Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

94.1969

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er mit der vorliegenden Untersuchung zugleich einen Beitrag zum
Verständnis des frühen Prophetentums in Israel zu geben.

Er fängt mit einer überlieferungsgeschichtlichen Analyse von
1 Kön. 17,1-19,18 an. Für das Werden von 1 Kön. 17f. ergibt sich
ein relativ einfaches Bild. Dem Abschnitt liegen zwei alte, ehedem
selbständige Überlieferungseinheiten zugrunde, die Dürreerzäh-
lung, die ihm auch jetzt noch den Rahmen gibt, und die Karmel-
geschichte. Beide Erzählungen sind später zu einer vereinigt wor-
den. Die Untersuchung von 1 Kön. 19 ergibt ein sehr einfaches
Bild organischen Wachsens dieses Kapitels im Laufe der Überlie-
ferung. Sieht man von der Glosse V. 9b/:Mlaa ab, so ist das Wer-
den von 1 Kön. 19 in drei Erzählstufen vor sich gegangen.

Im zweiten Teil untersucht der Verfasser die Überlieferung und
Zeitgeschichte in der Nabotherzählung, 1 Kön. 21, und die Bezie-
hungen zu 2 Kön. 9-10. Breiter Raum ist hier einer Diskussion
von Isebels rechtlicher und besonders königinmütterlicher Stellung
gegeben. „Für die Träger der Eliaüberlieferung war in dieser
Schilderung ein Urteil über Isebels überhaupt ausgesprochen, das
dadurch hervortrat, daß man das allbekannte Wirken der Königin-
mutter in den Rahmen eines Vorfalls einzeichnete, über den schon
Elia das Urteil gesprochen hatte" (S. 75).

Im dritten Hauptteil behandelt Steck die Bezugnahme auf die
Zeitgeschichte im Verlauf der Überlieferung von 1 Kön. 17-19. Seine
Untersuchung von der zeitgeschichtlichen Lage in diesen Abschnit-
ten führen zu der Folgerung, dafj die das Ende des 9. Jahrhunderts
ausfüllenden Kämpfe zwischen Aram und Israel die zeitgeschicht-
liche Lage bilden, die zur Bildung der Horebszene geführt hat
(S. 95). Diese Weiterbildung der Eliaüberlieferung ist demnach zu
Lebzeiten Hasaels und wohl unter Joahas (818/7-802/1) anzusetzen.
Nach der vorgeschlagenen Datierung ist die Horebszene noch zu
Lebzeiten Elias formuliert worden. Nebenbei bemerkt hat auch
Mowinckel, der in Stecks Literaturverzeichnis überhaupt nicht er-
wähnt ist, diese Erzählungen zu einer Zeit noch vor Arnos datiert.

Diese Datierung hat ihre Bedeutung: „So sind die Träger der
Eliaüberlieferung in der Zeit der Aramäernot unter Hasael für
unser Wissen die ersten, die Vorstellungen von der Schuld des
Volkes und des darob über das Volk ergehenden Gerichtes durch
ein Fremdvolk im prophetischen Bereich ausgebildet haben"
(S. 107).

Steck deutet an, dafj in 1 Kön. 19 Beziehungen zu einer Fassung
der Sinaitradition bestehen, deren literarischer Niederschlag in
E-Dtn-Dtr erhalten ist. Schon 1935 hat Mowinckel (in GTMMM)
gemeint, festschlagen zu können, dafj die Eliaüberlieferungen in
1 Kön. 17-19 und meistens auch in 1 Kön. 21 aus der „Quelle" E
stammten. Später geriet er doch mehr in Zweifel.

Die Eliaerzählungen haben eine lange Überlieferungsgeschichte
hinter sich. Am Anfang stehen Einzelerzählungen, später ist so
das Erzählgut von Elia bis zu seiner von Dtr. aufgenommenen Fas-
sung im wesentlichen noch zweimal weitergestaltet worden. Die
erste Weitergestaltung wurde in der Anfangszeit des Königtums
Jehu an der vereinigten Dürre-Karmcl-Erzählung wie an der Na-
bothüberlieferung vorgenommen. Einige Jahrzehnte später ist die
Uberlieferung weiter gewachsen. In der Horebszene ist nun vom
Königshaus keine Rede mehr, als Gegenspieler Elias wird jetzt
einzig Israel selbst bestimmt.

Zur Frage der Gattung der Eliaüberlieferung sagt Steck, dafj
der Begriff „Prophetenlegende" nicht ganz zufriedenstellend ist.
Wegen der vorausgesetzten Reflexionshaltung und Denkbewegung
zieht er es vor, die Überlieferungen als „lehrhafte Erzählungen"
zu verstehen. Als Träger der Überlieferung sieht er die Propheten-
genossenschaften um Elisa.

Steck hat einen energischen Versuch gemacht, die Probleme der
Eliaüberlieferungen zu lösen. Er hat neue Momente in die Dis-
kussion eingebracht und hat auch alte Thesen erneuert. Seine
Untersuchung ist nüchtern und gründlich und hat eine gute Grund-
lage für weitere Arbeit an diesen Fragen gelegt.

Oslo Arvid S. Kapelrud

Weidmann, Helmut: Die Patriarchen und ihre Religion im
Licht der Forschung seit Julius Wellhausen. Göttingen: Vanden-
hoeck & Ruprecht 1968. 186 S. gr. 8° = Forschungen zur Reli-
gion u. Literatur d. Alten u. Neuen Testaments, hrsg. v. E.
Käsemann u. E. Würthwein, 94. DM 24,- j Lw. DM28,-.

900

Die vorliegende forschungsgeschichtliche Studie ist bereits im
Jahre 1961 von der Theologischen Fakultät der Philipps-Universi-
tät in Marburg als Dissertation angenommen worden. Zu einer
geplanten Überarbeitung ist der im Juni 1963 nach längerem Lei-
den verstorbene Vf. nicht mehr gekommen. Es wird also nur der
Stand der Forschung bis etwa zum Jahre 1960 berücksichtigt. Der
Stoff erscheint übersichtlich nach den Hauptphasen der Forschungs-
geschichte geordnet: Auf die Darstellung Wellhausens und seiner
Schule folgt die Erörterung der konservativen Gegenposition. Die
Panbabylonisten, die religionsgeschichtliche Schule und die von
A. Alt inaugurierte Sicht der Patriarchen und ihrer Religion
fügen sich an. Ein elf Seiten umfassendes Verzeichnis der behan-
delten Publikationen beschließt den Band, während ein Autoren-
register leider entbehrt werden muß.

Zweifellos gelingt es H. Weidmann, ein recht anschauliches Bild
von der Forschungsgeschichte der Patriarchen-Deutung zu zeich-
nen, wobei er mit sicherem Urteil das Wesentliche an den unter-
schiedlichen Auffassungen herausarbeitet und auch den Blick auf
die großen Zusammenhänge innerhalb der Forschungsentwicklung
lenkt. Zur Charakterisierung der eigenen Position des Vf.s sei
einer der letzten Sätze im „Zusammenfassenden Schluß" des Ban-
des zitiert: „Über die Patriarchen und ihre Religion kann eigent-
lich immer noch nicht viel mehr gesagt werden als das, was Alt
und Noth dazu vor einigen Jahren schon ausgeführt haben"
(S. 173). Entsprechend erfährt auch A. Alts ,Gott der Väter' eine
überaus positive Würdigung (S. 162ff.). Aber das Ergreifen einei
feste Position ist das gute Recht des Vf.s, zumal er sich den Blick
für richtige Erkenntnisse anderer .Schulen' im großen und ganzen
dadurch nicht verbauen läßt. Allerdings vermißt man doch eine
kritische Erörterung von Alts Hypothesen, deren Basis jedenfalls
nicht so unerschütterlich ist, wie W. annimmt. Es ist ein Irrtum,
zu meinen, daß mit der Entdeckung der nach den Erzväter-Über-
lieferungen mit den Patriarchengestalten verbundenen .Vätergötter'
die Frage nach der .vormosaischen' Religion Israels überhaupt
beantwortet ist.

Insgesamt gesehen kann W.s Darstellung der Patriarchenfor-
schung als ein gründlicher und nützlicher Überblick zu einem
interessanten und charakteristischen Kapitel der alttestamentlichen
Forschungsgeschichte empfohlen werden. Jedoch sind dabei die
Beschränkungen nicht zu übersehen, die sich der Vf. selbst auf-
erlegt hat: Berücksichtigt wird „vornehmlich die deutsche alttesta-
mentliche Wissenschaft", außerdem „bleiben Arbeiten aus dem Be-
reich des protestantischen Fundamentalismus sowie der jüdischen
und römisch-katholischen Forschung". .. „fast ganz außer Be-
tracht" (S. 9). Diese Beschränkungen sind einerseits bei einer Dis-
sertation durchaus verständlich, andererseits aber doch ein sehr
bedauerlicher Mangel. Der Vf. hat sich freilich gemüht, wenig-
stens anmerkungsweise auf den Zusammenhang mit Forschun-
gen außerhalb des deutschsprachigen Protestantismus gelegentlich
hinzuweisen'; aber dadurch wird die Problematik der einseitigen
Orientierung auf die deutsche protestantische Forschung nur noch
spürbarer.

Berlin • Karl-Heinz Bernhardt

') Ein Abschnitt der maschinenschriftlichen Dissertation über die .Patriarchen
und die Patriarchenreligion im Lichte der archäologischen Entdeckungen", unter
besonderer Berücksichtigug der amerikanischen Forschung, konnte leider von dem
Herausgeber E. Würthwein nicht mit in die vorliegende gedruckte Ausgabe über-
nommen werden (S. 5).

Dietrich, M., u. O. L o r e t z i Das Ugaritische in den Wörter-
büchern von L. Köhler und W. Baumgartner (BZ 13, 1969
S. 187-207).

G u i 11 e t, Jacques: Le langage spontane de la Benediction dans
l'Ancien Testament (RechSR 57, 1969 S. 163-204).

Haag, Herbert: Der „Urständ" nach dem Zeugnis der Bibel
(ThO. 148, 1968 S. 385-404).

S o i s a 1 o n - Soininen, Ilmari: Das ethische Moment in der früh-
israelitischen Religion (ZEE 13, 1969 S. 146-153).

Stegemann, Ursulai Der Restgedanke bei Isaias (BZ 13, 1969
S. 161-186).

Theologische Literaturzeitung 94. Jahrgang 1969 Nr. 12
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