Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

94.1969

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bilder haben eine Rolle gespielt: Sallust und Cicero. F. stellt daher
Sulpicius in eine Reihe mit Hieronymus und Isidor von Sevilla
(S. 104); er fühlt sich zuweilen erinnert an Plinius d. J. oder an
Apulejus (S. 107). Die profane Kultur steht mit ihren literarischen
und rechtlichen Erinnerungen ständig im Hintergrund (S. HOff.).
Deutlich greifbar sind die Einflüsse der Bibel. Neben dem Alten
und Neuen Testament spielen auch die apokryphen Petrusakten
eine Rolle (S. 117). Nach F.s Vermutung standen Sulpicius die
Schriften der nordafrikanischen Kirchenväter Tertullian und Cyp-
rian zur Verfügung, doch ist kein schlüssiger Beweis zu erbringen
(S. 118). Stärker dürften ägyptische Traditionen eingewirkt haben
(S. 119). Auch in Fragen der Stilisierung zeigt sich sowohl antiker
wie christlicher Einfluß (S. 212ff.). Letzteren sieht F. in einer
vierfachen Typologie: Prophetischer, christlicher, martyrologischer
und asketischer (S. 127ff.). Kapitel IV ist überschrieben: La valeur
spirituelle de la Vita Martini (S. 135ff.). Bedeutsam war die Aus-
einandersetzung mit Häretikern unter besonderer Berücksichti-
gung der gallischen Situation. Die Soldatenzeit Martins wird weit
ausholend erörtert (S. 143ff.) und in Beziehung gestellt zur „spiri-
tualite militante", die für Märtyrer und Asketen charakteristisch
war. Die kleinen Anfänge in Marmoutier können gedeutet werden
als Reaktion eines abendländischen Individualismus gegen die
„casernes spirituelles" in Ägypten (S. 152). Unter dem Einfluß des
Hilarius hat sich Martins Wunsch nach Anachoresc gemildert
(S. 159f.). Als besonderes Kennzeichen der Frömmigkeit Martins
wird sein Verhältnis zu Christus gesehen. Es ist aber nicht einfach
der gekreuzigte Christus im paulinischen Sinne, sondern das Kreuz
ist das Signum salutis, dessen man sich bedient im Kampf gegen
das Böse. F. warnt vor einer abschätzigen Beurteilung im Sinne
eines primitiven Aberglaubens. Bei Martin ist das Kreuzschlagen
unlösbar verbunden mit einer Meditation der Passion (S. 165). Der
Pneumatismus Martins ist ein schwieriges Thema, das in Abgren-
zung zu Montanus und Priszillianus erörtert wird (S. 166ff.). Der
persönliche Anteil des Sulpicius am Bild des Heiligen Martin wird
von F. begrenzt mit der Feststellung, Sulpicius habe „peu deforme
la spiritualite de Martin" (S. 169ff.).

Die wichtigste Problematik enthält Kapitel 5: „La valeur histo-
rique de la Vita Martini" (S. 171ff.). Die Geschichte der Kritik
beginnt schon bei einem Schüler Martins, so daß F. sagen kann,
die Gegensätze bestünden schon 16 Jahrhunderte und die question
martinienne sei so alt wie Martin selbst. Höhepunkt der Kritik
war 1912 das Buch von Ed. Ch. Babut „St. Martin de Tours", das
Zustimmung fand bei L. Halphcn und M. Bloch (S. 174ff.). 1920
erschien in den Analecta Bollandiana eine Antwort von P. Delehaye
(S. 177ff.), dem C. Jullian beitrat in der Abwehr der Hyperkritik
von Babut (S. 181ff.). Heute möchte nun F. über die bisherige
Fragestellung hinausführen. Dazu erinnert er an einige Tat-
sachen: Nur eine Minderheit war damals gebildet, die Mehrheit
waren Analphabeten. Damit wird das Problem der mündlichen
Uberlieferung deutlich. Vor der schriftlichen Abfassung der Vita
Martini steht eine dreifache Umwandlung: „La triple metamor-
phose des faits bruts" (S. 185ff.). Die erste Stufe liegt in der Per-
sönlichkeit Martins selbst, in seiner Sicht des Daseins, der Dinge,
der äußeren Ereignisse und inneren Erlebnisse (S. 186). Die zweite
Stufe ist die Tradition des Klosters Marmoutier, in dem die Taten
Martins beobachtet und weitergegeben wurden. Erst aus der dorti-
den „mentalite collective" (S. 188) konnte Sulpicius schöpfen,
dessen Darstellung insofern die 3. Stufe darstellt. Sulpicius konnte
betonen, auswählen, weglassen oder auch ausdehnen -, aber er
war immer an vorgegebene Tradition gebunden. Auf 3 Problem-
kreise geht F. näher ein, die bisher besonders umstritten waren.
Zunächst fragt er nach der Bedeutung des Teufels. Man hat den
Teufel mit Kaiser Konstantius oder dem Henker oder mit häre-
tischen Klerikern identifizieren wollen (S. 191ff.). Ein zweites
Problem sind die Träume. Mit Recht sagt F., daß diese im re-
ligiösen Leben der Antike eine große Rolle spielen und ebenso in
der Bibel -, vom Traum Jakobs bis zu den Visionen der Apoka-
lypse (S. 196). Anmerkungsweise wird auf „Freund et Jung" ver-
wiesen, womit sicher Freud und Jung gemeint sind. Die Träume
in der Passio Perpetuae werden erwähnt, im Kommentar werden
dazu noch die Träume Konstantins und Monikas, der Mutter Augu-
stins, genannt (Bd.II, S. 490). Das dritte Problem sind die Wunder.
Hier unterscheidet F. vier Arten: miracle objektif, miracle coin-
cidence, miracle folklorique, miracle litreraire (S. 198ff.). Nachdem
F. die Schwierigkeiten und Vorbehalte mit aller Gründlichkeit dar-

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gelegt hat, wertet er die historische Aussagekraft der Vita Martini
doch relativ hoch. Er unternimmt einen gelungenen Versuch, eine
Skizze von Martin von Tours zu entwerfen (S. 206ff.).

In Zukunft wird keine ernst zu nehmende Arbeit über Martin
von Tours oder Sulpicius Severus an dem hier angezeigten Werk
vorübergehen können.

Rostock Gert Hacndler

O'H a g a n , Angelo P.: Material Re-Creation in the Apostolic
Fathers. Berlin: Akademie-Verlag 1968. XV, 154 S. gr. 8° -
Texte und Untersuchungen zur Geschichte der altchristlichen
Literatur, 100. Kart. M 26,50.

Es scheint, daß im Anschluß an die Studien über die Heilsge-
schichte die Theologen seit Teilhard de Chardin die Frage nach
dem Kosmos und dem Raum wieder neu gestellt haben (cf. M.
Splinder, Pour une theologie de l'espace, Cahiers theol., 59, Neu-
chätel, 1968).

Die Dissertation des australischen Franziskaners, die unter der
Leitung von Prof. Dr. A. W. Ziegler (München) geschrieben
wurde, bringt einen Beitrag zu dieser neuen Fragestellung. Der
Autor untersucht die eschatologisehen Aussagen der apostolischen
Väter und stellt die Frage, ob ihre Hoffnung sich auf eine ma-
terielle Wiederherstellung der Welt bezieht. Er unterscheidet
dabei in grundlegender Weise zwischen der jüdischen Eschatolo
gie von kollektivem irdischem Charakter und der hellenistischen
Eschatologie mit individualistischer und himmlischer Prägung.

Mit Ausnahme von Ignatius und Diognet würden die aposto-
lischen Väter zur ersten Gruppe gehören. Der Verfasser kommt
aufgrund seiner Untersuchung, bei der die Texte gut dargeboten
und die Sekundärliteratur assimiliert ist, zu folgendem Schluß:
„That belief in some material renewal of creation is found in
such a large percentage of the Apostolic Fathers, at least in so
soundly probable a way as it is, and that it leaves fairly clear
traces on almost all the others would seem to hint at some fur-
ther conclusion. It indicates that, in view of the Apostolic Fathers'
widely differing origins, backgrounds and literary forms, . . . be-
lief in a material re-creation of the world was widespread during
the sub-apostolic age." (S. 141).

Nach einem einleitenden Kapitel (S. 1-16) über den Ursprung
der eschatologischen Vorstellungen, legt er unter dem Titel „Paru-
sie und neue Schöpfung" (S. 17-30) die Eschatologie der Didache dar.
Aus Did. 9,4 und 10,5 schließt er, daß die eschatologische Samm-
lung der Gläubigen am Ende der Zeiten auf Erden stattfinden
werde. Er benützt dabei ein psychologisches Argument. Die ehe-
maligen Juden haben nach ihrer Bekehrung zum Christentum ihren
Glauben an eine diesseitige Eschatologie beibehalten. In die Stelle
Did. 16, wo die Rede vom Vergehen der Welt ist, legt er den Ge-
danken einer Neuschöpfung des Kosmos hinein. Als Hinweis die-
ser Neuschöpfung führt er die alleinige Auferstehung der Gläu-
bigen an.

Das dritte Kapitel (S. 31-67) über „Millenarismus und neue
Schöpfung" behandelt die bekannte Lehre von Papias und die
jenige von Barnabas. Was Papias betrifft, betont der Verfasser den
traditionellen Charakter des Millenarismus. Aus Barn. 6, ein Mid-
rasch über „Gehet hin in das gute Land" (Ex. 33,1), zieht er den
Schluß, daß die neue Schöpfung, die mit dem Glauben der Christen
begonnen habe, materiell enden wird. Auch im Barn. 15 hebt er
vor allem die Elemente der materiellen Erfüllung hervor. Man
kann sich fragen, ob der Verfasser den poetischen Reichtum der
eschatologischen Sprache, wie er vor allem bei einem allegorischen
Schriftsteller wie Barnabas zu finden ist, genügend beachtet hat.

Das vierte Kapitel, „Das Kerygma und die neue Schöpfung"
(S. 68-87), ist der Eschatologie des 2. Clemensbriefes gewidmet.
Auch hier schließt der Verfasser auf die Möglichkeit einer irdischen
Erneuerung. Die Texte können meines Erachtens auch anders ver-
standen werden. Nirgends ist die Rede von einer Neuschöpfung
nach dem endgültigen Weltenbrand. Die Ausdrücke „Reich",
„Ruhe" usw. schließen nicht notwendigerweise eine materielle
Neuschöpfung in sich, 2 Cl 14, wo der Begriff des Geistes hervor-
gehoben ist, weist gerade in die andere Richtung. Kap. 18-20, wo
der Ausdruck „leben oben mit den Vätern" (2C1.19,4) vorkommt,
ist nach der Meinung des Verfassers wahrscheinlich nicht au-
thentisch.

Der Verfasser muß zugeben, daß man bei Polycarp und im
1. Clemensbrief keine bestimmte Antwort auf seine Fragestellung

Theologische Literaturzeitung 94. Jahrgang 1969 Nr. 12
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