
1954; in dt. Übersetzung erstmals Tübingen 1955). Die früheren
Übersetzungen sind neu bearbeitet worden. Ein überaus eingehen-
des 14 Seiten langes Namen- und Sachregister ist beigegeben.

Schon die erste Schrift, Der Mut zum Sein (S. 11-139), bewährt
eine seit ihrem ersten Erscheinen fortdauernde Aktualität. Zwar
greift Tillich zu Beginn tief in die Tradition der platonisch-
aristotelischen Tugcndlehre zurück, zu den „Kardinaltugenden", die
dann doch im Laufe der Philosophie- und Geistesgeschichte schon
terminologisch, mehr aber noch durch den sozialen Kontext, durch
die Verbindung von antikem Erbe und Christentum und schließlich
in der werdenden Neuzeit einen unablässigen Wandel erfahren.
Aber von der anderen Seite her, von der Existenzerfahrung, setzt
Tillich mit einer Analyse, der Angst ein. Sie ist „der Zustand, in
dem ein Seiendes der Möglichkeit seines Nichtseins gewahr wird';
„Angst ist das existentielle Gewahrwerden von Nichtsein" (35).
Diese Bedingtheit der Angst durch die Seins- bzw. Nichtseins-
erfahrung ist für Tillich Anlaß, von einer „Ontologie der Angst"
zu sprechen, der eine Typologie folgt. Der Mut ist Aufhebung der

Angst, auch er wandelvoll entsprechend der Wandelbarkeit des
Sinnes von Angst (vor dem Schicksal und dem Tod, vor Leere und
Sinnlosigkeit, vor Schuld und Verdammnis), auch er in allen
Wandlungen jeweils als Modus des Verhältnisses zum Sein be-
schrieben: als Mut, Teil eines Ganzen zu sein, als Mut, man
selbst zu sein, und, in einer ganz aus der Sache geschöpften
Annäherung an die Rechtfertigungslehre, als Mut, sich zu bejahen
als bejaht. Die differenzierten, in einem hervorragend durchsich-
tigen Stil geschriebenen Analysen sind ohne allen gelehrten Ballast,
immer wohlbegründet. Ich könnte mir denken, daß sie der Seel-
sorge eine große Hilfe sein könnten. Sie greifen aber weit über
solche unmittelbare Anwendung hinaus. Einmal berührt hier Tillich
die durch die Krise des Theismus entstandene Situation. Wenn der
«Gott des Theismus" entschwindet, dann wird der „Gott über Gott",
eine sich im Mut zum Sein existentiell erschließende übertheore-
tische Gotteserfahrung alle Formen des Mutes wiedergebären.
Und das andere, worin die vorliegende Schrift aktuelle Bedeut-
samkeit beanspruchen kann, ist ihre Leistung für die Ethik. Sie
vollzieht, wie das eine Generation zuvor schon M. Scheler getan
hat, eine „Rehabilitierung der Tugend". Denn man könnte die
Schrift auch als eine in Argumentation und Zielsetzung ganz gegen-
wärtige Studie über die Tugend des Mutes auffassen, zumal dieser
Begriff immerfort in jener Unbefangenheit wiederkehrt, die
Tillich auszeichnet. (Daß das Register den Begriff übergeht, hat
fast die Bedeutung eines Kriteriums für den Geist der Gegenwart.)

Das Letztgesagte kann im gleichen Sinne auch für die zweite
Schrift gelten: Liebe, Macht, Gerechtigkeit (S. 141-225). Jeder der
verhandelten Begriffe wird in seiner Wandelbarkeit beschrieben;
es werden die in ihrer Zweideutigkeit und in ihrem Mißbrauch
begründeten Spannungen verhandelt. Diese Spannungen greifen
bis ins Innere der einzelnen Begriffe selbst, besonders bezüglich
der vier „Qualitäten" der Liebe als Libido, Philia,, Eros und Agape.
Es ist bekannt, wie im gegensätzlichen Begreifen dieser Liebes-
qualitäten man die Agape zum Proprium der christlichen Ethik
gemacht hat, und welche Aporien daraus für die Sexualethik
erwachsen sind. Ontologie - auch in diesem zweiten Traktat ein
methodischer Schlüsselbegriff - bedeutet hier in jedem Falle ein
Durchgreifen zum Grundwesen der Dinge, wozu sich Tillich fall-
weise auch phänomenologischer Methoden bedient. Unterschiede
werden dann nicht verwischt, Spannungen eher beleuchtet und
erklärt, als aufgehoben, aber es wird ein - wenn ich mich so aus-
drücken darf - ethischer Kosmos sichtbar, etwa in dem Sinne des
Grundsatzes, daß sich wahre Tugenden, ohne in ihrem Gehalt
undeutlich zu werden und ohne ihre Konturen preiszugeben, doch
nicht widersprechen können. Eine gütige Gesinnung waltet im
ganzen Text, und der Geist einer tiefen Vernunft, der auch die
Auslegung christlicher Wahrheiten beseelt, ist ebenso theoretisch
wie für das praktische Leben hilfreich. Ich nenne nur als Brispiele
die Sätze (S. 222): „Gegenseitige Vergebung ist die Erfüllung
schöpferischer Gerechtigkeit", und „Agape überwindet die Zwei-
deutigkeiten der Liebe, die Macht des göttlichen Geistes über-
windet die Zweideutigkeiten der Macht, Gnade überwindet die
Zweideutigkeiten der Gerechtigkeit".

Es ist zu hoffen, daß diese Schriften, von neuem zugänglich
gemacht, auch in der theologischen Ethik der Gegenwart zu einem
ruhigen Blick auf die Sachen und zur Humanisierung des Faches
verhelfen.

Götttagen . Woltgang TrilUuuu

Dilschneider, Otto: Ich glaube an den Heiligen Geist. Versuch cin n
Kritik und Antwort zur Existenztheologie. Wuppertal: R Erock-
haus [1969]. 72 S. 8°.

Der Vf. wendet sich - worauf schon der Titel der Unter-
suchung hindeutet - gegen die „Geistvergessenheit der Theologie",
wie sie besonders in der Existenztheologie von Bultmann, Fuchs
und Ebeling und in der „Theologie nach dem Tode Gottes" auf-
weisbar ist. Es ist durchaus richtig, wenn der Vf. bemerkt, daß
„die Frage nach einem Gott jenseits von Mitmenschlichkeit und
menschlicher Existenz durchgehalten werden muß" (15). Um diese
Frage wieder in den Mittelpunkt der Theologie zu stellen, will
der Vf. eine Pneumatologie vortragen, die „die ganze Fülle in den
unterschiedlichen Offenbarungsweisen im Auge behalten" muß.
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