Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

94.1969

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Theologische Literaturzeitung 94. Jahrgang 1969 Nr. 9

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(ist) durch die Zeit des homo patiens" (44). Damit verschiebt sich
der Schwerpunkt der Anforderungen von der Pädagogik (die da-
mit nicht entwertet wird) auf die Seelsorge.

Die Zunahme psychogener und soziogener Erkrankungen zwingt
auch den Mediziner vermehrt zur Aufnahme psychotherapeutischer
Verfahren, ja zur Entwicklung einer „ärztlichen Seelsorge". Die
Psychotherapie ist weithin in die Lücke getreten, die die Kirche
durch Vernachlässigung der Poimenik entstehen ließ. Wenn die
Kirche in diesem Aufgabenbereich den Anschluß verpafjt, verliert
sie eine der segensreichsten Möglichkeiten, dem leidenden Men-
schen zu helfen und eine der besten Chancen, Entfremdete, die im
Krankenhaus den ersten Kontakt mit einem Seelsorger haben,
wieder zu gewinnen. Die Zusammenarbeit von Arzt und Seelsor-
ger ist darum dringend gefordert. Eine dilettierende Seelsorge
neben einer hochentwickelten Medizin, die auch etwas von der
Heilkraft des Wortes versteht, ist jedoch nicht zu verantworten
und wird auch nicht ernstgenommen. Darum bedarf es einer fun-
dierten Ausbildung des Seelsorgers. Für das Krankenhaus zu-
mindest ist der „Fachpoimeniker" mit der Befähigung zur „klei-
nen Therapie" zu fordern. Dieses um so mehr, als für den Thera-
peuten (Arzt) die geistliche Problematik der Lebenskonflikte zu
wenig ins Blickfeld kommt und es auch „ein poimenisches Dilet-
tieren durch die Psychotherapeuten" (63) gibt.

Im zweiten Teil seines Buches entfaltet der Verf. sein Modell
des poimenischen Studiums im einzelnen unter der Voraussetzung,
daß jede Fakultät einen ordentlichen Lehrstuhl für Poimenik er-
hält. Der Lehrstuhlinhaber soll dabei eine nebenamtliche Kranken-
hauspfarrstelle erhalten, und zwar an einem Grofjkrankenhaus, in
dem die Besuche der Studierenden nicht stören. Nach den Sprach-
semestern, in denen auch eine Einführung in die Psychologie,
Soziologie und Pädagogik vorgesehen ist, folgen vier Semester mit
je vier bis fünf Wochenstunden für Poimenik. Patientenkunde, So-
zialpathologie, Therapeutik, Krankenhauswesen, Gesprächsmetho-
dik, Fallanalysen sind in Vorlesungen und Seminaren so zu behan-
deln, dafj der Studierende in den letzten Semestern fähig ist, mit
Patienten Gespräche zu führen, die nachträglich protokolliert,
kritisiert und analysiert werden. - Die Schwerpunktverlagerungen
in der gesamtkirchlichen Arbeit fordern auch das Schwerpunkt-
studium. Hier soll der „Fachpoimeniker" ausgebildet werden, der
in der Kranken- und Telefonseelsorge, der Ehe- und Erziehungs-
beratung und ähnlichen Aufgaben mit anderen Fachleuten zusam-
menarbeiten soll. Für das allgemeine Studium, das Schwerpunkt-
studium und das Predigerseminar sind Pläne ausgearbeitet und
im Blick auf Schwierigkeiten in der Durchführung auch Über-
gangslösungen vorgeschlagen. In diesem Rahmen ist auch der Plan
für ein drei Monate dauerndes klinisch-poimenisches Seminar
für Krankenseelsorger (Theologen und Laien) aufgestellt. Doebert
bringt mehr als nur ein gut durchdachtes Modell, das je nach
den örtlichen Gegebenheiten und dem jeweiligen Ausfall der Hoch-
schulreformen auch unterschiedlich zu praktizieren wäre. Seine
Ausführungen zeigen, wie dringlich eine Neuordnung der Seel-
sorge gefordert ist, welchen Gewinn die Theologie von der Be-
gegnung mit der Psychologie und Soziologie hat und wie notwen-
dig für die wissenschaftlich-theologische Arbeit und Selbstkritik
der Kontakt mit dem leidenden Menschen ist. „Rückwirkungen auf
die Entfaltung einer biblischen Anthropologie sind darum von der
Poimenik her zu erwarten" (121). Der Einblick in den Zusammen-
hang unbewußter und unbewältigter Konflikte mit dem Glaubens-
leben und wissenschaftlichen Denken einerseits wie in die Bedeu-
tung der Theologie für das Kranksein oder Heilwerden des Men-
schen andererseits können dem Theologen bei der kritischen
Prüfung seines Ansatzes hilfreich sein.

Leipzig Adelheid R e n s c h

G i b b s , Mark, et T. Ralph Morton : Feu vert pour les Laics.

(God's Frozen People) traduit et adapte de l'anglais par G.
Moscherosch. Preface d'Albert Finet. Neuchatel: Delachaux et
Niestie (1966). 211 S. kl. 8°.

Das Buch ist die französische Übersetzung des englischen Ori-
ginals God's Frozen People und seinem Motto nach Hendrik
Kraemer und J. H. Oldham verpflichtet. „Die Wiederentdeckung
des Laientums bezeichnet die Wiederentdeckung der Kirche" (181).
Die Einführung in die englische Ausgabe des Buches beschreibt es
als kein originales Werk, sondern bekennt sich zu Urhebern wie

den im Motto genannten. Adressiert ist es an das ganze Gottes-
volk und will weniger ein fundamentaltheologischer Traktat als
vielmehr eine Beschreibung der gegenwärtigen Aufgaben der gan-
zen christlichen Gemeinde sein.

Vom Volk Gottes her als der die innerkirchliche Gliederung in
Klerus und Gemeinde umfassenden Einheit wird die Würde des
Laien als Glied dieses Volkes beschrieben. In einigen großen Stri-
chen wird sodann unter diesem Gesichtspunkt die Entwicklung
der Kirche betrachtet und die gegenwärtige Situation kritisiert.
Viel zu sehr sei die geistliche Aktivität wie überhaupt jede
Spiritualität in der Gemeinde an die Person des Pfarrers gebun-
den. Von daher erkläre es sich, dafj eine Spiritualität des Industrie-
arbeiters bisher nicht gewonnen worden sei, könne der Pfarrer
doch nur noch als kompetent für Fragen der Familie und der kari-
tativen Aufgaben gelten. Daher fehle auch weithin das bewußte
politische Engagement des christlichen Laien.

Anregendes wird gesagt über das Verhältnis des Christen zur
Arbeit. Über die Individualethik hinaus gelte es eine Ethik der
Industriearbeit zu erarbeiten, die vom Mitarbeiter als dem Näch-
sten des Christen zum Dienst an der Gesellschaft und der Gemein-
schaft, in deren Mitte die Arbeit getan wird, überleitet. Große
Hoffnung wird geknüpft an die wachsenden Möglichkeiten der
Freizeitbeschäftigung der arbeitenden Menschen. So wie bisher
der Kampf gegen die Sklaverei, gegen die Kinderarbeit und der
Einsatz für die Mission in den letzten zwei Jahrhunderten der Pri-
vatinitiative einzelner christlicher Persönlichkeiten entsprungen
sei, müßten heute, wo Millionen über Freizeit und Geld verfügten,
die Chancen für das spontane persönliche Engagement der Laien
noch viel besser genutzt werden. Das Lobopfer der Ganzhingabe
nach Rom. 12 wird dabei als Vorbild genannt.

Innerhalb der kirchlichen Gemeindearbeit habe die Laienschaft
ihre Aufgaben in der Katechetik, besonders in der Erwachsenen-
bildung, wahrzunehmen. Gruppenarbeit habe dabei besondere
Verheißung. Der Laie dürfe aber nicht für kirchliche Arbeit allein
beansprucht werden. Vielmehr müsse er sich als christliche Welt-
person in seine weltliche Verantwortung begeben können. Berufs-
beratung für junge Christen durch beruflich erfahrene Christen sei
bisher viel zu wenig geübt worden. - Für die Politik ist ein Plus
des christlichen Politikers vor dem nichtchristlichen behauptet.
Seine säkulare Lebenserfahrung sed „kombiniert mit der tiefen
Uberzeugung, daß die materielle Welt eine Schöpfung Gottes ist
und daß das Leben, der Tod und die Auferstehung Jesu Christi
der Welt ihre Bedeutung und ihre Hoffnung geben. So bringt der
Laie in das politische Leben nicht nur seine Erfahrung, sondern
auch seine christliche Liebe ein" (110).

Der historische Teil des Buches ist nicht frei von Simplinkatio-
nen (keine kirchlichen Institutionen während der ersten drei
Jahrhunderte, sondern nur Strukturen, 39). Das Gewicht des Buches
liegt aber auf der Schilderung gegenwärtiger kirchlicher Gemeinde-
struktur, und hier sind eine Menge anregender Beobachtungen
mitgeteilt.

Pönitz bei Leipzig Christoph Michael Haufe

Allmen, Jean-Jacques von, Prof. Dr.: Le saint ministere selon
la conviction et la volonte des Reformes du XVIe siecle. Neucha-
tel: Delachaux et Niestie [1968]. 252 S. gr. 8° = Bibliotheque
Theologique.

Der gängigen protestantischen Auffassung, als sei das Amt nur
menschliche Organisationsform und der Pfarrer im Grunde auch
nur beamteter Laie, wird in der vorliegenden Arbeit für den re-
formierten Bereich die reformatorische Legitimation energisch und
erfolgreich bestritten. Schon der Titel des Buches zeigt, was sich
bei dieser Untersuchung als Kern reformierter Lehre vom Amt
herausgeschält hat: .Das heilige Amt', also das eine, und zwar
nicht von Menschen errichtete, sondern von Gott gestiftete, nicht
der Verfügung der Menschen überlassene, sondern der Kirche als
unveräußerliches, sakrosanktes Strukturelement mitgegebene Amt.
Man mag sich wundern, gerade auf dem Felde reformierter Lehre
diesen Tatbestand herausgestellt zu sehen, der Verf. erhärtet aber
denselben durch eine höchst exakte historische Untersuchung, die
die Überzeugung und den Willen der Reformierten des 16. Jahr-
hunderts an einem im reformierten Bereich allgemein an erkann
ten Bekenntnistext abliest, der Confessio Helvetica posterior von
1562, deren 18. Kapitel ,De ministris ecclesiae, ipsorumque in-
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