Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

92.1967

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KIRCHEN- UND KONFESSIONSKUNDE

Kirchliches Jahrbuch für die Alt-Katholiken in Deutschland
1966. Mit Jahresweiser, kirchlichem Behördenverzeichnis und
dem Verzeichnis der Autonomen Katholischen Kirchen. Im
Auftr. des Katholischen Bistums Bonn der Alt-Katholiken in
Deutschland hrsg. v. B. Schöke - 65. Jahrgang. Bonn
(Gregor-Mendel-Str. 28): Verlag d. Bistums Bonn. 96 S.
m. Abb. gr. 8°.

Im Zeichen des nun abgeschlossenen II. Vatikanischen Kon-
zils mit seiner Neubelebung inter-konfessioneller Gespräche prä-
zisiert der vorliegende Jahrgang den Standpunkt der Alt-Katho-
lischen Kirche gegenüber der Orthodoxie. In einer Reihe kürze-
rer Beiträge, einzelner Aussagen und Zitate, vor allem aber
im Überblick von Werner Küppers, der wiederholt persön-
liche Fühlung mit den orthodoxen Kirchen und ihrer Hierarchie
hatte, wird das Bild dieser Kirche - vor allem in ihrer grie-
chischen Ausprägung - gezeichnet und ihre Liturgie in deut-
scher Übersetzung geboten. Als Ergänzung dazu und zum bes-
seren Verständnis der orthodoxen Haltung gegenüber dem We-
sten bietet Wolfgang K r a h 1 eine längere Darlegung »Alt-
kirchliche Katholizität und päpstlicher Primat". Sie legt vor al-
lem für das Abendland dar, wie der von Rom her betriebenen
Ausrichtung auf den Hl. Stuhl immer wieder und an vielen
Orten Widerstand im Sinne einer Dezentralisation des kirch-
lichen Lebens entgegengesetzt wurde, eine Bewegung, der sich
die alt-katholische Kirche auch in ihrer organisierten Form wie
Orthodoxe und Anglikaner stets verbunden wußte.

Neben dem Verzeichnis der alt-katholischen Behörden und Ge-
meinden Mitteleuropas enthält das Jahrbuch eine sehr beacht-
liche Zusammenstellung der Gliederung der orthodoxen sowie
der morgcnländischen National-Kirchen in deren Heimat, aber
auch in der Emigration: eine Übersicht über das durch immer
neue Spaltungen verwirrte System dieser Kirchen, das den An-
gehörigen aller Konfessionen als nützliches Orientierungsmittel
sehr empfohlen werden darf.

Homburg Bertold Spuler

Brandenburg, Albert: Maria in der evangelischen Theolo-
gie der Gegenwart. Paderborn: Verlag Bonifacius-Druckerei
(1965). 164 S. 8° = Konfessionskundhche Schriften d. Johann-
Adam-Möhler-Instituts, 6. DM 8.80.

Einer Einleitung, die die Mariologie als Schnittpunkt der
verschiedensten theologischen Disziplinen herausstellt, folgt
eine Darstellung der Lehre von Maria bei evangelischen Theo-
logen der Gegenwart. Diese Darstellung registriert, wie aus dem
Literaturverzeichnis hervorgeht, auch entlegene Stimmen und
kann als zutreffend bezeichnet werden; der Protestantismus der
Gegenwart mit seinen Aussagen über Maria dürfte sich hierin
im ganzen wiedererkennen. Als die reformatorischen Lehrprin-
zipien, die den Hintergrund protestantischer Kritik an der rö-
misch-katholischen Mariologie bilden, werden die Alleinwirk-
samkeit Gottes (auch innerhalb der Christologie), die lutherische
Fassung der Lehre von der Sünde, das Kirchenverständnis, die
Lehre von Schrift und Tradition und das Glaubensverständnis
bezeichnet und skizziert. Interessant ist die Meinung des Verf.,
daß eine gültige Darstellung der Mariologie Luthers noch im-
mer fehlt (S. 81f. - freilich fehlt im Literaturverzeichnis die
Monographie von H. D. Preuss: Maria bei Luther, Gütersloh
1954, mit weiteren einschlägigen Titeln; aber es ist fraglich, ob
sie das Urteil des Verf. hätten ändern können). Begründeter
Anlaß besteht zu der Frage, ob sich Luthers Christologie in
die Alternative Chalcedon oder nicht Chalcedon einspannen
läßt, wie der Verf. es zumindest teilweise will. - Der 4. Teil
des Buches: »Möglichkeiten eines Dialogs über Mariologie -
Aggiornamento" umschreibt die Aufgaben einer ökumenischen
Mariologie der Zukunft. Das geschieht in sehr umsichtigerweise.
Denn der Verf. steht nicht auf der Seite der von ihm zitierten
Autoren, die ein solches Unternehmen für hoffnungslos halten.
Immer, ob es dabei um die Alleinwirksamkeit Gottes, die Chri-
stologie oder den Komplex Christus - Maria - Kirche geht, ist

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für ihn eine kritische Selbstbesinnung eingeschlossen. Dafj hier-
bei manche Probleme nur gestreift werden können, liegt in der
Natur der Sache. Den Abschlu5 des Buches bildet ein Abschnitt
über „Konziliare Mariologie".

Das Buch ist mit großer Geduld gegenüber dem Kontrahen-
ten und auch einem gewissen Optimismus geschrieben. Ob man
ihn wird teilen können, wird sich erst nach Inangriffnahme und
Aufarbeitung der vom Verf. angeschnittenen Fragen zeigen. Es
sei nicht verschwiegen, dafj einige der vom Verf. zitierten pro-
testantischen Äußerungen zum Mariendogma von 1950 ange-
sichts neuerer Entwicklungen in der protestantischen Theologie
bedrückend selbstsicher klingen.

Körner / Thür. Ernst Koch

PHILOSOPHIE UND
RELIGIONSPHILOSOPHIE

Gigon, Olof: Die antike Kultur und das Christentum. Güters-
loh: Gütersloher Verlagshaus G. Mohn (1966). 181 S. 8°. Kart.
DM 19.80.

Die Auseinandersetzung des Christentums mit der antiken
Kultur habe schon verhältnismäßig früh dazu geführt, dafj die
Vertreter der christlichen Religion „sich zur geistigen Eroberung
jener Schichten der antiken Gesellschaft entschlossen . . ., die
die Kultur bewahrten und die Geschichte machten" (S. 8): Dies
ist der Grundgedanke, den Olof Gigon in seiner Darstellung
immer wieder und überzeugend zur Einsicht bringt. Deshalb
kommt in seiner Schilderung der antiken Kultur die sogenannte
„Religion der kleinen Leute" verhältnismäßig knapp weg ge-
genüber den Höhepunkten der philosophischen und theologischen
Auseinandersetzung. Diese Höhepunkte sieht Gigon besonders
in den Kampfschriften des Kelsos, Porphyrios und Julian und
in der abschließenden Erwiderung Augustins. Der verhältnis-
mäßig breite Raum, den Gigon der Wiedergabe und Kommen-
tierung des Inhalts dieser Schriften einräumt, läfjt dennoch das
andere nicht zu kurz kommen: ein ausführlicher Abschnitt
schildert die politische Struktur der griechisch-römischen Welt;
weiterhin wird sehr eingehend die spätantike Philosophie mit
ihren Schulen zur Darstellung gebracht, insbesondere der Pla-
tonismus, der Peripatos und die Stoa; ein weiteres Kapitel ist
der antiken Dichtung und Wissenschaft im allgemeinen gewid-
met, zwei besondere Abschnitte behandeln die antike Religion,
von der Zeit der Klassik bis zum Kaiserkult und zu den spä-
ten Mysterienreligionen. Ein systematischer Überblick über das
Verhältnis von Antike und Christentum zur Geschichte, zur
Theologie und zur Ethik schließt das Ganze ab.

Zahlreiche Quellenverweise, Zitate und Anmerkungen geben
die Möglichkeit, den so umfangreichen Stoff durch selbständige
Studien zu ergänzen; der Blick wird auf das Ganze der spät-
antiken Kultur gelenkt, zugleich wird auch dem Leser eine gute
Anleitung gegeben, in eigener Weiterarbeit seine Kenntnisse
zu erweitern und zu vertiefen. In diesem Buch sind wirklich
alle wesentlichen Quellentexte verzeichnet, die der sich um die
Spätantike Bemühende einmal gelesen haben sollte, ebenso fin-
den sich auch die wichtigsten Schriften der neueren sekundären
Literatur, durchweg mit sehr prononcierten Urteilen des Verfas-
sers versehen.

Es gelingt Olof Gigon vor allem, die große Bedeutung der
Philosophie für die polemische Auseinandersetzung zwischen
Christentum und nichtchristlicher Antike deutlich zu machen.
Schon vom zweiten Jahrhundert an sehen wir die christlichen
Schriftsteller im Begriff, das Niveau der zeitgenössischen Phi-
losophie zu überbieten; von da aus erklärt Gigon überzeugend,
wie das Christenrum schließlich die führende Rolle in dem gro-
ßen Bildungskampf der Spätantike einzunehmen vermochte.

Außerordentlich lehrreich ist auch die Darstellung der poli-
tischen Ideologien, insbesondere des Unterschieds zwischen den
griechischen Diadochen-Staaten und der römischen Republik.
Mit Recht stellt Gigon die zwei Momente sehr deutlich heraus.

Theologische Literaturzeitung 92. Jahrgang 1967 Nr. 7
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