Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

89.1964

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Theologische Literaturzeitung 89. Jahrgang 1964 Nr. 10

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angeführten Herrenworte und die sonstigen Hinweise auf parä-
netische Tradition bei Paulus behandelt. Audi hier wird einer-
seits völlig schief die Annahme vertreten, Paulus habe bewußt
seine eigenen Worte oder Abänderungen der Tradition gleich-
wertig neben die Tradition gestellt, andererseits die deutliche
Unterscheidung des Paulus zwischen der vom Herrn herzu-
leitenden Tradition und sonstiger Tradition überhaupt nicht be-
achtet. So entsteht auch hier kein sachliches Bild von der
dialektischen Beziehung zwischen verpflichtender Kyriostradi-
tion und pneumatischer Vollmacht zur eigenen Entscheidung bei
Paulus. Ein sechster und siebenter Abschnitt suchen dann zu
zeigen, daß der Kolosser- und der Epheserbrief kein jüdisches
Traditionsdenken aufweisen, und auch in den Pastoralbriefen
wird das Vorhandensein von jüdischem Traditionsdenken ge-
leugnet. Freilich wird dabei die Frage der direkten Abhängigkeit
und der indirekten Beeinflussung überhaupt nicht unter-
schieden und der Zusammenhang von Tradition und Sukzession
zwar erwähnt, aber nicht ernst genommen. Ist schon diese
Untersuchung der Deuteropaulinen durchaus unzureichend, so
ist die Skizze des Traditionsdenken bis Irenaeus (5 Seiten!) als
völlig unbrauchbar zu bezeichnen (1. Clem. 40—44 wird über-
haupt nicht genauer ins Auge gefaßt!). Der die Arbeit ab-
schließende theologische Ausblick zeigt dann erst recht die
falsche Alternative: Paulus sei nicht Diener der Tradition,
sondern des Kyrios, und die heutige Verkündigung könne sidi
nicht an den Wortlaut der damaligen Verkündigung binden,
sondern nur an den Verkündigten. Das ist natürlich beides
richtig, aber auch selbstverständlich, und das eigentliche Problem
liegt einerseits darin, warum und inwiefern Paulus als Sklave
des Kyrios sich doch auf Tradition bezieht und darauf ange-
wiesen ist, andererseits in dem Verhältnis von schriftlicher
Tradition und lebendiger Verkündigung, das durch die Unter-
suchung des paulinischen Traditionsdenkens überhaupt nicht ge-
klärt werden kann, weil es die Kanonsbildung voraussetzt. Die
Arbeit von Wegenast kann darum schwerlich als eine Förderung
der in ihr behandelten Probleme bezeichnet werden.

Leider enthält das Buch auch eine Fülle von Druckfehlern, vor
allem in den hebräischen und griechischen Texten, die hier nicht alle
aufgezählt werden können. Nicht ohne weiteres kann der Leser die
folgenden Fehler korrigieren: S. 26, Anm. 5 ist das Zitat b. Sanhedrin
90 a nicht in Ordnung, aber auch nicht zu verbessern, weil die Stellen-
angabe nicht zutrifft; S. 31, Anm. 5 sind die Stellenangaben j. Joma I4b
unten und Schekalim 48a, 26 falsch, und die für diese Stellen ange-
führte hebräisdie Formel steht in falscher Reihenfolge; S. 31, Anm. 4
ist PflÜlNfl ilbap grammatisch falsch und m. W. auch nicht belegt;
S. 60, Anm. 0 muß der Buchtitel lauten: „Les vies de Jesus et le Jesus
de l'histoire"; S. 60, Anm. 3 lies Mk 16, 14 statt 16, 21 f.; S. 73,
Anm. 2 lies 4. Esra statt Esra; S. 137, Anm. 2 fehlen in dem Justin-
zitat die entscheidenden Worte.

Marburg/Lahn Werner Georg Kümmel

Barrett, C. K., Prof., D.D.: From First Adam to Last. A Study
in Pauline Theology. London: Black [1962]. X, 124 S. 8°. 15 s.
Das Hauptanliegen des Buches, das durch die in ihm ge-
botene Reihe 1961 gehaltener Vorlesungen einen Einblick in
die Vortragsweise des Verfassers vermittelt, besteht darin, eine
anthropologische und christologische Interpretation der Begriffe
„Adam", „Abraham" und „Moses" zu geben. Verfasser ver-
sucht durch oft interessante exegetische Untersuchungen, mit-
unter aber auch durch mich recht spekulativ anmutende
Kombinationen nachzuweisen, daß diese Begriffe in der
paulinischen Theologie nicht nur historische Einzelpersonen
bezeichnen, sondern darüber hinaus einen Sachverhalt
zum Ausdruck bringen, indem sie in einem bestimmten
Sinn die Menschheit bzw. eine Gruppe innerhalb derselben
verkörpern und repräsentieren. Jeder Mensch könne in eine
Kategorie eingestuft werden, die mit einem jener — typisch zu
verstehenden — Namen beschreibbar ist (5). So sei mit dem
Begriff „Adam" dem Wesensmerkmal nach die Menschheit be-
zeichnet, die in der Sünde Adams steht, welche definiert wird,
Gott nicht als Schöpfer anzuerkennen und sich ihm unter-
zuordnen. Auf Grund dieser Definition der Sünde scheint der
Begriff „Adam" — trotz zunächst entgegengesetzt klingender
Formulierungen — nicht die gesamte Menschheit, sondern nur

eine Gruppe innerhalb derselben, nämlich die Gruppe der Un-
gläubigen zu umspannen. Und dies wird bestätigt, wenn man
z. B. die Relation, in der vom Verfasser Abraham zn Adam
gesetzt wird, betrachtet. Er führt aus, daß Abraham, obgleich er
sich in einer Situation, die „far less favourable" war als die-
jenige Adams, vorgefunden habe, doch nicht der Sünde Adams
verfallen sei, sondern geglaubt und d. h. Gott als Gott und
Schöpfer anerkannt habe. Und nicht nur für ihn, sondern für
alle Gläubigen scheint dies zu gelten, da er in der typisierenden
Exegese des Verfassers als Repräsentant der Gruppe der
Gläubigen bezeichnet wird (30). Ausdrücklich kann Abrahams
Glaube definiert werden als „reversal of man's first diso-
bedience" (36) und „a reversal of Adam's fall" (45). Daß
diese — bereits Abraham in antithetische Parallele zu Adam
setzende — Behauptung die Heilstat Christi nicht etwa über-
flüssig macht, liegt nach der Meinung des Verfassers an den
von ihm besonders betonten kosmischen Auswirkungen der
Sünde Adams, also nicht an einer Unmöglichkeit, zur vor-
adamirischen Haltung zurückzukehren. Durch den Unglauben
Adams sei die Welt unter die Herrschaft kosmischer und
dämonischer Mächte geraten (21); eine Erlösung könne folglich
nicht in einer bloßen Wiederherstellung der von Adam ver-
fehlten Glaubenshaltung bestehen, sondern müsse die Über-
windung jener kosmischen Mächte einschließen. Somit gehe es
bei der Erlösung nicht nur um ein anthropologisches, sondern
vor allem um ein kosmologisches Problem (47), um die Über-
windung der kosmischen Konsequenzen der Sünde Adams
(21.36). Zu einem solchen Sieg bedurfte es aber mehr als des
Gehorsams und Glaubens eines bloßen Menschen; nur der
Sohn Gottes konnte hier Erlösung bringen (8 8). Christus, der
nicht nur — wie etwa Abraham — anthropologisch in anti-
thetische Parallele zu Adam trat, konnte in seiner Eigenschaft
als Sohn Gottes die für eine Erlösung notwendigen Siege über
die kosmischen Mächte erringen und somit die vollkommene
Antithese werden (72 f. 79.88). Unwillkürlich muß man bei der
Lektüre an Anselms „Cur deus homo" denken.

Schwieriger als bei den Deutungen der Begriffe „Adam"
und „Abraham" wird es seltsamerweise für den Verfasser, den
Namen „Moses" mit einer Menschengruppe zu verbinden. Man
erwartet, hier die Bezeichnung für die nicht zur gläubigen
Abrahamgruppe gehörenden gesetzeseifrigen Juden — vielleicht
sogar unter Einschluß der den Engelmächten dienenden un-
gläubigen Heidenwelt — zu finden, trifft aber überrascht Moses
an der Seite Abrahams (66); auch er repräsentiere „the true
relationship with God" (67). Der Verfasser kann zugunsten
dieser These natürlich anführen, daß das mosaische Gebot der
Gottes- und Nächstenliebe auch für die Christen verbindlich sei
(67.80) und daß 1. Kor. 10 Moses sogar als Spender von Taufe
und geistlicher Nahrung dargestellt wird. Aber bedeutet es nicht
eine einseitige Lösung des Problems, wenn er behauptet, daß
im Gesetz des Moses „everything is right" (62) und das Gesetz
letztlich nur Zeugnis für das Evangelium ablege (66)? Wie ver-
trägt sich hiermit die gegenüber der Beschneidung und ver-
wandten mosaischen Geboten so radikal ablehnende Haltung des
Paulus? Polemisiert Paulus hier tatsächlich nur gegen ein
Mißverständnis der Juden, die im Judaismos das mosaische Ge-
setz in „Gesetzlichkeit" (legalism) pervertierten (93)? Ver-
fasser weiß doch um das Urteil des Paulus, das die Beschneidung
mit einem Rückfall ins Heidentum gleichsetzt (63 f.) und Moses
bei der Gesetzgebung nicht im Auftrag Gottes, sondern alfi
bloßen „Briefträger" der Engel handeln läßt (61 f.). Gerade der
Galaterbrief macht klar, daß die Gesetzesforderung der Beschnei-
dung nicht ein menschliches Mißverständnis ist — wie gewiß im
Zusammenhang der Ausführungen über Abraham in Rom. 4 —,
sondern durchaus zu dem mit „Moses" zu umschreibenden Sach-
verhalt gehört. Pervertiert mag der Wille Gottes sein, aber dann
doch wohl bereits vor der Gesetzesvermittelung durch Moses,
pervertiert also seitens der Engelmächte. Wenn nun zu dem mit
dem Begriff „Moses" ausdrückbaren Sachverhalt nicht nur von
Paulus positiv Gewertetes — Offenbarung der Sündenverfallen-
heit, Gebot der Gottes- und Nächstenliebe —, sondern auch von
ihm radikal Abgelehntes — Beschneidung, jüdische Reinheits-
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