Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

93.1968

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Theologische Literaturzeitung 93. Jahrgang 1968 Nr. 4

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meine Entscheidung fordert und dadurch an mich die Forderung wie Käsemann die Sätze seines Lehrers über die Bedeutung der

richtet, beziehungsweise mir die Möglichkeit gibt, Person, ich Kirche für den Anredecharakter des Evangeliums im römischen

selbst, zu werden? Wer über den Sinn des Augenblicks hinaus- Sinne mißinterpretieren kann.

fragt nach einem Sinn der Geschichte überhaupt, wird vergeblich Bultmanns Zeilen, denen ein Brief an Käsemann zugrunde

fragen. Der Sinn der Geschichte liegt je in der Gegenwart und hegt, ]assen nur noch wenig VQn der Tkfe> in ^ ^

ist nur in ihr zu finden, nicht von einem Standpunkt jenseits der ausgerechnet dessen Mißdeutungen getroffen haben. ,0 Absa-

Ceschichte aus" (S. 65). .Geschichte' ist also der Ort .geschieht- iom, mein Sohn, mein Sohn!' Von wem kann Bultmann unter die-

licher', d. h. eigentlicher menschlicher Existenz, und die mir aus sen Umständen überhaupt noch eine adäquate Interpretation seiner

der Tradition zukommenden Angebote möglichen Existenzver- theologischen Intention erwarten? Das Mißverständnis der Bult-

standmsses rufen mich je in meine Geschichte. mannschen Theologie scheint permanent und irreversibel zu sein.

Diese christliche Geschichtsauffassung, in der der Mensch als wenn es im engsten Schülerkreis Triumphe federt. Dies erken-

von der Welt unterschieden verstanden wird, verdeutlicht Bult- nen zu müssen, ist bitter,
mann in einem Beitrag unter dem Thema Das Verständnis der

Geschichte im Griechentum und im Christentum' (91-103) wie- Wer immer Bultmann verstehen mochte, muß sich jedenfalls
derum durch einen Vergleich mit der griechischen Antike, in der » s°Ichf Situation den Schriften des Meisters selbst zuwenden,
die Geschiente .nicht ab ein eigener Lebensbereich neben der ?!? 4" Band von Glauben und Verstehen stellt eine gute Ein-
Natur gesehen worden" ist. Der griechische „Historiker inter fuhnm9 in 56111 ,Denken dar-

essiert sich für die Vergangenheit, um aus ihr das immer gleich- Marburg Walter Schmithals
bleibende Wesen der Menschen und die immer gleichen Motive

ihres Handelns zu erfassen" (94). Gerhardsson, Birger: The Testing of God's Son (Matt 4:

_ , , _ , ' . . , 1-11 & Par). An Analysis of an early Christian Midrash. Lund:

Der Aufsatz .Optimismus und Pessimismus m Antike und r-i„„,..,„ no<;ci oi c on /■» • i „.i_,. », _ .

. "TL, „V, ... „. , , . , _ , . . , Gleerup 11966]. 83 S. gr. 8° = Coniectanea Bibhca, New Testa-

Chnstentum (69-90) schließlich kommt zu dem Ergebnis, daß ment Series 2 Schw Kr 12 -

die Frage: Optimismus oder Pessimismus im christlichen Glauben

ihren Sinn verloren hat, da der Christ seine geschichtliche Situa- Der Verfasser, seit kurzem als Nachfolger von H. Odeberg

tion als eine von der Dialektik des Schon-jetzt und des Noch- Neutestamentier in Lund, legt den ersten Teil einer Untersuchung

nicht bestimmte Wirklichkeit erfährt. zur Versuchungsgeschichte vor, der ihrer Matthäus-Fassung ge-

Man sieht: Neue oder bei ihm ungewohnte Gedanken trägt widmet ist. Warum er mit Matthäus (und nicht, wie man erwar-
Bultmann nicht vor. Um so eindrücklicher demonstrieren die ge- ten sollte- mit Markus) beginnt, deutet ein Anhang über das
nannten Beiträge die Geschlossenheit und Eindeutigkeit des ge- Gleichnis vom Säemann an; hier nämlich soll sich die Markus-
samten Lebenswerkes des großen Theologen. Fassung als eine „Vulgarisation" der Matthäus-Fassung zu er-
, . . , , . kennen geben (S. 8T). Da die Schriftzitate in Mt. 4, 1-11 sämtlich

d,ese Eindeutigkeit hat man manchmal verlassen gesehen m aus Deut 6_8 genommen sind, werden d;es2 KapiteI in ihrem

den oft diskutierten Beiträgen Bultmanns zu der durch den eng- zeitgenössischen Verständnis als der der Vcrsuchungsgeschichte

hschen Bischof Robinson initiierten Auseinandersetzung um den zugrunde ,iegende ßezugstext angesehen, näherhin Deut. 6,5.

Cottesbegriff, besonders in dem Aufsatz Der Gottesgedanke und Die jn diesem Verg genannte Trias (Herz Sede> Kraft) wurde

der moderne Mensch' (113-127). Aber die manchmal etwas un- yon den Rabbinen auf a) die ungeteilte Liebe zu Gott, b) die wil.

erwartete Begrifflichkeit in der Bultmann sich an dem Gespraci j. ^ zum Mart ium und c) die Bereitediaft zur Hingabe des

um den ,Tod Gottes beteihgt, darf nicht darüber hinwegtau- ßesitzes gedeutet Diesg Trias ^ nach Ans-cht des yerf die ^

sehen, daß es ihm wie eh und je um Gott und um die „Wahr- und der drei Versuchungsgange bestimmt; sie

hat seines ,n der Bibel bezeugten und in der Kirche verkundig- ^j, hjnaus auch dem Gkichnis vom Saemann (Mt. 13,

en Handelns geht (107). 3-9.19-23) und, in veränderter Reihenfolge, sogar dem Kreu-

Besonderes Interesse verdient der abschließende und zugleich zigungsbericht (Mt. 27, 33-50) zugrunde liegen. - Man wird ein

einzige originale Beitrag des vorliegenden Bandes, eine .Antwort abschließendes Urteil bis zum Vorliegen des zweiten Teils der

an Ernst Käsemann', der in einem Aufsatz über .Sackgassen im Untersuchung zurückstellen müssen, jedoch jetzt schon dem Ver-

^treit um den historischen Jesus' (Exegetische Versuche und Be- fasser den Rat geben dürfen, im zweiten Teil die unnötige Breite,

sinnungen II, 1964) heftige Kritik an Bultmann übte. die vielen Wiederholungen und allzu gewagte Kombinationen zu

Bultmann fühlt sich nicht durch diese Kritik als solche ge- vermeiden,

troffen; er hat seine Schüler immer zu selbständigem Denken Göttingen Joachim Jeremias
erzogen. Er läßt sich sogar bei allem grundsätzlichen Festhalten

an seiner Position zu einer Antwort auf die berechtigte Frage Satake, Akira: Die Gemeindeordnung in der Johannesapoka-

dP™ verlocken' wieso ^ Urchristenheit, die allein an ,ypse Neukirchen: Neukirchener Verlag des Erziehungsvereins

<& -r 7 Gekommenseins Jesu interessiert war. dennoch lg66 vm 224 g gr g0 = wissenschaftliche Monographien

dL radlbon vom historischen Jesus bewahrte und weitergab. zum AJten u Neuen Xestafflent, hrsg. v. G. Bornkamm u. G. v.

.ese Antwort lautet: .....damit der Kyrios nicht zu einer Rgd 21 DM 3Q _. Lw DM 32 50 *

mythischen Gestalt wurde" (196) - eine gewiß unbefriedigende

Antwort; denn läßt das historische Jesus-Gut selbst etwas von G- Bornkamm hat in ThWB VI, 669 f. die Ansicht geäußert,

dieser Tendenz erkennen? Wird es nicht im Gegenteil je länger daß «die APk noch durchaus das Bild, mindestens die Fiktion,

desto mehr mythisiert? Und kann eine Gemeinde, die in der einer Pneumatisch-prophetisch geleiteten Gemeinde" zeigt, in der

Ausdrucksform des Mythos lebt, solche .Gefahr' überhaupt emp- die einzige Autorität neben den Aposteln die Propheten sind,

finden? An diesem entscheidenden Punkt muß das Gespräch also »repräsentiert durch den Seher selbst u .alle seine Brüder, die das

weitergehen. Zeugnis Jesu haben'". Als Ort, an dem sich eine solche „Ge-

ii,„, D ,L , . , „ meindeidee" erhielt, deren Verwirklichung Bornkamm für

niann L S T ™, T Tatsa^e' ^T" Rhesus «™- die übrigen namentlich in der Apc genannten Ge-

brobacS f m •°" Sdle!de"den Gedankengangen imßvcrsteht. Man meinden £nde deg j Jh ffir sch,echterdings aUsgeschlos-

ten Sch, f °A Af"lnfmC' W,e er, versucht' sclIlem V*™»™n- sen hält, vermutet er besondere judenchristliche Konventikel, in

gen SS au^der existenbalen Interpretation beizubrin- denen sjch ^ ^ Palastina stamnne„de, inzwischen fort-

allerdinl Z , T .Selbstverstandn.s benutet, ist cntwiekelle u. literarisch gewordene apokalyptische Tradition

"uercungs wenig geschickt; denn nicht zuletzt diesem Begriff erhalten" hat
gegenüber zeigt Käsemann ein beharrliches Mißverstehen, wie

7- B. Käsemanns genannter Aufsatz (S. 45), aber auch schon Aus- Satake, ein Schüler Borkamms, legt in seiner 1962 abgeschlos-
führungen von 1952 (in ,Die Freiheit des Evangeliums und die senen Dissertation, die „nur wenig verändert" (Vorwort) jetzt ge-
Ordnung der Gesellschaft', Beitr. zur Ev. Theol. 15, S. 146) zeigen druckt vorliegt, eine exegetisch-historische Untersuchung dor Ge-
und Bultmann selbst beobachtet (S. 195). Unbegreiflich ist auch, meindeordnung in der Apc vor, durch die er die Ansicht seines
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