Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

92.1967

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Theologische Literaturzeitung 92. Jahrgang 1967 Nr. 9

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des chronistischen Geschichtswerkes. Neh. 7 und 9-12 sind je-
doch in der zugrundeliegenden Fassung der Vorlage noch nicht
enthalten. In dem sich anschließenden Abschnitt wird nachge-
wiesen, daß diese Kapitel erst durch eine nachchronistische Re-
daktion in das Geschichtswerk hineingekommen sind (S. 27 ff.).
Da die Chronik nicht vor 330. aller Wahrscheinlichkeit nach so-
gar erst nach 200 geschrieben worden ist (S. 59 f.), kann diese
Bearbeitung kaum vor der Mitte des zweiten Jahrhunderts er-
folgt sein. M. vermag Indizien dafür vorzuweisen, daß der Be-
arbeiter in der Makkabäerzeit - also zwischen 160 und 143 v.
Chr. - gewirkt hat (S. 61).

Von großem Interesse sind die sehr eingehenden Analysen
der Listen in Esra und Nehemia: Die Volkszählungsliste von Esr.
2 (= Neh. 7) wird als ein Verzeichnis von Teilgemeinden der
jüdischen „Gemeinde Israels" mit Vermögensangaben identifi-
ziert (S. 92). M setzt die Liste kurz nach 400 v. Chr. an, da die
Gemeinde eine Bevölkerungszahl in der von der Liste genannten
Höhe erst nach längerer Zeit erreicht haben kann, ..sicherlich auch
nicht ohne Zusammenschluß mit den im Lande gebliebenen Anhän-
gern der väterlichen Religion" (S. 98). - Die Bauliste in Neh. 3,
1-32 wird vom Vf. als echte Urkunde aus dem Tempelarchivan-
gesehen, die aber erst spät - vielleicht im Zusammenhang mit der
nachchronistischcn Redaktion - in die Nehemia-Denkschrift auf-
genommen worden ist (S. 109 ff.). Die beiden Listen über die
Gefährten Esras (8, 1-14) und über die Mischehen (10, 18. 20-
44a) sind als Konstruktionen des Chronisten zu verstehen (S.
116 ff.). Allerdings sind die beiden Listen nicht ein Phantasie-
produkt, sondern beruhen auf Dokumenten, die dem Chronisten
zugänglich gewesen sind. - Die Liste über die Bevölkerung
Jerusalems und die von Juden bewohnten Städte (Neh. 11, 3-36)
ist als Ausführung zu Neh. 11, 1-2 in der Makkabäerzeit ge-
schrieben worden, stammt also aus der nachchronistischen Redak-
tion (S. 145 ff.). Auch die Priester- und Leviten-Liste in Neh. 12,
1-26 gehört in die gleiche Redaktion, ist aber „unter Benutzung
älterer glaubwürdiger Quellen" langefertigt (SL 157). Dagegen
beurteilt M. die Liste in Neh. 10, 2-28 als „eine geschichtlich
wertlose naive Fälschung" (S. 144), die aus der Werkstatt des
nachchronistischen Redaktors hervorgegangen ist.

Im zweiten Teil der .Studien' werden die Probleme der so-
genannten .Nehemia-Denkschrift' näher erörtert. Zunächst stellt
M. fest, daß Josephus noch nicht die mit der Esra-Geschichte
verbundene Nehemia-Denkschrift gekannt hat (S. 7 ff.). Der jü-
dische Gelehrte hat eine noch eigenständige Rezension des Do-
kumentes benutzt, so daß seine Mitteilungen aus der Denk-
schrift bei der literarischen Kritik des MT Hilfestellung leisten
können (S. 13 ff.). Sehr ausführlich wird sodann die Frage nach
dem Zweck der Nehemia-Denkschrift erörtert. M. kommt zu dem
Ergebnis, daß es sich weder um Memoiren noch um einen Re-
chenschaftsbericht handelt, vielmehr soll das Werk dazu dienen,
das Gedächtnis des Nehemia lebendig zu erhalten. Gott ist der
eigentliche Leser der .Denkschrift'. Für die Gattung der Ge-
dächtnisschrift finden sich allerdings keine weiteren Beispiele
in den alttestamentlichen Büchern. Deshalb ist von besonderem
Interesse eine gattungsgeschichtliche Untersuchung der Beziehun-
gen zwischen Nehemias Gedächtnisschrift und den altorientali-
schen Königsinschriften (S. 92 ff.). Es dürfte M. zuzustimmen
sein, wenn er die Nehemia-Gedächtnisschrift hinsichtlich Stil und
Zweck dieser Gattung zuordnet.

Als Anhang bietet M. noch eine Erörterung über den Zeit-
punkt der Errichtung des Tempels der Samaritaner auf dem
Gariziim (S. 104 ff.). Er unterzieht die Angaben des Josephus
(Arch. XI, 7-8) einer kritischen Analyse und kommt zu dem
Ergebnis, daß diese Nachrichten in der Hauptsache als glaub-
würdig anzusehen sind. Danach wäre dann also der samaritani-
sche Tempel auf dem Garizim schon unter Dariüs Nothos (424-
404) errichtet worden.

S. Mowinckel hat mit seinen Esra- und Nehemia-Studien ein
Werk hinterlassen, das neben seinen berühmten Beiträgen zur
Psalmenforschung würdig bestehen kann. Gewiß werden die

von ihm vorgelegten Ergebnisse nicht einhellige Zustimmung
finden. Aber das ist bei den schwer zu erhellenden Komposi-
tionsverhältnissen des chronistischen Geschichtswerkes auch nicht
anders zu erwarten. Vor allem in den Datierungsfragen und in
dem Problem der sogenannten ,Esra-Memoiren' ist vorerst über
mehr oder weniger wahrscheinliche Hypothesen nicht hinaus-
zukommen. Auch hinsichtlich der Bewertung des Listenmaterials
wird Widerspruch nicht ausbleiben. Mowinckels ,Studien' kön-
nen aber auf jeden Fall das Verdienst für sich in Anspruch neh-
men, die Esra- und Nehemia-Forschung wieder ein beträchtliches
Stück vorangetrieben und eine Fülle von Anregungen gegeben
zu haben. Auch diejenigen, die M. in einzelnen Ergebnissen
nicht ziistimmen können, werden der umsichtigen, oft von ganz
unscheinbaren Beobachtungen ausgehenden Textanalyse, ebenso
wie der Anschaulichkeit der Argumentation und der mit einem
etwas grimmigen Humor gewürzten Polemik (sofern sie nicht
selbst betroffen sind) gern und mit Gewinn folgen.6

Berlin Karl-Heinz Bernhardt

fi) Ein betrüblicher Mangel des Werkes, der weniger dem Verf. als vielmehr
dem Verlag zur Last zu legen ist, muß wenigstens anmerkungsweise noch erwähnt
werden. Die Zahl der Druckfehler, besonders aber der grammatischen und
orthographischen Versehen in der deutschen Sprache ist unwahrscheinlich groß.
Fast keine Seite ist ohne Druckfehler, nicht selten sind es zehn und mehr. Schon
der Umschlagtitel („Die nachchronische Redaktion . . .") läßt in dieser Hinsicht
allerhand befürchten. Ganz unverständlich sind I, S. 75 Mitte, S. 88, Anrn. 7,
S. 89 oben. Was sind „Mauerbüsser der heiligen Stadt" (I, S. 115)? Der Aus-
druck „Neubruch und Aufarbeitung der Existenzgrundlage" (I, S. 60) ist zumindest
ungewöhnlich. Das halbnorwegische „Rullenführer" (I, S. 96 oben) meint wohl
„Stammrollenführer". I, S. 66 muß es .Niederlassung' statt „Wohnsetzung"
heißen, I, S. 77, .tatsächlich' statt „tätlich", II, S. 19 .Mundschenk' statt „Munk-
schenk", II, S. 71 .Dienst' statt „Dieste" usw. Es sei auch noch vermerkt, daß
die S. 76 und 164 von Band I erwähnte Schrift .Gemeinschaft und Einzelner im
Judentum' nicht von Ludwig Köhler, sondern von Ludwig Wächter verfaßt Ist.

E11 i g e r , Karl i Kleine Schriften zum Alten Testament Zu sei-
nem 65. Geburtstag am 7. März 1966 hrsg. v. H. G e s e u. O.
Kaiser. München: Kaiser 1966. 275 S. 8° = Theologische
Bücherei. Neudrucke u. Berichte aus d. 20. Jahrhundert, 32.
Altes Testament. DM 19.50.

Bei der akademischen Ehrung, die verdienten Forschern zu
herausragenden Geburtstagen zuteil wird, scheint eine neue Form
den zahlreich gewordenen Festschriften den Rang ablaufen zu
wollen: Die Herausgabe eines Sammelbandes, der die markan-
testen Aufsätze des Jubilars enthält. Auf dem Gebiet der alt-
testamentlichen Wissenschaft gibt es nun schon eine ganze Reihe
solcher Aufsatzbände, in die sich der hier anzuzeigende würdig
einordnet. Der Gedanke, auf diese Weise den Gelehrten mit
seinem Lebenswerk selber noch einmal zu Worte kommen zu
lassen, ist ebenso begrüßenswert wie die Absicht, oft nur noch
schwer erreichbare wichtige Abhandlungen der wissenschaftlichen
Forschung leichter zugänglich zu machen. Freilich wird aus den
verschiedensten Gründen (die Herausgeber nennen hier den be-
grenzten Umfang, den der Band nur haben darf, und die buch-
händlcrische Rentabilität) häufig nur eine Auswahl aus dem rei-
chen Schaffen des Autors getroffen und der Öffentlichkeit vor-
gelegt, eine Auswahl, der gegenüber natürlich immer gefragt
werden kann, ob in ihr wirklich alles Wichtige und Charakteri-
stische zusammengestellt ist. Man fragt weiter, ob der Gelehrte
sich nun selber in solch einem „repräsentativen Querschnitt" wie-
dererkennt, von dem die Editoren in ihrem Vorwort dann spre-
chen können, und ob der Leser lediglich an dem „umfassenden
Eindruck" der Herausgeber teilhat, den diese durch ihre Edition
von der Gelehrtenpersönlichkeit und ihrem Werke vermitteln
wollen. Hartmut Gese und Otto Kaiser gestehen von vornherein
zu, daß der Fachkollege diesen oder jenen Beitrag vermissen wird,
meinen aber, daß die mitabgedruckte Bibliographie des Jubilars
„das Verhältnis der Auswahl zum Gesamtwerk deutlich werden
lassen" könne (Vorwort). In zeitlicher Reihenfolge werden fol-
gende Studien von Karl Elliger aus den Jahren 1934-1955 wie-
derabgedruckt: „Die Heimat des Propheten Micha" (1934), jene
profunde, von diffizilen topographischen Studien getragene Ab-
handlung, die das Verständnis des Propheten Micha maßgeb-
lich gefördert hat, sodann der Aufsatz über die „dreifjig Helden
Davids" (1935), der eine Untersuchung zu 2. Sam. 23, 24-39
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