Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

93.1968

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Testaments sowie einer über das Johannes-Evangelium. Die Edition
auch dieser übrigen Teile des Opus Tripartitum in der großen
Ausgabe ist weit fortgeschritten.

Im Rahmen dieser Anzeige ist nur eine knappe Charakterisie-
rung der veröffentlichten Texte am Platz. Es handelt sich, wie
der Herausgeber in den verschiedenen Einleitungen sowie in einem
vorzüglich informierenden Aufsatz „Meister Eckharts biblische
Hermeneutik" (in dem die Vorträge des Straßburger Mystik-Kollo-
quiums von 1961 enthaltenden Sammelband „La Mystique Rhe-
nane", Paris 1963, S. 95-108) genauer dargelegt hat', um ein ganz
unförmiges, auseinanderquellendes Werk. Die beiden Genesis-
Kommentare - oder man sagt treffender: Auslegungen, denn es
findet sich nur die Exegese einzelner Verse - schließen zeitlich und
sachlich aneinander an, sind gewissermaßen Stadien in dem immer
weiter vorangetriebenen Auslegungsprozeß vom sensus aperior
zum sensus latentior des Bibeltextes; dieser Prozeß aber ist zu-
gleich eine Weise des mystischen Weges. Das theologische Ver-
fahren unterscheidet sich von dem auf die Summe ausgerichteten
der Hochscholastik beträchtlich. Dieses Wuchern der Auslegung
wird in der Ausgabe sorgfältig vorgeführt - die erste Expositio
Genesis ist ihrerseits in zwei voneinander abweichenden Fassungen
überliefert, von denen der Herausgeber die erste als ein früheres
Stadium erweist und gesondert abdruckt.

Man kann die Sorgfalt der Edition auch in anderer Hinsicht nur
rühmen. In wie weitgehendem Maß Eckhart sich an Autoritäten
anschließt, wird überreichlich sichtbar gemacht - es zeigt sich, daß
der Text auf weite Strecken ganz traditionell ist, wobei bedeuten-
den Einfluß vor allem Maimonides ausgeübt hat, der, wie der Her-
ausgeber in dem erwähnten Aufsatz bemerkt, zumal für die Aus-
richtung der Exegese Eckharts auf die „Naturwissenschaft" Vorbild
gewesen ist. Der Erschließung der Texte dient auch die in der
Eckhart-Ausgabe allgemeine Übung, der Edition der Schriften des
Mystikers eine Übersetzung ins Deutsche beizufügen, und man
bucht sie, auch wenn sie einem etwas ungewohnt ist, ebenso als
einen Gewinn wie die weitläufigen Indices.

Göttingen Bernd M o e 1 1 c r

') Vgl. ferner die Dissertation seines Schülers Eberhard Winkler, Exegetische
Methoden bei Meister Eckhart, die in dieser Zeitschrift 1966, Sp. 764ff. gewürdigt
worden ist.

Schwencke, Olaf: Die Glossierung alttestamentlicher Bücher
in der Lübecker Bibel von 1494. Beiträge zur Frömmigkeit s-
geschichte des Spätmittelalters und zur Verfasserfrage vorluthe-
rischer Bibeln. Berlin: Erich Schmidt [1967]. 206S. 8°.
Das Buch hat als Dissertation der Philosophischen Fakultät der
Universität Hamburg vorgelegen. Wie sehr die niederdeutsche Lü-
becker Bibel vielseitige Bearbeitung verdient, dürfte hier schla-
gend bewiesen sein.

Da eine Untersuchung des ganzen Bibeltextes über die Kraft eines
einzelnen geht, ist folgende Auswahl getroffen. Die Frage nach den
Quellen der Glossen wird an den Geschichtsbüchern, an Daniel
und Deuterojesaja verfolgt, während die frömmigkeitsgeschicht-
liche Befragung an den Lehrbüchern Hiob, Sprüche, Prediger, an
den Psalmen und besonders ausführlich am Hohenlied („Boek
der senghe") geschieht. Vermutlich ist damit eine repräsentative
Auswahl getroffen, wobei natürlich offenbleibt, ob weiterdrin-
gende Forschung über Ergänzungen hinaus auch neue Entdek-
kungen bringen wird. Abhängigkeit und Verschiedenheit von der
glossierten niederdeutschen Kölner Bibel von 1478 werden wach-
sam beobachtet.

Die Frage nach den Quellen kommt zu dem Ergebnis, daß an
erster Stelle Lyra zu nennen ist, an zweiter die Glossa ordinaria,
Bllf deren Urheberschaft (Schule von Laon, 12. Jh.) darum näher
eingegangen wird, weil die Legende von Strabos Urheberschaft
nicht ausstirbt. Eine wenn überhaupt, so nur sehr gelegentlich be-
nutzte Quelle wird in den Kommentaren Hugos von St. Victor mehr
vermutet als schlüssig nachgewiesen. Schon Heinrich v. Seelen
(1726) hatte vermutet, die .famosa glossa' zu Gen. 3,16 „he schal
auer dy herschopen, dy vakene (oft) to pyneghende
vnde to slande", ginge auf Hugo zurücki „Non sub regimine
tantum. .. sed violentia dominatione, ut te vulneribus affligaf

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(38). Ob die Abhängigkeit besteht? Sollte man nicht mehr an mit-
telalterliche Schwankerzählungen als Anregung denken? Hugos
Kommentare sind sonst als Quelle nicht wirklich nachweisbar.
Auch Schwencke kommt über ein zaghaftes „möglich" nicht hin-
aus (128). Die Kölner Bibel ist erst ab 2. Kön. 7 benutzt worden;
das alte Forschungsergebnis Wilhelm Walthers wird glänzend be-
stätigt (44 A. 83).

Die Frage, wie die Quellen genutzt und wie das Eigengut des
Verfassers anschließt, führt in den frömmigkeitsgeschichtlichen
Teil. Das Resultat in Kürze ist dieses: Aus der Glossa ordinaria
werden die oft abwegigen Allegorien nicht übernommen; der Lü-
becker muß ihnen kritisch gegenübergestanden haben. Lyras Inter-
esse an der jüdischen Geschichte und demzufolge am sensus litera-
lis wird vom Lübecker abgewertet, dafür wird Lyras hedlsge-
schichtliche Bedeutung des AT in den Vordergrund gerückt. Das
AT bringt die gleiche Botschaft wie das NT. Während Lyra von
der Erlösung am Kreuz wie von einem objektiven geschichtlichen
Geschehen redet, will der Lübecker durch ausmalende Beschrei-
bung Teilnahme wecken. Den interessantesten Beitrag liefern die
Glossen zum Hohen Lied. Schon die Tatsache der Textübersetzung
ist beachtlich, denn die Kölner Bibel hatte sie nicht gewagt, son-
dern den lateinischen Text geboten, um junge Leute seelisch nicht
zu gefährden, entsprechend der rabbinischen Praxis (115). Aus
der Glossa ordinaria war dem Lübecker die ekklesiologische und
moralische, noch nicht mystische exegetische Tradition des Mittel-
alters in Breite bekannt. Lyra folgt weithin der Tendenz der
Glossa; er fand in den Kapiteln 1-6 die Geschichte Israels vom
Auszug bis zur Landnahme, in Kapitel 7 und 8 die Geschichte der
Kirche bis Konstantin. Der Lübecker folgte im ersten Kapitel Lyra,
bis er dessen jüdische Konzeption erkannte, die er dann verwarf.
Die Gestalten aus dem Pentateuch werden nun durch Christus er-
setzt. Die Auslegung wird allegorisch-kontemplativ; Christus und
die Kirche sind Bräutigam und Braut. Im Kreuzesgeschehen er-
scheinen antijüdische Züge, die bei Lyra fehlen, aber im 15. Jh.
verbreitet waren. Die Christusfrömmigkeit wird von Schwencke
aus der Bewegung der Devotio moderna in Norddeutschland ver-
standen. Wie wichtig dem Lübecker seine Aufgabe erscheint, wird
daran deutlich, daß allein zum Hohen Lied sich umfangreiche Pre-
digtglossen finden, für die Bernhards Sermones Vorbild gewesen
sein werden. Zum Umfang der Glossierung erfahren wir, daß
die Zahl ihrer Wörter die des Bibeltextes etwa um das Dreifache
übertrifft -, ein singulärer Fall! Bezeichnend ist noch, daß Hei-
ligenlegenden und die Marienfrömmigkeit zurücktreten.

Es wird genügen, wenn wir aus dem frömmigkeitsgeschicht-
lichen Teil nur noch kurz auf die Glossierung der Psalmen einge-
hen. Einflußreich ist Lyra, nicht die Glossa ordinaria geworden; der
Nachweis für die Glossa ist nur für fünf Lieder möglich. Die Aus-
legung ist heilsgeschichtlich und moraltheologisch orientiert. Im
Mittelpunkt stehen Menschwerdung, Leiden, Auferstehung, Him-
melfahrt, Wiederkunft, Vergeltung im letzten Gericht.

Der Schlußteil befaßt sich mit der Verfasserfrage. Wie alle volks-
sprachlichen Bibelübersetzungen bleibt auch die Lübecker anonym.
Schwencke macht überzeugend deutlich, daß der Kompilator ein
hochgebildeter Theologe ist und sehr wahrscheinlich ein Ordens-
mann, kein Weltgeistlicher, die er beschimpft. „Lehrer" und „Pre-
diger" gelten als die Krone des Klerus. Schwencke sucht den Ver-
fasser mit guten Gründen im Lübecker Franziskanerkloster und
als Theologen unter den Schülern Prags und Erfurts. Lübeck
hätte wie die ganze Kustodie Saxonia die fähigsten Minoriten
nach Erfurt zum Studium geschickt. Schwenckes Vermutungen
gehen auf Nicolaus Bucholt, der 1473 in Erfurt promovierte, dann
Professor in Greifswald war und später an die Spitze der Lü-
becker Kustodie trat.

Dem Dank für die anregende Studie schließen wir den Wunsch
an, es möchten Nachfolgearbeiten erscheinen, nachdem durch die
Deutsche Akademie der Wissenschaften in Berlin seit 1961 durch
Gerhard Ising die niederdeutschen Bibelfrühdrucke in kritischer
Bearbeitung herausgegeben werden. Es sei dem Rezensenten noch
gestattet, mit Stolz auf seine Rostocker Fakultätsgeschichte hervor-
zuheben, wie hoch durch Schwencke wieder und wieder die For-
schertätigkeit des einstigen Rostocker Kirchengeschichtlers Wil-
helm Walther bewertet wird („Die deutsche Bibelübersetzung des
Mittelalters", 3. Bd., 1889-1892).

Rostock Gottfried Holt»

Theologische Literaturzeitung 93. Jahrgang 1968 Nr. 10
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