Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

94.1969

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Theologische Literaturzeitung 94. Jahrgang 1969 Nr. 3

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Sinzendorff, dem Ooersthofmeister Anton Florian Fürsten Lichten-
stein und dem Obersthofmarschall Adam Franz Karl Fürsten
Schwarzenberg. Das 3. Kapitel behandelt die Amtstätigkeit des
Kaiserlichen Botschafters in Korn, Johann Wenzel Grafen von Gal-
las, der in unerfreuliche Streitigkeiten über Zeremoniellfragen
und Quartiersfreiheit verwickelt war. Im 4. Kapitel kommt die
hohe Politik zu Wort: unablässig drängte der Papst den Kaiser
nach dem Ende des spanischen Erbfolgekrieges zu einem neuen
Kriege gegen die Türken, die den Venezianern Morea weggenom-
men hatten. Glänzend waren die Siege des Prinzen Eugen bei
Peterwardein und Belgrad und ihre Folgen. In die Siegesstimmung
schrillte die Nachricht vom Angriffe Spaniens auf Sardinien; der
Kaiser, der glaubte, daß der Papst die Spanier aufgehetzt hatte,
luhlte sich betrogen, und es kam fast zum Bruche mit Rom. Der
Nuntius, Kardinal Spinola, wurde von Karl VI. nicht mehr emp-
fangen, der Nuntius in Neapel ausgewiesen (S. 128ff.). Die Ver-
handlungen über dessen Rückkehr zogen sich in die Länge (Kap. 5).
Mühselig wurde in Wien ein Einvernehmen angebahnt, zu einem
Bündnis zwischen sacerdotium und imperium ist es auch durch
die Entsendung des päpstlichen Neffen, Möns. Alessandro Albani,
nicht gekommen (Kap. 6).

Die saubere, auf Grund der Nuntiaturberichte in Rom und der
entsprechenden Akten im Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien
verfaßte Arbeit stellt einen Beitrag zur Geschichte der Kabinetts-
poliük im Zeitalter des hölischen Absolutismus dar. Sie ist mit
ausführlichem Apparat, Quellen- und Literaturnachweis und Na
mensregister ausgestattet und um so aufschlußreicher, als es sich
im Widerstreit der beiden höchsten Instanzen der damaligen
Christenheit - Kaiser und Papst - um das Verhältnis Staat und
Kirche handelt. Es ist fast unvermeidlich, dafj der Schreiber, der
dem Kapuzinerorden angehört, die Partei der Kirche ergriffen hat.
Dennoch muß jedem Leser die Unvereinbarkeit des obersten geist-
lichen Hirtenamtes mit weltlichen Herrschaftsansprüchen eindring-
lich klarwerden.

Auf stilistische Entgleisungen sei nicht im einzelnen hingewiesen.
Ein Versehen ist es, den Frieden von Passarowitz ins Jahr 1716
zu setzen statt in das Jahr 1718 (S. 155); und es erscheint doch
mißverständlich, den Sohn Jakobs II. von England im Hinblick auf
das Jahr 1719 noch als »jungen König" Jakob III. zu bezeichnen
(S. 169), selbst wenn dies der damaligen Ausdrucksweise katho-
lischer Höfe entspräche.

Wien Grete Mtciolifly

Angermeyer, Helmut: Die Stellung der Kirchengeschichte im
Rahmen der Religionspädagogik (Der evangelische Erzieher 20,
1968 S. 224-232).

Ruhbach, Gerhard: Vom Sinn und Nutzen der Kirchengeschichte

(Der evangelische Erzieher 20, 1968 S. 217-223).
Schering, Ernst: Gefahrenmomente des kirchengeschichtlichen

Unterrichts (Der evangelische Erzieher 20, 1968 S. 232-238).

KIRCHENGESCHICHTE: ALTE KIRCHE

Hanson, R. P. C.: Saint Patrick. His Origins and Career. Oxford:
Clarendon Press; London: Oxford University Press 1968. XI,
248 S. 8°. Lw. 30 s.

Die geschichtlichen Hinweise auf Patrick beruhen auch heute
noch auf der Biographie von J. B. Bury: The Life of St. Patrick.
1905 Neudr. 1965. H. spricht von der Verwirrung (dazzle), die von
dem Buche Burys ausgeht. Er sieht seine Aufgabe darin, Bausteine
2u einem revidierten Patrick-Bild zusammenzutragen. Dies ge-
schieht in der ständigen Auseinandersetzung mit der neuesten
Literatur über Patrick.

Zuerst untersucht der Vf. die zeitgenössischen, wie auch die jün-
geren Quellen zur Geschichte Britanniens des 5. Jhs. Er führt so in
die politische Situation ein, welche den Hintergrund des Lebens
Patricks bildet. Dabei geht es bereits hier um die wichtige Frage,
in welchem Jahr die Entscheidung Patricks, als Missionsbischof
nach Irland zu gehen, geschah.

Eine weitere Untersuchung gilt der britischen Kirche im 5. Jh. H.

stellt die frühesten archäologischen Funde und literarischen Be-
weise zusammen. Eingehend beschäftigt er sich hier mit dem
l'eiagius-Problem und der Reise des Germanus, Bischots von Aux-
erre, nach Britannien. Ferner wird die wichtige Frage untersucht,
ob bereits vor Patrick und vor Palladius Christen in Irland waren.
Sie wird auf Grund der Leydener Glosse (nicht später als das
u. Jh.) bejaht. Der Vf. setzt sich dann mit dem Ninian-Problem
auseinander. Er kommt zu dem Ergebnis, daij dieser zu Beginn
des 5. Jhs. in Candida Casa (Whithorn) gewirkt hat. Sidonius Apol-
linaris Brief an Faustus v. Reji (c. 475) zeigt, dafj es im 5. Jh. in
britannien Mönchtum gegeben hat.

Nach Darstellung der allgemein geschichtlichen und kirchlichen
Umwelt des 5. Jhs. beschäftigt sich H. mit den Quellen zur Ge-
schichte Patricks sowie mit der späteren Tradition über ihn, wie
sie in zahlreichen Handschriften von der zweiten Hälfte des 7. Jhs.
einen Niederschlag gefunden haben. An erster Stelle steht das
Book of Armagh, das eine Reihe Dokumente enthält, die Patrick
betreffen. Unter ihnen sind die beiden Biographien Patricks von
Muirchu Moccu Mochteiii und von Tirechan, zwei alte Hymnen
über Patrick, eine in lateinischer, die andere in gälischer Sprache,
enthalten. Den späteren Jahrhunderten gehören weitere Viten
Patricks an. Schließlich handelt es sich um die sogenannte Vita
Tripartita Patricks, eine Homilie, deren Datierung sich vom 8. bis
;um 11. Jh. bewegt.

Es folgen dann Hinweise auf das Leben Patricks, soweit sie sich
aus den beiden Patrick-Schriften, seiner Confessio und seinem
Brief an Coroticus ergeben. Die Ausführungen Patricks werden von
dem Vf. einer kritischen Untersuchung unterzogen. In sie werden
zwei Probleme einbezogen: 1. ob Patrick Mönch war, und 2. die
Beschaffenheit seines Lateins. Der Vf. bejaht die erste Frage in
dem Sinn, dafj Patrick Mönch, vielleicht in der Tradition von
Martin von Tours, war und in Britannien in einem Kloster lebte.
Dort habe er sich die Kenntnisse der lateinischen Bibel erworben,
ehe er nach Irland ging.

Das Latein Patricks war in den letzten Jahrzehnten Gegenstand
verschiedener Untersuchungen. Mit ihnen setzt sich der Vf. aus-
einander. Patricks Latein war Vulgärlatein. Die beiden lateinischen
Schriften Patricks haben zur Voraussetzung, daß sie bei den Lesern
als Mittel des Gedankenaustausches verstanden wurden.

Ferner wird die Datierung untersucht. Der Vf. setzt das Geburts-
jahr Patricks auf ca. 390, seine Tätigkeit in Irland zwischen 425
und 435 und seinen Tod auf ca. 460. Die Theorie O'Rahillys (The
Two Patricks, Dublin 1942) von den beiden Patricks wird abgelehnt.
Bezüglich des Palladius-Patrick Problems kommt der Vf. zu der
Annahme zweier verschiedener Formen des Christentums in Ir-
land bereits zur Zeit Patricks. Nach H. waren Palladius und
Patrick Zeitgenossen, ohne dafj ein Kausalzusammenhang zwischen
beiden Lebensläufen bestand.

Das Resultat der Untersuchung des Buches ist, daß es heute noch
unmöglich sei, ein Leben Patricks zu schreiben. Eine Biographie
sei Zukunftsaufgabe. Sie setze eine sorgfältige und vorurteilsfreie
Untersuchung der vergleichbaren Literatur und Tradition voraus.
Besondere Aufmerksamkeit müsse den archäologischen Tatbestän-
den gelten.

Zusammenfassend sieht H. Patrick als ein Produkt der britischen
Kirche. Er wurde also nicht von Papst Celestin nach Irland ge-
sandt. Die Schriften Patricks sind daher die erste Literatur der
britischen Kirche und das erste Zeugnis des lateinischen Bibel-
textes, der in dieser Kirche gebraucht wurde. Bei diesen Ausfüh-
rungen beschränkt H. seine Aussagen über die Mission Patricks
in Irland auf die beiden Werke desselben. Es wäre zu fragen, ob
in den späteren Quellenwerken nicht echte Erinnerungen an'die
Tätigkeit Patricks in Irland zu finden sind.

Dem Buch sind zwei Appendices angefügt, in dem ersten sind
die irischen Annalen, welche Patrick erwähnen, zusammengestellt,
in dem zweiten ist das Problem des Hochkönigs von Irland unter-
sucht worden.

Das Quellen-Text- und Literaturverzeichnis gibt wesentlich die
neuste englische Literatur wieder. Die ältere Literatur ist nur inso-
weit angeführt, als sie nicht überholt ist.#Ein Namen- und Text-
stellenverzeichnis schließt das interessante *Buch ab. Es ist wichtig
problemreich und richtungsweisend für jeden, der sich mit der
Geschichte Patricks und der irischen Kirche beschäftigt.

Bcrlin Walter Dell»,
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