Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

93.1968

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Die Zeitgenossen von Scotus beurteilten die Sache anders.
Thomas Angelicus behauptete, Scotus „habe die These von den
absoluten Konstitutiven als probabel vorgetragen, sei aber in
Oxford gezwungen worden, diese Ansicht öffentlich zu widerrufen"
(283). Wilhelm von Nottingham berichtete, „Scotus habe in Paris
gelehrt, die Personen würden durch die Relationen konstituiert,
und dabei eingestanden, zuvor anderswo eine andere Meinung
vertreten zu haben" (283). Die Zeitgenossen waren also überzeugt,
dafj Duns erst die dritte und dann die zweite Lehrmeinung ver-
treten habe. Der Verfasser kann darauf hinweisen, dafj Duns nie
unter Ausschluß der zweiten Lehrmeinung für die dritte einge-
treten ist, darum stellt er diesen Meinungswechsel in Abrede.

Fragt man aber nicht danach, wofür sich Duns expressis verbis
entschied, sondern welche Lehrmeinung ihm am Herzen lag und
seiner Theologie entsprach, so gewinnt man den Eindruck, daß
Duns von Anfang an für die dritte eintrat, aber unter dem Druck
seiner Gegner zugeben mußte, daß die Aussagen der Väter für die
zweite zu sprechen schienen, was offensichtlich ein sehr mageres
Zugeständnis war. Eine Entscheidung darüber, wo Duns sein An-
liegen vertrat, läßt sich nur in einem größeren Rahmen seiner
Theologie fällen. Wölfel (vgl. ThLZ 91 [1966], 606-608) hat das
getan und ist dabei zu der Überzeugung gekommen (Wölfel, 218):
„. . . sein Herzschlag wird nur bei jener Auffassung zu hören sein,
die ein Absolutes als Konstitutiv der Hypostasen annimmt, wie
allein hier der durchgängige Denkzusammenhang seiner theolo-
gischen und ontologischen Synthese erkennbar wird."

Die Arbeit hätte noch gewinnen können, wenn sie stärker auf
die Forschung eingegangen wäre und sich z. B. an dem heraus-
gegriffenen Punkt mit Wölfel - der im Literaturverzeichnis an-
geführt wird - auseinandergesetzt hätte. Im übrigen liegt eine
sorgfältige und gut lesbare Wiedergabe der immanenten Trinitäts-
lehre des Duns Scotus vor, die den Zugang zum Verständnis für
dieses in der Scholastik ausgiebig erörterte Thema öffnet.

Leipzig Helmar Junghans

Roscher, Helmut: Neuere Forschung zur Geschichte der Kreuz-
züge (Verkündigung und Forschung 13, 1968, S. 44-65).

KIRCHENGESCHICHTE: REFORMATIONSZEIT

Eberhardt, Hans, u. Horst Schlechte [Hrsg.]: Die Refor-
mation in Dokumenten. Aus den Staatsarchiven Dresden und
Weimar und aus dem historischen Staatsarchiv Oranienbaum.
Weimar: Böhlau 1967. 88 S. m. 36 Faks.Taf. u. 1 Kte. 4°. Lw.
M 19,80.

Einzelne Handschriften der Reformationszeit finden wir im
Foto in den Reformationsgeschichten oft, dazu auch wertvolle Ge-
samtfaksimileausgaben, wie von Luthers Römerbriefvorlesung.
Aber seit Johannes Ficker und Winkelmanns „Handschriftenproben
des 16. Jahrhunderts, nach Straßburger Originalen" (1902) sowie
G. Mentz' „Handschriften der Reformationszeit" (1912) ist kaum
eine größere Sammelausgabe von Handschriften der bedeutendsten
Männer der Reformationszeit erschienen. Um so begrüßenswerter
ist daher der zum Jubiläumsjahr 1517-1967 veranlaßte Band von
Handschriften aus den drei Archiven von Dresden, Weimar (Wet-
tiner Lande) und Oranienbaum (wesentlich ehemals anhaltisches
Staatsarchiv in Zerbst). Durch den Ausgang des Schmalkaldischen
Krieges waren die Wittenberger Bestände nach Weimar oder Dres-
den gekommen, die nun im Gebiet der DDR die meisten Hand-
schriftenschätze der Reformationszeit beherbergen. Die hier ge-
zeigten Dokumente entstammen den Jahren 1517 bis 1555. Ihr
Rahmen ist weit gespannt; über den engeren theologischen Kreis
hinaus ist die vorbereitende Bewegung und der Widerhall wie die
Auswirkung in alle Sphären des bürgerlichen, wirtschaftlichen,
sozialen Lebens hinein in charakteristischen Beispielen erfaßt.

Zur großen Fotowiedergabe der Handschriften gehört auf der
Nebenseite jeweils die buchstabengetreue Textumschrift sowie ein
einführender Text; außerdem sind Angaben über Aufbewahrungs-
ort, Art, Signatur u. a. wie auch Hinweise über alte und neue
Textabdrucke gegeben. Über den vermittelten Inhalt der Hand-

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Schriften hinaus wird diese fast originalgroße Veröffentlichung
der Handschriften eine große Hilfe sein können für alle, die im
Studium, in Archiven oder sonst in Forschung mit Handschriften
der Reformationszeit zu tun haben, als Hilfe zum Sich-Einlesen
in die Schriftformen dieser Zeit wie zum Identifizieren von Doku-
menten noch unbekannter Herkunft. Dankbar wird der Benutzer
des Buches auch immer wieder dabei die beiliegende Karte der
Wettinischen Länder und der in ihnen und um sie verstreut lie-
genden anderen Herrschaftsgebiete benutzen (von K. H. Blaschke
bearbeitet).

Lutherstadt Wittenberg Oskar T h u 1 i n

M c N a i r, Philip: Peter Martyr in Italy. An Anatomy of Apostasy.
Oxford: Clarendon Press; London: Oxford University Press 1967.
XXII, 325 S., 1 Taf. 8°. Lw. 55 s.

Petrus Martyr Vermigli (1499-1562) ist eine der profiliertesten
Gestalten kirchlicher Reform in Italien. Dieses vom Verfasser her-
ausgearbeitete Ergebnis wird allgemein über den bekannteren
Tatsachen vergessen, daß Vermigli an der Seite des Erzbischofs
Cranmer Mitreformator in England und Professor für Bibelexegese
in Straßburg und Zürich war. McNair, Dekan des Darwin College
und Universitätslehrer für Italienisch in Cambridge, wendet sich
im Gegensatz zu den wenigen früheren Vermigli-Biographen dem
ersten Teil der Vita zu. Die Bedeutung Vermiglis für die Kirchen-
reform in Italien ist bisher niemals an den Quellen untersucht
worden.

Über die Biographie eines einzelnen wenn auch bedeutenden
Reformers und Reformators hinaus will der Verfasser paradigma-
tisch für das Italien der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts eine
„anatomy of apostasy" darstellen, wie es im Untertitel heißt. Er
hält das reformerische Wirken Vermiglis und das Hineinwachsen
in diese Rolle in den ersten zwei Dritteln seines Lebens für un-
erläßlich zum Verständnis des späteren Reformators. Deshalb wen-
det er sich den biographischen Problemen bis einschließlich 1542
zu. Die in diesem Jahre geschehene Flucht bezeichnet McNair als
das zentrale Faktum in Vermiglis Leben. Die Ereignisse vorher
und hinterher sind von dem Geschehen des Sommers 1542 her zu
interpretieren. Der evangelische Reformator „of massive divinity
and ponderous commentaries" (S. XIII), der Freund Calvins und
Vertraute Cranmers, dessen Stimme gehört wurde in den Schulen
Oxfords und in den Verhandlungssälen von Poissy, dessen Wir-
kungen spürbar sind in den Bekenntnisartikeln und in der Litur-
gie der anlikanischen Kirche, hat vor seiner „apostasy" innerhalb
seiner römischen Kirche zu wirken versucht und in Neapel und
Lucca die Reform durch seine Predigt vorangetrieben. Nicht zuletzt
die Erfolglosigkeit dieses Bemühens hat ihn zu seinem Gang über
die Alpen veranlaßt. Dadurch, daß er und andere - wie etwa
Bernardino Ochino (s. über ihn LThK2) - auswanderten, wieder
andere Reformer resignierten, wurde die Bewegung in Italien
bedeutungslos, eine Erscheinung, die der Verfasser mit dem Flucht-
jahr Vermiglis in Verbindung bringt.

Die Kenntnis der Vorgänge bis 1542 ruhte bisher fast aus-
schließlich auf einer einzigen Quelle. Das ist die zeitgenössische
Biographie eines späteren Kollegen Vermiglis. Josias Simler hat
in seiner Oratio die ersten 43 Jahre aus Sekundärinformationen
dargestellt. McNair zweifelt deshalb an der Zuverlässigkeit. Die
beiden Biographen Vermiglis, Schlosser (1809) und Schmidt (1858),
fußen fast vollständig auf Simler für Vermiglis „pre-exilic life"
(S. XVIII). Die weitere Literatur (Young und McLelland) fügte bis-
her in dieser Sache nichts über beider Ergebnisse Hinausgehendes
dazu. Damit hat McNair noch einmal umrissen, daß seine Arbeit,
die auf einer neuen Quelle basiert, wirklich ein Neues für das
Vermigliverständnis pflügt. Dabei kommt er zu dem Urteil, daß
Vermigli „one of sixteenth-century Europe's greatest (and most
neglected) theologians" (S. XIX) ist. Als hauptsächliche handschrift-
liche Quelle gibt McNair die „Acta Capitularia Canonicorum Re-
gularium Congregationis Lateranensis" an. Diese liegen in ihrer
Mehrzahl in Rom, die fraglichen über Vermigli Auskunft geben-
den Bände allerdings in Ravenna (S. 302).

Der Florentiner, in dessem Leben sich die Reformation Italiens
„in miniature" abspielt (S. 10) oder - im Sinne McNairs noch
anders ausgedrückt - in dessen Vita als Mikrokosmos sich der

Theologische Literaturzeitung 93. Jahrgang 1968 Nr. 11
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