Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

89.1964

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Theologische Literaturzeitung 89. Jahrgang 19ü4 Nr. 10

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magischen Beziehungen" (S. 209—259) sowie „Der Sinn der
Tora in der jüdischen Mystik" (S. 49—116). Hiervon sind die
vier ersten Abhandlungen den Eranos-Jahrbüchern 1949, 1950,
1953 und 1957 entnommen, während die fünfte aus einer
Londoner Vorlesung hervorgegangen ist, die erstmalig in der
Zeitschrift „Diogenes" 14/15, 1956, erschien und hier vom
Verf. ins Deutsche übertragen ist. Als Einleitung sind dem Gan-
zen die „Betrachtungen eines Kabbalaforschers" (S. 7—10) aus
dem Eranos-Heft der Zeitschrift „Du", April 1955, vorange-
stellt.

Sowohl vom religionsvergleichenden als auch vom theolo-
gischen Standpunkt her ist es außerordentlich begrüßenswert,
daß hier von berufener Seite allgemeinverständlich in das weit-
hin verkannte Wesen jüdischer Mystik eingeführt wird; han-
delt es sich hierin doch um eine hochbedeutsame Erscheinung
des jüdischen Mittelalters, zu der das westeuropäische Judentum
selber seit dem 18.Jhdt. weithin jeden Zugang verloren hat.
Linter Abgrenzung gegen alle Scharlatanerie und falsch ange-
brachte Schwärmerei, denen die Kabbala samt ihrer Symbolik
immer wieder ausgesetzt gewesen ist, geht es Verf. bei sorg-
fältiger Quellenbchandlung darum, auf dem Wege der histori-
schen Analyse einerseits und der „phänomenologischen" Erfas-
sung von Ganzheiten anderseits die jüdische Mystik im Rahmen
ihrer geschichtlichen Zusammenhänge darzustellen und ihr inne-
res Wesen — über das Bizarre ihrer Symbolik hinaus — darzu-
bieten.

Aus der Fülle des auf diese Weise Gebotenen sei auf
einige allgemein interessierende Punkte hingewiesen. Bei der
Bestimmung des Verhältnisses, das zwischen dem Mystiker und
den ihm vorgegebenen religiösen Autoritäten besteht, zeigt
Verf., daß für das mittelalterliche Judentum die gleichen Regeln
gelten wie für seine Umwelt; denn unabhängig von der jewei-
ligen Religion oder Konfession gilt, daß alle Mystik — und da-
mit auch die Kabbala — zwar in der normativen Überlieferung
fußt und ihre Vertreter auch weithin als konservativ erschei-
nen, daß darüber hinaus jedoch die einzelnen Strömungen nicht
nur in revolutionärer Spannung zur überkommenen Autorität
stehen, sondern sogar nihilistische Züge (S. 44 ff.) tragen kön-
nen.

Für die Erfassung kabbalistischen Denkens scheint mir das
Kapitel über den Sinn, der Tora in der jüdischen Mystik beson-
ders ertragreich zu sein. Hier stellt Verf. anschaulich die drei
Grundprinzipien heraus, mittels derer sich die „wahre Natur
der Tora" für den Mystiker entfaltet: 1. der Gottesname als
„Ausdruck der höchsten Konzentration göttlicher Kraft", wobei
es sich hier um einen Vorstellungsbercich handelt, in dem sich
Magic und mystische Spekulationen vereinen (S. 55 ff.); 2. die
Tora als lebender Organismus (S. 64 ff.) und 3. „das Prinzip der
mannigfaltigen, ja, sogar unendlichen Bedeutung und Sinnfülle
der Tora", dessen ursächlicher Zusammenhang mit dem jüdi-
schen, aus dem Islam stammenden Philosophem vom inneren und
äußeren Schriftsinn sowie mit dem christlichen Auslegungs-
prinzip von der vierfachen Bedeutung des heiligen Textes auf-
gewiesen wird (S. 72 ff.).

Sieht man einmal von der religionsgeschichtlichen Deutung
der kabbalistischen Riten und des Traditionskomplexes ab, der
mit der Vorstellung vom Golem verbunden ist, so verdient
zweifelsohne die Feststellung des Verfs. besondere Beachtung,
daß die Kabbalisten zwar einerseits ganz auf dem Boden des
rabbanitischen Nomismus stehen, daß aber unter ihren Händen
anderseits das einst von den Rabbinen im Kampfe gegen die
Gnosis „entmythisierte Gesetz . . . zum Vehikel eines neuen
und oft uralt anmutenden mythischen Bewußtseins geworden
ist" (S. 128).

Die fesselnd geschriebenen Aufsätze, zu denen man mit
Gewinn das umfassende Werk des Verfs., „Die jüdische Mystik
in ihren Hauptströmungen", 1957, heranziehen wird, werden
durch Anmerkungen (S. 263-292) und ein Register (297-303)
ergänzt. In seinem Nachwort spricht Verf. die Hoffnung aus,
„eine weitere Folge dieser Untersuchungen, die . . . fundamen-
tale Einzelfragen der kabbalistischen Symbolik betreffen", in
absehbarer Zeit vorlegen zu können. Nach dem hier meisterhaft

Gebotenen kann man/ nur wünschen, daß sich dieser Plan recht
bald verwirklichen läßt.

Jena Rudolf Meyer

Neu frier, Jacob: A Life of Rabban Yohanan ben Zakkai. Ca. 1—80
C. E. Leiden: Brill 1962. X, 200 S. gr. 8U — Studia Post-Bibliea,
ed. P. A. H. De Boer, VI. Lw. hfl. 30.-.

Die Arbeit ist in mancher Hinsicht ein Gegenstück zu dem
in ThLZ 88 (1963) 38-40 angezeigten, im gleichen Verlag er-
schienenen Werk von M. Hengel, Die Zeloten. Sie umfaßt weit-
hin den gleichen Zeitraum wie dieses; Neusner setzt ein mit
Hillel und führt seine Darlegungen bis zu Gamaliel II. fort.
Beide Bücher befassen sich jeweils mit einer der für das l.Jhdt.
n. Chr. entscheidenden Bewegungen des palästinischen Juden-
tums. Allerdings ist der Zelotismus von dem Pharisäismus,
den Jochanan vertritt, erheblich verschieden. Jochanan lehnt den
Kampf gegen Rom ab; er verläßt Jerusalem nach N. im Frühling
68 n. Chr. und begrüßt Vespasian, wie die Überlieferung sagt,
als künftigen Sieger (unter Berufung auf Jes. 10, 34) und Im-
perator [105—121] (die Parallele zu Josephus ist auffallend).
Übrigens schließt seine loyale Haltung gegenüber Rom nicht
aus, daß sein letztes Wort eines der messianischen Hoffnung
ist [174]. -

So ergänzen sich die Arbeiten Hengeis und N.s in bedeut-
samer Weise. Die N.s ist biographisch angelegt, von der Lehr-
zeit Jochanans in Jerusalem über die Jahre in Galiläa (diese lie-
gen zwischen 20—40 n.Chr. [27]) bis zu dem knappen Jahr-
zehnt in Jabne (Kap. IX spricht von den Nachwirkungen Jocha-
nans); aber die Geschichte Jochanans wird, wie angedeutet,
hineingestellt in die des palästinischen Judentums des 1. Jhdt.s
überhaupt. Dabei werden die politischen, wirtschaftlichen und
sozialen Gegebenheiten immer wieder — nicht nur in dem ihnen
ausdrücklich gewidmeten Kap. I — angezogen und für das Ver-
ständnis der religiösen fruchtbar gemacht.

Neben der Lehrtätigkeit Jochanans in Jerusalem (Kap.
III—V) gewinnt die in Jabne (Jamnia) besondere Bedeutung
(Kap. VII. VIII). Diese liegt in der Neugestaltung der jüdischen
Frömmigkeit unter den durch die Situation nach 70, insbeson-
dere durch die Zerstörung des Tempels, bedingten Verhältnis-
sen. In den Weisungen Jochanans tritt nach N. nunmehr das
Ethische — als Erfüllung des Willens Gottes, der in der Tora
gegeben ist — stärker in den Vordergrund. Erst mit der Bildung
des Synedriums von Jabne, das in bestimmtem Sinn das von
Jerusalem seiner Geltung nach ablöst, gewinnt der Pharisäismus
im eigentlichen Sinn maßgeblichen Einfluß auf die Frömmigkeit
des Judentums; nach N. erfolgt übrigens beides mit römischem
Einverständnis. Als Gründer des Synedriums von Jabne und zu-
gleich als der des offiziellen Rabbinats tritt Jochanan hervor
[167 f.].

Jesus von Nazareth ist in N.s Buch, das die Zeit Jochanans so
eingehend darstellt, nur beiläufig erwähnt, und auch die Judenchristen
werden nur gelegentlich genannt; die Essener bzw. die Qumransdirif-
ten werden wenig häufiger angezogen, und von den Zeloten ist haupt-
sächlich im Zusammenhang des Jüdischen Krieges die Rede; eine größere
Rolle spielt in der vita Jochanans dessen Auseinandersetzung mit der
sadduzäischen Priesterschaft (besonders in Kap. III). So kann man den
Eindruck gewinnen, daß Jochanan (und im Grunde der Pharisäismus
überhaupt) mit den zuerst genannten Gruppen kaum in Berührung
gekommen ist. Das mag im ganzen durch die Abhängigkeit von den
rabbinischen Quellen bedingt sein, die von diesen Gruppen kaum
sprechen.

Es ergibt sich von selbst, daß N. die rabbinischen Texte
eingehend behandelt, die mit dem Namen Jochanans verbunden
sind. Sie werden in Übersetzung angeführt und traditionskritisch
verarbeitet. Dadurch, daß N. 6ie in den Ablauf der vita Jocha-
nans einordnet, erhalten die Aussagen Jochanans ihr besonderes
Kolorit und gewinnt andererseits seine Biographie konkrete
Züge. Hinsichtlich der Methode der Schriftauslegung [82—97]
wird der Ort Jochanans zwischen Hillel und Aqiba aufgezeigt.

Die Arbeit ist allgemein durch eine lebendige Darstellungs-
weise gekennzeichnet; sie beleuchtet das Judentum des 1. Jhdt.s
in vielerlei Hinsicht neu und gibt besonders ein anschauliches
Bild von dem Pharisäismus gerade der Zeit von 40—80 n. Chr.
(im Linterschied zu dem etwa des 2. und 3. Jhdt.s), zumal auch
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