Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

94.1969

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Theologische Literaturzeitung 94. Jahrgang 1969 Nr. 1

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Die Liturgie der Kirche in der Welt des Jahres 1985

Von Erich H e r t z s c h , Jena

Emst Sommerlath zum 80. Geburtstag

L

1. Unter dem Titel: .Die Zukunft der Kirche in der Welt des Jah-
res 1985" hat Günter Jacob im Dezember 1967 einen Aufsatz ver-
öffentlicht', der Aufsehen erregt, ja bei vielen Lesern schockierend
gewirkt hat. Das ist eigentlich verwunderlich. Denn auf die „Zei-
chen der Zeit", die die Kirche zum Aufmerken und zum Umkehren
veranlassen sollten, ist schon vor Jahren nachdrücklich hingewiesen
worden-. Mufjten erst die Bücher des Holländers Arend van Leeu-
wen („Das Christentum in der Weltgeschichte", Stuttgart 1966) und
des Amerikaners Harvey Cox („Stadt ohne Gott?", Stuttgart 1966)
erscheinen und die Resultate von Umfragen marxistischer Religions-
soziologen in der DDR bekannt gemacht werden, von denen Günter
Jacob in seiner Analyse der kirchlichen Situation ausgeht, um Kir-
chenleitungen, Pfarrern und anderen kirchlichen Mitarbeitern die
Augen zu öffnen?! Ohne Zweifel war es höchste Zeit, dafi die
„etablierte" Kirche durch einen ihrer angesehensten Generalsuper-
intendenten, der jahrelang das Bischofsamt von Berlin-Branden-
burg verwaltet hat, schockiert wurde. Er hat sich Gehör verschafft,
und dafür wollen wir ihm dankbar sein.

2. Die „futurologischen Aspekte"3, unter denen er die kirchliche
Situation sieht und beurteilt, sind sicherlich richtig: „Wenn wir nach
Existenz, Gestalt und Wirkungsmöglichkeiten der Kirche .. . fragen,
so haben wir die Zukunft unseres heute in einer ganz bestimmten
Weise geprägten Kirchentums ... zu bedenken. Solches Kirchentum,
wenn es nicht in der kommenden Zeit durch tiefe Wandlungspro-
zesse eine .Reformation an Haupt und Gliedern' erfährt, wird dann
(1985) nur noch in kläglichen Konventikeln ... vorhanden sein"'.
Uneingeschränkte Zustimmung verdient der Satz: „Es kann nur
tief beklagt werden, dafi die Kirchengemeinden, die Kirchenkreise
und die Landeskirche nicht mit den ihnen zur Verfügung stehenden
Apparaturen (...) aus eigener Initiative sich das statistische Ma-
terial und die erforderlichen Informationen für eine exakte Dia-
gnose des heutigen kirchlichen Lebens erarbeiten, sondern weiter-
hin von den fiktiven .Seelenzahlen' eines im Jahr 1960 veröffent-
lichten Pfarralmanachs und von höchst unscharfen, oft emotional
bedingten Situationsbeurteilungen ausgehen"5. Wichtig ist auch
Jacobs Hinweis darauf, daß „uns nicht eine spektakuläre Kirchen-
austrittsbewegung als Manifestation klarer Entscheidungen gegen
die Kirche und ihre Verkündigung, sondern ein schleichender
Schwund und eine geräuschlose Entfernung vieler Zeitgenossen
aus dieser Generation der 30- bis 50jährigen bevorsteht", dafj wir
es mit einer „Mentalität des Indifferentismus" zu tun haben, die
„nicht in erster Linie ... das Ergebnis einer militanten atheistischen
Propaganda ist", denn „dieser Indifferentismus .. . grassiert ebenso
in der westlichen Welt"0.

3. Jacob macht sich im letzten Teil seines Aufsatzes Gedanken
über „erste Schritte auf dem Weg in die Zukunft". Denn er will
selbstverständlich nicht einer hoffnungslosen Resignation das Wort
reden. Wer die Intention seiner Analyse so verstehen wollte, hätte
ihn gröblich mißverstanden! Aber es ist allerdings zu fragen, ob
die Konsequenzen, die er aus der illusionslos geschilderten kirch-
lichen Situation zieht, richtig sind, besser gesagt: ob er wirklich
das aufzuzeigen vermag, was für die dringend notwendige „Refor-
mation an Haupt und Gliedern" entscheidend wichtig sein wird.
Auf die Frage, „welche Aufgaben sich aus der vorgetragenen Pro-
spektive für uns im Blick auf unseren gegenwärtigen Standort der
Kirche, wie sie nun einmal ist, ergeben", versucht er, „eine Antwort
in sechs Thesen skizzenhaft zu umreifjen" und beginnt - auffallend
genug! -: „1. Intensivste theologische Arbeit der Pfarrer, der Kate-

') Die Zeichen der Zeit 12/67 S. 441-451

-") Vgl. z. B. das Referat, das Vf. 1960 auf dem Deutschen Ev. Theologentag ge-
halten hat und das unter dem Titel .Neue Organisationsformen des kirchlichen
Lebens- in der ThLZ 12/60 Sp. 885-889 erschienen ist.

J) C. Fr. v. Weizsäcker macht darauf aufmerksam, daö .Futurologie" eine sprach-
liche Mißbildung ist. die er lieber durch .Mellontik" ersetzen mochte. Am besten
ist es, am Ausdruck .Prognostik" festzuhalten und, wie es die Arzte bei Krankheiten
tun, von Diagnose und Prognose des kirchl. Lebens zu reden.

*) S. 443. s) S. 443. •) S. 445.

cheten und selbstverständlich auch der Kirchenleitungen ist jetzt
erforderlich"'. Für diese These könnte die Tatsache sprechen, daß
auch die Reformation des 16. Jahrhunderts mit „intensivster theo-
logischer Arbeit" begonnen hat, allerdings mit der Arbeit eines
Universitätstheologen, der alles andere als eine Kirchenreform be-
absichtigt hatte. Jacob erwartet von Pfarrern und Katecheten, aber
auch von den Kirchenleitungen durchaus nicht, dafj sie neue theo-
logische Erkenntnisse forschend erarbeiten, sondern daß sie „gründ-
lichst die thologische Arbeit einer sich klar abzeichnenden nach-
theistischen und nachmetaphysischen Theologie begleiten und
sich aneignen". Ausgehend von dem Prozeß der weltweiten Sä-
kularisierung des ganzen menschlichen Lebens (einem Prozeß, der
„durch nichts mehr aufgehalten oder gar rückgängig gemacht wer-
den kann"), rechnet Jacob damit, daß diese Säkularisation auch „das
Absterben und das Ende aller Religionen bedeutet". Für diese These
kann er sich auf namhafte Theologen berufen, nicht zuletzt auch
auf D. Bonhoeffer, der bekanntlich in seinem vielzitierten Brief
vom 30. 4.1944 schreibt: „Wir gehen einer völlig religionslosen
Zeit entgegen: die Menschen können einfach, so wie sie nun einmal
sind, nicht mehr religiös sein"5. Und die „nach-theistische und nach-
metaphysische Theologie", die die Grundlage christlicher Verkündi-
gung in einer radikal religionslosen Welt werden mufi, ist für Jacob
eine „Exodus-Theologie", bei der es „um die Freilegung und Inter-
pretation des gesamtbiblischen Zeugnisses vom Schalom geht".
„Dieses gesamtbiblische Zeugnis vom Schalom ist im alttestament-
lichen Zeugnis vom Bund Jahwes mit seinem Volk Israel... prä-
riguriert. Es wird im neutestamentlichen Zeugnis von Kreuz und
Auferstehung Jesu Christi manifest"'". Dies biblische Zeugnis mufi
„ebenso gegen die herkömmliche religiöse Deutung im Sinne eines
Seelenfriedens wie gegen eine vordergründige politische Deutung
im Sinne einer blofien materiellen Befriedung" abgesichert wer-
den. Diese „biblische Botschaft schafft sich trotz des Immobilismus
und der Stagnation und trotz aller Versuche zur Entschärfung selbst
Raum. Sie wird auch in Zukunft Menschen ergreifen und diese
Menschen als Christen zur .neuen Menschheit'... zusammenfü-
gen"". Und „so notwendig das Ende der Kirche als eines volks-
kirchlichen religiösen Betreuungsinstituts erscheint, so offen steht
der Weg einer Gemeinde, die sich von der biblischen Botschaft
ergreifen und sich dann im Gehorsam gegenüber der ergriffenen
Botschaft jeweils zu ihrer Zeit in ihre Umwelt entsenden läfit"12. In
welcher Gestalt wird sich diese neue Gemeinde darstellen? „In
Gruppen, Zellen, kommunitären Bewegungen, in Teams und dyna-
mischen Minoritäten von mündigen Christen" (Taize, Agape, Riesi
u. a. werden als Beispiele genannt). Das ist Jacobs Grundkonzep-
tion von der Zukunft der Kirche in der Welt des Jahres 1985. In
den Thesen 2-6 wird die Aufgabe im BDck auf diese erneuerte
Kirche noch ein wenig entfaltet und konkretisiert: 2. „Die jungen
Christen von heute", die „1985 als verantwortliche Träger, Mitarbei-
ter und Leiter der Gruppen und Zellen zu fungieren haben", sind
„so früh wie möglich in eine tätige und kritische Mitarbeit auf
unkonventionellen Wegen zu rufen." 3. „Schon jetzt mufi der Ar-
beitsstil im gegenwärtigen Parochialsystem grundlegend geändert
werden". 4. „Die Gemeindeglieder... müssen in Zukunft viel stär-
ker angeleitet werden, die Weltwirklichkeit zu erkennen und sie im
Licht der biblischen Botschaft zu deuten". („Von der Erörterung re-
ligiöser Feierabendprobleme aus dem Winkel der nichtberufstäti-
gen Rentner müssen wir loskommen"). 5. „Die Christen der jünge-
ren und mittleren Generation müssen anders als bisher von der Ge •
meinde ermutigt werden, ,in die Welt einzuwandern' (Hans Jürgen
Schultz"). 6. „Wir müssen uns endlich auf den Dialog .Christentum
und Marxismus' rüsten"13. ".

:) S. 450. ") S. 450.

a) Widerstand und Ergebung, Berlin 1957, S. 145.

G. Jacob aaO S. 449. ») S. 449.
") S. 448. ") S. 450f.

") Vf. hat sich bemüht, den Inhalt des Aufsatzes ohne Verkürzung des Wesent-
lichen zu referieren. Die Lektüre des vollständigen Textes kann dieser Bericht selbst
verständlich nicht ersetzen.
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