Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

95.1970

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Theologische Literaturzeitung 95. Jahrgang 1970 Nr. 3

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verteidigt3. Im hier zu besprechenden Werk legt nun Reinhart
Staats, ein Schüler von H.Dörries, in erweiterter Form seine
Göttinger Dissertation von 1964 vor, worin es ihm darum geht,
die Priorität des Großen Briefes gegenüber dem Traktat Gre-
gors in streng philosophischem Beweisgang zu unterbauen.

In einem einleitenden Kapitel umreißt der Vf. den gegen-
wärtigen Stand der Diskussion. Im I.Teil der Untersuchung
führt er dann den Einzelvergleich des Großen Briefes mit „De
instituto christiano" durch, und zwar aufgrund von 50 Stellen,
die er in 7 Gruppen einteilt. Er kommt dabei zu folgenden Resul-
taten: Der Große Brief ist eine hingeworfene Kampfschrift,
der Traktat ein Grundriß theologischer Belehrung. Die bibli-
schen Anspielungen und Zitate im Großen Brief, die als solche
im Traktat unkenntlich sind, sitzen fest im Gefüge des Briefes,
während sich bei Gregor nur die gleichen Worte finden, ohne
daß dort ihr biblisches Herkommen deutlich wird. Eine wei-
tere Gruppe von Bibelzitaten sind fest in den Text des Großen
Briefs gefügt, während sie locker in dem Gregors sitzen. Dasselbe
läßt sich an einer Reihe von einzelnen Begriffen zeigen: sie
haben ihre Heimat im Großen Brief und sind nachträglich in den
Gregortraktat ausgewandert. Einige sprachliche und gedank-
liche Eigentümlichkeiten des Traktats bewirken, daß er inner-
halb der übrigen Schriften Gregors eine Sonderstellung ein-
nimmt, während diese Eigentümlichkeiten der Sprache und
Theologie des Pseudo-Makarius nicht fremd sind. Es gibt auch
grammatikalische Fehler und gedankliche Inkonsequenzen im
Traktat, die sich wenigstens teilweise aus der Umschreibung
des Großen Briefs durch Gregor erklären lassen. Staats beurteilt
die einzelnen Argumente sehr nüchtern, nicht alle hält er für
gleich stringent. Aber die vielen Einzelnachweise verdichten
sich nach seiner Überzeugung zum endgültigen Beweis dafür,
daß der Große Brief Gregor als Vorlage für seinen Traktat
diente.

In einem II. Teil fügt der Vf. einige allgemeine Überlegungen
zur Abhängigkeitsfrage bei, die klarlegen sollen, bei welchem der
beiden Autoren eine Umschrift eher denkbar ist. Während
Gregor neben der Schrift auch die Tradition als Autorität an-
erkennt und ein Eklektiker im guten Sinn des Wortes ist, ist
Symeon (so nennt Staats mit Dörries aufgrund der arabischen
Makariustradition den Verfasser des Großen Briefs) bei all
seiner hohen theologischen und rhetorischen Bildung reiner
Schrifttheologe, der kein Lehrer und Dogmatiker sein will. So
ist es viel wahrscheinlicher, daß Gregor auf Symeon gehört und
von ihm übernommen hat, was ihm gut schien. Er wollte so die
Rolle eines Vermittlers spielen und in seelsorgerlichem Ge-
spräch auf die Sätze Symeons eingehen. Dadurch unterscheidet
sich der Nyssener von seinen Amtsbrüdern, etwa einem Amphi-
lochius von Ikonium oder den Vätern der Synode von Side, die
dem Messalianismus gegenüber eine andere Sprache führen. Am
Schluß korrigiert Staats mit Recht die These Werner Jaegers,
wonach im Traktat Gregors die Synthese von Antike und Chri-
stentum kulminiere.

Die sorgfältige, methodisch saubere Untersuchung Staats
hat m.E. den Beweis erbracht, daß der um 390 verfaßte Große
Brief Symeons bald danach von Gregor von Nyssa in seinem
Traktat De instituto christiano umgeschrieben wurde. Ebenso
überzeugend ist aber auch ein weiteres Ergebnis der Studie, daß
nämlich der Große Brief wie das gesamte Makariuscorpus messa-
lianischen Charakter hat und somit die von L. Villecourt schon
1920 aufgestellte These entgegen der Behauptung Jaegers ihre
Geltung behält.

Einige Fehler, die Staats unterlaufen sind, berühren das Er-
gebnis seiner Untersuchung nicht. 'EpacrrfK heißt doch wohl
nicht Streiter, sondern Liebhaber (S.56). Staats findet es auf-
fällig, daß in Gregors Traktat das dem Asketen gesteckte Ziel
nicht der vollkommene Geistbesitz wie bei Symeon, sondern dia
Vollkommenheit des Christen ist (S.54). Wenn Gregor den
Großen Brief von messalianischen Gedanken säubert, ist das
keineswegs auffällig; denn der vollkommene Geistbesitz (ver-
bunden mit der Apatheia und Plerophorie der Gnade) ist das
große Charisma der Messalianer. An seine Stelle setzt Gregor
das orthodoxe Vollkommenheitsideal. Eine ähnliche Verken-
nung der messalianischen Mystik liegt S.56 vor: Symeons
ho ivwvCocdes Geistes ist nicht nahezu dasselbe wie die fevo Cvrnats

des Geistes bei Gregor. Schon der in Anmerkung 144 zitierte Text
zeigt, daß Symeon wieder von der typisch messalianischen Voll-
kommenheit spricht (in hom. 20,2 ist von ulgig wai v.oiviuvCa
die Rede, ed. Klostermann-Berthold, TU 72, Berlin 1961
8.105,1 f.; eine sehr relaistisch geschilderte Brautmystik ist in
den Homilien häufig; nach Timotheus von Konstantinopel und
Johannes von Damaskus gehört es zu den typisch messaliani-
schen Irrtümern, daß die Seele nach Empfang der Apatheia die
Hotvwvta mit dem himmlischen Bräutigam so spüre wie die
Frau die sexuelle Vereinigung mit ihrem Mann). Gregor säubert
auch hier die Einwohnung des Geistes von allen messalianischen
Übertreibungen und versteht sie in durchaus orthodoxem Sinn.

Einsiedeln (Schweiz) Alfons Kenimer OSB

1W. Jaeger, Two Rediscovered Works of Ancient Christian
Literature: Gregory of Nyssa and Macarius. Leiden 1954. Die Edition
der Epistula Magna daselbst S. 231-301.

2 H.Dörries, Christlicher Humanismus und mönchische Geist-
ethik: ThLZ 79, 1954, 643-656.

3 J. Gribomont, Le De Instituto Christiano et la Messalianisme de
Gregoire de Nysse: Studia Patristica V, 3, Berlin 1962, 312-322.

Borresen, Kari: De idehistoriske forutsetninger for Tertullians antro-

pologi (NTT 70, 1969 S. 102-115).
Quispel, G.: The Latin Tatian or the Gospel of Thomas in Limburg

(JBL LXXXVIII, 1969 S. 321-330).

KIRCHENGESCHICHTE:
REFORMATIONSZEIT

Mauser, Ulrich: Der junge Luther und die Häresie. Gütersloh:
Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn [1968]. 160 S. 8° -
Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte, 184. Kart.
DM 27,-.

Die Arbeit ist eine umgearbeitete und verkürzte Fassung einer
Dissertation, die 1957 von der Evang.-theol. Fakultät in
Tübingen angenommen wurde. Der Vf. hat sich unterdessen
nach den USA begeben und sich Fragen der modernen Bibel-
interpretation zugewandt. Die jetzige Drucklegung geht auf
Anregung von Hanns Rückert und Heinrich Bornkamm zurück.
Die seit 1957 erschienene Fachliteratur wurde, „wo es nötig
schien" (7), eingearbeitet. Auf eine Auseinandersetzung mit
Ernst Bizer wurde verzichtet. Die spärliche Benutzung von
Sekundärliteratur fällt auf, zumal es sich ja ursprünglich um eine
Dissertation handelt.

Ein ziemlich geraffter l.Teil behandelt „Die Häresie im
Mittelalter" (9-49). Im einzelnen werden Ivo von Chartres (10),
Gratian (11), Bernhard von Clairvaux (13), Johannes Gerson
(18), Gabriel Biel (29), Faber Stapulensis (35), Augustins Enar-
rationes in Psalmos (36), die Glossa ordinaria (41), Nikolaus von
Lyra (44) und Johannes von Turrecremata (47) berücksichtigt.
Dabei wird vor allem gefragt, wie weit ihr Häresiebegriff bei
dem jungen Luther nachwirkt. Der 2. Teil („Der Häresiebegriff
des jungen Luther") untersucht zunächst den Befund in den
Dictata super Psalterium (50-107). Der „hermeneutische Ort"
des Häresiebegriffes ist der sensus allegoricus. Luther deutet
die Psalmen auf Christus; das Christusgeschehen zielt hin auf die
Kirche. Die „Feinde" in den Psalmen sind demnach Feinde
Christi und der Kirche: Häretiker. Die Häresie wird von Luther
als Feindschaft gegen das Kreuz Christi verstanden (60). Die
Häretiker verdrehen den Sinn der hl. Schrift. Interessant sind
die Ausführungen über den „Figuralcharakter des Handelns
Gottes" (69ff.). Er wird von den Häretikern nicht erkannt. Vor
allem wird die Häresie in dem Streben nach der iustitia propria
gesehen. Die sapientia crucis bleibt verschlossen. Die incorrigi-
bilitas der Häretiker liegt nicht auf moralischem und nicht
eigentlich auf dogmatischem Gebiet, sondern in ihrem ver-
kehrten Verhältnis zu Gott (81). Luther erkennt bereits in den
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